„And the wolf will dwell with the lamb…“ Jeff McMahan zur Tierethik und ich zur Berufsethik

Die seit Jonathan Safran Foers Vegetarismus-Streitschrift „Eating Animals“ („Tiere Essen“, wir berichteten) angeschwollene Tierethik-Debatte, wird nun auch in dem mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Philosophie-Blog der New York Times von Jeff McMahan aufgegriffen. Allerdings steht hier nicht der menschliche Konsum von Fleisch —  den ethisch zu verteidigen sowieso hoffnungslos scheint —  im Mittelpunkt, sondern die moralische Signifikanz des alltäglichen Mordens zwischen Fuchs und Gans, Löwe und Lamm. McMahan spekuliert hier munter über das moralische Für und Wider, fleischfressende Spezien genetisch zu Pflanzenfressern umzuschulen oder sie gleich ganz an der Fortpflanzung zu hindern, so dass sie langsam aussterben und ihr mörderisches Handwerk nicht mehr verrichten können. Das solche Interventionen ins Tierreich bei unserem heutigen Verständnis komplexer Ökosysteme nicht besonders ratsam scheinen (ein Argument das man aus einer anderen Interventionsdebatten als „epistemischen Pazifismus“ kennt), ist McMahan zu Folge kein Argument gegen seine These, dass die Reduktion von tierischem Leid ein valider moralischer Grund für solchen Interventionen ist:

„Here, then, is where matters stand thus far.  It would be good to prevent the vast suffering and countless violent deaths caused by predation.  There is therefore one reason to think that it would be instrumentally good if  predatory animal species were to become extinct and be replaced by new herbivorous species, provided that this could occur without ecological upheaval involving more harm than would be prevented by the end of predation.  The claim that existing animal species are sacred or irreplaceable is subverted by the moral irrelevance of the criteria for individuating animal species.  I am therefore inclined to embrace the heretical conclusion that we have reason to desire the extinction of all carnivorous species, and I await the usual fate of heretics when this article is opened to comment.“

McMahan hatte mit seiner Einschätzung der zu erwartenden Kommentare Recht, die NYT-Leser waren, um es milde auszudrücken, nicht vollkommen überzeugt. Mir geht es ähnlich, wobei mein Haupteinwand ein politischer und kein philosophischer ist: Philosophische Einlassungen wie diese sind dazu geeignet, wichtige Anliegen wie das der Tierethik, in der öffentlichen Wahrnehmung unmöglich zu machen. Sie transformieren eine plausibele moralische Forderung (weniger Fleisch zu essen) zu einer weltfremden Spinnerei, die nur ein paar Zausel aus dem philosophischen Institut oder der Esoterik-Ecke bei Hugendubel ernsthaft vertreten können.

Kurz gesagt, Artikel wie dieser erscheinen einer breiteren Öffentlichkeit als  reductio ad absurdum der Position, für die sie eigentlich werben wollen. Philosophen, so meine These, sollten bei Gelegenheit anfangen, ihre Verantwortung für solche Effekte ernst zu nehmen (oder Peter Singer fragen, was passiert, wenn man es nicht tut.).  Aber das ist eine substanzielle berufsethische Frage, die wann anders geklärt werden muss…

6 Kommentare zu “„And the wolf will dwell with the lamb…“ Jeff McMahan zur Tierethik und ich zur Berufsethik

  1. So wie ich McMahans Antworten auf die Kommentare entnehme (und wie ich seine Argumentationsweise bisher kennengelernt habe) betreibt er eben nicht „weltfremde Spinnerei“, oder? Die Frage ist natürlich, ob die von dir/Ihnen unterstellten negativen Folgen bleiben, wenn es wie weltfremde Spinnerei wirkt, aber er baut schon immer sehr vorsichtig vor, um pragmatische Gedanken und den „gesunden Menschenverstand“ zu bedienen.
    In noch umgangssprachlicheren Worten: Ab einem gewissen Punkt gibt er einfach zu, dass es „jetzt unrealistisch wird“, aber halt „wie folgt aussieht, wenn man seine Überzeugungen mal in aller Konsequenz weiterdenkt“. Oder verhält es sich hier anders und ich bügle dass nur, da ich diese Methode aus anderen Essays von ihm kenne, so hin?

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