Im Zweifel unfertig denken: Gegen den Willen zur Gewissheit

Zum 100-jährigen Erscheinen von John Deweys „Demokratie und Erziehung“ (Teil 3)

„Die Menschen, keiner ausgenommen,
sind überhaupt noch nicht sie selbst.“
(Theodor W. Adorno, Negative Dialektik)

Die wichtigste Einsicht, die wir Dewey zu verdanken haben, ist vielleicht die, dass „die Suche nach einer universalen Gewissheit, die für alles gelten soll“ nichts anderes als eine „kompensatorische Perversion“ darstellt. Positiv gewendet lautet diese Einsicht, dass jeder wirkliche Entwicklungsprozess mit wirklichen Zweifeln einsetzt – nicht mit virtuellen „Papierzweifeln“, wie bereits Peirce an Descartes kritisiert hatte. Der wirkliche Zweifel ist handlungsrelevant und deswegen lebendig. Man kann sich diesen Zweifel als eine Art vorübergehende Standpunkterschütterung vorstellen, die – ob man will oder nicht – die eigenen Kriterien verrutschen lässt. Diese Erschütterungen des Zweifels kann man sich nicht aussuchen, sie beruhen nicht auf Entscheidungen und sind daher keine voluntaristischen Akte, wie Descartes noch dachte.

Wie mit einem Zweifel umgegangen wird, ist dagegen sehr wohl eine Frage der Entscheidung, und die Entscheidung für die eine oder andere Umgangsweise folgenreich: Heißt man die Standpunkterschütterung des Zweifels nicht willkommen, muss ein hoher Kraftaufwand betrieben werden, um an den eigenen Kriterien festzuhalten. Und trotz dieses Kraftaufwands bleibt die Bemühung vergeblich, denn die Erschütterung hat ja bereits stattgefunden. Diese vergebliche Bemühung manifestiert sich dann in einem Gewissheitswillen. Der daraus resultierende trügerische Glaube an die Gewissheit fertigen Denkens ist indessen gefährlich, weil er mit Gewalt an etwas festzuhalten versucht, was sich nicht festhalten lässt. Die Kriterien sind bereits verrutscht und passen gar nicht mehr zu der Lage, in der man sich befindet. Das fertige Denken ist deswegen ein falsches Denken. Aus Angst vor den Veränderungen, die die Erschütterung des Zweifels mit sich bringt, versucht der vergebliche Gewissheitswille diese Angst zu kompensieren und richtet mit der Kompensation viel mehr Schaden an, als es die Erschütterung des Zweifels je könnte. Darin besteht die Perversion, von der Dewey spricht und nach der man auch heute nicht lange suchen muss.

Heißt man dagegen den Zweifel willkommen, ermöglicht er eine zuvor unabsehbare Neujustierung der eigenen Kriterien und Überzeugungen. Ihre Neujustierung bildet die Grundlage jeder sinnvollen Weiterentwicklung in wissenschaftlichen, ästhetischen und politischen Prozessen. Kein Fortschritt, keine Erfindung ohne Zweifel. Den Zweifel wertzuschätzen bedeutet, unfertiges Denken wertzuschätzen. Unfertiges Denken erlaubt Kritik, Selbstkritik und Erneuerung. Es bereitet wesentlich besser auf zukünftige Erschütterungen durch ungewisse Situationen und Konflikte vor, weil es die Bereitschaft verfeinert, die eigenen Kriterien beständig zu korrigieren.

