Das Schicksal der deutschen Geistesgeschichte – Interview mit Dina Gusejnova und Richard Bourke (Teil II)

[Fortsetzung von Teil I]

 

Jonas Knatz (JK) & Anne Schult (AS): Ab den 1930er Jahren führten Deportationen und Zwangsmigrationen zu einem raschen Niedergang der Geistesgeschichte und ihrer Methoden innerhalb der deutschen Wissenschaft. Teile dieser intellektuellen Tradition fanden jedoch schnell eine neue Heimat im Ausland, insbesondere in den USA. Einige von Meineckes Schülern, wie beispielsweise Felix Gilbert, aber auch andere Gelehrte wie Werner Jaeger, Erwin Panofsky und George Mosse waren entscheidend für die Etablierung der amerikanischen history of ideas. In diesem Sinne ist die Geschichte der Geistesgeschichte keine rein deutsche, sondern eben eine transatlantische. Inwieweit sind die amerikanische history of ideas und ihre Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf eine spezifische deutschen Tradition zurückzuführen?

Richard Bourke (RB): Der Einfluss deutscher Traditionen auf die Geschichtswissenschaft in den USA ist enorm. Das hat zum Teil mit Meineckes Schülern zu tun, ergab sich aber auch aus der Bedeutung der deutschen Wissenschaft insgesamt. Sie führen die Beispiele von Gilbert, Panofsky und Mosse an. Man könnte auch Lovejoy, Hughes, Schorske, Krieger, Gay, Iggers, Jay und Toews erwähnen. Die Frage ist, inwieweit diese Tradition durch eine Reihe von intellektuellen „Wendungen“ vorangetrieben wurde, ob linguistisch, postmodern oder postkolonial.

Hayden White, Lynn Hunt und Dominic La Capra praktizierten die Ideengeschichte unter dem Einfluss verschiedener Strömungen des französischen Geisteslebens. Seit den 1970er Jahren war der Einfluss von Michel Foucault beträchtlich, ebenso wie, ganz allgemein, la pensée soixante-huit. Heidegger (und, in geringerem Maße, Marcuse und Adorno) hatten hier einen wesentlichen Einfluss. Trotz der bleibenden Autorität von Alexandre Kojève und Jean Hippolyte wandte sich die jüngere Generation in Frankreich heftig gegen Hegel, man warf ihm teleologisches Denken vor und brachte ihn einerseits mit der totalitären Politik der 1930er Jahre, andererseits mit bestimmten lokalen Denkrichtungen des Marxismus, die in der Kommunistischen Partei Frankreichs gipfelten, in Verbindung.

Altérité, différance und micropolitique wurden dabei gegen den Anspruch auf „Totalität“ ausgespielt. Nachdem man Rationalität mit „Gewalt“ gleichgesetzt hatte – womit in der Regel zwanghafte Formen des abendländischen Universalismus gemeint waren – geriet der gesamte Westen als Kulturphänomen unter Verdacht. Zu diesem Ideengemisch kamen dann noch die Debatten über Geschlecht und Rasse in den USA hinzu, auf dem Universitätscampus trat die Identitätspolitik immer stärker in den Vordergrund. Man verurteilte etablierte Denkkanons, denen man die Beteilung an Formen politischer Unterdrückung vorwarf. Vor dem Hintergrund dieser Einstellungen stieß die intellectual history in Amerika auf Vorbehalte, die mit ihren Wurzeln in der deutschen Geistesgeschichte in Verbindung gebracht wurden. Selbst ihre selbstproklamierten weltbürgerlichen Absichten fielen dieser Hermeneutik des Verdachts zum Opfer: man sah sie als bloße Tarnung eines Strebens nach Hegemonie.

