Über Klaus von Beyme (1934-2021)

Als ich Klaus von Beyme (1934−2021) vor einigen Jahren das letzte Mal auf einer Tagung traf, wirkte er körperlich bereits ein wenig angeschlagen. Geistig aber funkelte er regelrecht. Dabei vermengte er seine intellektuelle (und natürlich politikwissenschaftliche) Beschlagenheit nicht mit einem Habitus der Überlegenheit. Vielmehr war auffällig, mit welchem Maße an persönlicher Zugewandtheit er jedem begegnete, der mit ihm ins Gespräch geriet. Einen Schuss Ironie und Selbstironie mischte er dem Dialog gerne bei.

Herzlich und unprätentiös habe ich ihn auch erlebt, als ich wegen zweier Beiträge für von mir (mit-)herausgegebene Sammelbände mit ihm kommunizierte. Er sagte jeweils rasch seine Mitwirkung zu und lieferte pünktlich – Manuskripte wie Fahnenkorrekturen. Diejenigen, die ihn näher kannten, wissen Staunenswertes von seinem Arbeitsethos und seiner Schreibgeschwindigkeit zu berichten. Schon diese beiden von Klaus von Beyme gelieferten Textstücke zeigten mir nochmals exemplarisch und unmittelbar, wie weit der Horizont und die Interessensgebiete dieses Politikwissenschaftlers gesteckt waren. Stellte er in dem einen Aufsatz Betrachtungen über eine „politisierende Religion“ und „säkularisierende Politik“ gleichermaßen an, so machte er sich in dem anderen Gedanken über das Beziehungsgeflecht aus Politik- und Geschichtswissenschaft.

Insbesondere die Erinnerung an den letztgenannten Beitrag über „Kooperation und Konflikt zweier Fächer“ motiviert mich zu drei Überlegungen, die mir spontan in den Sinn kommen, wenn ich heute – anlässlich seines Todes am 6. Dezember 2021 – an Klaus von Beyme denke:

Erstens gehörte er zu jenen Politikwissenschaftlern, die ihren systematisch-typologisierenden Betrachtungen eine historische Tiefendimension zu verleihen suchten. Für ihn siedelten Historiker und Politologen an einer „grünen“ Grenze, wie sie zwischen befreundeten Ländern verläuft. Im Idealfall verband sich dann der genaue, individualisierende und quellenfundierte Blick der Geschichtswissenschaft mit dem auf strukturelle Vergleiche, Gesetzmäßigkeiten und Typenbildung zielenden Ansatz der Politikwissenschaft. Dabei wusste auch von Beyme um den Spannungsreichtum zwischen beiden Disziplinen und sprach zutreffend von einer „antagonistischen Partnerschaft“. Diese pflegte er im Übrigen auch – dabei höchst kooperativ – in institutioneller Hinsicht, gehörte er doch lange zum Herausgeberkreis von „Geschichte und Gesellschaft“, der hoch angesehenen „Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft“.

Zweitens, daran direkt anschließend, navigierte die Politikwissenschaft für Klaus von Beyme durch die beiden großen Areale der Geistes- und Sozialwissenschaften hindurch. Er suchte nach einer Symbiose aus beiden Bereichen. Dem Grundverständnis nach neigte von Beyme stärker zur Theorie und Systematik, ein Geisteswissenschaftler im engeren Sinne war er nicht. Daran mochte auch die Tatsache nichts ändern, dass er 2005 – gleichsam en passant – ein rund tausendseitiges Werk über Kunst und Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorlegte („Zeitalter der Avantgarden“). Stets fühlte er sich seinem ersten Lehrer, Carl Joachim Friedrich, stärker verbunden als seinem zweiten, Dolf Sternberger, dessen „feuilletonistische“ Darstellungsformen ihm eher fremd blieben.

