Piketty-Buchforum (1): Ungleichheit im 21. Jahrhundert – Was genau ist das Problem?

Kapital, Ungleichheit und politische Ökonomie in großem Format sind zurück. In dem soeben auf Deutsch erschienen Das Kapital im 21. Jahrhundert zeigt Thomas Piketty, dass Wohlstand zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den Händen so weniger konzentriert ist wie zuletzt vor hundert Jahren und dass die egalitäre Angleichung von Einkommen und Vermögen in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine historische Ausnahme darstellt. Pikettys Versuch, durch die Analyse großer Mengen historischer Daten den Bewegungsgesetzen des Kapitalismus auf die Spur zu kommen und Reformen seiner grundlegenden Institutionen einzufordern, steht für eine politische Ökonomie, wie sie in den zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaften beinahe ausgestorben schien. Pikettys Wiederbelebung gelingt. Das Fehlen einer Moraltheorie der Ungleichheit jedoch hat Kosten. 

Pikettys Analyse des Kapitalismus geht es um zwei miteinander verknüpfte Verteilungsfragen: Wie verteilt sich das erwirtschaftete Einkommen auf Arbeit und Kapital?  Und wie sind Einkommen und Vermögen zwischen Individuen verteilt? Ein angemessenes Verständnis von Einkommens- und Vermögensungleichheiten zwischen Individuen setzt laut Piketty ein Verständnis derjenigen makro-ökononomischen Dynamiken voraus, die auch erklären, welcher Anteil jeweils auf die Faktoren Arbeit und Kapital entfällt. Die Verteilung von Einkommen auf Arbeit und Kapital ergibt sich zum einen aus der volkswirtschaftlichen Bedeutung von Vermögen und Kapital (Piketty gebraucht die beiden Begriffe synonym) und zum anderen aus der Kapitalrendite: Je höher der Wert von Kapital im Verhältnis zur gegenwärtigen Wirtschaftsleistung, und je höher die Rendite, desto höher der Einkommensanteil des Kapitals. Wenn der Kapitalertrag in einer Volkswirtschaft höher ausfällt als ihr Wachstum, — ein Zustand, den der Kapitalismus laut Piketty tendenziell erzeugt und aufrechterhält — steigt die relative Bedeutung des Kapitals derart an, dass der Kapitalanteil am Gesamteinkommen immer größer wird. Dieser inzwischen legendäre Grundwiderspruch des Kapitalismus (zusammgefasst in der Formel: Kapitalertrag r  > Wachstumsrate g), erklärt die Tendenz steigender Ungleichheit. Immer größere Vermögen finden sich in den Händen der bereits Besitzenden.

Auf Grundlage einer großen Menge historischer Daten, gewonnen beispielsweise aus der Untersuchung von Steuerunterlagen, die teilweise bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, stellt Piketty Beobachtungen über die Struktur und die historische Entwicklung von Ungleichheit und Kapitalbesitz an. Seine erste zentrale Beobachtung zeigt: Das Kapital ist wieder da. Die Konzentration von Vermögen erreicht beinahe das Niveau vom Vorabend des Ersten Weltkriegs. Im Jahr 1910 belief sich der Wert des in Europa angehäuften Kapitals auf etwa 700% der jährlichen Wirtschaftsleitung, im Jahre 1950 wurde mit etwa 200% ein Tiefpunkt erreicht, seit den 1970ern feiert das Kapital eine fulminante Rückkehr und erreichte im Jahre 2010 das Niveau von 550%. Zum einen erklärt sich diese Entwicklung aus den Bewegungsgesetzen des Kapitalismus und dem Zusammenspiel von Kapitalrendite und Wachstum. Laut Piketty ist sie aber auch das Ergebnis externer Schocks (z.B. Zerstörung von Kapital und Vermögen durch zwei Weltkriege), sowie von institutionellen und politischen Veränderungen (z.B. Anstieg des Werts privater Vermögen als Folge der Veräußerung öffentlichen Besitzes).

