{"id":8225,"date":"2013-01-28T08:50:00","date_gmt":"2013-01-28T07:50:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theorieblog.de\/?p=8225"},"modified":"2014-02-18T12:14:56","modified_gmt":"2014-02-18T11:14:56","slug":"tagungsbericht-leidenschaft-der-kritik-giessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2013\/01\/tagungsbericht-leidenschaft-der-kritik-giessen\/","title":{"rendered":"Tagungsbericht: Leidenschaft der Kritik (Gie\u00dfen)"},"content":{"rendered":"<p>Die \u201eLeidenschaft der Kritik\u201c zeichnet zweifelsohne das Werk von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alex_Demirovi%C4%87\">Alex Demirovi\u0107<\/a> aus, der im vergangenen Jahr seinen 60. Geburtstag feierte und zur Zeit als Gastprofessor in Gie\u00dfen sein Bem\u00fchen um eine zeitgem\u00e4\u00dfe Weiterentwicklung kritischer Gesellschaftstheorie fortsetzt. Daher passte es, dass Demirovi\u0107s Figur des \u201enonkonformistischen Intellektuellen\u201c den zentralen Ankerpunkt der Diskussion darstellte, wie es bereits <a href=\"http:\/\/www.reginakreide.de\/\">Regina Kreide<\/a> in ihren Er\u00f6ffnungsworten gefordert hatte. Denn nicht zuletzt Demirovi\u0107 selbst k\u00f6nne als zeitgen\u00f6ssische Verk\u00f6rperung dieses anspruchsvollen und im Wissenschaftsbetrieb allzu selten anzutreffenden Denkertypus angesehen werden. Ganz in diesem Sinne nonkonformistischer Intellektualit\u00e4t zeigte sich die auf der Tagung pr\u00e4sentierte Vielfalt gegenw\u00e4rtiger Kritischer Theorie als ein wohltuend selbstkritisches Unternehmen der Erfassung komplexer Herrschaftszusammenh\u00e4nge und m\u00f6glicher emanzipativer Widerstandsformen.<!--more--><\/p>\n<p>Doch worin liegt der Mehrwert der_des kritischen Intellektuellen und worin besteht seine_ihre emanzipative Funktion jenseits nostalgischer Verkl\u00e4rung oder messianischer \u00dcberh\u00f6hung? <em>Alex <\/em><em>Demirovi\u0107<\/em><em> <\/em>erkl\u00e4rte hierzu, dass der_die kritische Intellektuelle zentral f\u00fcr die Reflexion gesellschaftlicher Prozesse sei, um Herrschaftsstrukturen aufzuzeigen und sie zu kritisieren. Auch das eigene Denken und Handeln m\u00fcsse dahingehend \u00fcberpr\u00fcft werden, ob es tats\u00e4chlich emanzipatorisch sei oder die b\u00fcrgerliche Ideologie (verschleiert) reproduziere. W\u00e4hrend Lohnarbeiter_innen in Fabriken oder Gro\u00dfraumb\u00fcros ein grunds\u00e4tzliches Verm\u00f6gen der Reflexion ebenso zukomme wie Lohnempf\u00e4nger_innen im wissenschaftlichen Kontext, seien erstere durch die bestehenden Arbeitsbedingungen in der Aus\u00fcbung dieser F\u00e4higkeiten erheblich eingeschr\u00e4nkt. Aufgabe kritischer Intellektueller sei es darum, mittels gesellschaftlicher Theoriebildung und Kapitalismusanalyse die gesellschaftlichen Bedingungen mit ihren Ausschlussmechanismen zu benennen und die materiellen Verh\u00e4ltnisse so zu ver\u00e4ndern, dass ein \u201eRecht auf Denken als erste B\u00fcrgerpflicht\u201c etabliert werden k\u00f6nne (siehe auch Demirovi\u0107 1999).