{"id":28307,"date":"2025-01-07T09:00:54","date_gmt":"2025-01-07T08:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theorieblog.de\/?p=28307"},"modified":"2025-01-13T20:15:46","modified_gmt":"2025-01-13T19:15:46","slug":"marx-im-umkaempften-erbe-des-republikanismus-ein-interview-mit-bruno-leipold","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2025\/01\/marx-im-umkaempften-erbe-des-republikanismus-ein-interview-mit-bruno-leipold\/","title":{"rendered":"Marx im umk\u00e4mpften Erbe des Republikanismus: Ein Interview mit Bruno Leipold"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Mit <\/em><a href=\"https:\/\/press.princeton.edu\/books\/hardcover\/9780691205236\/citizen-marx?srsltid=AfmBOopemPtC_3FGgfoacOt1rblTzdXiyQzKGSFBJ3ApGpTdvOMXErkf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Citizen Marx: Republicanism and the Formation of Karl Marx\u2019s Social and Political Thought<\/em><\/a>\u00a0(Princeton University Press) <span class=\"apple-converted-space\"><i>legte<\/i><em> der Politische Theoretiker Bruno Leipold k\u00fcrzlich eine Monographie \u00fcber Karl Marx und sein komplexes Verh\u00e4ltnis zur Tradition des Republikanismus<\/em><\/span><em>\u00a0vor. Jochen Schmon hat dar\u00fcber mit dem Autor gesprochen, das Interview erschien zuerst auf dem<\/em><em>\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/jhiblog.org\/2019\/12\/18\/well-need-more-than-rawlsianism-can-offer-katrina-forrester-on-john-rawls-and-anglo-american-political-philosophy-after-1945\/\">Blog des\u00a0<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/www.jhiblog.org\/2024\/11\/12\/marx-and-republicanism-an-interview-with-bruno-leipold\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Journal of the History of Ideas<\/a><em>\u00a0<\/em><em>im November 2024. Wir ver\u00f6ffentlichen es hier in gek\u00fcrzter Form in deutscher \u00dcbersetzung.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Jochen Schmon (JS):<\/strong> Der Gro\u00dfteil der Marx-Forschung st\u00fctzt sich bis heute auf die Annahme eines \u201eepistemologischen Bruchs\u201c, der Marx\u2018 Schriften in eine \u201ejunge\u201c humanistisch-philosophisch gepr\u00e4gte Fr\u00fchphase und eine \u201ereife\u201c historisch-materialistische Wissenschaft der politischen \u00d6konomie unterteilt. Ihr neues Buch charakterisiert stattdessen die intellektuelle Entwicklung von Marx anhand bestimmter politischer Br\u00fcche, die allen voran durch seine sich stetig ver\u00e4ndernde Haltung zum Republikanismus zu erkl\u00e4ren sei. Ihr Anliegen scheint es zu sein, theoretische Ver\u00e4nderungen in Marx\u2018 Werk weniger durch seine pers\u00f6nliche Forschung und wissenschaftliche Lekt\u00fcre zu verstehen als anhand politischer Ereignisse \u2013 eine, wie ich finde, geradezu musterg\u00fcltige historisch-materialistische Ideengeschichte. Wie Sie mit R\u00fcckgriff auf Autoren der Cambridge School wie J.G.A Pocock oder Quentin Skinner betonen, stieg der Republikanismus im Laufe des 19. Jahrhunderts in Europa, Nord- und Lateinamerika zum vorherrschenden Gedankengut der Massenpolitik auf. Was sind f\u00fcr Sie die zentralen theoretischen Besonderheiten des republikanischen politischen Denkens?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Bruno Leipold (BL): <\/strong>Was mir in diesem Buch sehr wichtig war, <!--more-->ist die Rekonstruktion der historisch spezifischen Bedeutung des Republikanismus in jener Zeit, in der Marx selbst als Denker gepr\u00e4gt wurde. In der <a href=\"https:\/\/www.annualreviews.org\/content\/journals\/10.1146\/annurev.polisci.12.040907.120952\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Forschungsliteratur<\/a> wird der Republikanismus oft als eine Tradition dargestellt, die im antiken Athen und Rom entstand, in der Renaissance wiederbelebt wurde und dann nach der amerikanischen Revolution ausstarb. Diese Genealogie ist ein eingeschliffenes, jedoch falsches Narrativ. Der Republikanismus war im Europa des neunzehnten Jahrhunderts eine lebendige politische Ideologie und Bewegung. Tausende politische Aktivist*innen und Denker*innen beschrieben sich explizit als \u201eRepublikaner\u201c und wurden von Konservativen und Liberalen auch als solche identifiziert. Dieser