Herrschaft, soziale Kämpfe und Lernprozesse bei John Dewey

Zum 100-jährigen Erscheinen von John Deweys „Demokratie und Erziehung“ (Teil 2)

Schon in den ersten Kapiteln von Demokratie und Erziehung wird den Lesern deutlich, dass Erziehung und Lernen für Dewey zentrale Bestandteile der Erfahrung lebendiger Wesen darstellen. Ein Buch über Erziehung ist demnach nur als eine Theorie der erziehenden Dimension der Erfahrung zu entwickeln. Dazu setzt sich Dewey ausführlich mit klassischen Ansätzen der Erziehungstheorie auseinander und behandelt konkrete Fragen, die die genaue Gestaltung erziehenden Praktiken in der Schule betreffen. Ähnlich wie in Deweys Ästhetik, derzufolge Praktiken der Kunstproduktion und -rezeption aus der Hervorhebung der ästhetischen Qualität aller menschlichen Erfahrung entstehen, liegt Demokratie und Erziehung die These zugrunde, dass sich erziehende Institutionen mit der reflexiv gewordenen, in kollektive Verantwortung genommenen Lernfähigkeit der menschlichen Erfahrung beschäftigen. Nichts kann die philosophische Reichweite von Deweys erziehungstheoretischen Reflexionen besser verdeutlichen als seine „fachwissenschaftliche“ Definition von Erziehung: Darin geht es dem pragmatistischen Philosoph zufolge um „diejenige Rekonstruktion und Reorganisation der Erfahrung, die die Bedeutung der Erfahrung erhöht und die Fähigkeit, den Lauf der folgenden Erfahrung zu leiten, vermehrt“.

Erziehung und Demokratie als Ideal einer kommunikativ offenen und pluralistischen Erfahrungsgemeinschaft sind wechselseitig aufeinander angewiesen. Demokratische Gesellschaften sind nach Dewey in demselben Maße auf die Erziehung ihrer Mitglieder angewiesen, wie lernfähige Erfahrungen durch das Vorhandensein demokratischer Verhältnisse bedingt sind. Das ist einerseits so, weil demokratische Gesellschaften aufgrund ihres permanenten institutionellen Erneuerungsbedarfs besonders von der Freisetzung individueller Kapazitäten und Energien profitieren. Andererseits sind gelingende individuelle Lernprozesse auf das Vorhandensein einer Pluralität von Bedeutungen und Sichtweisen angewiesen.

Dewey denkt die gegenseitige Angewiesenheit von lernfähigen Erfahrungen von Individuen und demokratischen Gesellschaften nicht als unmittelbar, sondern durch die Pluralität sozialer Gruppen vermittelt: als lokale Formen menschlicher Assoziationen sind die sozialen Gruppen die Orte der Entfaltung individueller Kapazitäten und Lebensentwürfe. Gleichzeitig werden in solchen Assoziationsformen gruppenspezifische Erfahrungen generiert, die als solche die Diversität sozialer Erfahrungen bereichern. Sowohl individuelle als auch kollektive Lernprozesse sind Dewey zufolge auf die Vielfalt von Erfahrungen und einen möglichst lebendigen Austausch angewiesen.

In Kontrast zum demokratischen Ideal stehen in despotisch geprägten Gesellschaften die Interessen einer dominanten Gruppe – auf Kosten anderer Gruppen – im Vordergrund. Sie werden mit dem allgemeinen Interesse der Gesellschaft gleichgesetzt. Andere Gruppen werden dadurch beherrscht, dass ihre gruppenspezifischen Interessen als den gesellschaftlichen Interessen äußerlich oder sogar entgegengesetzt wahrgenommen werden. Dieser Zustand der Herrschaft mancher Gruppen über andere hat für Dewey eindeutig negative Konsequenzen hinsichtlich der reziproken Zugänglichkeit menschlicher Erfahrungen, die für das demokratische Zusammenleben wesentlich sind: In despotischen Gesellschaften verliert die „Erfahrung jeder dieser Gruppen [d.h. sowohl der herrschenden sowie der beherrschten Gruppen, J.S.] […] an Sinn und Bedeutung, wenn der freie Austausch zwischen den verschiedenen Formen der Lebenserfahrung behindert wird. Die Absonderung einer bevorrechteten von einer Untertanenklasse verhindert die soziale Endosmose [Durchdringung].“ Die erfahrungsbeschränkende Isolierung von Gruppen, die typisch für despotische Herrschaftsbeziehungen ist, steht den für die Erziehung und Entwicklungen von Individuen notwendigen vielfältigen Anregungen zum Handeln (incitations to action) und damit den Lernprozessen grundsätzlich entgegen.