<\/p>\n<p>Die Diskussion um Figuration und Funktion kritischer Intellektualit\u00e4t nahm auch <a href=\"http:\/\/www.gesellschaftswissenschaften.uni-frankfurt.de\/institut_1\/bblaettel-mink\/team\/cresch\/index.html\">Christine Resch<\/a> auf. Resch formulierte in ihrem Vortrag die These, dass wir in posthegemonialen Zeiten leben, in denen die Produktion und Repr\u00e4sentation kritischen Wissens unter Bedingungen eines Autoritarismus erfolgten, der weder Alternativen zulie\u00dfe, noch Begr\u00fcndungsprobleme aufwerfe. Diesen Zusammenhang skizzierte sie anhand der sich wandelnden Rolle des_der kritischen Intellektuellen in der \u00d6ffentlichkeit: Fanden noch Adorno und Habermas in den Feuilletons der gro\u00dfen Tageszeitungen ihren Niederschlag, seien kritische Intellektuelle in den gegenw\u00e4rtigen \u00f6ffentlichen Diskussionen kaum pr\u00e4sent. Vergeblich suchte man Resch zufolge im Zuge der Finanzkrise von 2008 in den Tageszeitungen nach Erkl\u00e4rungen, die einen gesamtgesellschaftlichen Blick auf die Ereignisse werfen. Und wenn doch eine kritische Stimme zu Wort komme, gehe es nicht mehr um den Inhalt des Gesagten, sondern alleine um die Darstellung der Pers\u00f6nlichkeit. W\u00e4hrend in der Nachkriegszeit kritische Intellektuelle noch die M\u00f6glichkeit hatten, gegenhegemoniale Positionen zu vertreten gerade weil sie mit der \u00f6ffentlichen Repr\u00e4sentation gesellschaftlicher Konfliktlinien auch zur Legitimierung und Stabilisierung des kritisierten Herrschaftssystems beigetragen h\u00e4tten, best\u00fcnde heute gar nicht mehr der Anspruch, alle Gruppierungen einzubeziehen und entsprechend auch dissidente Positionen \u00f6ffentlich darzustellen. Innerhalb dieses gegenw\u00e4rtigen \u201eAusschlie\u00dfungsregimes\u201c, so die Schlussfolgerung\u00a0 Reschs, k\u00f6nne das Ziel linker Politik nicht in der Setzung von Gegenhegemonien liegen, sondern m\u00fcsse zuallererst in der Wiederherstellung der M\u00f6glichkeit hegemonialer K\u00e4mpfe bestehen, und damit in der Wiederherstellung der M\u00f6glichkeit von Politik an sich. Auch wenn (wie in der anschlie\u00dfenden Diskussion deutlich wurde) die von Resch gew\u00e4hlte Begrifflichkeit des \u201eAutoritarismus\u201c zur Erfassung der fragmentierten Formen und Techniken gegenw\u00e4rtiger Herrschaftszusammenh\u00e4nge unterkomplex scheint, kann ihre Beschreibung posthegemonialer Gesellschaftlichkeit somit als bedenkenswerte Vergegenw\u00e4rtigung postpolitischer Momente und deren Folgen f\u00fcr kritische Wissenschaft angesehen werden.<\/p>\n<p>Einen Versuch zur Erfassung der Komplexit\u00e4t gegenw\u00e4rtiger Herrschaftszusammenh\u00e4nge unternahm <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sonja_Buckel\">Sonja Buckel<\/a> mit der Vorstellung ihres Ansatzes der \u201eIntersektionalen Kapitalismusanalyse\u201c. Diese Analyseform pr\u00e4sentierte Buckel als eine multitheoretische Auseinandersetzung zu Fragen von differierenden aber synergetischen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen. Dabei versteht sie \u201eKapitalismus\u201c nicht alleine als Kapitalverh\u00e4ltnis, sondern vielmehr als die umfassende Vergesellschaftung \u00fcber Warentausch und Akkumulationsdynamik, welche als immer schon vergeschlechtlicht, rassialisiert\u00a0und (post)kolonial konzipiert werden m\u00fcsse. Mit Adorno gesprochen konstituiere sich Gesellschaft im emphatischen Sinne allererst im Kontext des kapitalistischen Systems, w\u00e4hrend der so entstandene gesellschaftliche Zusammenhang mit Laclau\/Mouffe als notwendigerweise unvollst\u00e4ndige Totalit\u00e4t zu