durch und durch popul\u00e4re Republikanismus war dem Prinzip der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t zutiefst verpflichtet und sah sich selbst in einem Kampf f\u00fcr die Errichtung \u201edemokratischer\u201c Republiken gegen die den Kontinent beherrschenden Monarchien. Vor dem 19. Jahrhundert wurde die republikanische Tradition h\u00e4ufig der \u201eDemokratie\u201c oppositionell gegen\u00fcbergestellt, danach jedoch entwickelte sich der Republikanismus in vielerlei Hinsicht zur dominanten politischen Ideologie demokratischer Bewegungen. Darin unterscheidet sich republikanische Politik am deutlichsten vom Liberalismus jener Zeit \u2013 letztere lehnten Demokratie in dem von de Tocqueville gepr\u00e4gten Trugbild einer \u201eTyrannei der Mehrheit\u201c ab und versuchten ganz explizit, die Regierungsbeteiligung der Bev\u00f6lkerung durch Eigentumsbeschr\u00e4nkungen beim Wahlrecht zu zu begrenzen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-28313 size-full\" src=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/1.png\" alt=\"\" width=\"941\" height=\"625\" srcset=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/1.png 941w, https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/1-300x199.png 300w, https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/1-768x510.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 941px) 100vw, 941px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>La Terre Promise<\/em>, Rougeron Vignerot (1891). Line engraving. Courtesy of the Biblioth\u00e8que nationale de France.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dar\u00fcber hinaus setzten sich die republikanischen Bewegungen dieser Zeit f\u00fcr demokratische Bedingungen ein, die ganz eindeutig \u00fcber den vom Liberalismus beschr\u00e4nkten Verf\u00fcgungsbereich des Politischen hinausgingen. Die Vorstellung von Freiheit als Abschaffung \u201ewillk\u00fcrlicher Macht\u201c untermauerte sowohl ihre Kritik an der \u201eTyrannei\u201c monarchischer Regime als auch ihren Widerstand gegen die \u00dcbermacht kapitalistischer Arbeitgeber. Aufgrund dieses historischen Umstands waren f\u00fcr mich die politiktheoretischen und ideengeschichtlichen Arbeiten von Philip Pettit und Quentin Skinner wegweisend, die das zentrale Prinzip des Republikanismus als \u201eAbwesenheit willk\u00fcrlicher Macht\u201c rekonstruiert haben. Der demokratische Republikanismus des 19. Jahrhunderts entwickelte eine Politik, die man als nichtsozialistischen Antikapitalismus bezeichnen k\u00f6nnte. Es war der Versuch, die Proletarisierung der Handwerker durch soziale Ma\u00dfnahmen aufzuhalten und damit ihre Unabh\u00e4ngigkeit wiederherzustellen. Diese Vision der politischen \u00d6konomie war bei den Arbeitern sehr beliebt \u2013 man vergisst leicht, dass au\u00dferhalb Englands die Handwerker, nicht die Fabrikangestellten, damals einen der gr\u00f6\u00dften Teile der europ\u00e4ischen Arbeiter*innenklasse ausmachten. Es dauerte lange, bis sozialistische Prinzipien den Republikanismus als die vorherrschende Ideologie demokratischer Bewegungen abl\u00f6sten. Dies gelang dem Sozialismus zum Teil deshalb, weil er eine \u00fcberzeugendere politische \u00d6konomie anbot, die auf die Realit\u00e4t kapitalistischer Industrieproduktion reagierte. Gleichzeitig jedoch integrierte die sozialistische Bewegung viele Bestandteile des fr\u00fcheren republikanischen Radikalismus. Ich sehe Marx als Teil dieses historischen Prozesses.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>JS: <\/strong>Sie beschreiben wie Marx mit seinem zunehmenden Engagement in der kommunistischen Bewegung von seiner fr\u00fchen linkshegelianischen Unterst\u00fctzung einer \u201edemokratischen Republik\u201c abr\u00fcckte und immer mehr zu einer radikalen Ablehnung der \u201eb\u00fcrgerlichen Republik\u201c \u00fcberging. Erst die Pariser Kommune und ihre authentisch \u201eproletarischen\u201c politischen Institutionen h\u00e4tten Marx zwanzig Jahre sp\u00e4ter dazu gebracht, in seinem Bericht \u00fcber den <em>B\u00fcrgerkrieg in Frankreich <\/em>(1871) eine \u201esoziale Republik\u201c einzufordern. Wie unterscheidet sich dieses genuin r\u00f6mische Politikverst\u00e4ndnis des Republikanismus von jenen Diskursen, die seit Lenin als die \u201edrei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus\u201c gelten: deutsche Philosophie, englische politische \u00d6konomie und franz\u00f6sischer Sozialismus?