CfP: DVPW-Herbsttagung zu „Klassikern abseits des Mainstreams“

Vom 16. bis 18. September 2014 wird in Göttingen die Herbsttagung der DVPW stattfinden. Unter dem Leitthema „’Die Stimme des Intellekts ist leise‘ – Klassiker/innen des politischen Denkens abseits des Mainstreams“ soll politiktheoretischen Beiträgen nachgegangen werden, die es nicht in die diversen Kanones der Ideengeschichte geschafft haben. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein der Versuch, Übersehenes sichtbar zu machen, sondern gerade, den Mechanismen der Marginalisierung auf den Grund zu gehen. Bis Mitte Oktober können Themenvorschläge eingereicht werden; alle Infos nach dem Klick.


In den letzten zehn Jahren sind im Teilgebiet der politischen Theorie und Ideengeschichte, bedingt auch durch die Etablierung neuer Studiengänge, sehr viele Einführungs- und Lehrbücher erschienen, die, ohne dass dies abgesprochen worden wäre, in beinahe beunruhigender Übereinstimmung eine Art Kanon von wichtigen Texten und Autoren herauskristallisiert haben, von denen im Fach geglaubt wird, jeder Student der Politikwissenschaft solle diese kennen.
Jetzt scheint uns der Zeitpunkt gekommen, diesen scheinbar spontanen Kanonisierungsprozess auch einen kritischen und methodologisch durchdachten Reflexionsprozess durchlaufen zu lassen. Startpunkt der Tagung soll ein Überblick über den momentanen Stand der scheinbar spontanen und scheinbar evolutionären Klassikerinstitutionalisierung in unserem Fach mit Mitteln der empirischen Rezeptionsforschung sein. Denn Kanonisierungsprozesse können
immer auch Erstarrung und Dogmatisierung bedeuten und sogar die Stellenchancen derjenigen Nachwuchswissenschaftler/innen mindern, die jenseits des
Mainstream forschen – und möglicherweise gerade zur Innovation und Dynamik des Faches beitragen könnten.
Die Frage ist also: Warum neigen wir dazu, in scheinbarem Konsens einigen Autoren und Texten eine Art von klassischem Referenzstatus zuzusprechen, anderen dagegen weniger? Es geht keineswegs nur um Autorinnen und Autoren, denn die Beobachtung zeigt, dass aus dem Gesamtwerk unserer
Klassiker/innen auch wiederum nur ganz bestimmte Texte selektiert werden. Kanonbildung heißt ja immer auch Exklusion und Kanonverengung. Sind hier, vielleicht ohne direkte Verabredung, diskursive Kanonpolitiken am Werk? Sind Genealogien oder Pfadabhängigkeiten der Kanonbildung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten zu rekonstruieren?
Es geht insofern darum, die ideengeschichtliche Kanonbildung und damit die Rolle der „eingeführten Autoritäten“ (John G.A. Pocock) in ihrem prozessualen und diskursiven Charakter zu analysieren. Dabei kann gleichermaßen der Fokus auf einzelne Theoretiker/i nnen gelegt werden, wie auf den
kontextuellen Rahmen, der für Dominanz oder Marginalisierung von Theorien bedeutungsvoll ist. Neben dem üblichen Kanon der Ideengeschichte und politischen Theorie, auf deren zentrale Autorinnen und Autoren man sich – trotz individueller Vorlieben und epochal oder systematisch begründeten Präferenzen – mit hoher Wahrscheinlichkeit relativ schnell einigen könnte, finden sich zahlreiche Denkerinnen und Denker, die den Status des „Klassikers“ nicht – oder nicht mehr (oder vielleicht auch: noch nicht) haben, deren intellektuelles Potenzial allerdings gleichwohl nicht geringer zu schätzen ist, als das der prominenten Autorinnen und Autoren. Dabei gibt es sogar aufregende Doppelkonstellationen, wenn z.B. Frances Trollope und Harriet Martineau zur gleichen Zeit wie Tocqueville ihre Amerikareisen unternehmen und ebenfalls Reiseberichte in Bestsellerform schreiben mit z.T. ganz anderen und sehr viel kritischeren Beobachtungen – die wir erst heute wieder, angeregt durch Harald Bluhm, ausgraben.
Welche Rolle spielen Sprache und Stil bei der impliziten Einigung auf „Klassiker“? Sind rationale Entscheidungstheorien in unserer Disziplin deshalb unterrepräsentiert, weil außer Schumpeter niemand von ihnen klar und elegant schreiben kann? Obwohl wir mit Condorcet doch einen veritablen Klassiker
dieses Sektors zu bieten hätten? Ist es nur die Klarheit der Gedanken, oder gerade auch die Prägnanz und ikonische Intensität der Metaphorik, die Autoren wie Hobbes oder Foucault, zwei ebenso erratische wie lautstarke Antipoden eines intellektuell leisen Diskurses, so prominent werden ließ?
Der Fokus unserer Tagung soll das Licht in diese und ähnliche Bereiche werfen: diejenigen Denkerinnen und Denker, die in der Theoriediskussion im Schatten stehen, deren Stimme wenig Beachtung findet, die aber gleichsam inspirierend und bereichernd für den relativ eingeschliffenen Kanon sein
