{"id":27613,"date":"2024-05-21T10:00:37","date_gmt":"2024-05-21T08:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theorieblog.de\/?p=27613"},"modified":"2024-06-04T16:46:59","modified_gmt":"2024-06-04T14:46:59","slug":"kritik-und-konstruktion-betrachtungen-zur-intellectual-history-der-grundgesetzentstehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2024\/05\/kritik-und-konstruktion-betrachtungen-zur-intellectual-history-der-grundgesetzentstehung\/","title":{"rendered":"Kritik und Konstruktion. Betrachtungen zur Intellectual History der Grundgesetzentstehung\u00a0"},"content":{"rendered":"<p><em>Anl\u00e4sslich des 75. Jahrestags der Verk\u00fcndung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 ver\u00f6ffentlicht der Theorieblog heute und morgen zwei Beitr\u00e4ge, die die Debatten um das Grundgesetz ideenhistorisch betrachten. <\/em><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\"><em>Den Auftakt macht Alexander Gallus aus Perspektive der Intellectual History.<br \/>\n<\/em><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Auch wenn der 23. Mai als der Tag, an dem das Grundgesetz verk\u00fcndet wurde, weder nationaler Gedenk- noch gesetzlicher Feiertag ist, markiert er doch wie kaum ein zweites Datum den Gr\u00fcndungsmoment der Bundesrepublik. Anl\u00e4sslich des f\u00fcnfundsiebzigsten Jubil\u00e4ums erscheint es umso angebrachter, diesen herausgehobenen Erinnerungsort der neuesten deutschen Geschichte prominent herauszustellen. Dieser Aufgabe hat sich das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland mit der <\/span><a href=\"https:\/\/www.hdg.de\/haus-der-geschichte\/historische-orte\/unser-grundgesetz\"><span data-contrast=\"none\">Ausstellung \u201eUnser Grundgesetz\u201c<\/span><\/a><span data-contrast=\"auto\"> und einer sie begleitenden Veranstaltungsreihe unter der \u00dcberschrift \u201eEin gro\u00dfer Wurf\u201c gestellt.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Die Verabschiedung des Grundgesetzes erscheint so besehen wie die Grundsteinlegung f\u00fcr die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, jener viel beschworenen \u201egegl\u00fcckten Demokratie\u201c (Edgar Wolfrum). Die Geschichte vom Siegeszug einer Verfassung, die anfangs nur als Transitorium gelten sollte und eben deshalb den Titel \u201eGrundgesetz\u201c erhielt, wird nicht zuletzt damit erkl\u00e4rt, dass es \u00fcber die institutionellen, prozeduralen und normativen Grundlagen des neuen Staates hinaus bald als Dokument galt, das eine lebendige Demokratie erm\u00f6glichte und sogar so etwas wie einen \u201eVerfassungspatriotismus\u201c hervorzurufen vermochte.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b><i><span data-contrast=\"auto\">Intellektuelle Skepsis \u2013 oder: kein Zauber des Anfangs<\/span><\/i><\/b><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:2,&quot;335551620&quot;:2,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Wer sich zur\u00fcckbegibt in die Jahre, als die verfassungsrechtliche Neuordnung (West\u2011)Deutschlands zur Disposition stand, betritt hingegen ein kontroverses Feld, das neben fachkompetenten Juristen und politisch mandatierten Entscheidungstr\u00e4gern auch \u201afreischwebende\u2018 Intellektuelle mit bestellen wollten. Die letztgenannte Gruppe soll in exemplarischer Weise in den Blick geraten, um darzulegen, wie wenig Anlass das Grundgesetz von einer entstehungsgeschichtlichen Warte aus gab, in diesem Vorgang einen feierw\u00fcrdigen Gr\u00fcndungsakt als Beginn der bis heute anhaltenden <\/span><i><span data-contrast=\"auto\">success story<\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\"> zu erkennen.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><!