The Nicest Radical in Town. Zur Aktualität John Deweys

Zum 100-jährigen Erscheinen von John Deweys „Demokratie und Erziehung“ (Teil 5)

John Dewey gehört zu den nice guys der politischen Philosophie. Auf den jüngeren Portraits, die von ihm existieren, mutet er an wie der nette Onkel aus dem Bilderbuch, der stets ein Bonbon für die lieben Kleinen in der Tasche hat. Und in seinen Texten dominiert ein moderater Stil, der frei von aufgeregter Rhetorik ist. Aufmerksamkeit heischende Polemik und ein scheinradikaler Gestus lagen Dewey merklich fern. Seine Philosophie lebt vom Geist des Pragmatismus und Meliorismus, sie transportiert die Überzeugung, dass eine Verbesserung der Situation stets möglich ist. Von der Tragik, die politisches Handeln nicht selten an sich hat, erfährt man in seinen Texten nur wenig. All das kann darüber hinwegtäuschen, dass Dewey ein radikaler Denker war. Mit polemischer Übertreibung, aber nicht ohne Grund wetterte Hayek in seinem Weg zur Knechtschaft, Dewey sei „der führende Philosoph des amerikanischen Linksradikalismus“ (Hayek 1944/1982: Der Weg zur Knechtschaft, S. 46).

Politisch vertrat Dewey in seinen späteren Jahren in der Tat sozialistische Positionen. Er forderte beispielsweise die Verstaatlichung von Banken und Schlüsselindustrien. Eine Forderung, die gegenwärtig nur von den wenigsten öffentlichen Intellektuellen erhoben wird. Es liegt der Gedanke nahe, dass Dewey, lebte er heute, den Wahlkampf von Bernie Sanders wohl mit Zustimmung verfolgen würde. Gerade die Begeisterung für politisches Engagement, die Sanders Kandidatur nicht zuletzt bei jungen Menschen auslöst, hätte bestimmt sein Wohlwollen hervorgerufen. Fraglich ist, ob dies auch für alle politischen Rezepte von Bernie Sanders gilt. Die entstammen bekanntlich dem Kochbuch der alten Sozialdemokratie. Dewey, ein Leser Hegels und Darwins, war ein sozialer Demokrat und Sozialist. Er war aber auch ein Denker der geschichtlichen Evolution, der meinte, dass die gesellschaftliche Entwicklung unser begriffliches und theoretisches Vokabular schneller veralten lassen kann, als wir oftmals bemerken. Es wäre ihm deshalb befremdlich vorgekommen, für neue Probleme alte Konzepte in Stellung zu bringen. Neue historische Umstände erzeugen neue Probleme. Und die, so lautete Deweys Credo, verlangen nach neuen Lösungen. Oder anders: Habe Mut, dich von Vorstellungen zur befreien, die zur unreflektierten Gewohnheit geworden sind!

Man kann dies getrost ein Grundmotiv seines Denkens nennen. Für Dewey zählte es zu den Aufgaben der politischen Philosophie, die „Problems of Men“ (Dewey 1946: Problems of Men) mittels der Kritik historisch überlieferter, unreflektiert zur Tradition geronnener Begriffe und Theorien in Angriff zu nehmen. Wie fruchtbar diese Herangehensweise sein kann, hatte er mit seiner Kritik der Bewusstseinsphilosophie (Dewey 1929/1998: Die Suche nach Gewissheit) und in den 1930er Jahren anhand seiner Auseinandersetzung mit dem Liberalismus demonstriert (Dewey 1935: Liberalism and Social Action). Dewey zufolge war der alte Liberalismus mit seinem Glauben an das Naturrecht und an die unsichtbare Hand des Marktes den Problemen der Zeit nicht gewachsen, ja er stellte vielmehr selbst ein Problem dar. Ein neuer, liberaler Sozialismus müsse her, der den freiheitlichen Impuls mit intelligenten Methoden demokratischer Willensbildung und kollektiver Problemlösung verbinde. Bekanntlich hat sich langfristig der Hayeksche Gegenentwurf durchgesetzt, ein Neo-Liberalismus, der auf die alten Ideen zurückgriff, sie dogmatisierte und dadurch neue Probleme erzeugte. An der Zeit wäre, wollte man Deweys politischen Impuls in die Gegenwart übertragen, der Entwurf einer neuen sozialen Demokratie.

