{"id":19078,"date":"2018-02-19T12:00:16","date_gmt":"2018-02-19T11:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theorieblog.de\/?p=19078"},"modified":"2018-02-28T11:35:24","modified_gmt":"2018-02-28T10:35:24","slug":"ueber-rechte-reden-lesenotiz-zu-dirk-joerkes-und-veith-selks-theorien-des-populismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2018\/02\/ueber-rechte-reden-lesenotiz-zu-dirk-joerkes-und-veith-selks-theorien-des-populismus\/","title":{"rendered":"\u00dcber Rechte reden: Lesenotiz zu Dirk J\u00f6rkes und Veith Selks &#8222;Theorien des Populismus&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber (Rechts-)Populismus wird heftig diskutiert, in der \u00f6ffentlichen Debatte, wie auch in der politischen Theorie. Wenn Theoretiker eher akademische \u00a0Populismusdebatten zug\u00e4nglich aufbereiten, ist dies also hochaktuell und besonders begr\u00fc\u00dfenswert f\u00fcr alle, die sich eine enge Verzahnung von wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten und eine nicht schon sprachlich abgekoppelte Demokratietheorie w\u00fcnschen. Selbstredend bleibt das zu besprechende Projekt nicht deskriptiv, sondern ist eine Fortsetzung von dem, was auf diesem Blog begonnen hat: <a href=\"https:\/\/www.politikwissenschaft.tu-darmstadt.de\/index.php?id=3320\" target=\"_blank\">Dirk J\u00f6rke<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.uni-trier.de\/index.php?id=64025&amp;L=2\" target=\"_blank\">Veith Selk<\/a> nutzen die <a href=\"https:\/\/www.junius-verlag.de\/buecher\/theorien-des-populismus\" target=\"_blank\">Einf\u00fchrung<\/a>\u00a0(Dirk J\u00f6rke\/Veith Selk, Theorien des Populismus zur Einf\u00fchrung, Hamburg: Junius 2017, 192 S.), um ihre Kritik an der liberalen, \u00fcberm\u00e4\u00dfig moralisierenden Populismus-Verdammung zu untermauern.<\/p>\n<p>Das Buch geht der Reihe nach auf das Ph\u00e4nomen Populismus, auf die Entstehungsursachen von Populismus, und auf die theoretischen Bewertungen von dem gegenw\u00e4rtigen Populismus ein. Kurz zusammengefasst schlagen J\u00f6rke und Selk vor, Populismus als Reaktion auf die nicht eingehaltenen Versprechen der Demokratie zu interpretieren.<!--more--><\/p>\n<p>Die normative Verortung der Autoren wird mit der prominenten Anf\u00fchrung des Gleichheitsversprechens sichtbar. Populismus wird im Buch zum Protest von \u00f6konomischen und kulturellen Modernisierungsverlierern in westlichen Demokratien, die in der Postdemokratie oder nach dem Wohlfahrtsstaat nicht mehr ausreichend repr\u00e4sentiert werden und an Rechten verloren haben. Die liberale Verdammung ignoriere das Ende des demokratischen Moments als Entstehungsursache des Populismus (S. 96-7). Nach der Einf\u00fchrung von unterschiedlichen Spielarten des Populismus liegt der Fokus auf Nordamerika und besonders Westeuropa. Dieser Fokus ist begr\u00fc\u00dfenswert, denkt man an die ideologischen und historischen Unterschiede zwischen Nord- und Lateinamerika und Europa sowie eine expandierende Populismusforschung, die viele Ph\u00e4nomene zu \u201eihrem\u201c Gegenstand erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Die Autoren referieren auf das Demokratiekonzept (Volksherrschaft, S. 55), auf das sich Populisten beziehen, um dessen unm\u00f6gliche Realisierung in der Moderne aufzuzeigen. B\u00fcrokratie und Berufspolitiker pr\u00e4gen das Bild. Durch die \u201enicht eingehaltenen Versprechen der Demokratie\u201c (Norberto Bobbio), wie z.B. die Abschaffung der Oligarchie, wird eine Spannung zwischen demokratischen Idealen und der modernen Gesellschaft hervorgehoben. Dies ist notwendig, um Populismus als innerdemokratischen Protest zu