In der von dem Erbe der Sklaverei mitgeprägten amerikanischen Einwanderungsgesellschaft wurde der „Exklusivitätseffekt“ von mit dem westlichen Kanon verbundenen herrschenden Normen zunehmend zum Mittelpunkt der Kritik. Die „Geschichte von unten“, die immer beliebter wurde, verdrängte dabei die Geschichte der Philosophie, die man als elitär brandmarkte. Ironischerweise wurden diese amorphen Anklagen unter Einbezug eines alternativen (nicht weniger kanonischen) Korpus von Schriften lanciert. Neben Heidegger bediente man sich dabei auch der Werke von Nietzsche und Freud als Arsenal, und auch Marx behielt im Prozess dieser Anklage zumindest einen symbolischen Wert.

Insgesamt kann man dabei sagen, dass hier eine philosophische Tradition, die sich kritisch gegen das Luthertum wandte, zum Werkzeug zu einer umfassenden Kritik des Westens an US-amerikanischen Universitäten wurde. Deutsche Denktraditionen wurden in diesem Versuch, wiederum deutsche Ideen bei ihren Gegnern zu entlarven, instrumentalisiert. Insofern es also ein deutsches Vermächtnis war, das die amerikanische intellectual history im Wesentlichen prägte, so wurde es auf subtile Weise jetzt zum Gehilfen deren Niedergangs.

Dina Gusejnova (DG): Ich möchte hier gerne an zwei Punkte anknüpfen – den transatlantischen Aspekt und die Frage nach einem „deutschen Ansatz“. In der Besprechung unseres Films hat Emily Levine darauf hingewiesen, dass man beim Thema der transatlantischen Einflüsse beide Transferrichtungen bedenken sollte. In der Tat gab es auch viele Fälle von umgekehrter Beeinflussung, die in unserem Film nicht angesprochen werden. Um diesen Gedankengang fortzusetzen, müssten wir genauer auf die Arten und Wege eingehen, mit denen Ideen und geistige Traditionen den Atlantik überquerten. Im Film konzentrieren wir uns ja nur auf die Praxis der Ideengeschichte. Die von einigen Historikern ausgearbeitete Idee einer in Amerika entwickelten deutschen Tradition wurde später an ein neues und multidisziplinäres Publikum vermittelt und von diesem neu rezipiert. Ich denke hier insbesondere an Martin Jays Gruppenporträt der Frankfurter Schule, The Dialectical Imagination, aber man müsste an dieser Stelle auch Raymond Geuss’ The Idea of a Critical Theory nennen. Für Geuss ist wiederum neben der Kritischen Theorie, die ihn im Deutschland der 1960er Jahre beeindruckte, auch der intellektuelle Einfluss des Wiener Denkers und Exilanten Paul Feyerabend in Princeton und dessen Werk Against Method aus den 1970er Jahren ein wichtiger Einfluss.

Was den deutsch-amerikanischen Transfer in der Ideengeschichte angeht, verdient der Fall von Max Webers Einfluss auf W.E.B. Du Bois meiner Ansicht nach eine besondere Aufmerksamkeit. Ihre jeweiligen Biographen sind sich dessen natürlich bewusst, aber es gibt hier einen viel bedeutenderen Rezeptionsstrang, der noch erarbeitet werden müsste. Du Bois wird oft nur als Rassismusforscher eingeordnet, obwohl er, im Sinne der deutschen Geistesgeschichte, viel breiter dachte und forschte.

Ein weiterer Aspekt ist das institutionelle Erbe deutscher und österreichischer Intellektueller, vor allem am Princeton Institute for Advanced Study. Wolf Lepenies erzählt von dem tiefgreifenden Einfluss seiner intellektuellen Begegnungen in Princeton auf sein eigenes Werk und Denken. Während sein Buch Melancholie und Gesellschaft in Deutschland nach wie vor sehr populär ist, liegt sein Einfluss auf die Geschichtswissenschaft und ihre internationalen und interdisziplinären Verknüpfungen weniger an der Popularität dieses Buches als vielmehr an seiner Tätigkeit als Mitbegründer des Wissenschaftskollegs.