Gibt es für Dewey Auswege aus dieser Situation der sozialen Blockade? Meist wird hier auf die Erweiterung und Verstärkung von sozialen Kommunikationswegen sowie auf die Förderung der demokratischen Erziehung der Gesellschaftsmitglieder als Deweys Antworten auf diese Art von sozialkritischen Fragen hingewiesen. Wie Andreas Antic im ersten Beitrag dieser Reihe erwähnt hat, hat Dewey nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung von Demokratie und Erziehung eine Vorlesungsreihe in China gehalten. Darin hat er in besonders prägnanter Weise die zentralen Elemente seiner Sozialphilosophie ausgeführt.

In China scheint Dewey sich besonders für die sozial und politisch innovative Rolle „sozialer Kämpfe“ der beherrschten Gruppen interessiert zu haben. Soziale Kämpfe sind sowohl als Ergebnis wie auch als Auslöser der gleichzeitig stattfindenden Entfaltung und Entdeckung gruppenspezifischer Kräfte und Erfahrungen anzusehen. Nach dieser Interpretation sind soziale Kämpfe in einer von Herrschaft und dementsprechend von individuellen und kollektiven Lernblockaden geprägten Gesellschaft als lokale, kollektive Lernprozesse zu verstehen. In seinen Lectures in China liefert Dewey ein „expressivistisches“ Erklärungsmodell, das ich hier nur andeuten kann.

Dewey hat ein sehr allgemeines Verständnis davon, welche soziale Gruppen als „beherrschte Gruppen“ zu bezeichnen sind. Dazu gehören beispielsweise die Gruppe der WissenschaftlerInnen in einer von religiösen Institutionen beherrschten Gesellschaft sowie Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Ihnen ist gemeinsam, dass sie historisch ein besonderes Gefühl für ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten (a sense of powers) entwickelt haben. Durch ihre Kämpfe konstituieren sie sich als eine Gemeinschaft, in der diese Kräfte zunehmend an Bedeutung und eine geteilte Vorstellung ihrer kollektiven Zwecke (aims) an Bestimmung gewonnen haben.

Für Dewey sind historisch entwickelte soziale Kämpfe nicht bloß ein Mittel der Durchsetzung bestehender kollektiver Zwecke und Sichtweisen, sondern Prozesse der kollektiven Artikulation von sonst nur diffus zugänglichen sozialen Erfahrungen und Kräften, die im Herrschaftszustand nicht zur Entfaltung kommen können. In Deweys Demokratie und Erziehung werden diese artikulatorischen Prozesse als Lernprozesse bezeichnet, solange sie bestimmte Kriterien erfüllen. Diese Kriterien betreffen nicht zuletzt die Fähigkeit der Gruppe, sich der sozialen Bedeutung ihrer eigenen Kräfte und Zwecke durch intelligente und kreative Prozesse der (Selbst-)Untersuchung (inquiry) bewusst zu werden.

Democracy and Education gibt uns nicht nur Aufschluss über die negativen Effekte von Herrschaftsbeziehungen auf die Lernfähigkeit von Individuen und Kollektiven. Deweys breiter Lern- und Erziehungsbegriff erlaubt uns auch, soziale Kämpfe als lernfähige Formen kollektiver Praxis zu betrachten, die zur Freisetzung von individuellen Kräften sowie zum Abbau von sozialen Kommunikationsbarrieren beitragen. Damit gewinnt dieses Werk eine besondere Bedeutung für eine Form der Sozialkritik, die nicht zuletzt das demokratische Potenzial sozialer Kämpfe in seinen vielfaltigen Bedeutung ernst nimmt.

 

Justo Serrano Zamora ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main, wo er seit 2013 den Internationalen Arbeitskreis für Kritische Theorie koordiniert. Er promoviert über soziale Bewegungen und Demokratie an der Schnittstelle von Pragmatismus und Kritischer Theorie.

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