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>BL: <\/strong>In den 1840er Jahren war Marx\u2018 Verh\u00e4ltnis zur republikanischen Bewegung in der Tat sehr eng, was politiktheoretisch wohl am deutlichsten im sogenannten Kreuznacher Manuskript, der unver\u00f6ffentlichten <em>Kritik des Hegelschen Staatsrechts <\/em>(1843) zum Ausdruck kommt. Dort skizzierte Marx noch umfassend eine demokratische Umstrukturierung der republikanischen Staatsform. \u00dcber die darauffolgenden Jahre jedoch bewegte sich Marx verst\u00e4rkt vom Republikanismus weg hin zum Kommunismus. Allerdings war dieser Kommunismus in vielen wichtigen Punkten eine Art \u201erepublikanischer Kommunismus,\u201c der die \u201eb\u00fcrgerliche Republik\u201c als wichtiger und historisch sogar notwendiger Schritt hin zur Befreiung des Proletariats begriff. Dies war eine wichtige Intervention gegen die vielen anti-politischen und anti-demokratischen Str\u00f6mungen, die damals in der sozialistischen Bewegung dominant waren. Gleichzeitig aber diente diese Republik f\u00fcr Marx in ihrer b\u00fcrgerlichen Form den Kapitalinteressen der Bourgeoisie, worauf die Idee einer Republik mit radikal-demokratischen Institutionen \u2013 wie sich es der junge Marx vorgestellt hat \u2013 immer mehr in den Hintergrund seiner politischen Schriften trat. Erst die Pariser Kommune verlieh der politischen Wirklichkeit der Republik, nun unter der Fahne der \u201eroten\u201c oder \u201esozialen Republik\u201c, auch f\u00fcr Marx eine tiefere emanzipatorische Bedeutung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In seinem Bericht \u00fcber den <em>B\u00fcrgerkrieg in Frankreich <\/em>(1871) gab Marx ganz eindeutig zu, dass er und Engels sich im <em>Manifest<\/em> geirrt h\u00e4tten. Die neugeschaffenen Institutionen der Pariser Kommunarden h\u00e4tten ihm deutlich gezeigt, dass der Sozialismus eine viel umfassendere politische Umgestaltung des Staates ben\u00f6tige und nicht einfach nur vom Proletariat in einer Revolution \u201e\u00fcbernommen\u201c werden k\u00f6nne. Um die \u201eHerrschaft des Proletariats\u201c herzustellen, m\u00fcssten s\u00e4mtliche politische Institutionen radikal \u201edemokratisch\u201c umstrukturiert werden \u2013 so wie es die Pariser Kommune vorgemacht habe: Abgeordnete der Nationalversammlungen erhielten gleiche L\u00f6hne wie die von ihnen repr\u00e4sentierten Arbeiter; das Stimmrecht in legislativen Entscheidungen wurde weisungsgebunden verfasst; Abgeordnete konnten vom Volk direkt abberufen werden. Auch der Exekutiv- und Verwaltungsapparat des Staates m\u00fcssten nach Marx nach dem Vorbild der Kommune umgestaltet werden, beispielsweise durch die Ersetzung stehender Heere durch B\u00fcrgermilizen und die Einf\u00fchrung einer direkten Wahl und Kontrolle der Staatsbeamten. F\u00fcr mich stellt diese zentrale politische Schrift nicht nur eine R\u00fcckkehr zu Marx\u2018 fr\u00fchen politischen Anliegen dar, sondern spiegelt auch ganz allgemein republikanische Forderungen jener Zeit wider, deren Urspr\u00fcnge sich bis zur Franz\u00f6sischen Revolution zur\u00fcckverfolgen lassen und in der Kommune ganz explizit als die Forderung nach einer \u201eSozialen Republik\u201c aufscheint.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Damit muss meines Erachtens die von Dir angesprochene, \u00fcberaus wirkm\u00e4chtige dreiteilige Darstellung Lenins der politisch-intellektuellen Einfl\u00fcsse von Marx um diese republikanische Komponente erg\u00e4nzt werden. So denkw\u00fcrdig sie auch ist, l\u00e4sst diese europ\u00e4ische republikanische Elemente v\u00f6llig au\u00dfer Acht. Interessanterweise geht dieses Bild einer politiktheoretischen Dreiteilung bis zu Moses Hess\u2018 Schrift \u00fcber <em>Die europ\u00e4ische Triarchie<\/em> von 1841 zur\u00fcck, die Marx und Engels in ihren fr\u00fchen Arbeiten zur Beschreibung der Einfl\u00fcsse auf die Entstehung des Sozialismus verwendeten. Dort sprechen sie jedoch von \u201efranz\u00f6sischer Politik\u201c und nicht von \u201efranz\u00f6sischem Sozialismus\u201c \u2013 eine Formulierung, die das republikanische Erbe wom\u00f6glich besser wiedergibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-28314 size-full\" src=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/2.png\" alt=\"\" width=\"933\" height=\"635\" srcset=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/2.png 933w, https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/2-300x204.png 300w, https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/2-768x523.