{"id":22916,"date":"2020-10-21T09:30:42","date_gmt":"2020-10-21T07:30:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theorieblog.de\/?p=22916"},"modified":"2020-11-03T08:19:48","modified_gmt":"2020-11-03T07:19:48","slug":"buchforum-radikale-demokratietheorien-zur-einfuehrung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2020\/10\/buchforum-radikale-demokratietheorien-zur-einfuehrung-2\/","title":{"rendered":"Buchforum: Radikale Demokratietheorien zur Einf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p class=\"OFM\"><strong>Wer kann einer so freundlich-polemischen Gespr\u00e4chseinladung schon widerstehen? <\/strong><\/p>\n<p class=\"OFM\"><strong>Eine Replik auf Hubertus Buchsteins Kritik radikaler Demokratietheorien<\/strong><\/p>\n<p class=\"OFM\">Hubertus Buchstein hat meine kleine <a href=\"https:\/\/www.junius-verlag.de\/Programm\/Radikale-Demokratietheorien-zur-Einfuehrung.html\">Einf\u00fchrung in die radikalen Demokratietheorien<\/a> zum Anlass einer kritischen Auseinandersetzung mit dem radikaldemokratischen Denken genommen, die er als <a href=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2020\/10\/buchforum-radikale-demokratietheorien-zur-einfuehrung\/\">freundliche Polemik<\/a> untertitelt \u2013 und tats\u00e4chlich ist sein Text durchg\u00e4ngig wertsch\u00e4tzend und dialogorientiert im Tonfall. Buchstein w\u00e4re aber nicht der mit allen argumentativen Wassern gewaschene Autor, als der er sich in einer Vielzahl an ma\u00dfgeblichen Beitr\u00e4gen zur Demokratietheorie der Gegenwart in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erwiesen hat, wenn er nicht w\u00fcsste, dass so freundlich vorgetragen die inhaltliche H\u00e4rte der Einw\u00e4nde umso nachhaltiger wirkt.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p class=\"OFM\">Nun ist Buchsteins Text nicht nur freundlich, sondern in mindestens einer entscheidenden Hinsicht trotz aller Sch\u00e4rfe der vorgetragenen Argumente auch gro\u00dfz\u00fcgig: Die Polemik ist n\u00e4mlich beinahe durchg\u00e4ngig als Einladung zu einem gemeinsamen Nachdenken \u00fcber die Aufgaben der (kritischen) Demokratietheorie angelegt, und diese Einladung m\u00f6chte ich gerne annehmen. Allerdings deute ich das als eine Einladung zum gemeinsamen Nachdenken \u00fcber ungekl\u00e4rte Aufgaben, Herausforderungen und, ja, auch Defizite, aber eben nicht nur der radikalen Demokratietheorie, sondern von Demokratietheorie und politikwissenschaftlicher Demokratieforschung im weiteren Sinne. Gegen den von Buchsteins scharfsinniger Argumentation nahelegten Eindruck, dass das radikale Demokratiedenken zu viele Fragen offenlasse, mache ich dabei aber geltend, dass sich unter R\u00fcckgriff auf radikaldemokratische \u00dcberlegungen eine ganze Reihe fruchtbarer Denkperspektiven er\u00f6ffnen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig hervorzuheben (auch das macht Buchstein dankenswerterweise durchg\u00e4ngig deutlich), <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/radikale_demokratietheorie-_29848.html\">dass radikale Demokratietheorien keineswegs eine einheitliche Denkschule darstellen.<\/a> Ich werde im Folgenden immer versuchen, kenntlich zu machen, auf welches Argument ich jeweils zur\u00fcckgreife, kann aber meine eigene Positionierung im radikaldemokratischen Diskurs in der hier gebotenen K\u00fcrze nicht umfangreich entfalten. In der Kritik einiger Positionen innerhalb des radikaldemokratischen Diskurses stimme ich \u00fcbrigens mit Buchstein \u00fcberein und konfrontiere sie u.a. in meiner Einf\u00fchrung selbst mit kritischen Einw\u00e4nden \u2013 da Buchstein dies in seinem Text aber selbst kenntlich macht, werde ich diese Punkte nicht nochmals behandeln.