{"id":25691,"date":"2022-10-10T12:00:07","date_gmt":"2022-10-10T10:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theorieblog.de\/?p=25691"},"modified":"2022-11-03T18:01:43","modified_gmt":"2022-11-03T17:01:43","slug":"postkolonialitaet-und-die-methodologie-normativer-politischer-theorie-ina-kerners-zpth-artikel-in-der-diskussion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2022\/10\/postkolonialitaet-und-die-methodologie-normativer-politischer-theorie-ina-kerners-zpth-artikel-in-der-diskussion\/","title":{"rendered":"Postkolonialit\u00e4t und die Methodologie normativer politischer Theorie. Ina Kerners ZPTh-Artikel in der Diskussion"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.budrich-journals.de\/index.php\/zpth\/issue\/view\/3103\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-19487 size-full\" src=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/zpth.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"282\" \/><\/a><em>Der Themenschwerpunkt &#8222;Postkolonialit\u00e4t und die Krise der Demokratie&#8220; pr\u00e4gt die gerade neu erschiene Ausgabe der <a href=\"http:\/\/zpth.de\/\">Zeitschrift f\u00fcr Politische Theorie<\/a>. Der von <a href=\"https:\/\/www.sowi.hu-berlin.de\/de\/lehrbereiche\/theorie-der-politik\/mitarbeiter\/dr-jeanette-ehrmann\">Jeanette Ehrmann<\/a> herausgegebenen Schwerpunkt umfasst Beitr\u00e4ge von <a href=\"https:\/\/institucional.ufpel.edu.br\/servidores\/id\/63997\">Luciana Ballestrin<\/a> \u00fcber die Abwesenheit des Globalen S\u00fcdens in der Debatte um die Krise liberaler Demokratien, von <a href=\"https:\/\/www.ipw.uni-hannover.de\/de\/oliver-eberl\/\">Oliver Eberl<\/a> \u00fcber die Herausforderung indigener B\u00fcrgerschaft f\u00fcr die Demokratietheorie und von <a href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/newsroom\/dossiers\/neue_gesichter\/portraets\/2021\/gundula-ludwig.html\">Gundula Ludwig<\/a> \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Demokratie und die Kolonialit\u00e4t der Gewalt. <a href=\"https:\/\/www.uni-koblenz-landau.de\/de\/koblenz\/fb2\/ik\/institut\/spw\/kerner\">Ina Kerners<\/a> Beitrag, den wir <\/em><em>als Gegenstand f\u00fcr die aktuelle ZPTh-Debatte ausgew\u00e4hlt haben und der damit zugleich <a href=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Kerner-2022-Zur-Kolonialitaet-liberaler-Demokratie.pdf\">hier open access verf\u00fcgbar<\/a> ist, widmet sich der<\/em><em> Kolonialit\u00e4t der liberalen Demokratie. Vervollst\u00e4ndigt wird das Heflt durch <a href=\"https:\/\/nccr-onthemove.ch\/who-is-who\/people\/?start=b&amp;p_id=8508\">Marco Bitschnaus<\/a> Diskussion sexualpolitischer Dimorphismen und <a href=\"https:\/\/www.politikwissenschaft.tu-darmstadt.de\/institut\/personen_pw\/krause__skadi_siiri\/skadi_siiri_krause_1.de.jsp\">Skadi Krauses<\/a> Skizze der Figur des aktiven B\u00fcrgers in der politischen Ideengeschichte.<br \/>\nWie immer w\u00fcnschen wir eine gute Lekt\u00fcre der facettenreichen Beitr\u00e4ge. Wir \u00fcbergeben nun an Floris Biskamp, der in seinem Kommentar zu Ina Kerners Beitrag vor allem methodologische Fragen in den Fokus r\u00fcckt. Auch in diesem Fall laden wir herzlich zum Mitdiskutieren in den Kommentarspalten ein. Ina Kerner wird im Anschluss antworten. Die Theorieblog-Redaktion<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>In ihrem Beitrag <em>Zur Kolonialit\u00e4t der liberalen Demokratie<\/em> nimmt Ina Kerner aktuelle Diskussionen um eine Krise der Demokratie zum Ausgangspunkt, um verschiedene Formen postkolonialer Theoriekritik zu rekonstruieren. Ich m\u00f6chte ihre dabei formulierten Thesen aufnehmen, um dar\u00fcber zu reflektieren, welche Implikationen diese postkolonialen Kritiken f\u00fcr die <em>Methodologie normativer Theoriebildung<\/em> haben: Wie sollten wir westlichen Theoretiker:innen im globalen Norden unseren Beruf in Zukunft anders betreiben, wenn wir diese Kritiken ernstnehmen? Daf\u00fcr rekapituliere ich zun\u00e4chst die beiden von Kerner formulierten Thesen und ordne ihnen jeweils eine Methode zu, deren Herausforderungen ich erl\u00e4utere: postkoloniale Ideologiekritik und plurale theoretische Diskurse.