Eine zweite zentrale Beobachtung stellt Piketty über Struktur und Entwicklung von Vermögensungleicheit an: Vermögen sind sehr ungleich verteilt. Ausgehend von extremen Ungleicheiten im Europa des Jahres 1910, in dem die „Oberklasse“ (10% der Bevölkerung)  90% der Vermögen besaß, die „Mittelklasse“ (40% der Bevölkerung) 5%, und die „Unterklasse“ (50% der Bevölkerung) ebenfalls 5%, entstand im Laufe des 20. Jahrunderts zunächst eine wirkliche Mittelklasse der Eigentümer. Skandinavien in den 1970ern  kann als eindeutigstes Beispiel dienen („Oberklasse“ 50%, „Mittelklasse“ 40%, „Unterklasse“ 10% der Vermögen), wobei in den letzten dreißig bis vierzig Jahren die Vermögensungleichheit wieder auf dem Vormarsch ist. Die Ungleichheiten des frühen 20. Jahrunderts werden heute zwar nicht ganz erreicht, Ungleichheiten im Vermögensbesitz sind jedoch enorm: Im Jahre 2010 entfielen in den USA 70% der Vermögen auf die „Oberklasse“, 25% auf die „Mittelklasse“ und 5% auf die „Unterklasse“ Die Geschichte der Vermögensungleichheit ist sowohl die Geschichte von Wachstum und Kapitalertrag, als auch die Geschichte politischer Ereignisse und Interventionen (z.B. durch Kapitalbesteuerung und Erbschaftssteuern). Nur wenn politische Akteure der allgemeinen inegalitären Entwicklung entgegenwirken, so Piketty, lässt sich eine Rückkehr zu den Ungleichheit der Belle Epoque verhindern.

Pikettys dritte Beobachtung bezieht sich auf die im Vergleich zu Vermögensungleichheiten immer bedeutendere Einkommensungleichheiten: Die „Gesellschaft der Rentiersist von einer „Gesellschaft der Manager“ abgelöst worden. Nach einem Tiefstand zwischen 1950 und 1970 ist die Einkommensungleichheit in den USA und Europa seit den 1980ern stark angestiegen. In den USA haben im Jahre 2010 die obersten 10% der Bevölkerung 35% des Werts aller Lohneinkommen und 45% des Werts aller Gesamteinkommen (Lohneinkommen und Kapitaleinkünfte) bezogen. Beinahe 12% der Lohn- und 20% der Gesamteinkommen entfielen auf die sprichwörtlichen 1% an der Spitze der Pyramide. Und wieder waren laut Piketty Politik und Institutionen für die Entwicklung der Ungleichheit von zentraler Bedeutung: Fiskale Austerität, schwächere Arbeitsmarktregulierung, höhere Kosten für Bildung und niedrige Grenzsteuersätze befeuerten und befeuern die ungleiche Verteilung von Einkommen.

Mit welchen Institutionen und Politikmaßnahmen ließe sich der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts wirkungsvoll regulieren und Ungleichheit eindämmen? Pikettys Antwort: Durch eine weltweite progressive Vermögenssteuer. Wenn man alle Vermögensformen (Wohneigentum, Aktien, etc.) zu ihrem gegenwärtigen Marktwert mit einer progressiven Steuer belegen würde (z.B. 1% für Vermögen zwischen 1 und 5 Millionen, 2% für Vermögen über 5 Millionen), könnte man die Dynamik der steigenden Ungleichheit und Vermögenskonzentration durchbrechen und Steuereinkünfte in der Größenordnung von 2% der Bruttosozialprodukts erzielen. So ließen sich die Interessen der Allgemeinheit mit Eigentum und Wettbewerb versöhnen.

Piketty betont den „normativen und moralischen“ Anspruch seiner Variante der politischen Ökonomie, der unter anderem darin bestehe, sich mit Bedeutung und Rechtfertigung von Ungleichheiten auseinanderzusetzen. Leider fällt Pikettys Argumentation genau hier dürftig aus. Um die Entwicklung und Struktur von Ungleichheit vollständig verstehen zu können, müsste man mehr darüber wissen, wie Ungleichheiten zu messen und zu vergleichen sind, was wiederum nicht möglich ist, ohne mehr Klarheit darüber zu haben, was an Ungleichheit eigentlich das moralische Problem ist. Verteilungsungleichheit ist ein komplexer Begriff, es gibt unterschiedliche Maßstäbe um das Ausmaß von Ungleichheiten zu bestimmen, und welcher Maßstab der entscheidende ist hängt davon ab, aus welchen Gründen man Ungleichheit für problematisch hält.