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 933px) 100vw, 933px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Huldigung der Freiheit. Zur Erinnerung an die Reichstagswahl 1893, Hans Gabriel Jentzsch for Der Wahre Jacob<\/em>, Nr. 183, 29.7.1893.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>JS: <\/strong>Ich w\u00fcrde gerne mehr \u00fcber Ihre Theorie der Demokratie und ihr Verh\u00e4ltnis zum Republikanismus h\u00f6ren. Nicht nur zeitgen\u00f6ssische Autoren der radikalen Demokratietheorie wie Cornelius Castoriadis oder Jacques Ranci\u00e8re haben mit Nachdruck einen unaufl\u00f6sbaren Gegensatz zwischen Republikanismus und demokratischer Politik zur Geltung gebracht. Wie Sie selbst in Ihrem Buch einr\u00e4umen, hat der gesamte Kanon des republikanischen Denkens sich explizit von der demokratischen Staatsform abgegrenzt, von Polybius und Cicero bis Machiavelli, Rousseau oder Madison. Das republikanische \u201eMischregime\u201c wurde stets als Mittel zur Verhinderung demokratischer Herrschaft konzipiert, da jene auf einer direkten und gleichberechtigten Beteiligung aller Staatsb\u00fcrger*innen an der Regierung beruht. F\u00fcr s\u00e4mtliche Republikaner der Antike bis hin zur Moderne galt dies als eine verheerende politische B\u00fcrde. Deshalb sollte die Demokratie auch nur als \u201eein Element\u201c des Regierungssystems unter anderen eingegliedert werden, als Volkstribune mit Vetorecht in der Gesetzgebung oder als elektorale Volksrepr\u00e4sentation. Durch das \u201earistokratische Element\u201c des Senats oder Parlaments in legislativen Entscheidungen sowie das \u201emonarchische Element\u201c der Konsuln oder des Pr\u00e4sidenten mit zeitlich begrenzten Notstandsbefugnisse sollten die fatalen Ausw\u00fcchse dessen einged\u00e4mmt werden, was Madison eine \u201ereine Demokratie\u201c nannte. Meines Erachtens folgt Marx diesem traditionellen Verst\u00e4ndnis in seiner Kritik des Republikanismus, vor allem in den von Ihnen angesprochenen Arbeiten zu Hegels Rechtsphilosophie. Dort hei\u00dft es, dass die Republik nur \u201edie abstrakte politische Form der Demokratie\u201c sei. In einem republikanischen Staatswesen, so Marx, ist es eben gerade nicht der gesamte \u201e<em>demos<\/em>\u201c sondern nur \u201eein Teil\u201c der B\u00fcrgerschaft, der \u201eden Charakter des Ganzen bestimmt\u201c. Es scheint exakt dieser genuin demokratische Radikalismus zu sein, und zwar gegen das republikanische Prinzip der Gewaltenteilung, den Marx in seiner Sp\u00e4tschrift \u00fcber die Pariser Kommune wiederbelebt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>BL: <\/strong>Meine Weigerung, diese traditionelle Opposition zwischen Republik und Demokratie zu wiederholen, ist das Resultat meiner historischen Kontextualisierung des Republikanismus im neunzehnten Jahrhundert \u2013 politische Begriffe sind nicht einfach monolithische Kategorien, ihre Bedeutung ist das Produkt historisch spezifischer K\u00e4mpfe und es ist genau diese diskursive Auseinandersetzung, die ich in meinem Buch rekonstruiere. In einem Text nach dem anderen aus dieser Zeit behandeln Republikaner und ihre Gegner \u201eDemokratie\u201c und \u201eRepublik\u201c tats\u00e4chlich als Synonyme. Republikaner beschrieben sich selbst und wurden diffamiert als \u201eDemokraten\u201c oder \u201eRadikale\u201c. Die Idee einer Republik als \u201egemischtes System\u201c aus Demokratie, Aristokratie und Monarchie verschwindet in den republikanischen Diskursen jener Zeit nahezu vollst\u00e4ndig und entspricht vielmehr dem Liberalismus des neunzehnten Jahrhunderts. Deshalb ist meines Erachtens auch der Versuch, die Demokratie dem Republikanismus gegen\u00fcberzustellen, in der theoretischen