<!--more--><\/p>\n<p><strong><em>Postkoloniale Theoriekritik in zweimal zwei Thesen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Kerner rekonstruiert verschiedene Formen postkolonialer Theoriekritik. Sie skizziert zwei Thesen, die jeweils in zwei Unterthesen untergliedert sind.<\/p>\n<p>These 1 lautet, dass Theorie und Realit\u00e4t liberaler Demokratie historisch und gegenw\u00e4rtig eng mit (neo-)kolonialer und rassistischer Machtaus\u00fcbung verkn\u00fcpft sind. Unterthese 1a zielt mit Achille Mbembe darauf, dass westliche Demokratie zwar die Idee der Gleichheit aller Menschen proklamierte, in der Praxis jedoch rassifizierte Gruppen aus der Menschheit ausschloss. Unterthese 1b zielt mit James Tully darauf, dass westliche Versuche, Demokratie weltweit zu verbreiten, mit einem \u201elow intensity\u201c-Konzept von liberaler Demokratie arbeiten, das in seiner Praxis Selbstbestimmung im globalen S\u00fcden nicht erm\u00f6gliche, sondern unterminiere \u2013 zum politischen und \u00f6konomischen Vorteil des globalen Nordens.<\/p>\n<p>These 2 lautet, dass in nichtwestlichen Traditionen und Kontexten eigenst\u00e4ndige normative Reflexionen vollzogen werden, die wir politischen Theoretiker:innen im Westen nicht ignorieren sollten. Unterthese 2a) zielt mit Iris Marion Young darauf, dass das in der westlichen Tradition g\u00e4ngige Demokratieverst\u00e4ndnis auch nichtwestliche Quellen hat, die im hegemonialen Diskurs ausgeblendet bleiben oder gar systematisch unsichtbar gemacht wurden \u2013 konkret geht es um Institutionen der Haudenosaunee, von denen die \u201aGr\u00fcnderv\u00e4ter\u2018 der USA einiges \u00fcber die M\u00f6glichkeiten von Selbstregierung lernten. These 2b zielt mit Jean und John Comaroff darauf, dass nichtwestliche Traditionen Reflexionen zu bieten haben, die \u00fcber im westlichen Diskurs vorherrschende Demokratiekonzeptionen hinausweisen \u2013 konkret geht es um eine auf \u201eder politischen Kultur der Setswana\u201c (S. 193) fu\u00dfende Kritik an partizipativer und deliberativer Substanzlosigkeit blo\u00df formal-prozeduraler elektoraler Demokratie.<\/p>\n<p>In diesem Kommentar m\u00f6chte ich nicht die Validit\u00e4t dieser Thesen in ihren Details diskutieren, sondern stattdessen von ihnen ausgehend \u00fcber methodologische Fragen reflektieren: <em>Was bedeuten diese postkolonialen Kritiken f\u00fcr unsere Praxis als politische Theoretiker:innen? <\/em>Wenn die Aufgabe normativer politischer Theorie darin besteht, theoretische Kriterien f\u00fcr die Bewertung politischer Ordnungen, politischer Ideensysteme und politischer Praxis zu formulieren (und dagegen scheinen weder Kerner noch die von ihr rekonstruierte postkoloniale Kritik etwas zu haben), inwiefern muss sie dies <em>auf andere Weise<\/em> tun, wenn sie sich f\u00fcr postkoloniale Reflexion \u00f6ffnet? Welche Methoden m\u00fcssten wir in der Theoriearbeit verfolgen, um postkoloniale Reflexionen in unserer Praxis systematisch einzubeziehen? Um diese Fragen zu beantworten, rekonstruiere ich aus Kerners Text zwei unterschiedliche Methoden, die je einer der beiden Thesen entsprechen: der ersten entspricht die Ideologiekritik und der zweiten ein pluraler normativer Diskurs.