--more--><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Politisch-ideelle Selbstverst\u00e4ndigungsdiskurse geh\u00f6ren zu einer Verfassungsgeschichte, die sich nicht auf Vorg\u00e4nge der rechtlichen Normierung beschr\u00e4nkt, vielmehr die politische Verfasstheit des Gemeinwesens und die ethisch-moralische Konstitution der Gesellschaft samt damit verbundenen legitimatorischen, identifikatorischen und deutungskulturellen Dimensionen in den Blick nimmt, woraus sich zusammengenommen erst so etwas wie eine <\/span><i><span data-contrast=\"auto\">Intellectual History<\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\"> der Verfassung ergibt. Die in sie hinein t\u00f6nenden Stimmen der Intellektuellen selbst k\u00f6nnen dabei einen herausgehobenen Rang beanspruchen, kommt ihnen doch w\u00e4hrend transformativer Krisenzeiten eine Doppelrolle zu: Dann stehen sie nicht nur als Kritiker politisch-gesellschaftlicher Ordnungen parat, sondern auch als Konstrukteure des gedanklichen Um- und Neubaus, der in einer Verfassung fixiert werden soll.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">In den \u00dcbergangsjahren zwischen 1945 und 1949 erhoben die Intellektuellen einen erh\u00f6hten politischen Gestaltungsanspruch und wollten zentrale Leitideen in die neue Verfassungsgebung einbezogen wissen. Sosehr sie \u2013 zumal im R\u00fcckblick \u2013 Au\u00dfenseiterpositionen bezogen und sich mit ihren Anliegen nicht durchsetzen konnten, verwiesen sie damit doch auf ihnen bedeutsam erscheinende Problemkomplexe, die beispielhaft in den Begriffspaaren \u201eRevolution\/Legitimation\u201c, \u201eDemokratie\/Logokratie\u201c und \u201eFreiheit\/Sozialismus\u201c gefasst werden k\u00f6nnen. Diese Ideenwelten, die mit den Namen von Walter Dirks, Kurt Hiller und Alfred Weber verbunden sind, zeithistorisch n\u00e4her zu kolorieren, soll im Folgenden wenigstens skizzenhaft geschehen. Sie handeln von Visionen und Reklamationen gleicherma\u00dfen.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b><i><span data-contrast=\"auto\">Revolution\/Legitimation<\/span><\/i><\/b><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:2,&quot;335551620&quot;:2,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Aus Sicht vieler intellektueller Kritiker war im Falle des Parlamentarischen Rates und des Grundgesetzes bereits der Vorgang der Verfassungsgebung selbst ein unzureichender. Wie kaum ein Zweiter beklagte Walter Dirks in seinen linkskatholisch gef\u00e4rbten <\/span><a href=\"https:\/\/zdb-katalog.de\/title.xhtml?idn=010033955&amp;view=full\"><i><span data-contrast=\"none\">Frankfurter Heften<\/span><\/i><\/a><span data-contrast=\"auto\">, dass dieser Verfassungsgebung kein legitimierender Willensakt \u2013 am besten in Form einer Revolution \u2013 vorausgegangen war. In der Tradition des republikanischen Verfassungsdenkens wies er dem Gr\u00fcndungsakt einen besonders hohen identit\u00e4tsstiftenden Rang zu, ohne den Bindung und Loyalit\u00e4t der B\u00fcrger dem neuen rechtlichen Regelwerk gegen\u00fcber kaum zu erreichen seien.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Mit gro\u00dfer publizistischer Verve wollte er eine Art Blaupause zur Gestaltung der Zweiten Republik liefern. Gleich 1946 sprach er im Auftaktjahrgang seiner neuen Zeitschrift von einer den Deutschen erneut geschenkten Revolution. Nach 1918 sei es vers\u00e4umt worden, sie mit richtigem \u201eStaatsinhalt\u201c zu f\u00fcllen; diese zweite Chance d\u00fcrfe nun nach 1945 nicht erneut vergeben werden. Die Zweite Republik sollte nach Dirks\u2019 Wunsch von vornherein eine sein, die \u201einhaltlich\u201c statt \u201eformalistisch\u201c, \u201ezukunftswillig\u201c statt \u201epositivistisch\u201c auszugestalten sei. Das neue \u201eStaatsgrundgesetz\u201c hatte mithin aus \u201eParagraphen der Zukunft\u201c zu bestehen, wie er es schw\u00e4rmerisch formulierte.