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Wichtig f\u00fcr die radikaldemokratische Position, der ich selbst zuneige, ist dabei allerdings ein Verst\u00e4ndnis von Demokratietheorie, das von dem in der Politischen Theorie \u00fcblichen \u2013 und nach meinem Eindruck auch bei Buchstein implizit vorausgesetzten \u2013 deutlich abweicht: Unter Demokratietheorie verstehe ich n\u00e4mlich keineswegs den Entwurf oder gar die Begr\u00fcndung von Modellen von Demokratie, sondern, wie auch unter Demokratie selbst, in erster Linie eine kritische Befragungsaktivit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Dieses abweichende Verst\u00e4ndnis von Demokratietheorie l\u00e4sst sich aber viel leichter vor dem Hintergrund von Buchsteins konkreten Einw\u00e4nden verdeutlichen. Dabei handelt es sich nach meinem Eindruck vor allem um drei Gruppen kritischer Nachfragen an radikale Demokratietheorien: Ein erster Bereich betrifft die Stellung und Deutung von Kontingenz, sowie deren Beziehung zur Normativit\u00e4t und zu etwas, das er als den \u201etheoretischen Bedeutungskern\u201c von Demokratie bezeichnet (1); in einem zweiten Bereich wendet er sich dem radikaldemokratischen Denken in seiner Eigenschaft als Demokratie<i>theorie<\/i> zu und fragt sich in diesem Zusammenhang vor allem auch, warum dieses, so sein Eindruck, eine ablehnende Haltung zu empirischen sozialwissenschaftlichen Forschungen einnehme (2); der dritte Bereich greift mit der Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von radikalen Demokratietheorien und Institutionentheorie ein Thema auf, das mittlerweile auch zu einer <a href=\"https:\/\/www.nomos-shop.de\/titel\/institutionen-des-politischen-id-92727\/\">verst\u00e4rkten Aufmerksamkeit im radikaldemokratischen Diskurs selbst<\/a> gef\u00fchrt hat (3).<\/p>\n<p class=\"OFM\">(1)\u00a0Buchstein diagnostiziert v\u00f6llig zutreffend einen engen Zusammenhang zwischen der zentralen konzeptionellen Stellung von Kontingenz in radikalen Demokratietheorien und ihrer Zur\u00fcckweisung eines normativen Kerns von Demokratie. Nach seiner \u00dcberzeugung tun sich radikale Demokratietheorien damit allerdings keinen Gefallen, da sie Gefahr laufen, sich der M\u00f6glichkeit zu begeben, \u201esinnvoll zwischen Demokratien und Nicht-Demokratien\u201c unterscheiden zu k\u00f6nnen oder, wenn einige ihrer Vertreter*innen dies dann doch tun, letztlich auf konzeptionell nicht abgesicherte normative Begrifflichkeiten wie \u201e\u201apluralistisch\u2018, \u201ainklusiv\u2018, \u201agleiche Rechte\u2018 und \u201agewaltfrei\u2018\u201c zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Auf diesen kritischen Einwand m\u00f6chte ich eine dreiteilige Antwort skizzieren: <i>Erstens<\/i> spielt hier der andere Theorieanspruch radikaler Demokratietheorien eine Rolle, der sich \u00fcbrigens gro\u00dfteils aus der zentralen Stellung der Kontingenzdiagnose f\u00fcr das Demokratieverst\u00e4ndnis ergibt. W\u00e4hrend normative Demokratietheorien in der Regel auf die Begr\u00fcndung eines Modells von Demokratie und seiner normativen Referenzkategorien zielen, verstehen diejenigen radikaldemokratischen Ans\u00e4tze, denen ich zuneige (etwa derjenige Ranci\u00e8res), unter Demokratie eher eine Form kritischer Intervention gegen\u00fcber bestehenden politischen Ordnungen und verwerfen daher die Aufgabe der Begr\u00fcndung als zentrale Dimension von Demokratietheorie (auf die damit verbundenen Fragen zum Verh\u00e4ltnis von radikaler Demokratietheorie und Institutionentheorie komme ich unter 3. zur\u00fcck). Das ist keine willk\u00fcrliche Entscheidung, sondern dem Umstand geschuldet, dass die Emanzipationsbewegungen von heute \u2013 