<\/p>\n<p><strong><em>Methodische Folgen aus These 1:<br \/>\nPolitische Theorie muss ideologiekritisch reflektieren, welche Dynamiken die von ihr legitimierten Normen in der gesellschaftlichen Praxis in verschiedenen Kontexten entfalten<\/em><\/strong><\/p>\n<p>These 1 l\u00e4uft in der Praxis auf eine Methode <em>ideologiekritischer Reflexion<\/em> hinaus, wie sie auch die materialistische Tradition seit (mindestens) anderthalb Jahrhunderten einfordert. In ihren theoretisch reizvollen, nicht reduktionistischen Varianten zielt Ideologiekritik nicht darauf, normative Theorien als blo\u00dfe \u201aVerschleierung\u2018 von Herrschaft zu \u201aentlarven\u2018; ebensowenig geht es ihr darum, den normativen Kern der liberalen Tradition, also (stark abgek\u00fcrzt) die Idee der Autonomie, einfach zur\u00fcckzuweisen. Vielmehr zielt Ideologiekritik auf den Nachweis, dass sich einige normative Theorien in der Praxis systematisch de-realisieren, wenn man versucht, sie zu realisieren \u2013 <a href=\"https:\/\/www.academia.edu\/19368061\/Rethinking_Ideology\">so bestimmt Rahel Jaeggi den Begriff<\/a>. Bestimmte normative Konzeptionen von Autonomie entfalten demnach in ihrer gesellschaftlichen Realisierung normativ nicht vorgesehene Dynamiken, die Autonomie (im globalen S\u00fcden) systematisch unterminieren. Ein klassisches Beispiel f\u00fcr solche Ideologiekritik ist <a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me23\/me23_161.htm\">Marx\u2018 Kritik liberaler Theorie als \u201eFreiheit, Gleichheit, Eigentum, und Bentham\u201c<\/a>: Wenn eine normative Konzeption von Selbstbestimmung die Institution des Privateigentums (an Produktionsmitteln) umfasse, f\u00fchre das in der Praxis zu (kapitalistischen) Dynamiken, die sowohl individuelle als auch kollektive Selbstbestimmung unterminierten anstatt sie zu erm\u00f6glichen \u2013 <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/354696463_Liberalism_is_good_in_theory_but_in_practice_it_just_doesn't_work_Four_immanent_critiques_of_liberalism_and_possible_liberal_answers_Paper_presented_on_August_9_2021_at_the_summer_school_Philosophy_in\">eine Argumentation, deren Validit\u00e4t freilich zu belegen w\u00e4re.<\/a> Postkoloniale Ideologiekritik zielt (wie die von Kerner rekapitulierten Thesen Tullys) auf globale Zusammenh\u00e4nge: Welche Dynamiken entfalten normative Theorien, die in L\u00e4ndern Nordens im Kontext westlicher Traditionen formuliert wurden, bei ihrer globalen Realisierung in L\u00e4ndern des S\u00fcdens? De-realisieren sie sich?<\/p>\n<p>Solche postkoloniale Ideologiekritik steht insbesondere vor zwei Herausforderungen: Zun\u00e4chst ist zu diskutieren, in welchem Ma\u00dfe die De-Realisierung einer normativen Theorie notwendig oder akzidentiell ist. Denn die sparsame Antwort auf die in These 1a ge\u00fcbte Kritik besteht zumeist darin, dass man z.B. die \u201aproblematischen Stellen\u2018 in den Werken von Locke, Hegel usw. anerkennt, aber als dem theoretischen Kern ihrer Werke \u00e4u\u00dferlich abtut. Postkoloniale Kritik w\u00e4re dann lediglich eine ideengeschichtliche Pflicht\u00fcbung, in der man betroffen nickend zugesteht, dass die Geschichte irgendwie unangenehm war. F\u00fcr die normative Theoriebildung im engeren Sinne h\u00e4tte sie aber keine Folgen.<\/p>\n<p>Das s\u00e4he anders aus, wenn es der Kritik gel\u00e4nge, eine notwendige oder zumindest systematische Verbindung zwischen einer normativen Theorie und kolonialer Praxis aufzuzeigen. Wenn man z.B. darlegen k\u00f6nnte, dass ein Lockeanischer Liberalismus in der Realit\u00e4t auf gar nichts anderes als koloniale Ausbeutung hinauslaufen kann, h\u00fclfe es nichts, Lockes \u00c4u\u00dferungen \u00fcber die Amerikas zu historisieren; die Theorie selbst w\u00e4re infrage gestellt. Eine entsprechende Methode ist in Tullys Kritik liberaler Demokratie angelegt.