Die Aufwertung des auf diese Weise verstandenen Zweifels durchzieht die Philosophie des Pragmatismus von Anbeginn. Doch erst Dewey buchstabiert die Verzahnung seiner ästhetischen, wissenschaftlichen und politischen Dimensionen aus: Der wirkliche Zweifel zeichnet sich dadurch aus, dass er den situationalen Kontext, also auch den jeweils gegebenen sozialen, gesellschaftlichen und ökonomischen Kontext (den historisch-kontingenten Common Sense mit seinen impliziten normativen Annahmen), mit in den Zweifel hineinzieht – einfach deswegen, weil in ungewissen Situationen die Grenze zwischen mir und der Außenwelt vorübergehend unscharf wird. Die Problematisierung des eigenen Standpunkts geht einher mit der Problematisierung der ungewissen Gesamtsituation, in der man sich befindet. Die Standpunkterschütterung ist zugleich eine Standorterschütterung und erschüttert daher das gesamte umgebende Gelände mit. Sie bildet in Deweys Denken den Ausgangsort jedes individuellen und gesellschaftlichen Lern- und Forschungsprozesses, jedes politischen Umbruchs. In der Neuverortung verschiebt sich das Gesamtgelände mit. Was gestern als irrationaler Impuls galt (beispielsweise Frauenwahlrecht, Impfung, Jazz, Smartphones) ist heute vermeintlich rationaler Common Sense.

Auch wenn diese Einsicht Deweys erst im späteren Werk schärfere Konturen gewinnt, so zeichnet sie sich doch bereits in „Demokratie und Erziehung“ ab: Jeder (selbst-)reflexive Prozess nimmt seinen Ausgang in den Standorterschütterungen des Zweifels. Für den Bereich der Erziehung oder Bildung (im Englischen besteht diese Differenzierung nicht) bringt Dewey hier den Begriff der Unreife ins Spiel. Was Dewey mit der Bewegung des Zweifels als Standorterschütterung vorschwebt, lässt sich daran gut exemplifizieren. Er begründet eine Kritik gegenüber jenen, die unreifes Denken deklassieren und diesem das fiktive Ideal einer reifen, man könnte auch sagen: einer fertigen Gewissheit gegenüberstellen. Entgegen der Annahme, Unreife sei ein unumgängliches, wenn auch lästiges Durchgangsstadium zur Reife des fertigen Denkens, zeigt Dewey die Bedeutung und Notwendigkeit unreifen Denkens auf.

Es birgt zwei Potenziale: das der Abhängigkeit und das der Plastizität. Das Potenzial der Abhängigkeit besteht in einer damit einhergehenden hohen Anpassungsfähigkeit und Offenheit. Natürlich geht es ihm nicht darum, aus dieser vermeintlichen Schwäche von Kindern und Jugendlichen den Vorteil zu ziehen, ihnen autoritär festgelegte Informationen einzuflößen – auch wenn dies in der Erziehungspraxis faktisch häufig der Fall ist. Die abhängige Potenzialität darf aus Sicht Deweys also nicht dazu missbraucht werden, im pädagogischen Prozess möglichst reibungslos und effektiv Wissensakkumulation zu betreiben, um jemanden schnellstmöglich einer entfremdeten Position der Gewissheit zuzuführen. Die abhängige Potenzialität ist vielmehr zu verstehen als lebensnotwendige Angewiesenheit auf die Anderen und auf das Andere – eine Angewiesenheit, von der beispielsweise auch die ästhetische Erfahrung lebt. In dieser Abhängigkeit zeichnet sich ein Alternativmodell ab zu einer falsch verstandenen Autonomie im Sinn einer identitären Selbstbehauptung, die sich gegenüber jeder Form von Andersheit hermetisch verschließt. Das Ideal einer fertigen und abgeschlossenen Position, in Form eines – sowohl metaphorischen als auch wirklichen – schnellen und möglichst guten Abschlusses ist in doppelter Hinsicht fehlgeleitet: Sowohl im Sinn des Beendens eines Prozesses als auch im Sinn einer Abgetrenntheit von anderen.

Das zweite von Dewey benannte Potenzial unreifen Denkens ist mit dem ersten eng verknüpft. Die Plastizität kennzeichnet, dass die eigenen Kriterien weniger starr sind. Sie reagieren deswegen viel sensibler auf Zweifel. Einerseits ist das unreife Denken dadurch verletzlicher und für Erschütterungen empfänglicher, andererseits ist es diese Erschütterungen gewohnt, da ständig Neues und Überraschendes passiert. Das Leben der „Unreifen“ ist im Unvorhersehbaren geübt, das eigene Denken provisorisch und die eigene Haltung tendenziell improvisiert. Diese Improvisation enthält ein Element des Vorläufigen und zugleich eines der Erneuerung.

