CfA: „Negative Anthropologie. Ideengeschichte und Systematik einer unausgeschöpften Denkfigur“

Lange Zeit stand der Ausdruck „Negative Anthropologie“ für den Titel von Ulrich Sonnemanns gleichnamigem Buch, das, 1969 erschienen, der Kritischen Theorie zugeordnet wird, ohne es in deren kanonisches Zentrum geschafft zu haben. Sonnemanns vom Zeitgeist der 68er beschwingte Kritik galt jeglicher Anthropologie und zielte, das berühmte Veto Adornos mit Gehlen als konkretem Gegner vor Augen programmatisch ausbuchstabierend, auf eine Negation von Anthropologie überhaupt. Ironischerweise hat der Begriff seine maßgebliche Prägung also durch ein irreführend betiteltes Buch erhalten, das auch eine Negative Anthropologie verwirft, da eine solche noch immer eine Anthropologie zu sein hätte. Sonnemanns Modell möchten wir in diesem Sammelband, der im Januar 2020 bei de Gruyter in der Reihe „Philosophische Anthropologie“ erscheinen soll, alternative Konzeptionen Negativer Anthropologie gegenüberstellen, und zwar unter systematischen und historischen Gesichtspunkten:

(1) Systematisch:

Systematisch soll das Konzept der Negativen Anthropologie als Anthropologie validiert werden. Wir möchten suchen explizite Konzeptionen, die von anthropologischen Konstitutionsstrukturen oder Denkfiguren in einer negativitätstheoretischen Weise getragen werden – die also fundamental dadurch charakterisiert sind, dass sie „die Festlegung des Menschen auf ein qualifizierbares, fixes Wesen“ nicht bestreiten oder bloß proklamativ, sondern systematisch unterlaufen. Zwei vorausgesetzte Minimalkriterien Negativer Anthropologie lauten insofern: Eine Negative Anthropologie muss Wesentliches über den Menschen ohne umfassende Wesensbestimmung aussagen können. Und: Der Begriff des Menschen kann sich nicht in seiner abschließenden Undefinierbarkeit erschöpfen, sondern diese nicht-abschließende Bestimmbarkeit des Menschen, die als solche gerade ernst zu nehmen ist, muss theoretisch in einer strukturellen Negativität in der Bestimmung des Menschseins wurzeln. Damit zielen wir auf eine Abgrenzung von einer postulierten Negativität oder Dynamik, die keiner Überprüfung standhält und das oben genannte Kriterium unterbietet (die Schwelle zu einer Anthropologie also gar nicht überschreitet) oder überbietet (eine schlicht positive Anthropologie enthält oder darstellt). Von diesen Minimalkriterien her sollen verschiedene Varianten Negativer Anthropologien in der systematisch orientierten Auseinandersetzung mit konkreten philosophischen Entwürfen erfolgen.

(2) Ideengeschichtlich:

Historisch sollen Ansätze zu einer Genealogie Negativer Anthropologie versucht werden. Diese kann sehr wohl bis in den deutschen Idealismus und namentlich Hegel zurückreichen, der ideengeschichtliche Schwerpunkt fällt jedoch ins frühe 20. Jahrhundert. Bereits innerhalb der philosophischen Anthropologie im engeren Sinne lassen sich die Grundlagen einer Negativen Anthropologie sowohl bei Max Scheler als auch bei Helmuth Plessner aufweisen. Als anthropologiekritische Tradition hat sich wenige Jahre nach dem Erscheinen der Hauptwerke Schelers und Plessners die Kritische Theorie formiert. Doch gerade Adorno wird sein Veto gegen eine jegliche Anthropologie in jüngster Zeit immer weniger abgenommen, befeuert dadurch, dass mit Ulrich Sonnemann ein der Frankfurter Schule nahestehender Autor diesem Begriff durch sein gleichnamiges Hauptwerk zur Prominenz verholfen hat. Historisch parallel zu und unabhängig von der Kritischen Theorie haben im 20. Jahrhundert Konzeptionen negativer Anthropologie Gestalt angenommen, die in der Tradition phänomenologischer bzw. existenzialistischer Anthropologiekritik stehen, etwa bei Hannah Arendt, Günter Anders, Hans Blumenberg und anderen. Diese alternativen Genealogien zur Kritischen Theorie als auch die sich ergebenden Konvergenzeffekte sollen im Schwerpunkt zur Sprache kommen.

Einreichungen

Erbeten werden Abstracts zu Themen im Bereich Systematik oder Ideengeschichte im Umfang von einer Seite. Während der Schwerpunkt in der Philosophie liegt, sind Beiträge aus der Theologie ausdrücklich willkommen. Bitte senden Sie Ihren Vorschlag bis zum 15. April 2019 an einen der Herausgeber: Hannes Bajohr (bajohr@zfl-berlin.org) oder Sebastian Edinger (sebastian_edinger@web.de).

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