<\/p>\n<p>Will sich postkoloniale Ideologiekritik dieser Herausforderung stellen, muss sie insbesondere diskutieren, welche gesellschaftlichen Bedingungen die Realisierung bestimmter normativer Theorien hat und welche Dynamiken sie entfacht \u2013 sowohl im spezifischen lokalen als auch im globalen Rahmen. So verweisen die von Kerner wiedergegebenen Kritiken von Ileana Rodriguez und Tully darauf, dass bestimmte normative Konzeptionen von liberaler Demokratie, die in den kapitalistischen Zentren trotz aller Krisen einigerma\u00dfen funktionieren, dies in anderen L\u00e4ndern wom\u00f6glich nicht k\u00f6nnen \u2013 weil die materiellen und soziokulturellen Bedingungen dort (nicht zuletzt aufgrund kolonialer Gewaltgeschichte und postkolonialer Dominanz) andere seien. Um solche Reflexionen zu erm\u00f6glichen, m\u00fcsste politische Theorie immer auch Gesellschaftstheorie und politische \u00d6konomie betreiben.<\/p>\n<p>Die zweite Herausforderung dieser Ideologiekritik besteht darin, darzulegen, welche normativen Konzeptionen man anstelle der kritisierten Theorien vertritt. Zwar <em>muss<\/em> sich Kritik nicht darauf festlegen lassen, \u201abessere Vorschl\u00e4ge\u2018 zu machen. Aber es t\u00e4te ihrer \u00dcberzeugungskraft gut, wenn sie es k\u00f6nnte: Wie also m\u00fcsste man Autonomie konzipieren, damit sie sich in ihrer Realisierung nicht de-realisiert (und dies in einer von kolonialer Geschichte, globaler Ungleichheit und differenten Traditionen gepr\u00e4gten Welt)?<\/p>\n<p><strong><em>Methodische Folgen aus These 2:<br \/>\nEs braucht plurale theoretische Diskurse \u00fcber plurale normative Ordnungen \u2013 f\u00fcr die aber auch ein demokratischer Rahmen definiert werden muss<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Fragt man, wie wir methodisch auf die in These 2 aufgezeigten theoretischen Beitr\u00e4ge nichtwestlicher Traditionen reagieren sollen, scheint im Falle von These 2a auf den ersten Blick wiederum eine relativ sparsame Antwort auszureichen: Wenn zentrale demokratietheoretische Ideen von nichtwestlichen Traditionen adaptiert wurden, m\u00fcssen wir diese Quellen ebenso benennen wie alle anderen. Auf den zweiten Blick erweist sich dieses korrekte Setzen von Fu\u00dfnoten jedoch als unzureichend: Wenn nicht nur zuf\u00e4llig hier und da eine Quelle \u201avergessen\u2018, sondern der Beitrag nichtwestlicher Quellen in der westlichen Theorieproduktion systematisch unsichtbar gemacht wurde, sollte dies Folgen haben. Dann m\u00fcssen wir die strukturellen, institutionellen und kulturellen Bedingungen dieser Ausblendung sichtbar machen und \u00fcberwinden, um analoge Prozesse zuk\u00fcnftig unwahrscheinlicher zu machen.<\/p>\n<p>Eine angemessene Reaktion auf These 2b ist noch herausfordernder. Denn hier geht es nicht nur darum, dass die theoretischen Reflexionen, die wir ohnehin vornehmen, nichtwestliche Quellen haben. Es geht auch darum, dass die in anderen Traditionen angestrengten Reflexionen \u00fcber unsere hinausweisen, deren Probleme aufzeigen und andere, potenziell bessere Konzeptionen von Demokratie entwerfen \u2013 wie es Kerner mit den Comaroffs am Beispiel von Botswana darlegt. Eine erste Folgerung ist relativ offensichtlich: Wenn wir normative Theorie betreiben, sollten wir uns von <em>keiner <\/em>Quelle m\u00f6glicher Argumente und Ideen abschneiden. Also ist das Ziel, wie von der interkulturellen politischen Theorie schon lange angestrebt, Routinen globaler politisch-theoretischer Diskurse und daraus hervorgehende Lernprozesse zu entwickeln. Dabei misst die postkoloniale Perspektive der Reflexion von Machtasymmetrien und historischer Gewalt besondere Bedeutung bei, sodass Interkulturalit\u00e4t nicht voreilig als symmetrisch und harmonisch vorgestellt werden d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Denkt man die Praxis eines solchen Theoretisierens weiter, zeigen sich noch gr\u00f6\u00dfere Herausforderungen. Denn im politisch-theoretischen Diskurs reicht es nicht, dass viele Stimmen geh\u00f6rt werden. Politische