haben sie die politischen und sozialen Gef\u00fcge durch Kritik einmal umgestaltet \u2013 rasch zu den Privilegierten der ebenfalls, nur in anderen Hinsichten exkludierenden oder diskriminierenden politisch-institutionellen und normativen Ordnung von morgen werden k\u00f6nnen, die dann wiederum in Frage gestellt werden muss. Kurz, radikale Demokratietheorien wenden sich von der begr\u00fcndungstheoretischen Forderung nach einem normativen Kern von Demokratie ab, weil er ihnen selbst aus demokratischen Gr\u00fcnden problematisch zu sein scheint, kann er doch rasch zu einer Fixierung von Ausschlie\u00dfungs- und Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnissen werden. Buchstein w\u00fcrde das vermutlich als verfehlte libidin\u00f6se Bindung an das Aufbrechen bestehender Ordnungen erscheinen, durch die deren normative Leistungen und Vorz\u00fcge aus dem Blick geraten und die es \u00fcberdies unm\u00f6glich macht, selbst normativ Position zu beziehen, was die fortw\u00e4hrend angemahnten Infragestellungen rasch richtungslos machen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Hierauf kann man aus radikaldemokratischer Perspektive meines Erachtens<i> zweitens<\/i> mit einer Unterscheidung zwischen normativ im Sinne von begr\u00fcndetem normativem Gehalt und normativ folgenreich oder normativ wirksam antworten. Zwar k\u00f6nnen radikale Demokratietheorien nach meinem Daf\u00fcrhalten tats\u00e4chlich keine normativen Kategorien begr\u00fcnden. Sie bleiben aber dadurch nicht zwangsl\u00e4ufig normativ sprachlos, denn die Kontingenz, auf die sie hinweisen, erm\u00f6glicht eine \u00d6ffnungsbewegung, die emanzipatorische Interventionen m\u00f6glich macht. Normativ wirksam ist dann beispielsweise die durch kritische Infragestellungen erstrittene Transformation einer hegemonialen normativen Ordnung und ihrer repressiven und exkludierenden Praktiken und Institutionen.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Bleiben radikale Demokratietheorien damit aber nicht letztlich dennoch, wie es Buchstein nahezulegen scheint, normativ haltlos und verwenden normative Bezugspunkte (wie \u201aemanzipatorisch\u2018), ohne sie ausweisen zu k\u00f6nnen? Damit komme ich zum <i>dritten<\/i> und letzten Punkt meiner Antwort auf die Normativit\u00e4tsfrage, die, hier stimme ich Buchstein nachdr\u00fccklich zu, berechtigt und wichtig bleibt. Aber an diesem Punkt sind radikale Demokratietheorien gegen\u00fcber erkl\u00e4rterma\u00dfen normativen Demokratietheorien nicht in der Defensive, sondern beide teilen das Problem, wie man auf normative Unterscheidungen \u2013 z.B. solche zwischen einer emanzipatorischen und einer repressiven Politik \u2013 zur\u00fcckgreifen kann. Meine These ist nun, dass sich radikale Demokratietheorien \u00fcber die damit verbundenen Schwierigkeiten und Herausforderungen umfassender Rechenschaft ablegen als normative Demokratietheorien, weil sie sich nicht in die Illusion einer begr\u00fcndeten oder begr\u00fcndbaren Normativit\u00e4t fl\u00fcchten, die auf fragw\u00fcrdigen Gr\u00fcnden ruht und die selbst leicht einen repressiven, exkludierenden oder abwertenden Charakter annehmen kann. Zu denken ist hier nur an die Kritik an der vermeintlich universalistischen Moderne und ihres Fortschrittsdenkens aus gendertheoretischen und postkolonialen Perspektiven, in deren Lichte es sp\u00e4testens heute hochgradig fragw\u00fcrdig erscheinen muss, so etwas wie einen normativen Kern der Demokratie zu begr\u00fcnden. Dieser wird beispielsweise in der Habermas\u02bcschen Denktradition \u2013 auf die Buchstein hier und da anspielt \u2013 als Ergebnis eines universalistisch gedeuteten Projekts der Moderne pr\u00e4sentiert und ger\u00e4t dadurch zu Recht in den Fokus <a href=\"http:\/\/cup.columbia.edu\/book\/the-end-of-progress\/9780231173247\">postkolonialer Fortschrittskritik, wie es etwa bei Amy Allen der Fall ist.