Tagungsbericht: „Perspektivierungen der Macht“ (HfP München, Okt. 2013)

Im heutigen Verständnis der Gesellschaftswissenschaften gilt es schon fast als Allgemeinplatz, dass der Begriff der Macht von zentraler, wenn nicht gar konstitutiver Bedeutung sei. Dies betrifft das Handeln und Entscheiden auf der politischen Bühne genauso wie die zwischenmenschliche Alltagsinteraktion. In befriedigendem Maße „durchdiskutiert“ ist der Terminus allerdings noch längst nicht. Der Reiz des Machtbegriffs – seine Heterogenität – birgt zugleich auch seine größte Gefahr: dass dieser Begriff nämlich ob seiner Omnipräsenz immer vager und schwerer fassbar wird, bis er irgendwann dem in derlei Kontexten gerne zitierten „Pudding“ gleicht, der sich unmöglich an die Wand nageln ließe.

Wie lässt sich diesem Problem begegnen? Der Ansatz der von Phillip H. Roth und Ulrich Weiß (beide Hochschule für Politik München) geleiteten Tagung „Perspektivierungen der Macht“ (Programm als PDF-Flyer hier), die am 28. und 29. Oktober 2013 in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in Nymphenburg stattfand, bestand darin, das Moment der Interdisziplinarität zum Leitmotiv zu erheben. Die Heterogenität des Machtbegriffs wurde demnach durch die Heterogenität der Panels, der Vorträge und der fachlichen Hintergründe der Referierenden gespiegelt – letztere freilich mit einer erkennbaren Dominanz von Philosophie und Politischer Theorie. Auf der anderen Seite waren jedoch auch Vortragende aus dem Bereich der Soziologie sowie – deutlich weniger zu erwarten in diesem Zusammenhang – der Ökonomie und der Literaturwissenschaft vertreten. Ziel war demnach, Wissenschaftler(innen) unterschiedlichster Disziplinen ins Gespräch über einen allgemein als hoch bedeutsam eingestuften Begriff zu bringen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, dass die Ausrichter die Tagung mit einem Panel zum „Stand der Forschung zu Theorien der Macht“ beginnen ließen.  Die Referenten Ulrich Weiß sowie André Brodocz und Andreas Anter (beide Universität Erfurt) versuchten dabei, sich dem Thema Macht anzunähern, indem sie sowohl die Heterogenität unterschiedlicher Konzeptionen als auch verbindende Elemente aufspürten. Hier gelang es ihnen, die schwierige Balance zwischen einer einführenden Darstellung und einer innovativen Perspektivierung von Macht zu finden.

Brodocz ließ beispielsweise bereits im Titel seines Vortrags das ehrgeizige Ziel erkennen, einen „allgemeinen Begriff der Macht“ zu entwickeln. Dabei behalf er sich mit einer Formel: „Drei beobachtet das potenzielle Handeln von Eins als bindend für das Handeln von Zwei zur Kreation von Z statt Y.“ Macht sei in dieser Logik als dreistellige Struktur zu verstehen, die jedoch nicht zwingend drei unterschiedliche Akteure impliziere. Anhand des Beispiels der parteiübergreifenden Kür Joachim Gaucks zum Bundespräsidenten am 19.2.2012 zeigte Brodocz anschließend auf, dass je nach machttheoretischer Perspektive entweder Angela Merkel (Bachrach / Baratz), Philipp Rösler (Dahl), Sigmar Gabriel (Lukes) oder die damalige Koalition (Arendt) als „eigentlich Mächtige(r)“ in diesem Fall zu werten sei(en).

An diese theoretische Grundlegung – deren Notwendigkeit (gewissermaßen als „Arbeitsgrundlage“) in allen drei Vorträgen des Auftaktpanels evident wurde – schlossen sich in der Folge sechs weitere,  teilweise parallel stattfindende Panels an. Dabei versuchte die Konferenz das Ziel des Perspektivenpluralismus auch dadurch zu erreichen, dass sie die unterschiedlichen theoretischen Zugriffe personalisierte, sprich an verschiedene theoretische „Paten“ band: Beachtung fanden dabei u. a. Hannah Arendt (Marco Walter), Helmuth Plessner (Ole Sören Schulz), G. W. F. Hegel (Stefano Grosso) und  Friedrich Nietzsche (Phillip H. Roth). Im letztgenannten Vortrag bezog der Referent Nietzsches These vom „Willen zur Macht“ auf dessen politische Philosophie. Er ging zunächst auf Nietzsches Dekonstruktion des Wollens ein, das immer aus der Dualität von Befehl und Ausführen bestehe und somit stets eine Wirkung erwarten lasse. Roth machte darauf aufmerksam, dass die begriffliche Fassung des Phänomens „Wollen“ bereits einen Machtakt bedeute, da hier ein Komplex zu einer Einheit reduziert werde. Dieser interpretatorische Prozess verweise zum einen darauf, dass Leben – entgegen den klassischen Vorstellungen von Selbsterhaltung – primär als Machtsteigerung zu verstehen sei, und zum anderen, dass zu Nietzsches Machtverständnis ebenso die Komponente der Geltung zähle. Insgesamt sei aufgrund der qualitativen Vielfalt der Mächte, die Nietzsche sieht, (entgegen der gängigen Lesart) Pluralität eine zentrale Bedeutung in seinem Denken einzuräumen, die sich gerade auch in seinem politischen Denken niederschlage.