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Dirks\u2019 Erwartungshaltung war gro\u00df, die folgende Entt\u00e4uschung umso gr\u00f6\u00dfer. Den Parlamentarischen Rat kritisierte er im Juni 1949 daf\u00fcr, dass es diesem schmucklosen und von den Alliierten reglementierten Gremium \u201enicht gelungen\u201c sei, wie auch Allensbacher Umfragen belegen w\u00fcrden, \u201eein starkes und positives Interesse des deutschen Volkes an dieser seiner ersten vorl\u00e4ufigen Verfassung zu erwecken\u201c. Das dann verabschiedete Grundgesetz l\u00f6ste ihm zufolge weder Gl\u00fccksgef\u00fchle aus noch bot es Anlass f\u00fcr Feste. Der \u201ekomplizierte Kompromiss von Bonn\u201c habe nichts von einem \u201eMeisterwerk\u201c und verspr\u00fche keinen Esprit. Die \u201eGelegenheit einer konstruktiven sozialen Revolution\u201c h\u00e4tten die Verfassungsmacher ungenutzt vor\u00fcbergehen lassen. Dass dem \u201eWerk von Bonn\u201c einmal ein historischer Rang zukommen k\u00f6nnte, zog Dirks von vornherein in Zweifel. Ab dem Moment, als seine Revolutionslust in Restaurationsfrust umschlug, sah er nach der Weimarer auch die Bonner Republik fr\u00fchzeitig auf die schiefe Bahn geraten.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b><i><span data-contrast=\"auto\">Demokratie\/Logokratie<\/span><\/i><\/b><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:2,&quot;335551620&quot;:2,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Mit Kurt Hiller griff ein anderer gro\u00dfer Unbequemer aus Weimars Zeiten die Verfassungsfrage bereits in den letzten Kriegsmonaten auf. In London erschien im Mai 1945 der von ihm herausgegebene Band <\/span><a href=\"https:\/\/d-nb.info\/577013823\"><i><span data-contrast=\"none\">After Nazism \u2013 Democracy?<\/span><\/i><\/a><span data-contrast=\"none\"> mit seinem Aufsatz \u201eThe Problem of Constitution<\/span><span data-contrast=\"auto\">\u201c, <\/span><a href=\"https:\/\/d-nb.info\/1280282282\"><span data-contrast=\"none\">der 2023 erstmals in deutscher \u00dcbersetzung publiziert wurde<\/span><\/a><span data-contrast=\"auto\">. Der promovierte Jurist Hiller war ein unerm\u00fcdlicher K\u00e4mpfer f\u00fcr eine Geistesaristokratie oder Logokratie und geh\u00f6rte ab Mitte der 1920er Jahre zu den tonangebenden Stammautoren des unabh\u00e4ngigen linken publizistischen Flaggschiffs <\/span><i><span data-contrast=\"auto\">Weltb\u00fchne<\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\">, bevor er im Exil \u2013 zun\u00e4chst von Prag, dann von London aus \u2013 unter widrigen Umst\u00e4nden um politisch-publizistische Wirkung bem\u00fcht blieb.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Hiller erinnerte daran, wie vieldeutig und formbar der Demokratiebegriff in der fluiden Transformationsphase nach 1945 noch war. Die einzige deutsche Erfahrungswelt mit der parlamentarischen Demokratie war die Weimarer Republik, die zun\u00e4chst nur als Abschreckungsbeispiel fungierte. Wollte man das Demokratieexperiment wagen, so musste sich die Zweite von der Ersten Republik abgrenzen und die n\u00f6tigen Lehren daraus ziehen. Hiller sah andere Korrekturen vor, als sie der Parlamentarische Rat schlie\u00dflich vornahm. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr ein Zweikammer-System, bestehend aus einem demokratisch gew\u00e4hlten Parlament und einer Kammer der Geistigen. Dieses \u201eCouncil of Minds\u201c besa\u00df legislative Kompetenzen und hatte die politischen Zielvorstellungen vorzugeben. Ein nach allgemeinem Wahlrecht zusammengesetztes \u201eSupervising Council\u201c w\u00fcrde eine gleicherma\u00dfen beratende wie kontrollierende Funktion erf\u00fcllen. So erhoffte sich Hiller ein ausbalanciertes Verh\u00e4ltnis von Mehrheitsdemokratie und Logokratie, einer \u201erule of Equality\u201c und \u201erule of Quality\u201c.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Gewiss wirkten diese geistesaristokratischen W\u00fcnsche verstiegen. Sie waren aber mehr als ein blo\u00dfes Kuriosum, bedenkt man verwandte Initiativen f\u00fcr eine berufsst\u00e4ndisch zusammengesetzte Zweite Kammer oder die Massen(demokratie)skepsis und den elit\u00e4ren Erziehungsauftrag, den im Grunde alle intellektuellen Initiativen jener Zeit anmahnten; schlie\u00dflich auch allerlei sp\u00e4tere, bis in unsere Gegenwart reichende Initiativen, Experten und wissensbasierte R\u00e4te als Erg\u00e4nzung des parlamentarischen Tagesgesch\u00e4fts einzusetzen.