<\/a><\/p>\n<p class=\"OFM\">Buchsteins Normativit\u00e4tsfrage stellt sich demnach nicht nur radikalen Demokratietheorien im Besonderen, sondern Demokratietheorie im Allgemeinen. Das radikale Demokratiedenken ist hier sogar eher bereit, diese Frage selbstkritisch offen zu reflektieren, indem es als konzeptionellen Kern \u2013 wenn man das dann noch so nennen will \u2013 eines emanzipatorischen Demokratieverst\u00e4ndnisses die postessentialistische Forderung nach einer steten Revisionsbereitschaft im Lichte der Forderungen sozialer Bewegungen herausstellt. Will man die skizzierten Probleme normativer Kategorien vermeiden, sehe ich nicht, wie man an so einer Deutungsoffenheit vorbeikommt \u2013 betreibt man das ernsthaft, ist man aber bereits auf der Seite der radikalen Demokratietheorie.<\/p>\n<p class=\"OFM\">(2) Buchstein macht auf Seiten der radikalen Demokratietheorie eine \u201enotorisch anmutende Aversion gegen\u00fcber der empirischen Sozialwissenschaft\u201c aus. Mir scheinen hier vor allem zwei Punkte wichtig zu sein:<\/p>\n<p class=\"OFM\"><i>Erstens<\/i> ist nach meinem Daf\u00fcrhalten nachdr\u00fccklich zu unterstreichen, dass radikale Demokratietheorien im Unterschied zur normativen Politischen Theorie und vor allem zur politischen Philosophie Rawls\u02bcscher Pr\u00e4gung ja eine geradezu soziologische Sicht auf politische Fragen einnehmen, indem sie die Theorie des Politischen von vornherein gesellschaftstheoretisch anlegen. Empirische Gesichtspunkte erhalten demnach, wenn man darunter die Bezugnahme auf soziale und kulturelle Ordnungen, deren Gestaltung und deren historischen Kontext versteht, in radikalen Demokratietheorien geradezu konstitutiv gro\u00dfe Aufmerksamkeit. Das sieht Buchstein nat\u00fcrlich selbst, fragt sich dann aber, wieso empirischen Ph\u00e4nomenen eine solche Aufmerksamkeit zukommt, ohne dass das Erfahrungswissen der empirischen Sozialwissenschaften hierbei systematisch herangezogen wird.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Das ist eine berechtigte Frage. Buchstein ist hier, wie auch im \u00fcbrigen Text, ausgewogen in seiner Kritik, indem er von \u201egegenseitigen Blockaden\u201c spricht, also konzediert, dass nicht nur radikale Demokratietheorien kaum Bezug auf die empirischen Zweige der Sozialwissenschaften nehmen, sondern dass diese umgekehrt von der empirischen Politikwissenschaft wenn \u00fcberhaupt, dann eher spottend zur Kenntnis genommen werden.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Damit ist viel gesagt und das f\u00fchrt mich zu meinem <i>zweiten<\/i> Punkt. Das Problem des Verh\u00e4ltnisses zwischen radikaler Demokratietheorie und empirischer Sozial- bzw. Politikwissenschaft ist meines Erachtens nicht zuletzt auf massive wissenschaftstheoretische und methodologische Differenzen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Leforts Anfang der 1980er Jahre formulierte Kritik der empirischen Politikwissenschaft, die im Kern darin bestand, dass diese sich in einem positivistischen Objektivismus der Untersuchung von Partialph\u00e4nomenen einer theoretischen Reflexion der Konstitutionsbedingungen politisch-normativer Ordnungen und ihrer Referenzkategorien verweigere, ist heute eher noch triftiger geworden. Sie wird dadurch versch\u00e4rft, dass sich gro\u00dfe Teile der Politischen Philosophie dieser Aufgabe ebenfalls entziehen, weil sie \u00fcber normative Ordnungen abstrakt auf der Ebene von <i>ideal theory<\/i> nachdenken, der sie eine weitgehend unverbundene <i>non-ideal theory<\/i> gegen\u00fcberstellen, so dass die Beziehung zwischen historischen Kontexten und der in ihnen stattfindenden Konstitution normativer und institutioneller Ordnungen ausgespart wird.