Einen unkonventionellen Zugang zum Thema Macht lieferte Werner Stegmaier (em. Universität Greifswald). Er trug zu „Macht in Orientierungssituationen“ vor. Orientierung definierte er dabei als „Leistung, sich in einer Situation zurechtzufinden, um Spielräume offenzulegen, mit der die Situation bewältigt bzw. beherrscht werden kann“. Macht komme gerade in Notsituationen zum Vorschein – was Stegmaier mit dem Bild verirrter Wanderer auf einem Berggipfel bei drohendem Unwetter illustrierte. Hier werde die Unterwerfung unter eine überlegene Macht zum Zwecke der Orientierung sogar ausdrücklich begrüßt. In den Begrifflichkeiten des „Bewältigens“ und „Beherrschens“ sei daher der Machtaspekt bereits enthalten, weshalb er schlussfolgerte, dass Handeln stets mit Orientierung – und damit auch mit Macht – beginne.

Macht – das wurde bereits in den oben beschriebenen Vorträgen des Einführungspanels  deutlich – impliziert Relationalität. Kurt Röttgers umriss daher eine „Praxis des Zwischen“. Aus diesem Blickwinkel heraus habe Sozialphilosophie vom „Medium“ auszugehen – und nicht vom „Individuum“ bzw. vom „Menschen“. Beschreibungen des Phänomens aus handlungszentrierter Perspektive seien zwar nicht falsch, jedoch reduzierend. Diesen stellte er eine medialitätstheoretische gegenüber, d.h. eine Sichtweise, die Mittel nicht allein als solche, sondern eben als Instrumentalisierung des sozialen „Zwischen“ versteht. Macht sei demnach ein Medium, das seine Wirkung durch Verkürzung von Kommunikationsprozessen entfalte. Im Gegensatz zu anderen Zeiten habe das Zeichen Hakenkreuz eben heute keinerlei symbolische Macht mehr, allenfalls noch einen Provokationswert.

Die ökonomische Perspektive von Macht reflektierten die Wirtschaftswissenschaftler Pia Becker (Hochschule für Politik München) und Julian Dörr (Universität Siegen). Dabei kritisierten sie den verengten – da auf Marktmacht beschränkten – Machtbegriff der (neo)klassischen Volkswirtschaftslehre und plädierten stattdessen für ein multidimensionales Verständnis von Macht, welches das Potenzial biete, konkrete Politikempfehlungen zu formulieren. Eine Verknüpfung der Komponenten Markt und Gesellschaft (bzw. Politik) war auch das Ansinnen des Vortrags von Günter Dux, der die Frage nach der „Machtverfassung der Demokratie in einer kapitalistisch verfassten Marktgesellschaft“ aufwarf. Dabei diagnostizierte er einen Konflikt zwischen der kapitalistischen Machtverfassung und dem Selbstverständnis des modernen Menschen. Dieser Konflikt, so Dux‘ provokante These, sei in der real existierenden Demokratie „virulent, aber verdeckt gehalten“.

Was bleibt nun also abschließend zur Tagung „Perspektivierungen der Macht“ zu sagen? Allen voran, dass der Titel „Perspektivierungen“ tatsächlich das hielt, was er versprach, nämlich das Zusammenbringen verschiedener Sichtweisen auf Macht sowie – in einem zweiten Schritt – den Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Als beredter Beleg (im wahrsten Wortsinn) können hier die engagierten Diskussionen gelten, die sich an die einzelnen Vorträge anschlossen. Einhellig gelobt wurde auch die angenehme Atmosphäre der Tagung – ein Befund, der mehr als nur eine Marginalie darstellt. Eine Sprachlosigkeit zwischen den einzelnen Fachdisziplinen war nicht erkennbar. Interdisziplinarität freilich ist in diesem Kontext ein Begriff, der schnell zur Kritik einlädt, auch weil mit ihm oftmals kaum erfüllbare Erwartungen verbunden sind. Sicherlich hätte die Suche nach Querverbindungen und Schnittstellen zwischen den einzelnen Vorträgen noch stärker in der Tagungskonzeption verankert werden können. Definiert man Interdisziplinarität allerdings pragmatischer – eben im oben beschriebenen Sinne von „Perspektivierungen“ –, so lässt sich die Tagung als gewinnbringender Gedankenaustausch sowie als vielversprechender Anknüpfungspunkt für die weitere Forschungsdiskussion werten.

 

Fares Kharboutli ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität der Bundeswehr München. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit Regierungskommunikation nach externen Ereignissen. Außerdem ist er als freier Journalist und in der politischen Bildungsarbeit tätig.

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