Was den Einfluss des deutschen Denkens allgemein – und nicht nur der deutschen Geistesgeschichte – auf die US-amerikanische akademische Kultur betrifft, so würde ich hier Robert Pippins Kommentar aufgreifen, der auf die Präsenz von Philosophen wie Jürgen Habermas oder Hans Blumenberg im deutschen und in gewissem Maße auch im internationalen Geistesleben hinwies. Hier wären die seltsamen Zeitverschiebungen ihrer Rezeption im anglophonen Kontext zu erwähnen, die zum Teil mit der Geschichte der Publikation ihrer Übersetzungen zu tun hatten. Frankreich ist bei der Geschichte dieses Transfers besonders wichtig – ich meine hier die französische Rezeption von Heidegger und Hegel, die auch Pippin beeinflusste. Was die Frage nach einem spezifisch „deutschen“ Ansatz angeht, der im Wesentlichen über die Jahrzehnte hinweg erkennbar bliebe – da bin ich gar nicht so sicher. Eher würde ich sagen, dass es früher in der deutschen Geschichtswissenschaft eine intellektuelle Vielfalt gab, die mittlerweile viel seltener vorzufinden ist.

 

JK & AS: Wie Eva Marlene Hausteiner im Film aufzeigt, tauchte die Geistesgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg als Teilgebiet in den neu gegründeten politikwissenschaftlichen Fakultäten der deutschen Universitäten wieder auf, wo sie eng mit den Demokratisierungsprozessen der Nachkriegszeit verknüpft war. Gleichzeitig findet sich der grundlegende methodologische Ansatz der Geistesgeschichte auch in den konservativen Geschichtsfachbereichen, wo er von einer Handvoll einflussreicher Wissenschaftler wie Reinhart Koselleck und Hans Blumenberg gelehrt und geprägt wurde. Wie würden Sie die vielfältigen Formen der Geistesgeschichte nach 1945 charakterisieren?

RB: Der Film konzentriert sich weitgehend auf Entwicklungen innerhalb der Geschichtswissenschaft. Das Interview mit Hausteiner zeigt jedoch, dass ein breiterer Blickwinkel durchaus fruchtbar wäre. Zu diesem erweiterten Blickwinkel würde auch die Darstellung von Denkansätzen gehören, die sich in der Philosophie, in den Rechtswissenschaften und der politischen Theorie entwickelt haben. Hans Blumenberg, den Sie erwähnen, war ein einzigartiger Intellektueller. Als Vorgänger sind wahrscheinlich Ernst Cassirer und Karl Löwith zu nennen – Philosophen, die sich in ähnlicher Weise für die historische Lage der Moderne interessierten und dieses aus dem Blickwinkel langfristiger philosophischer Entwicklungen analysierten – etwa Blumenbergs Analyse von Nikolaus von Kues und Thomas Mann. Blumenbergs Denken wies damals einige Ähnlichkeiten zu Odo Marquard auf. Heute fällt es schwer, entsprechende Vertreter oder Vertreterinnen dieses Denkstiles zu finden.

Auch in der Rechtsgeschichte gibt es interessante Entwicklungslinien. Carl Schmitt wird heute natürlich weit rezipiert, aber auch andere Traditionen haben einen wichtigen Beitrag zur Rechtsgeschichte geleistet, vor allem bei der Erforschung der Grundlagen der deutschen Nachkriegsdemokratie. Ernst-Wolfgang Böckenförde, Michael Stolleis und Dieter Grimm haben wichtige Beiträge zur Geschichte des juristischen Denkens geleistet, wobei Böckenförde und Grimm zusätzlich auch als bedeutende politische Denker hervortraten.

Es ist ebenso wichtig, hier den Beitrag der historisch-politischen Philosophie in Deutschland zu erwähnen. Joachim Ritter und die sogenannte Ritter-Schule sind ein gutes Beispiel für die Verbindung aus normativer Forschung und der Geschichte des politischen Denkens. Unter dem Einfluss von Max Weber versuchte Wilhelm Hennis in ähnlicher Weise, die Politische Theorie als eine Form der in der historischen Erfahrung verwurzelten praktischen Reflexion voranzutreiben. Manfred Riedel, Axel Honneth und Jürgen Habermas haben in unterschiedlicher Weise das Erbe Hegels aufgearbeitet und die Geschichte des politischen Denkens als Mittel der Politischen Philosophie herangezogen.