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">An Hillers Fall l\u00e4sst sich zudem eine weitere wichtige Denkbewegung nachvollziehen: n\u00e4mlich angesichts der totalit\u00e4ren Erfahrung hin zur notwendigen Erweiterung der Demokratie als demokratischer Rechts- und Verfassungsstaat, dem es vorrangig oblag, Minderheiten und jeden Einzelnen vor staatlicher Willk\u00fcr zu sch\u00fctzen. Indem Hiller sich f\u00fcr eine St\u00e4rkung individueller Grund- und Schutzrechte einsetzte, n\u00e4herte er sich, ob ihm das behagte oder nicht, einem liberalen Verfassungsdenken an. Einem solchen Demokratieverst\u00e4ndnis gem\u00e4\u00df, das unterstrich er dick in seiner Schrift <\/span><a href=\"https:\/\/d-nb.info\/577013823\"><i><span data-contrast=\"none\">After Nazism \u2013 Democracy?<\/span><\/i><\/a><span data-contrast=\"auto\">, \u201eist der Staat f\u00fcr die Menschen da, nicht die Menschen f\u00fcr den Staat [\u2026]\u201c.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Dieser Satz, den Hiller erstmals mehr als zwanzig zuvor formuliert hatte und dessen Urheberschaft er beanspruchte, strahlte unmittelbar auf die fr\u00fche Verfassungsgeschichte der Bundesrepublik aus. Schlie\u00dflich begann so der <\/span><a href=\"https:\/\/www.verfassungen.de\/de49\/chiemseerentwurf48.htm\"><span data-contrast=\"none\">Chiemseer Entwurf f\u00fcr das Grundgesetz<\/span><\/a><span data-contrast=\"auto\">. Vor diesem Hintergrund wandte er sich im \u00dcbrigen mit Carlo Schmid an einen herausragenden Akteur des Verfassungskonvents, um herauszufinden, wer ihm die Ehre erwiesen hatte, die Formulierung prominent in den Verfassungsentwurf einbringen. <\/span><a href=\"https:\/\/kalliope-verbund.info\/query?q=Nachlass%20Carlo%20Schmid&amp;htmlFull=false&amp;lang=de&amp;fq=ead.origination.index%3A%28%22Schmid%2C%20Carlo%20%281896-1979%29%22%29&amp;lastparam=true\"><span data-contrast=\"none\">\u201eDer Satz \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Staat\u201c, lie\u00df Schmid Hiller wissen, \u201eist in den Grundrechtskatalog gekommen, ohne dass irgendeiner der Ausschussmitglieder gewusst h\u00e4tte, dass er von Ihnen gepr\u00e4gt worden ist. Offensichtlich ist er schon im Bewusstsein oder Unterbewusstsein der Menschen so fest verwurzelt, dass niemand mehr sagen kann, woher er stammt.\u201c<\/span><\/a><span data-contrast=\"auto\"> S<\/span><span data-contrast=\"none\">o oder so gelangte das Diktum nicht ins Grundgesetz, wof\u00fcr Hiller sp\u00e4ter den Einfluss eines restaurativen Adenauer-Regiments verantwortlich machte. Die neue Verfassung nannte er kurz nach ihrer Verk\u00fcndung <\/span><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/1949\/24\/das-grundgesetz-als-prosastueck\/komplettansicht\"><span data-contrast=\"none\">am 16. Juni 1949 in der <\/span><i><span data-contrast=\"none\">ZEIT<\/span><\/i><\/a><span data-contrast=\"none\"> ein missgl\u00fccktes \u201eProdukt von Bonn\u201c. Schon aufgrund des entfallenen Auftaktsatzes schrieb der einzig den eigenen Leitvorstellungen verpflichtete Geistesarbeiter ohne Umschweife: \u201eDer Entwurf von Herrenchiemsee war hundertmal besser.