Das Potenzial der Plastizität für den unabschließbaren Prozess des Lernens besteht darin, dass die eigene Position permeabel gegenüber noch nicht definierten Impulsen ist. Diese nicht definierten Impulse enthalten ein wichtiges widerständiges Element. „Unreife“ können leichter Verbindungen zum Neuen herstellen. Nicht jedoch in der Hinsicht, dass etwas Neues als distinkte Information quantitativ abgespeichert und angesammelt wird, sondern in der Hinsicht, dass etwas qualitativ Neues erzeugt wird, das sowohl den Unreifen wie den Reifen verändert. Was als unreif galt, erweist sich oftmals als Widerstand und Einspruch gegenüber dem „Reifen“. Die vermeintlich Reifen sind auf die vermeintlich unreifen neuen und kritischen Impulse angewiesen, die dazu verhelfen, Standorterschütterungen ihrer alt gewordenen Kriterien auszulösen.

Der Prozess des Lernens ist dabei immer auch ein sozialer, in dem der soziale Gesamtrahmen mitmodifiziert wird. Bildungsprozesse in Schule und Universität stellen – bestenfalls, denn davon sind wir weit entfernt – einen Mikrokosmos dar, in dem die Abhängigkeit und Plastizität des Lernens in ihrer Unabgeschlossenheit zu einer beständigen Modifikation der Gesamtsituation inklusive ihrer Rahmenkriterien führt. Das funktioniert nur, wenn das „unreife,“ also unfertige Denken aufgeblendet und aufgewertet wird, indem die Standorterschütterungen des Gesamtgeländes willkommen geheißen werden. Unreifes, provisorisches Denken stellt keinen Mangel oder Defekt dar. Im Gegenteil, Abhängigkeit und Plastizität stellen Potenziale dar, die nicht im Keim erstickt werden dürfen. Stattdessen sollte man, wie Dewey einmal schrieb, imstande sein, „das Zweifelhafte zu genießen“.

Die politische Brisanz dieser Überlegungen liegt darin, den Mikrokosmos von derart verstandenen Lernprozessen auf die Gesellschaft zu übertragen: Unsere Demokratien sind jung, unreif und ausgesprochen unfertig. Was für das Individuum gilt, gilt erst recht für die Gesellschaft: Gefährlich wird es, wenn der Wille zur Gewissheit die eigene Zweifelhaftigkeit und Unreife leugnet. Der Irrglaube daran, mit dem Denken fertig werden zu können, führt zu einem Festhalten an politischen und ökonomischen Strukturen, die Ausschlüsse reproduzieren und verstärken. Wollen wir nicht in Barbarei zurückfallen, sind wir dringend angewiesen auf die selbstkritische Veränderung dieser zweifelhaften Strukturen. Es bedarf der Artikulation kritischer, widerständiger und erneuernder Standorterschütterungen. Und zwar insbesondere seitens derjenigen, deren gesellschaftliche Positionen randständiger, weniger anerkannt und daher abhängiger sind. Und es bedarf der gesellschaftlichen Anerkennung dieser Standorterschütterungen. Nur wenn Gesellschaften ihre eigene Unreife und damit die Angewiesenheit auf neue Impulse anerkennen, wenn sie ihre eigene Unreife als Potenzial der Abhängigkeit und Plastizität aufwertet, besteht die Chance, dass Demokratie – mit Derrida gesprochen – „im Kommen“ begriffen bleibt.

 

Dr. Heidi Salaverría (Hamburg) ist Philosophin, Dozentin und Kulturschaffende an der Peripherie von Kunst und Akademie. Gegenwärtig forscht sie zu einer politischen Ästhetik des Zweifels und ist im Leitungsteam des internationalen Kunstprojekts Hyper Cultural Passengers.

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