begreifen sei. Was Buckel in ihrem Vortrag \u00fcberzeugend darlegte, ist die Erkenntnis, dass es den einen antagonistischen Bruch nicht gibt, sondern der Kapitalismus von vielen differierenden, dabei systematisch miteinander verkn\u00fcpften Widerspr\u00fcchen und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen durchzogen ist. \u00a0Dementsprechend pl\u00e4dierte Buckel daf\u00fcr, Intersektionalit\u00e4tsforschung und Kapitalismusanalyse zu einem gemeinsamen Ansatz zusammenzuf\u00fchren, der jedoch angesichts der \u00dcberkomplexit\u00e4t der zu analysierenden Herrschaftsverh\u00e4ltnisse nur in einem gr\u00f6\u00dferen interdisziplin\u00e4ren Forscher_innenteam bearbeitbar sei (siehe auch <a href=\"http:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/toter-link\/\">Buckel 2012<\/a>).<\/p>\n<p>Einen weiteren Strang gegenw\u00e4rtiger Herrschaftszusammenh\u00e4nge \u2013 und m\u00f6glicher emanzipativer Widerstandsformen \u2013 f\u00fchrte <em>Joachim<\/em><em> <\/em><em>Hirsch<\/em> in seinem Vortrag \u201eZur Staatsleidenschaft der Linken\u201c aus. Auch wenn es laut Hirsch nicht <em>die<\/em> Linke gibt, sei dennoch eine gewisse gemeinsame Sto\u00dfrichtung feststellbar. In vielen linken Bewegungen zeige sich der Glaube an eine Emanzipation mittels des Staates als Verk\u00f6rperung des gesellschaftlichen Allgemeinen, wie man derzeit an der Regierung Hugo Ch\u00e1vez in Venezuela oder der Programmatik der Partei \u201eDie Linke\u201c sehen k\u00f6nne. Dabei machte Hirsch jedoch deutlich, dass es in der Historie niemals Emanzipation \u00fcber den Staat gegeben habe. Staat versteht er dabei nicht alleine als Nationalstaat, sondern als \u201egesellschaftliches Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis\u201c, welches sich im Kapitalismus ausdr\u00fccke. Eine emanzipatorische Praxis m\u00fcsse demnach eine Politik jenseits des Staates sein, welche die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse radikal infrage stelle und jene Struktur transzendiere. Dabei seien die erk\u00e4mpften Rechte oder emanzipatorischen Schritte sozialer Bewegungen wie z.B. die der Frauenbewegung oder die der Studentenbewegung 1968 aber keineswegs zur\u00fcckzuweisen. Entscheidend sei nur, von welchem Punkt aus Politik betrieben werde: im Glauben an einen neutralen, emanzipatorischen Staat oder aber aus einer Sicht auf den Staat als best\u00e4ndig zu kritisierendes gesellschaftliches Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis. Dementsprechend brach Hirsch eine Lanze f\u00fcr den radikalen Reformismus, der sich in Gegenhegemonien ausdr\u00fccke, etwa im Aufbrechen von Eigentumsverh\u00e4ltnissen, Lebens- und Wohnformen. Da man aber als Kritiker_in nicht jenseits des Staates stehe, m\u00fcsse eine emanzipatorische Politik im Staat und gegen den Staat gef\u00fchrt werden (siehe auch <a href=\"http:\/\/www.vsa-verlag.de\/detail\/artikel\/herrschaft-hegemonie-und-politische-alternativen-1\/\">Hirsch 2002<\/a>).