könnte. Eben jene, deren Stimme im Sinne des titelgebenden Zitates von Sigmund Freud „leise“, aber doch hörens- und beachtenswert ist. Zentral ist dabei die Verbindung von (zeitweiser) Marginalisierung bei gleichzeitigem kreativem Innovationspotenzial für die Theoriediskussion.
Dabei geht es freilich nicht darum, im Stil der 1970er Jahre Gegenklassiker auszurufen, sondern methodologisch gesprochen um die Entwicklung der
supplements, nämlich darum, durch ein Abtasten der Randbereiche des Kanons das Bewusstsein für die Fragilität, Dynamik der permanenten
 Konsensfindung über die für unser Fach wichtigen ideengeschichtlichen Inputs zu schärfen. Rezeptionstheorie und Rezeptionsforschung werden neben genealogischen und diskursanalytischen Herangehensweisen wesentliche methodische Instrumente bei diesem Projekt sein.
Der zeitliche Fokus der Tagung soll auf Autorinnen und Autoren bzw. diskursiven
Kontexten des 17. bis 20. Jahrhunderts liegen, wobei es uns ein besonderes Anliegen ist, Beiträge von Nachwuchswissenschaftler/innen in die Tagung einzubeziehen.
Der call for papers ist bewusst offen gehalten, um auch solche Perspektiven produktiv einbeziehen zu können, die noch nicht auf der Hand liegen.
 Mögliche Themenfelder:
1. Welche erkenntnistheoretischen, methodologischen, systematischen und/oder kontextuellen Gründe spielen eine Rolle, dass bestimmte Theorien zu Klassikern werden und andere nicht? Wie ist dabei das Verhältnis von Rezension und Rezeption, welche Faktoren sind ausschlaggebend, damit Theorien, die über längere Zeiträume wenig bis gar nicht rezipiert wurden, wieder auf die Agenda von Politik und Wissenschaft gelangen? Was sind, umgekehrt
gefragt, Gründe dafür, dass Klassikerinnen und Klassiker, die in bestimmten historischen Perioden intensiv rezipiert und diskutiert wurden, aus dem Fokus der Debatte geraten sind? Was bedeutet es, wenn Luhmann fordert, die politische Ideengeschichte gerade von den zweit- und drittrangigen Autoren her zu konstruieren?
2. Lassen sich im internationalen und interkulturellen Vergleich Gemeinsamkeiten und/oder Differenzen in der Frage, welche Autor(inn)en und welche Werke zu Klassiker(inne)n der politischen Theorie werden, ausmachen? Welche Rolle spielt hierbei der soziale, nationale,
diskursive und intellektuelle Kontext? Was bedeutet es z.B., wenn Foucault Autoren wie Justi als Quellen heranzieht? Wie kommt es, dass John Stuart Mill in Frankreich und Deutschland eine Randfigur ist, in den angelsächsischen Ländern dagegen eine Art Überklassiker?
3. Vergessene, verdrängte und vernachlässigte Klassikerinnen und Klassiker: Welche Autorinnen und Autoren aus dem Bereich der politischen Theorie und Ideengeschichte verdienen es, prominenter diskutiert zu werden? Aus welchen Gründen? Hierbei können sowohl Gesamtperspektiven auf vergessene Autorinnen und Autoren geworfen, wie auch „vergessene“ Teilaspekte des Werkes gewürdigt werden. Interessant ist in dem Kontext auch die Frage nach den Akteur(inn)en des Vergessens: Welche Impulse personeller oder struktureller Art sind dafür verantwortlich, dass Werke oder Teilaspekte aus Werken vergessen werden, werden sie ggf. auch verdrängt?
4. Klassische Werke der Nachbardisziplinen: welche Theorien sind ideengeschichtlich oder gegenwärtig für die Theoriediskussion wichtig gewesen – oder sollten wichtig werden? Gibt es, insbesondere aus dem Bereich der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, der Kultur- und der Sprachwissenschaften, theoretische Überlegungen, die die politische Theoriediskussion inspirieren könnten? In welcher Weise liegt Potenzial für die politische Theorie in der Rezeption von naturwissenschaftlicher Literatur? Hier können diskursive Rezeptionsschranken wie der Biologismusvorwurf und antievolutionistische Haltungen in den Blick genommen werden.
5. Sowohl gegenwärtig, wie historisch gibt es klassische Schriften der politischen Theorie, die in der sozialen oder politischen Praxis, etwa für soziale Bewegungen, einen zentralen Stellenwert haben. Lässt sich dabei das Verhältnis von allgemeiner und spezieller Relevanz
bestimmen? Welche Gründe sind dafür ausschlaggebend, dass Theorien „nur“ in Teilsegmenten einer Gesellschaft rezipiert werden, in diesen aber einen ungeheuren Stellenwert und immensen Einfluss haben können?
Kontakt:
Prof. Dr. Walter Reese-Schäfer, E-Mail: reeseschaefer@googlemail.com
Prof. Dr. Samuel Salzborn, E-Mail: samuel.salzborn@sowi.uni-goettingen.de
 call for papers: knappe abstracts mit themenvorschlag bitte bis 15. 10.2013 an uns.
Postalisch:
Georg-August-Universität Göttingen
Institut für Politikwissenschaft
Platz der Göttinger Sieben 3
37073 Göttingen

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