Analyse dieser Epoche schlicht und ergreifend falsch. Eine sorgf\u00e4ltige Rekonstruktion der politischen Kontexte ist unumg\u00e4nglich um den theoretischen Wandel in Marx\u2018 Werk zu verstehen. Vorgefertigte Definition des \u201eRepublikanismus\u201c und der \u201eDemokratie\u201c, wie sie gerade in neueren linken Theoriedebatten vertreten werden, machen dies jedoch unm\u00f6glich \u2013 ein Ansatz, der, wie ich zugebe, meine erste Besch\u00e4ftigung mit dem Thema gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es stimmt nat\u00fcrlich, dass vor dem neunzehnten Jahrhundert der Gegensatz zwischen Republikanismus und Demokratie eine gewisse politische und begriffliche Legitimit\u00e4t besitzt. Madisons ber\u00fchmtes Argument bei der Verfassungskonferenz in Philadelphia 1787, das sich letztendlich in der Entscheidung \u00fcber das Regierungssystem der USA durchsetzte und bis heute in Kraft ist, unterschied ganz explizit zwischen den direkten Demokratien der Antike und einer der modernen Gesellschaft entsprechenden repr\u00e4sentativen Republik (Federalist Nr. 10). Ich finde ich es jedoch \u00fcberaus merkw\u00fcrdig, dass dieser durch und durch liberale Diskurs \u00fcber die Republik vollkommen unkritisch in seinem ideologischen Gehalt akzeptiert wird. Beunruhigenderweise wird diese verabsolutierte Unterscheidung zwischen Demokratie und Republik heute auch h\u00e4ufig von amerikanischen Konservativen instrumentalisiert, um jegliche Demokratisierungsforderungen vonseiten der Linken abzuwehren. Ich habe den Verdacht \u2013 dem ich tats\u00e4chlich in meinem kommenden Forschungsvorhaben nachgehen will \u2013 dass Madison sich gegen die Versuche der Anti-Federalisten gewehrt haben k\u00f6nnte, die den Begriff der \u201eRepublik\u201c in eine demokratischere Verfassungsgestalt umzupr\u00e4gen versuchten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In jedem Fall halte ich Montesquieus Unterscheidung zwischen einer \u201edemokratischen Republik\u201c und einer \u201earistokratischen Republik\u201c, abh\u00e4ngig davon ob das ganze Volk oder nur ein Teil regiert, f\u00fcr weitaus pr\u00e4gnanter. Politiktheoretisch bringt sie auf den Begriff, wie in der Geschichte des Republikanismus volkst\u00fcmliche und elit\u00e4re Elemente um die verfassungsrechtliche Bedeutung der Republik gek\u00e4mpft haben, sei es in den Auseinandersetzungen der Plebejer gegen die Patrizier im antiken Rom oder den <em>popolo<\/em> gegen die <em>grandi<\/em> im Florenz der Renaissance. Machiavelli hat dies auf eindr\u00fccklichste Weise in seinen <em>Diskursen \u00fcber Livius <\/em>(1519) deutlich gemacht, wie der Chicagoer Politiktheoretiker John McCormick in seiner <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/john-mccormick-machiavelli-und-der-populistische-schmerzensschrei-t-9783518299869\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">j\u00fcngst auf deutsch erschienen Arbeit<\/a> nachgezeichnet hat. Der popul\u00e4reren, demokratischen Seite des Republikanismus wird bedauerlicherweise in der Forschung wenig Aufmerksamkeit geschenkt wie auch <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/books\/abs\/rethinking-liberty-before-liberalism\/democratic-republicanism-in-the-early-modern-period\/088A7E82B5DF6FAA285CA2E6BF94030D\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Annelien de Dijn<\/a> sehr sch\u00f6n gezeigt hat. Das mag sicher daran liegen, dass geschichtlich genau diese anti-elit\u00e4ren Elemente des Republikanismus immer eher die \u00e4rmeren B\u00fcrger*innen ansprachen, die freilich weniger Zugang zu den Mitteln ideologischer Produktion hatten und vielleicht nicht einmal lesen und schreiben konnten. Deshalb sind diese diskursiven Realit\u00e4ten auch kaum aufgezeichnet und \u00fcberliefert, was die Ideengeschichte letztlich auch einseitig zugunsten eines aristokratischen Republikanismus gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>JS:<\/strong> Das politik- und sozialtheoretische Herzst\u00fcck ihres Buches bildet wohl das sechste Kapitel, in dem Sie eine Lekt\u00fcre der drei B\u00e4nde von Marx\u2018 <em>Kapital: Kritik der Politischen \u00d6konomie <\/em>vorlegen, die sich gegen die in der derzeitigen Rezeption eingeschliffene