Ein vollumfängliches Bekenntnis zum Beruf des Geschichtsschreibers legte er nicht ab, ein solches Selbstverständnis fehlte von Beyme. Er blieb ein Nebenfachhistoriker (so hatte er das Fach auch einst studiert). Wenn er die politische Ideengeschichte, einer vergleichsweise instrumentellen Interpretation folgend, als „Lagerhaus“ und Archivfundus betrachtete, so wird das nebenbei deutlich. Er selbst dürfte nie in Archiven mit dünn von Staub überzogenen Dokumenten – so eine Leidenschaft von Historikern – gearbeitet haben. Dabei gehört es zu den hartnäckigen Vorurteilen, dass diese dort nur fleißige Wühlarbeit leisten würden. Diese Sichtweise führt in die Irre und stimmt schon lange nicht mehr: Die Geschichtswissenschaft hat sich mehr und mehr zu einem theoretisch wie konzeptionell anspruchsvollen Fach entwickelt, das freilich weiterhin das „Vetorecht der Quellen“ (von dem Reinhart Koselleck bekanntlich sprach, den Klaus von Beyme im Übrigen als einen „souveränen, theorieversierten“, dabei „unorthodoxen“ und „unaufgeregten“ Geist bewunderte) gelten lässt. Die Theoriebildung und -nutzung erfolgt dabei bisweilen in eklektischer Weise – darin der Politikwissenschaft vielleicht sogar ähnlich. Klaus von Beyme jedenfalls hat wesentlich dazu beigetragen, Politik- und Geschichtswissenschaft so fruchtbar wie spannungsreich vereint zu halten. Von einem solchen Zustand kann heute leider nicht mehr die Rede sein, schaut man sich die prekären bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Disziplinen an.

Drittens ist Klaus von Beymes Werk nicht nur Beleg dafür, wie wertvoll es sein kann, über Fachgrenzen hinauszuschauen. Es ist zugleich Beleg für einen weiten Blick innerhalb des einen Faches, das in den letzten Jahrzehnten den Prozess zur zunehmend kleinteiligen Spezialisierung weiter fortgesetzt hat. Von Beyme gehörte zu einer raren Spezies, hat er doch in den verschiedenen Teilgebieten der Politikwissenschaft Standardwerke veröffentlicht. Das gilt, an erster Stelle, für die Vergleichende Politikwissenschaft und die von ihm geprägte Heidelberger Komparatistik, aber auch für die Politische Theorie und Ideengeschichte. Darüber hinaus ist es ihm wiederholt gelungen, gerade diese beiden Teilgebiete – Regierungslehre und Theorie – zusammenzudenken. Erinnert sei an sein großes Opus über die parlamentarischen Regierungssysteme Europas aus dem Jahr 1970, aber auch an unzählige größere und kleinere Schriften aus seiner Feder, die einem synoptischen Fachverständnis Ausdruck verleihen. Klaus von Beyme, ein Meister im Allgemeinen wie Speziellen, bewahrte Übersicht und bewies zugleich Expertise.

Zuletzt fiel mir der von ihm herausgegebene Band „Empirische Revolutionsforschung“ (1973) in die Hände. Darin findet sich eine vortreffliche Einleitung, die von ideengeschichtlich-genealogischen Betrachtungen über Widerstandsrecht und Revolutionsbegriff bis zu normativen und empirischen Ansätzen der neueren Politikwissenschaft reicht. „Empirisch“ meinte für von Beyme mithin weit mehr als Auszählbares. Aber selbst einer quantitativen Politikwissenschaft begegnete er – bei aller Skepsis – mit Neugier und einem gewissen Interesse. Wenn er von „Fliegenbeinzählern“ aus Mannheim sprach (und unterstrich: „Wir können nicht alle ‚mannheimerisch‘ werden“), so erinnerte er zugleich daran, dass der eine oder andere Quantifizierer Heidelberg für die Heimat von „Märchenonkeln“ hielt. Ohne Dogmatismus und Lagermentalität wusste sich Klaus von Beyme zu positionieren.

 

Alexander Gallus ist Inhaber der Professur Politische Theorie und Ideengeschichte der Technischen Universität Chemnitz. Gerade erschien von ihm Revolutionäre Aufbrüche und intellektuelle Sehnsüchte. Zwischen Weimarer Republik und Bundesrepublik in der Europäischen Verlagsanstalt 2021.

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