Theoretiker:innen m\u00fcssen auch Kriterien haben, nach denen sie \u00fcber die Geltung der von diesen Stimmen formulierten Argumente entscheiden. Dies gilt auch im postkolonialen Rahmen. Die von Kerner skizzierte postkoloniale Kritik zielt nicht auf einen Relativismus, in dem in jeder Gesellschaft nur die normativen Ma\u00dfst\u00e4be der je \u201aeigenen\u2018 Tradition gelten. Die Indigenit\u00e4t einer normativen Konzeption kann schon deshalb kein Ausweis ihrer Validit\u00e4t sein, weil es in fast allen Gesellschaften konkurrierende und einander widersprechende Normen gibt, die nicht zugleich richtig sein k\u00f6nnen \u2013 und zudem Konflikte und kritikw\u00fcrdige Dominanzverh\u00e4ltnisse. Vielmehr ist der normative Zielhorizont aller von Kerner aufgenommenen Kritiken durch Demokratie und Autonomie bestimmt. Alle im Text benannten Kritiken liberaler Demokratie erfolgen im Namen von Demokratie. Jedoch wird man auch nicht jede im Namen von \u201aDemokratie\u2018 formulierte Kritik liberaler Demokratie akzeptieren wollen (Carl Schmitts Parlamentarismuskritik ja hoffentlich nicht). Entsprechend wird man auch jenseits des Bekenntnisses zu \u201aDemokratie\u2018 Geltungskriterien anlegen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und nun wird es kompliziert: Denn wenn ein theoretischer Diskurs daraus werden soll, m\u00fcssten diese Kriterien (wie vorl\u00e4ufig und fallibilistisch auch immer) begr\u00fcndet und systematisiert werden. Und wie w\u00fcrde man dies tun, wenn nicht in einer Weise, die einem kantischen oder habermasianischen Projekt sehr \u00e4hnlich s\u00e4he (ohne sich freilich auf diese Quellen berufen zu m\u00fcssen)? Etwas Besseres als normativer Pluralismus in den Grenzen von universalistischer (kommunikativer) Vernunft f\u00e4llt mir jedenfalls nicht ein.<\/p>\n<p>Aber auch wenn der Rahmen des Theoretisierens am Ende kantisch oder habermasianisch anmuten k\u00f6nnte, geben die von Kerner vorgebrachten postkolonialen Kritiken gute Gr\u00fcnde, die real existierenden kantischen oder habermasianischen Demokratietheorien zu \u00fcberdenken: Dies m\u00fcsste \u00fcberall da geschehen, wo sie die konkreten Bedingungen und Dynamiken ihrer Realisierung in einer von kolonialer Geschichte, globaler Ungleichheit und differenten Traditionen gepr\u00e4gten Welt nicht hinreichend reflektieren. Wie Kerner deutlich macht, m\u00fcsste politische Ordnung durch ein erhebliches Ma\u00df an regionalem Pluralismus gepr\u00e4gt sein. Ihre Bedingung w\u00e4re aber wohl auch eine Abschw\u00e4chung globaler Ungleichheit. Und bei all dem w\u00e4re noch in einer klimapolitisch nachhaltigen Weise die materielle Versorgung von acht Milliarden Menschen zu gew\u00e4hrleisten \u2013 wie diese enorme Leistung zu vollbringen sein soll, m\u00fcssten auch postkoloniale Verfechter:innen einer neuen Weltordnung, \u201edie souver\u00e4ne Einheiten wie Nationalstaaten transzendiert, so lokal wie m\u00f6glich ansetzt und prim\u00e4r die je Betroffenen involviert\u201c (S. 198), reflektieren. Denn auch diese Theorie sollte darauf achten, dass ihre Realisierung keine De-Realisierung w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Floris Biskamp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholischen Universit\u00e4t Eichst\u00e4tt Ingolstadt sowie Postdoc im Promotionskolleg Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarit\u00e4t an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten z\u00e4hlen politische Theorie, politische \u00d6konomie, Populismusforschung und Rassismusforschung.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Themenschwerpunkt &#8222;Postkolonialit\u00e4t und die Krise der Demokratie&#8220; pr\u00e4gt die gerade neu erschiene Ausgabe der Zeitschrift f\u00fcr Politische Theorie. 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