Alle diese Denker ragen als bedeutende Figuren in der Geistesgeschichte des modernen Deutschlands heraus. Wir wollten keine Gesamtüberblick über die Ideengeschichte, sondern Ziel war, das Schicksal der Disziplin der Geistesgeschichte zu erkunden. Diese Disziplin hat sich in der Tat auf interessante Weise auch außerhalb der Geschichtsfächer erhalten. Bei unserer Fragestellung ging es darum, wie dieser Prozess in der Historikerzunft verlief, wo die reiche Tradition der philosophischen Erkenntnis der Geschichte weitestgehend abgelehnt wurde.

DG: Ich möchte die Fragestellung hier etwas korrigieren. Wenn Eva Marlene Hausteiner über Dolf Sternberger und die institutionelle Gründung der Demokratietheorie in Deutschland spricht, dann hat sie eher die Ideengeschichte als die Geistesgeschichte im Sinn. Außerdem steht außer Frage, dass es in der Nachkriegszeit sehr einflussreiche Intellektuelle in der deutschen Öffentlichkeit gegeben hat, deren Einfluss allerdings nicht aus der Wissenschaft heraus stammte sondern gerade mit ihrer Distanz zum universitären Establishment zu tun hatte. Hans Blumenberg ist das beste Beispiel dafür. Was Dolf Sternberger, Blumenberg und sogar Koselleck (der trotz seiner Stellung in Bielefeld institutionell weniger einflussreich blieb als Wehler) gemeinsam haben, war ihre intensive Beschäftigung mit Sprache und der Art und Weise, wie Sprache durch Metaphern, Vokabular und ihrer Verankerung in verschiedenen Machtstrukturen das soziale Leben beeinflusst. Interessanterweise waren alle drei unzufrieden mit der institutionellen Landschaft in Deutschland nach 1945, fanden aber letztlich dennoch keine Alternative dazu.

Mein Eindruck ist, dass es in Deutschland nach 1945 drei Bereiche gibt, in denen man von einer Kontinuität der Geschichte der Geistes- und Ideengeschichte sprechen kann. Erstens handelt es sich um die biographische Forschung, Intellektuellenbiographien und insbesondere die Biographien von Intellektuellengemeinschaften, sei es der George-Kreis, der Weber-Kreis, wie in der Arbeit von Gangolf Hübinger, Einzelporträts von bestimmten Denkern wie Weber oder Meinecke, aber auch Ansätze, die Mentalität von Arbeitermilieus zu verstehen. Die Übergänge von der Milieustudie zur Biographie im Laufe der Zeit sind z.B. bei Gisela Bock besonders gut sichtbar. Zweitens würde ich den Bereich der Rechts-, Verfassungs- und Kulturgeschichte nennen, vor allem Forschungen zur rechtlichen und symbolischen Praxis von Wilhelm Hennis, Dieter Grimm und Barbara Stollberg-Rilinger. Drittens sticht das Feld der Problemgeschichte heraus, das aus der mittelalterlichen Geschichtswissenschaft hervorgegangen ist und insbesondere von dem Werk Otto Gerhard Oexles und der von ihm beeinflussten Schule der reflexiven Geschichtsforschung geprägt ist. Mein ehemaliger Kollege an der University of Sheffield, Martial Staub, der auch Redaktionsmitglied der Zeitschrift für Ideengeschichte ist, erinnert mich immer wieder an die Bedeutung von Oexle für eine Vielzahl von Forschungsgebieten und beklagt seine relative Unsichtbarkeit außerhalb der deutschen Wissenschaft.