\u201c<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b><i><span data-contrast=\"none\">Freiheit\/Sozialismus<\/span><\/i><\/b><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:2,&quot;335551620&quot;:2,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Sosehr Hiller die Freiheit eines jeden Einzelnen betonte, pl\u00e4dierte er doch trotzdem f\u00fcr eine sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Die Verbindung von Freiheit und Sozialismus verfocht auch die Heidelberger Aktionsgruppe zur Demokratie und zum freien Sozialismus unter der \u00c4gide des Soziologen Alfred Weber. Mit dem Stichwort des Sozialismus rekurrierte er dabei auf nicht viel mehr als eine gemeinschaftliche Verantwortlichkeit und die \u201eKollektivverbundenheit\u201c jedes Einzelmenschen, wie es bereits 1946 in der kleinen, gemeinsam mit Alexander Mitscherlich herausgebrachten <\/span><a href=\"https:\/\/portal.dnb.de\/bookviewer\/view\/105362896X#page\/n1\/mode\/2up\"><span data-contrast=\"none\">Programmschrift <\/span><i><span data-contrast=\"none\">Freier Sozialismus<\/span><\/i><\/a><span data-contrast=\"auto\"> hie\u00df. Hiller \u00e4hnlich, legte Weber den Nachdruck auf das freiheitliche Element. Auch er strich die rechtsstaatliche Komponente der Demokratie hervor, die Menschenrechte als staatlich einklagbare B\u00fcrgerrechte zu garantieren habe.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Es gelang dem j\u00fcngeren Bruder Max Webers, in den \u00dcbergangsjahren ab 1946 einen hochkar\u00e4tig zusammengesetzten Gespr\u00e4chszirkel aus Politikern, Professoren und Publizisten, zu versammeln und offen \u00fcber die Zukunftsgestaltung des Landes zu diskutieren. Neben vielen anderen beteiligten sich an den Heidelberger Tagungen Dolf Sternberger, Alexander Mitscherlich, Ferdinand Friedensburg, Robert Kempner und Carlo Schmid. <\/span><a href=\"https:\/\/d-nb.info\/012782637\"><span data-contrast=\"none\">Eine Sitzung widmete sich der \u201ek\u00fcnftigen deutschen Gesamtverfassung\u201c<\/span><\/a><span data-contrast=\"auto\">. Obgleich sich der Kreis in einer Resolution f\u00fcr eine f\u00f6deralistische und parlamentarisch-demokratische Verfassung aussprach, begegnete er dem sp\u00e4teren Grundgesetz mit gro\u00dfer Skepsis. Mit dem Entstehungsprozess und der Verabschiedung des Verfassungsdokuments verband der Zirkel alles andere als eine Aufbruchsstimmung. Dies musste schon deswegen als gravierender Mangel wahrgenommen werden, als etwa Friedensburg in der Diskussion hervorhob, es komme \u201enicht so sehr auf die Verfassungsartikel an\u201c, sondern vielmehr darauf, an ihr \u201elebendig und verantwortungsfreudig\u201c mitzutun und sich mit ihr als Ger\u00fcst des neuen Staatsgebildes \u201einnerlich verbunden\u201c zu f\u00fchlen.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Dieses Argument rief damals allerdings ausgerechnet die scharfe Kritik des sp\u00e4teren Urhebers der \u201eVerfassungspatriotismus\u201c-Idee Sternberger hervor. Ihm missfiel es, die Verfassung als den Ort, an dem die \u201eSpielregeln der politischen Technik\u201c schriftlich niedergelegt w\u00fcrden, gegen\u00fcber einer \u201edemokratischen Gesinnung\u201c in den Hintergrund zu r\u00fccken. Aber auch diesen Spielregeln selbst traute Sternberger anfangs nicht viel zu. Alles andere als frohgemut gestimmt, sprach er nur zwei Tage nach Verabschiedung des Grundgesetzes <\/span><a href=\"https:\/\/d-nb.info\/118542427X\"><span data-contrast=\"none\">gegen\u00fcber seiner Freundin Hannah Arendt von einem \u201eschw\u00e4chlichen Bonner Machwerk\u201c<\/span><\/a><span data-contrast=\"auto\">.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b><i><span data-contrast=\"auto\">Schlussbemerkung<\/span><\/i><\/b><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:2,&quot;335551620&quot;:2,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Dass das Grundgesetz mit der Zeit zu einem Erfolgsmodell avancieren sollte, erwartete keiner der intellektuellen Kritiker und Verfassungskonstrukteure. Jede ihrer Leitperspektiven f\u00fcr sich adressierte ein unerf\u00fcllt bleibendes Ziel, das zumindest als Utopie, als unerreichter Nicht-Ort Sehns\u00fcchte freisetzen konnte und als eine Art Ideenarchiv unter gewandelten Kontextbedingungen auf eine Wiederbelebung ungenutzter Denkfiguren hoffen durfte.