Behauptung wehrt, dass kapitalistische Herrschaft nach Marx auf einer rein \u201eindirekten\u201c oder \u201eabstrakten Form\u201c beruhe. Sie argumentieren, dass die St\u00e4rke von Marx\u2018 Theorie gerade darin liege, sowohl \u201edirekte\u201c als auch \u201eindirekte\u201c Formern der Herrschaft des Kapitals denken zu k\u00f6nnen \u2013 Arbeiter seien sowohl durch konkrete, individuelle Kapitalisten und ihre Vorarbeiter beherrscht als auch durch ein abstraktes Wirtschaftssystem, das selbst jene individuellen Kapitalisten dazu zwinge, ihre Ausbeutung der Arbeit unaufh\u00f6rlich zu intensivieren. Auch hier argumentieren Sie, dass \u201eim Mittelpunkt dieser Darstellung republikanische Vorstellungen von Abh\u00e4ngigkeit, Knechtschaft und Unfreiheit\u201c stehen. K\u00f6nnen Sie erl\u00e4utern, wie scheinbar nur ein republikanischer Diskurs es Marx erm\u00f6glicht h\u00e4tte, die kapitalistische Produktionsweise auf diese Weise zu theoretisieren, und wie dar\u00fcber hinaus er damit sogar \u201eauch diese republikanischen Ideen erweitert und transformiert\u201c h\u00e4tte?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>BL:<\/strong> Marx hat in der Tat immer beide Modalit\u00e4ten kapitalistischer Herrschaft theoretisiert, wie der direkte Antagonismus in der konkreten Produktionsst\u00e4tte zwischen den Lohn- und Gesundheitsbed\u00fcrfnissen der Arbeitenden und den Profitinteressen der Kapitaleigner wortw\u00f6rtlich erzwungen wird durch die abstrakten Akkumulationsdynamiken eines global operierenden Wirtschaftssystems namens Kapitalismus. Marx vergleicht das Verh\u00e4ltnis zwischen Kapitalisten und Vorgesetzten \u00fcber die Arbeiter*innen in der Fabrik an unz\u00e4hligen zentralen Stellen seines Werkes mit der willk\u00fcrlichen Macht eines absoluten Monarchen \u00fcber seine Untertanen. Besonders deutlich wird dies in den vielen detaillierten Berichten, die Marx in den 1860er Jahren f\u00fcr die Internationale Arbeiterassoziation (IAA, oder Erste Internationale) \u00fcber die Arbeitsbedingungen in ganz Europa verfasste. Diese Berichte sind eine vernachl\u00e4ssigte Fundgrube, um Marx\u2018 politische Rhetorik zu analysieren und ein augenscheinliches Archiv, um die Zentralit\u00e4t republikanischer Begriffe f\u00fcr Marx\u2018 politische Theorie nachzuzeichnen. Er beschreibt, wie die Fabrik unter der \u201eTyrannei\u201c des Kapitals \u201edespotische Bedingungen\u201c \u00fcber die Arbeit verh\u00e4ngt. F\u00fcr mich war es sehr auff\u00e4llig wie \u00e4hnlich seine Polemik hier seinem fr\u00fcheren politischen Journalismus nahekommt, wie zum Beispiel der Vorwurf, dass der Kapitalist bei der Verh\u00e4ngung von Geldstrafen f\u00fcr die Arbeitenden \u201eAnkl\u00e4ger und Richter\u201c in einer Person ist, ohne dem Arbeiter die M\u00f6glichkeit zu geben, das Urteil anzufechten. Das ist dasselbe genuin republikanische Argument, das Marx gegen die preu\u00dfische Regierungszensur \u00fcber die Meinungsfreiheit vorgebracht hatte. Was Marx hier theoriegeschichtlich vornimmt, ist die republikanischen Anklage willk\u00fcrlicher Macht vom Staatspolitischen auf das Soziale zu \u00fcbertragen \u2013 eine genuin republikanische Politisierung von sozialen Verh\u00e4ltnisse, die der Liberalismus bis heute zu depolitisieren versucht. Die Sprache des Republikanismus zwang sich Marx geradezu auf, und zwar deshalb, so meine These, weil sie im 19. Jahrhundert als wirkm\u00e4chtigster politischer Diskurs der popul\u00e4ren Klassen remobilisiert wurde.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich versuche durch meine Arbeit, dieses genuin republikanische Moment als normative und begriffliche Grundlage f\u00fcr die Analyse der spezifischen Form der Unfreiheit im Kapitalismus starkzumachen. Meine \u00dcberlegungen sind dabei Alex Gourevitch und William Clare Roberts zu verdanken, die die Wirkm\u00e4chtigkeit republikanischer Ideen auch f\u00fcr die Beschreibung von wirtschaftlichen Herrschaftsbedingungen so eindr\u00fccklich entwickelt haben. Denn der republikanische Diskurs wurde f\u00fcr Marx auch f\u00fcr die politische Beschreiung der strukturellen Herrschaftsform des kapitalistischen Wirtschaftssystems taktangebend. In einer ber\u00fchmten Formulierung