Die Politikwissenschaft haben wir schon angesprochen, aber auch in Der Germanistik und der Kulturgeschichte gibt es Einflüsse, ich denke hier an Karl-Heinz Bohrer, Helmut Lethen oder Jan und Aleida Assmann. Die Beschäftigung mit der Geistesgeschichte bleibt allerdings zersplittert, sie ist in unterschiedlichen institutionellen und disziplinären Bereichen angesiedelt, die untereinander oft wenig Kontakt haben. Allerdings gibt es durchaus Bestrebungen, die deutschen geistesgeschichtlichen Errungenschaften des letzten Jahrzehnts zu konsolidieren, wie zum Beispiel in dem von Friedrich Wilhelm Graf, Edith Hanke und Barbara Picht herausgegebenen Sammelband Geschichte intellektuell (2015).

 

JK & AS: Die Zeitschrift für Ideengeschichte (ZIG) wurde 2007 gegründet und ist in vielerlei Hinsicht ein Produkt eben jener Geschichte, die Sie in Ihrem Film erzählen. In der Tat beschreiben die Herausgeber und Herausgeberinnen im Editorial der ersten Ausgabe unter dem Titel „Einen Anfang machen“ das Projekt als „selbstbewußt genealogisch“, indem sie sich auf die Tradition des Meinecke-Kreises berufen, aber auch explizit auf das amerikanische Journal of the History of Ideas verweisen, in dem emigrierten deutschen Historiker wie Ernst Cassirer, Paul Oskar Kristeller und andere eine neue intellektuelle Gemeinschaft fanden. Zugleich wollen die Herausgeber und Herausgeberinnen die Ideengeschichte als eine umfassende Methodik, die über disziplinäre Grenzen hinausreicht, in der deutschen Wissenschaft re-etablieren: „In der Mitte des Dorfes der Geisteswissenschaften“, so heißt es im Editorial von 2007, „liegt gleich einer Allmende das grüne Wäldchen der Ideengeschichte, von dem auf seine Weise jeder seiner Anrainer lebt, für das sich aber niemand unter ihnen zuständig fühlt. Alle historisch denkenden und argumentierenden Geisteswissenschaften nutzen das Gedächtnis der Ideengeschichte und leben vom Formwandel und von der Überlieferung, vom Streit und von der Korruption der Ideen. Aber keine von ihnen fühlt sich bemüßigt, das Wäldchen in der Mitte des Dorfes zu pflegen. Nach dem Wunsch des Arbeitskreises, der die Redaktion unserer Zeitschrift bildet, soll das in Zukunft anders werden.“ Wo steht die deutsche Geistesgeschichte heute, und wie (oder wo) sehen Sie ihre Zukunft?

DG: Den letzten Teil der Frage interpretiere ich in erster Linie mit Hinweis auf die Forschung über Deutschland und inDeutschland, wobei diese aber nicht unbedingt in den Geschichtsfakultäten institutionalisiert ist. Mein Eindruck ist generell, dass in der jüngeren Forschung die Ideen- und Kulturgeschichte der Bundesrepublik immer wichtiger wird und dass hier momentan das größte Interesse sowohl in der Geistes- als auch in der Ideengeschichte liegt. Es gibt auch interessante Forschungen an der Schnittstelle zwischen Kultur- und Diplomatiegeschichte des Kalten Krieges.

Auch in Deutschland ist die neuere Art von Geistesgeschichte kosmopolitischer orientiert. Man könnte sagen, dass die deutsche Geistesgeschichte nach einer Sonderweg-Periode im Hegelschen Sinne aufgehoben wurde – wenn auch nicht in seinem Sinne… Eva Marlene Hausteiner beispielsweise beschäftigt sich unter anderem mit dem britischen Großraumdenken und der Geschichte des Föderalismus in vergleichender Perspektive. Die Liste lässt sich fortsetzen mit Arbeiten zur Wissenschaftsgeschichte an verschiedenen Max-Planck-Instituten und neuerdings auch mit Gemeinschaftsarbeiten zur Ideologiegeschichte an der Berliner FU. Trotzdem finde ich bemerkenswert, dass in dem von Barbara Stollberg-Rilinger für die Edition „Basistexte“ herausgegeben Band zur Ideengeschichte (2010) nur zwei von acht Texten von deutschen Autoren stammen, nämlich Koselleck und Luhmann.