Dewey begriff seine Philosophie als einen Beitrag zur kollektiven Problemlösung. Dies aber nicht im Sinne eines expertokratischen Unterfangens, sondern als Explikation der Bedingungen, unter denen demokratische Bürgerinnen und Bürger die Probleme ihrer Zeit bewältigen können und sich dabei individuell wie kollektiv zu entwickeln vermögen. Die Verdinglichung von überkommenen Institutionen und sie rechtfertigender Begriffe und Theorien betrachtete er hierbei als das größte Hindernis.

Vielleicht ist die Herausforderung unserer Zeit derjenigen Deweys gar nicht so unähnlich. Wir sind mit neuen Problemen konfrontiert, nutzen aber oftmals Theorien und Begriffe, die einer gesellschaftlichen Wirklichkeit entstammen, die vergeht oder schon vergangen ist. Zugleich sind wir mit Institutionen konfrontiert, deren Zeit gekommen ist, die aber nicht von der Bühne der Geschichte abtreten wollen. Deshalb wäre es anlässlich des Jubiläums von Demokratie und Erziehung angebracht, Dewey als einen Klassiker zu lesen, dessen Antworten nicht allesamt für unsere Zeit gemacht sein mögen, dessen Problemstellung aber weiterhin aktuell und dringlich ist.

Näher an Deweys Geist sind aus diesem Grund vermutlich die Theorien, die neue gesellschaftliche Erfahrungen artikulieren und mit neuen Begriffen einfangen wollen, als Beiträge, die Dewey in bestehende Paradigmen und Ansätze einsortieren und auf diesem Wege versuchen, einen wohlklingen Namen für das eigene Vorhaben in Anschlag zu bringen. Wie immer man zu ihren Ergebnissen stehen mag, Bücher wie Simulative Demokratie. Neue Politik nach der postdemokratischen Wende (Blühdorn 2013) oder Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (Rosa 2016) bearbeiten mit ihrem Versuch der Artikulation neuer Erfahrungen und der Verabschiedung alter Vokabulare eher Deweys Problemstellung als die x-te Rekonstruktion von Deweys Texten, die nachweisen soll, dass Dewey ein Vertreter desjenigen Paradigmas gewesen ist, das einem selbst am Herzen liegt.

Wie die bisherigen Beiträge in der Artikelreihe gezeigt haben, kommt vielen Texten aus Deweys breitem Werk bleibendes Anregungspotential zu, nicht nur Demokratie und Erziehung. Aber in Anbetracht der gegenwärtigen Diskussion der Bedrohung der Demokratie und der skeptisch machenden Aussicht auf ihre Zukunft, kommt einer bestimmten Einsicht aus Deweys politischer Erziehungstheorie besondere Aktualität zu. Eine bemerkenswerte These Deweys lautet, dass gesellschaftlicher Wandel unvermeidlich ist. In unserer Hand liegt allerdings, ob er intelligent und kontrolliert oder aber naturwüchsig und ungesteuert erfolgt. Wenn nun gegenwärtig über den Wandel und die Zukunft der Demokratie diskutiert wird, dann sollte die alte, aber aktuelle Einsicht Deweys nicht vergessen werden: dass eine Gesellschaft vor allem mittels ihrer Erziehungspraxis auf ihre eigene Zukunft einwirkt. Politisch formuliert: Die politische Bildung von heute entscheidet über die Bürger von morgen.

 

Dr. Veith Selk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der TU Darmstadt. Er forscht derzeit u. a. über Populismus und Theorien der Politik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.