beschreibt Marx, wie Sklaven und Leibeigene einem bestimmten Herren geh\u00f6ren, w\u00e4hrend die Lohnarbeitenden zum Besitz der gesamten Kapitalistenklasse werden. Da sie nicht die Eigent\u00fcmer ihrer Produktionsmittel sind, sei das Proletariat dazu verdammt, einen kapitalistischen Herren finden zu m\u00fcssen \u2013 auch wenn sie die formale \u201eFreiheit\u201c haben, den Kapitalisten selbst zu w\u00e4hlen, f\u00fcr den sie arbeiten. Damit sind es politisch generalisierte wirtschaftliche Strukturen, die die Arbeitenden unter die Herrschaft eines Kapitalisten zwingen, und mit ihrer wachsenden strukturellen Abh\u00e4ngigkeit von der Kapitalistenklasse w\u00e4chst auch ihre Beherrschung am Arbeitsplatz. Man denke hier auch an Marx\u2018 Begriff der \u201eReservearmee der Arbeitslosen\u201c, deren strukturell notwendige Vergr\u00f6\u00dferung die Macht des Proletariats verringert, effektiv zu verhandeln und zu streiken. Die pers\u00f6nlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, die die Fabrik pr\u00e4gen, sind deshalb nicht auf ein abstrakt \u201esadistisches Verlangen\u201c der Kapitalisten zur\u00fcckzuf\u00fchren. Sie k\u00f6nnen hinreichend nur damit erkl\u00e4rt werden, dass Herrschaft hier strukturell durch das systematische Ausbeutungsverh\u00e4ltnis zwischen Kapital und Arbeit bedingt ist, sei es durch die brutale Verl\u00e4ngerung des Arbeitstages oder die subtilere Aneignung von Produktivit\u00e4tsgewinnen. Letzten Endes werden all diese Aspekte der kapitalistischen Herrschaft nach Marx durch die \u201eunpers\u00f6nlichste\u201c Form der Herrschaft untermauert: den Markt. Marx vertrat die Auffassung, dass der Kapitalismus jeden \u2013 auch die Kapitalisten \u2013 dem Marktimperativ der st\u00e4ndigen Akkumulation unterwirft. \u201eGute\u201c Kapitalisten, die ihre Arbeiter nicht beherrschen oder ausbeuten wollen, werden durch die billigeren Waren ihrer Konkurrenten vom Markt verdr\u00e4ngt. Damit sind wir alle einer abstrakten, unpers\u00f6nlichen Macht unterworfen, die wir nicht kontrollieren k\u00f6nnen, wie sehr auch immer die Aufrechterhaltung dieser unpers\u00f6nlichen Herrschaft freilich auch Menschen erfordert. Auch hier spricht Marx st\u00e4ndig von der \u201ewillk\u00fcrlichen\u201c und \u201etyrannischen\u201c Macht des Marktes und \u00fcbertragt damit den vormals auf Personen beschr\u00e4nkten Begriff republikanischer Freiheit auf abstrakte Sozialverh\u00e4ltnisse. Im <em>Manifest <\/em>wird dann auch der Versuch artikuliert, die tyrannische Willk\u00fcr \u00f6konomischer Verh\u00e4ltnisse durch die proletarische \u201eAneignung der Produktionsmittel\u201c abzuschaffen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>JS:<\/strong> Sie betonen auch die zentrale Bedeutung des Begriffs der \u201eLohnsklaverei\u201c f\u00fcr Marx\u2018 Theorie kapitalistischer Herrschaft \u2013 ein weiterer zentraler Bestandteil neorepublikanischer Theoriebildung, die die Abschaffung der Sklaverei als genuin republikanisches Anliegen vertritt. Viele Wissenschaftler*innen, insbesondere in den Black Studies oder auch Iris D\u00e4rmann im deutschsprachigen Raum, haben diesen Vergleich von Lohnarbeit mit Sklaverei heftig kritisiert und ihn als Ausdruck eines systematischeren Problems der Sozialtheorie Marx\u2018 dargestellt. So haben beispielsweise Cedric Robinson oder Denise Ferreira da Silva argumentiert, dass Marx die zentrale Rolle der transatlantischen Sklaverei f\u00fcr die Schaffung des Kapitalismus und damit f\u00fcr die Moderne als Ganze untersch\u00e4tzt, wenn nicht sogar ignoriert hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>BL: <\/strong>Die Kritik an Marx\u2018 blinden Flecken ist wichtig und vollkommen richtig, sicherlich h\u00e4tte er die Wechselwirkung der Sklaverei mit dem Kapitalismus in seiner Theorie viel ernster nehmen m\u00fcssen. Vielleicht h\u00e4tte er anders dar\u00fcber nachgedacht, wenn er nach Amerika ausgewandert w\u00e4re, wie so viele seiner deutschen Exilgenossen von 1848. Auf jeden Fall hat die Metapher oder Analogie der \u201eLohnsklaverei\u201c eine komplizierte und teils problematische Geschichte. Sklavenhalter in den S\u00fcdstaaten missbrauchten sie manchmal sogar, um die Sklaverei gegen\u00fcber der Lohnarbeit