Es gibt in der Wissenschaft einen Bereich, in dem ich doch von einer deutschen Besonderheit sprechen würde, die sich in der Zeit nach 1945 übrigens nur verstärkt hat – und das ist die deutsche Tradition der historisch-kritischen Editionen. Im Film vermittelt uns Edith Hanke etwas vom Geist dieser Art von Bestrebungen. Sie hat einen großen Teil ihrer wissenschaftlichen Karriere der Koordination der Mammut-Edition von Max Webers Nachlass gewidmet. Diese ganze Tradition der historisch-kritischen Ausgaben läuft in gewisser Weise parallel zur Forschungsarbeit an akademischen und öffentlich-privaten Instituten und existiert in dieser Form meines Wissens nach sonst nirgendwo. Solche Editionsprojekte, und man könnte hier auch andere Gesamtausgaben nennen wie Nietzsche, Hegel und Troeltsch – bemühen sich um ein umfassendes, kontextualisierendes Verständnis vergangener Denker. Hier sieht man sicherlich den Einfluss der philologischen Sorgfalt, die Suzanne Marchand im Film auf die Theologie zurückführt.

Was die institutionellen Rahmenbedingungen für diese Art von Arbeit betrifft, so ist aber festzustellen, dass nur ein Bruchteil davon innerhalb von Geschichtsfakultäten oder dem, was heute als forschungsgeleitete Lehre bezeichnet wird (das sogenannte Humboldt-Modell), durchgeführt wird. Die Forschung zur Ideengeschichte hat dagegen oft an privaten oder reinen Forschungsinstitutionen wie dem Einstein Forum, dem Hamburger Institut für Sozialforschung und auch in Zeitschriften wie der ZIG ihren Platz. Einer der Gründungsherausgeber der Zeitschrift, Warren Breckman, widersetzt sich dem Eindruck des Niedergangs dieser Fachrichtung. In der Diskussion zum Film beschrieb er die ZIG als „selbstbewussten Versuch, die Tradition der Geistesgeschichte in Deutschland wiederzubeleben.“ natürlich ist die Zeitschrift ein großer Erfolg, aber sie ist in gewisser Weise überakademisch orientiert. Der Chefredakteur der Zeitschrift, Stephan Schlak, hat eine Biographie von Wilhelm Hennis veröffentlicht, dessen intellektuelle Präsenz in Westdeutschland in der englischsprachigen Forschung weitgehend unterschätzt wird. All dies deutet sicherlich auf ein lebhaftes Interesse an der Geistesgeschichte hin, aber eben eines, das am wenigsten an den Geschichtsfakultäten vorzufinden ist und oft außerhalb der Universität zu verorten ist. Mir fällt auch auf, dass Bereiche wie die Geistes- und Ideengeschichte der DDR, die Rezeption des deutschen Denkens in nicht-westlichen Ländern usw. stark unterbeleuchtet bleiben. Unser Film spiegelt diese Lücken leider eher wider, als dass er sie füllen könnte. Es gibt jedenfalls noch viel zu tun.

 

Richard Bourke ist Professor of the History of Political Thought an der University of Cambridge. Er hat zahlreiche Publikationen zur Geistesgeschichte der Aufklärung und der Post-Aufklärung sowie zur politischen Theorie veröffentlicht.

Dina Gusejnova ist Assistant Professor in Modern European History an der LSE. Sie hat über deutsche Geistesgeschichte und politisches Denken in europäischen und globalen Kontexten veröffentlicht.

Jonas Knatz ist Doktorand am History Department der New York University. Er arbeitet momentan an einer Dissertation über die Geistesgeschichte der Automation in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

Anne Schult ist Doktorandin am History Department der New York University. Ihr aktueller Forschungsschwerpunkt ist die Schnittstelle von Migration, Recht, und Demographie im Europa des 20. Jahrhunderts.

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