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Aufseiten der empirisch orientieren Politikwissenschaft l\u00e4sst sich umgekehrt teils eine v\u00f6llige Abkehr von theoretischen Fragestellungen konstatieren. Das betrifft nicht nur die radikale Demokratietheorie. Auch das Verh\u00e4ltnis zwischen Politischer Theorie in einem weiteren Sinn und empirischer Politikwissenschaft ist etwas zerr\u00fcttet. Die Frage ist, wie man damit umgehen soll. Die regelm\u00e4\u00dfig wiederholte Frage, wie die Politische Theorie an die empirische Politikwissenschaft Anschluss finden kann \u2013 mit der oft ein Defizit der theoretisch orientierten Forschung impliziert wird (in der deutschen politikwissenschaftlichen Debatte beliebte Stichworte: mangelnde Professionalisierung und Internationalisierung) \u2013 hilft hier nach meinem Daf\u00fcrhalten nur bedingt. Man muss an dieser Stelle auch selbstbewusst darauf hinweisen, dass die empirische Politikwissenschaft mit dieser notorisch zur Schau gestellten Theorieaversion auf dem Holzweg ist, weil sie so an der Oberfl\u00e4che der Ph\u00e4nomene bleibt und deren Genese kaum zu erfassen vermag: Als Beispiel mag der mittlerweile breit beforschte Rechtspopulismus dienen, dessen Erstarken radikaldemokratische Autor*innen wie Ranci\u00e8re und Mouffe schon in den 1990er und fr\u00fchen 2000er Jahren prognostiziert und theoretisch einleuchtend mit den Folgen neoliberaler Konsenspolitiken in Verbindung gebracht haben, w\u00e4hrend sich die empirische Wahlforschung noch in den 2010er Jahren Wahl um Wahl in ihren Prognosen \u201everrechnet\u201c hat. Deshalb sind radikale Demokratietheorien nicht als Abstraktion von empirischen Einsichten, sondern als Kritik am theorie-aversen Zustand der empirischen Politikwissenschaft zu verstehen. Mit diskursanalytischen Studien, auf die ich, wie auch Buchstein erw\u00e4hnt, am Beispiel der Arbeiten Martin Nonhoffs hinweise, entwickelt sich seit einiger Zeit \u00fcbrigens eine ausgesprochen theorieaffine Variante empirischer Sozialforschung, die zu einem Gutteil selbst aus der (Politischen) Theorie erw\u00e4chst.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Vielleicht helfen ja solche Entwicklungen auch dabei, wechselseitige Blockaden zu \u00fcberwinden \u2013 eine Aufgabe, die Buchstein zu Recht unterstreicht, h\u00e4ngt an ihr schlie\u00dflich nicht weniger als die Zukunft der Politikwissenschaft als einer kritischen, zugleich theoriegeleiteten und empirisch informierten Disziplin. Die Hegemonie einer vielfach brachialen positivistischen Methodologie und Wissenschaftstheorie auf Seiten der drittmittelm\u00e4chtigen empirischen Zweige der Politikwissenschaft steht einer solchen Blockadenaufl\u00f6sung aber nach meinem Eindruck st\u00e4rker im Weg als eine vermeintliche Empirie-Aversion der radikalen Demokratietheorie \u2013 denn, Hand aufs Herz, nicht nur radikale Demokratietheorien werden in der empirischen Politikwissenschaft kaum zur Kenntnis genommen, sondern (Politische) Theorie insgesamt. Das ist \u00fcbrigens in Nachbardisziplinen wie der Soziologie durchaus anders, in der zwar auch die quantitativen Teile des Fachs nicht gerade theorieaffin sein m\u00f6gen, wohingegen aber in den qualitativen empirischen Str\u00e4ngen der Soziologie eine umfangreiche Theorierezeption an der Tagesordnung ist. Dort findet \u00fcbrigens, ebenso wie in kulturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen, eine intensive und spottfreie <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-4832-4\/migration-und-radikale-demokratie\/\">Rezeption radikaldemokratischer Theorien<\/a>\u00a0statt.