zu rechtfertigen. Und zwar mit dem Vorwand, dass sie sich um ihre Sklaven k\u00fcmmern w\u00fcrden, w\u00e4hrend die Fabrikbesitzer im Norden ihre Arbeiter beim ersten Anzeichen einer Krise entlie\u00dfen und sie verhungern lie\u00dfen. Leider findet sich auch bei einigen fr\u00fchen europ\u00e4ischen Radikalen und Sozialisten ein \u00e4hnliches Argument. Sie bef\u00fcrworteten die Sklaverei zwar nicht, aber benutzten den Begriff der Lohnsklaverei auf eine rassistische Art und Weise, die die Bedingungen f\u00fcr wei\u00dfe Arbeiter in Europa als schlimmer darstellte als die f\u00fcr schwarze Sklaven in Amerika. Selbst der junge Engels behauptete, dass Lohnsklaven in der Fabrik intensiver \u00fcberwacht wurden als amerikanische Sklaven auf dem Feld.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist jedoch \u00fcberaus wichtig zu betonen, dass Marx den Begriff \u201eLohnsklaverei\u201c nicht in diesem Sinne verwendet. Er stellt zwar fest, dass im Gegensatz zum Lohnarbeitenden Sklaven von ihrem Herrn versorgt wurden und doch behauptet er meines Wissens nie, sogenannte \u201efreie Arbeiter\u201c sei schlimmer als Sklaverei. Im <em>Kapital <\/em>ist er sehr eindeutig in der Feststellung, dass die brutalste Form der Herrschaft jene der amerikanischen Sklaven sei, die ebenfalls der versch\u00e4rften Ausbeutung durch den Wettbewerbsdruck des globalen Kapitalismus ausgesetzt sind. Marx\u2018 Verwendung des Begriffs der Lohnsklaverei dient dazu, die Unfreiheit der vermeintlich \u201efreien\u201c Arbeiter hervorzuheben, nicht um die noch gr\u00f6\u00dfere Unfreiheit der Sklaven zu leugnen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Trotzdem nat\u00fcrlich stellt sich die Frage, ob es \u00fcberhaupt angemessen ist, von Sklaverei zu sprechen. Meiner Meinung nach m\u00fcssen wir jedoch bedenken, dass die Situation der englischen Arbeiter*innen 1824 nicht gleichzusetzen sind mit den Bedingungen der europ\u00e4ischen Lohnarbeitenden unserer Zeit. Wenn es keinen Wohlfahrtsstaat und keine Arbeitslosenversicherung gibt und die Gewerkschaften verboten sind, dann ist die Herrschaft der Arbeitgeber von einem solchen Ausma\u00df, dass ein Vergleich mit der Sklaverei durchaus angebracht erscheint. In einem brillanten Aufsatz hat <a href=\"https:\/\/journals.sagepub.com\/doi\/10.1177\/14748851241289254\">Tom O&#8217;Shea<\/a> k\u00fcrzlich den hilfreichen Vorschlag gemacht, man solle den Begriff \u201eLohnsklaverei\u201c nur f\u00fcr solche F\u00e4lle von Lohnarbeit reservieren, in denen die Arbeitnehmer einem so hohen Ma\u00df an willk\u00fcrlicher Macht ausgesetzt sind, dass ihre Existenzgrundlage bedroht ist. Wenn die Willk\u00fcr des Arbeitgebers dieses Ausma\u00df nicht erreicht, k\u00f6nnen (und sollten) wir zwar immer noch von wirtschaftlicher \u201eHerrschaft\u201c sprechen, nicht jedoch von Lohnsklaverei. Das scheint eine vern\u00fcnftige Art zu sein, die Analogie anzuwenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em><a href=\"https:\/\/brunoleipold.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bruno Leipold<\/a> ist Fellow in Politischer Theorie an der London School of Economics and Political Science und wird ab Mai 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl f\u00fcr Politische Theorie an der Durham University.<\/em><\/p>\n<p><em>Jochen Schmon <span style=\"font-weight: 400;\">promoviert in politischer Theorie am Institut f\u00fcr Politikwissenschaft an der New School for Social Research in New York City. Seine Arbeit wird derzeit als Stipendiat der Mellon Foundation unterst\u00fctzt. Er besch\u00e4ftigt sich mit der Begriffsgeschichte der Sklaverei und den diskursiven Resonanzen abolitionistischer Politik in den Begriffen radikaler politischer Bewegungen der Moderne wie dem Feminismus, Republikanismus, Anarchismus und Kommunismus.<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Citizen Marx: Republicanism and the Formation of Karl Marx\u2019s Social and Political Thought\u00a0(Princeton University Press) legte der Politische Theoretiker Bruno Leipold k\u00fcrzlich eine Monographie \u00fcber Karl Marx und sein komplexes Verh\u00e4ltnis zur Tradition des Republikanismus\u00a0vor. 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