<\/p>\n<p>\u201ePerspektiven Kritischer Theorie\u201c wurden \u2013 wie der Untertitel versprach \u2013 im Verlauf der Tagung viele aufgezeigt: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rahel_Jaeggi\">Rahel Jaeggi<\/a> sprach \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Gesellschaftsanalyse, Kritik und Normen, <a href=\"http:\/\/www.uni-due.de\/philosophie\/personen.php?ID=142\">Andreas Niederberger<\/a> setzte sich mit Fragen des Rechts auseinander, <a href=\"https:\/\/www.ph-freiburg.de\/soziologie\/lehrende\/prof-dr-uwe-h-bittlingmayer.html\">Uwe Bittlingmayer<\/a> kritisierte die Wissensgesellschaft und <a href=\"http:\/\/www.euroethno.hu-berlin.de\/institut\/personen\/1684144\">Manuela Bojad\u017eijev<\/a> entwarf eine Ph\u00e4nomenologie des Rassismus. Wobei die pr\u00e4sentierte Vielfalt immer durch das wohltuend selbstkritische Bestreben der Diskutant_innen begleitet war, den bestehenden Gesellschaftszusammenhang als komplexes Ganzes zu betrachten und die unvermeidlichen Leerstellen des eigenen Ansatzes nicht zu verschleiern, sondern als m\u00f6gliche Anschlussstellen offen zu legen. \u201eWas k\u00f6nnen wir also machen mit der Kritik \u00fcber die Kritik hinaus?\u201c Diese Frage stellte Alex Demirovi\u0107 an das Ende der Tagung und gemahnte daran, in der Entwicklung emanzipatorischer Lebensformen nicht den (Alb-)Traum einer konfliktfreien Gesellschaft zu verfolgen, sondern aus einer Haltung des &#8218;Sich-Ersch\u00fcttern-Lassen-Wollens&#8216; ein &#8217;neues Denken&#8216; im Sinne Adorno\/Horkheimers anzustreben. Kritische Intellektuelle in diesem Sinne m\u00f6gen im Zeitalter der Neoliberalisierung des Hochschulsystems immer weniger werden, doch am Wochenende in Gie\u00dfen konnte man sich vergewissern: es gibt sie noch und es gibt eine nicht kleine akademische \u00d6ffentlichkeit, die sich f\u00fcr ihr Denken begeistern kann. Wir w\u00fcnschen uns mehr solcher Veranstaltungen und eine weitere Revitalisierung der Kritischen Theorie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Stefan<\/em><em> <\/em><em>Wedermann<\/em><em> <\/em><em>setzt<\/em><em> <\/em><em>sich<\/em><em> <\/em><em>mit<\/em><em> <\/em><em>Kritischer<\/em><em> <\/em><em>Theorie,<\/em><em> <\/em><em>Feministischer<\/em><em> <\/em><em>Theorie<\/em><em> <\/em><em>(insbesondere<\/em><em> <\/em><em>Queer<\/em><em> <\/em><em>Theory),<\/em><em> <\/em><em>sowie<\/em><em> <\/em><em>Poststrukturalismus<\/em><em> <\/em><em>und<\/em><em> <\/em><em>postkolonialer<\/em><em> <\/em><em>Theorie<\/em><em> <\/em><em>auseinander.<\/em><em> <\/em><em>Er<\/em><em> <\/em><em>wird<\/em><em> <\/em><em>ab<\/em><em> <\/em><em>Sommersemester<\/em><em> <\/em><em>2013<\/em><em> <\/em><em>bei<\/em><em> <\/em><em>Regina<\/em><em> <\/em><em>Kreide<\/em><em> <\/em><em>\u00a0<\/em><em>zum<\/em><em> <\/em><em>Verh\u00e4ltnis<\/em><em> <\/em><em>von<\/em><em> <\/em><em>Widerstand<\/em><em> <\/em><em>und<\/em><em> <\/em><em>Demokratie<\/em><em> <\/em><em>promovieren.<\/em><em> <\/em><a href=\"http:\/\/cultdoc.uni-giessen.de\/wps\/pgn\/ep\/cultdoc\/andreahaertel\/gcsc\">Andrea H\u00e4rtel<\/a><em>\u00a0ist Doktorandin am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Gie\u00dfen und promoviert bei Regina Kreide zur Theorie und Praxis von Anerkennung im politischen Postfundationalismus, am Beispiel des Diskurses zur Integration von Muslimen in westlichen Migrationsgesellschaften.<\/em><\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u201eLeidenschaft der Kritik\u201c zeichnet zweifelsohne das Werk von Alex Demirovi\u0107 aus, der im vergangenen Jahr seinen 60. 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