<\/p>\n<p class=\"OFM\">(3) Eine dritte kritische R\u00fcckfrage richtet Buchstein schlie\u00dflich an das Verh\u00e4ltnis von radikaler Demokratie und Institutionen. Hier bleibt der Beitrag radikaldemokratischen Denkens nach seinem Eindruck deutlich hinter den Erwartungen zur\u00fcck, die eine ernstzunehmende Demokratietheorie an sich richten muss. Buchsteins Polemik bleibt auch bei diesem letzten Punkt freundlich, denn er l\u00e4sst nicht unerw\u00e4hnt, dass sich radikale Demokratietheorien in j\u00fcngerer Zeit durchaus mit institutionentheoretischen Fragestellungen besch\u00e4ftigt haben, und er scheint sie ermuntern zu wollen, sich noch st\u00e4rker auf solche Fragen einzulassen. V\u00f6llig berechtigt scheint mir \u00fcbrigens sein Hinweis, dass im radikaldemokratischen Theoriediskurs viele klassische Positionen der Demokratie- und Institutionentheorie einer Rezeption harren \u2013 gerade auch der Hinweis auf Fraenkels pluralistische Institutionentheorie ist in der Tat \u00fcberf\u00e4llig.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Am Verh\u00e4ltnis von radikalen Demokratietheorien und Institutionen zeigt sich vielleicht am deutlichsten, dass nicht von radikaler Demokratietheorie im Singular, sondern von radikalen Demokratie<i>theorien<\/i> die Rede sein muss. In meinem Einf\u00fchrungsbuch unterscheide ich in institutionentheoretischer Perspektive grob zwischen drei Ans\u00e4tzen: Erstens solchen, denen zufolge Demokratie tats\u00e4chlich \u00fcber staatliche Institutionen hinausweisen muss (daf\u00fcr mag Abensour ein Beispiel sein); zweitens Ans\u00e4tzen, die die Kritik von Institutionenordnungen zwar f\u00fcr die eigentliche Aufgabe von Demokratie und Demokratietheorie halten, denen es aber nicht um eine \u00dcberwindung von Institutionen geht (das ist meines Erachtens bei Ranci\u00e8re der Fall); und drittens schlie\u00dflich Ans\u00e4tze, f\u00fcr die die Gestaltung von Institutionen ein zentrale demokratische und auch demokratietheoretische Aufgabe darstellt (hier ist etwa an Mouffes Arbeiten zu denken).<\/p>\n<p class=\"OFM\">Es ist hier nicht der Raum, diese komplexe Diskussionslage in einer differenzierten Form pr\u00fcfend mit Buchsteins Einw\u00e4nden zu konfrontieren. Ich nehme stattdessen einen <i>shortcut<\/i> und werde lediglich kurz darlegen, warum ich der mittleren Position zuneige und denke, dass radikale Demokratietheorien gut beraten sind, sich auf diese Position zu beschr\u00e4nken. Ich gebe ohne weitere Umschweife zu, dass ein solches Verst\u00e4ndnis von radikaler Demokratietheorie auf viele der von Buchstein aufgeworfenen Fragen keine Antwort bereith\u00e4lt \u2013 worin ich aber nicht zwangsl\u00e4ufig ein Defizit, sondern eher, wie eingangs schon angedeutet, ein anderes Verst\u00e4ndnis von Demokratietheorie sehe.<\/p>\n<p class=\"OFM\">F\u00fcr die mittlere Position sprechen aus meiner Sicht vor allem zwei Gr\u00fcnde:<\/p>\n<p class=\"OFM\">Erstens ist es f\u00fcr radikaldemokratische Demokratieverst\u00e4ndnisse zweifelsohne wichtig, die institutionenbefragende und gegebenenfalls auch -aufbrechende Dimension von Demokratie zu betonen, um denjenigen Gruppen emanzipatorische Perspektiven aufzuzeigen, die an den bestehenden institutionellen und normativen Ordnungen keinen oder nur einen marginalisierten Anteil haben. Gleichzeitig m\u00fcssten solche emanzipatorischen K\u00e4mpfe aber auch eigent\u00fcmlich ergebnislos bleiben, wenn sie nicht selbst wiederum auf Institutionalisierungsperspektiven dringen w\u00fcrden \u2013 und zwar die Institutionalisierung dessen, was bereits erk\u00e4mpft