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Wenn man \u201eVerfassung\u201c nicht nominalistisch-positivistisch versteht, sondern mit <\/span><a href=\"http:\/\/rg.rg.mpg.de\/en\/article_id\/1589\"><span data-contrast=\"none\">Hans Vorl\u00e4nder<\/span><\/a><span data-contrast=\"auto\"> als ein \u201eIneinander gesetzter, gedachter und gelebter Ordnung\u201c, dann wirkt ein solches, wenn auch schlummerndes Konfliktpotenzial konkurrierender Konzeptionen doch relevanter, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Anhand der damals nicht verwirklichten Ideenwelten sind Sehepunkte erkennbar, die einst in die Defensive geratene Denkm\u00f6glichkeiten fixieren, die w\u00e4hrend sp\u00e4terer Jahrzehnte <\/span><span data-contrast=\"auto\">&#8211;<\/span><span data-contrast=\"auto\"> ob im Erz\u00e4hlmodus vers\u00e4umter Chancen und M\u00e4ngelanzeigen oder neu entfachter Hoffnungen und Tr\u00e4ume <\/span><span data-contrast=\"auto\">&#8211;<\/span><span data-contrast=\"auto\"> bisweilen als Ankn\u00fcpfungspunkte dienen konnten.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Nicht zuletzt der freie oder freiheitliche Sozialismus blieb eine faszinierend schillernde Zielvorstellung, weil sie in fast harmonischer Weise den Wunsch nach einer neuen Synthese bediente und einen Ausweg aus zwei in unterschiedlicher Weise unbefriedigenden gesellschaftlichen Formationen \u2013 zwischen West und Ost, Kapitalismus und Kommunismus \u2013 versprach. Dieser Dritte Weg, eigentlich eher eine Dritte Idee oder Dritte M\u00f6glichkeit, konnte am Ideenhorizont als bessere Alternative funkeln, gerade weil sie keine wirkliche Praxisrelevanz erlangte. Das eigene, hehre Ideal lie\u00df sich der zumeist kruden Wirklichkeit der ersten und zweiten Wege mit all ihren Unzul\u00e4nglichkeiten gegen\u00fcberstellen.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">Als Ausdruck dieser kruden Wirklichkeit galt anfangs auch das Grundgesetz. Stellvertretend f\u00fcr seine intellektuellen Mitstreiter hoffte Dirks kurz nach dessen Inkrafttreten lediglich, dass von diesem Verfassungsdokument keine Blockadewirkung ausgehen und es \u201eeiner besseren Welt nicht zu sehr im Wege stehen\u201c m\u00f6ge. Dass sich das Bonner Produkt einmal als Paragraphenwerk der Zukunft erweisen oder \u201egro\u00dfer Wurf\u201c gefeiert werden k\u00f6nnte, lag au\u00dferhalb seiner Vorstellungswelt. Daran zu erinnern, geh\u00f6rt zu einer <\/span><i><span data-contrast=\"auto\">Intellectual History<\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\"> des Grundgesetzes, die auch in diesem Falle an der Rekonstruktion zeitgebundener ideenpolitischer Kampfsituationen besonders interessiert bleibt.<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-contrast=\"auto\">\u00a0<\/span><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559731&quot;:708,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><i><span data-contrast=\"auto\">Alexander Gallus lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Chemnitz. Als Vertreter einer <\/span><\/i><span data-contrast=\"auto\">Intellectual History<\/span><i><span data-contrast=\"auto\"> des 20. und 21. Jahrhunderts macht er sich f\u00fcr eine Verkn\u00fcpfung von Zeit- und Ideengeschichte stark.<\/span><\/i><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:6,&quot;335551620&quot;:6,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span data-ccp-props=\"{&quot;201341983&quot;:0,&quot;335551550&quot;:2,&quot;335551620&quot;:2,&quot;335559739&quot;:0,&quot;335559740&quot;:360}\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 75. Jahrestags der Verk\u00fcndung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 ver\u00f6ffentlicht der Theorieblog heute und morgen zwei Beitr\u00e4ge, die die Debatten um das Grundgesetz ideenhistorisch betrachten. Den Auftakt macht Alexander Gallus aus Perspektive der Intellectual History. Auch wenn der 23. 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