Wovon hängt es ab, ob eine Verteilung von Einkommen oder Vermögen ungleicher als eine alternative Verteilung ist? Die genaue Bestimmung von Ungleichheit wird von Faktoren verkompliziert, auf die Piketty nicht ausführlich eingeht. Das Problem besteht darin, dass es mehrere plausible Antworten auf die Frage gibt, wie genau Ungleichheit zu messen und verstehen sei, wobei nicht alle Antworten mit Pikettys Aussagen über die Entwicklung von Ungleichheit vereinbar sind. Hier sind zwei von Piketty vernachlässigte Faktoren: Geht es bei Ungleichheit um die Einkommens- oder Vermögensdifferenz zwischen den Schlechtergestellten und dem Durchschnitt, oder um die Differenz zwischen den Schlechtergestellten und den Bessergestellten? Und spielt es eine Rolle, wie viele Personen sich in der jeweiligen Gruppe der Schlechter- oder Bessergestellten befinden? Ohne eine umfassendere Theorie der Ungleicheit lassen sich diese Fragen nicht beantwortet. Wie man sie beantwortet ist jedoch entscheidend dafür, ob wir wirklich in einer Welt steigender Ungleichheit leben. Eine Frage, die auch Piketty bewegt, ist, ob die Erosion der Mittelschicht und das Entstehen der sogenannten 1% vom Standpunkt der Gleichheit problematisch sind. Ein vereinfachtes Beispiel verdeutlicht das Problem: Ist eine „Mittelklasse“ – Gesellschaft (51 Personen verdienen 10,000 Euro und 49 Personen verdienen 1,000 Euro) ungleicher als eine „1%“ – Gesellschaft (1 Person verdient 100,000 Euro und 99 Personen verdienen 1,000 Euro)? Misst man Ungleichheiten an der Einkommensdifferenz von Schlechtergestellen und Durchschnitt, und geht man davon aus, dass eine große Gruppe von Bessergestellten problematischer ist als eine kleine Gruppe von Bessergestellten, dann ist die „1%“ – Gesellschaft weniger ungleich als die „Mittelklasse“ – Gesellschaft. Wenn man diese und ähnliche Komplikationen berücksichtigt, dann sind Urteile darüber, ob Gesellschaften heute wirklich ungleicher sind als in der Vergangenheit, vielschichtiger als es zunächst scheint.

Ein Teil der Komplikation besteht darin, dass Urteile über das Ausmaß von Ungleichheit von den Gründen abhängen, aus denen man Ungleichheit überhaupt als moralisch problematisch erachtet. Piketty spricht an verschiedenen Stellen von solchen Gründen: Ungleichheiten können problematisch sein, weil sie sich nicht der Logik der Meritokratie fügen, weil sie den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährden oder weil sie mit dem Funktionieren einer Demokratie nicht vereinbar sind. Andere Gründe könnten sein, dass Ungleichheiten zu stigmatisierenden Statusunterschieden führen, es einigen schlecht geht, obwohl es ihnen durch Umverteilung besser gehen könnte, und manche Ungleichheiten sind ungerecht und unfair. Die Schwierigkeit besteht nun darin, dass jeder dieser Einwände gegen Ungleichheit eine andere Form von Ungleichheit als besonders problematisch identifiziert. Angenommen, es gäbe nur diese beiden Möglichkeiten, wie sollten sich Gegner der Ungleichheit zwischen der „Mittelklasse“- und der „1%“ – Gesellschaft entscheiden? Die Sorge um eine funktionierende Demokratie würde unter Umständen für die „1%“ – Gesellschaft sprechen, aus Sorge um das Wohlergehen der Schlechtergestellten sollte man die „Mittelklasse“ – Gesellschaft wählen. Natürlich handelt es sich hier um hypothetische Beispiele mit beschränkter Überzeugungs- und Erklärungskraft. Aber ohne zu wissen, warum genau Gleichheit überhaupt wichtig ist, scheint es schwierig, die Struktur von Ungleichheit zu verstehen und aus möglichen Gesellschaftsformationen die egalitärste zu wählen.

Politische Ökonomie in großem Format braucht eine Theorie der Ungleichheit, die wohl nur die politische Philosophie zu liefern vermag. Gleichzeitig gibt es eine Menge, was eine politische Philosophie der Ungleichheit von Piketty lernen könnte: Politische Philosophie mit dem Anspruch, Antworten auf die moralischen Herausforderungen des zeitgenössischen Kapitalismus zu formulieren, wird nicht daran vorbeikommen, auf sozialwissenschaftliche Erkenntnisse aufzubauen, Strukturen und Institutionen ernst zu nehmen und über Regulierung und konkrete Politikinstrumente nachzudenken.

 

Gabriel Wollner ist Assistant Professor in Philosophie an der London School of Economics. Dieser Text ist Teil einer längeren Rezension, die in Kürze im Journal „Economics and Philosophy“ erscheint.

 

Weiteres zu unserem Piketty-Buchforum sowie die bisher erschienenen Beiträge sind hier nachzulesen.

 

Ein Kommentar zu “Piketty-Buchforum (1): Ungleichheit im 21. Jahrhundert – Was genau ist das Problem?

  1. Vielen Dank für den anregenden Blogeintrag. Bzgl. der Frage der Ungleichheit habe ich Piketty so verstanden, dass er es vor allem auch der demokratischen Debatte – und nicht nur der politischen Philosophie – überlassen möchte, was als Ungleicheit bewertet werden soll und was als Ideal betrachtet werden kann.

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