wurde. Deshalb bleiben Institutionen nach meiner \u00dcberzeugung gerade f\u00fcr eine radikale Demokratietheorie ein wichtiger Bezugspunkt. Dabei widerspreche ich \u00fcbrigens ausdr\u00fccklich der zuweilen von Ranci\u00e8re nahegelegten Auffassung, dass demokratische Politik in diesem Sinne selten ist, weil sie meines Erachtens eben nicht nur dann stattfinden kann, wenn es gro\u00dfe Aufbr\u00fcche und Umw\u00e4lzungen gibt, sondern sie sich auch auf der Zeitachse gestreckt in vielen kleinen Schritten manifestieren kann. Das geht nach meinem Daf\u00fcrhalten \u00fcbrigens auch noch einmal \u00fcber die sozialistisch-sozialdemokratische Revolution- vs. Reformdebatte hinaus, auf die Buchstein in diesem Zusammenhang verweist. Denn im Unterschied zu Reformideen betont auch die radikaldemokratische Politik der kleinen Schritte das Moment des Hinausgehens \u00fcber eine bestehende institutionelle Ordnung und sieht darum nicht politische Institutionen wie Parlamente als prim\u00e4re oder gar exklusive Orte des politischen Geschehens an. Den Gegensatz zwischen Reform und Revolution gibt es so gesehen gar nicht.<\/p>\n<p class=\"OFM\">Zweitens: So wichtig Institutionen aus radikaldemokratischer Perspektive sein m\u00f6gen, so wenig kann es die Aufgabe radikaler Demokratietheorien sein, so etwas wie Institutionenmodelle zu formulieren, die f\u00fcr diese oder jene Aufgabe besser geeignet sein sollen als andere. Nehmen sie ihre eigenen kontingenztheoretischen Annahmen auch nur halbwegs ernst, sind radikale Demokratietheorien sind nach meinem Daf\u00fcrhalten tats\u00e4chlich gut beraten, solche Fragen der Gestaltung von Institutionen einer demokratischen Praxis zu \u00fcberlassen. Zu dieser Praxis tragen sie freilich bei, indem sie Teil der demokratisch-reflexiven Selbstkritikaktivit\u00e4ten unserer Gegenwartsgesellschaften sind. Damit ist zugleich aber auch gesagt, dass ich Buchsteins Mahnung, sich auch aus radikaldemokratischer Perspektive mit konkreten institutionellen und institutionentheoretischen Fragen zu besch\u00e4ftigen, keineswegs zur\u00fcckweisen, sondern eher unterstreichen m\u00f6chte. Allerdings schlage ich eine Akzentverschiebung gegen\u00fcber Buchsteins Ansinnen vor: W\u00e4hrend er radikalen Demokratietheorien nachdr\u00fccklich die Aufgabe ins Stammbuch schreiben m\u00f6chte, dass sie sich nicht \u201evon der Suche nach Antworten auf die Frage, welche Richtungen f\u00fcr das proklamierte Ringen um das \u201aPolitische\u2018 sinnvoll sind\u201c dispensieren k\u00f6nnen, und dann konkrete institutionelle Vorschl\u00e4ge erwartet, w\u00fcrde ich demgegen\u00fcber geltend machen, dass es radikalen Demokratietheorien weniger um die Antworten als um die Beteiligung an einer demokratischen Praxis der kritischen Befragung gehen muss. Kleinteilige Besch\u00e4ftigungen mit konkreten Fragen schlie\u00dft das ausdr\u00fccklich mit ein und ich gestehe gerne ein, dass radikale Demokratietheorien in dieser Hinsicht durchaus noch Defizite aufweisen. Die Aufgabe einer Suche nach Antworten m\u00fcssen sie sich deshalb jedoch keineswegs zu eigen machen, wie ich diese auch insgesamt nicht f\u00fcr das Kernanliegen von Demokratietheorie halte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Oliver Fl\u00fcgel-Martinsen ist Professor f\u00fcr Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universit\u00e4t Bielefeld. Zu seinen aktuellen Forschungsinteressen geh\u00f6ren: Theorien des Politischen, kritische Demokratietheorie und postmarxistische Gesellschaftskritik. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer kann einer so freundlich-polemischen Gespr\u00e4chseinladung schon widerstehen? 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