interpretieren, doch von einem pluralistischen Standpunkt gedacht, h\u00e4tte man sich eine ideengeschichtliche und aktualisierende Problematisierung der umk\u00e4mpften Begriffe Demokratie und Volk gew\u00fcnscht. Letzterer Begriff wird auch bei den Populisten unterschiedlich und nicht nur als Gegenbegriff zu Elite, wie vornehmlich im latainamerikanischen Populismus, gef\u00fcllt. Die auf die jeweiligen Zuh\u00f6rer gem\u00fcnzten und dabei doch autorit\u00e4ren und oft ethnische Homogenit\u00e4t implizierenden Volksdefinitionen der Populisten bedingen, wie <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/was_ist_populismus_-jan-werner_mueller_7522.html\" target=\"_blank\">Jan-Werner M\u00fcller<\/a> (2016) argumentiert, den anti-pluralistischen Charakter des Populismus.<\/p>\n<p>Die Autoren unterscheiden zwischen Rechts- und Linkspopulismus, indem sie Populismus \u00fcber Volk-Eliten-Unterscheidungen definieren und nur dem Rechtspopulismus ein weiteres Element attestieren, n\u00e4mlich die Identifikation und Unterscheidung von Fremden (z.B. Muslimen). Interessant gewesen w\u00e4re hier eine \u00a0weitere Diskussion der Frage, ob die Konzentration auf bestimmte Wohlfahrts-und Solidargemeinschaften im (Links-)Populismus nicht auch Abgrenzung impliziert, oder ob sich Rechts- und Linkspopulisten gegen unterschiedliche Eliten (\u201epolitisches Establishment\u201c, Wirtschaftseliten) wenden. Die Autoren grenzen Populismus im Weiteren eher \u00fcber Inhalte (z.B. Kritik an Korruption S. 70) und Stilelemente (Skandalisierung S. 70) ein, wobei unterschiedliche Programmatiken und die Schwierigkeit den Populismus, eine \u201ethin ideology\u201c, zu fassen immer betont werden.<\/p>\n<p>Argumentationsleitend ist die schwierige Unterscheidung von Populismus in der bzw. gegen die Demokratie. Sie ist schwierig, da Abgrenzungen von Populismus und Faschismus historisch zu begr\u00fcnden sind, aber rechtspopulistische Politiker die Grenzen von anti-demokratischen Rechtsradikalismus und illiberalen Populismus bewusst verwischen und ihre in die Zukunft gerichteten Demokratiebekenntnisse kaum zu pr\u00fcfen sind. Wir sehen jedoch, so die These, vorwiegend Populismus in der Demokratie, da Mitglieder der unteren Mittelschicht, oder neue \u00f6konomische oder kulturelle Modernisierungsverlierer, die nicht ausreichend von etablierten Parteien repr\u00e4sentiert werden, auf Demokratiedefizite (B\u00fcrokratiezuwachs, transnationale Regime) durch populistischen Protest hinweisen. Mit dieser Interpretation verteidigen J\u00f6rke und Selk fast eine vermittelnde Position zwischen der liberalen Verdammung (Nadia Urbinati\/Jan-Werner M\u00fcller) und der post-marxistischen Affirmation des Populismus (u.a. Chantal Mouffe). Liberale w\u00fcrden Populismus als anti-demokratisch und anti-pluralistisch ablehnen, ohne auf die berechtigte Demokratiekritik und die (sozio-\u00f6konomischen) Gr\u00fcnde f\u00fcr den Populismus einzugehen. Postmarxisten, die den Populismus nicht ablehnen, liefen wiederum Gefahr, im moralischen Relativismus zu enden oder \u00fcbergro\u00dfe Hoffnungen in den Linkspopulismus zu investieren.<\/p>\n<p>N\u00e4hen zu <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/rueckkehr_nach_reims-didier_eribon_7252.html\" target=\"_blank\">Didier Eribon<\/a> (2016) werden in Verweisen auf die Tatsache deutlich, dass die meisten Akademiker und Populismusforscher der wohl situierten Bildungsschicht entstammen. Eribon beschrieb in einem anderen Genre, wie sich Bildungseliten zunehmend sprachlich und kulturell abgrenzten und damit die F\u00e4higkeit verl\u00f6ren, eine politische Sprache zur Beschreibung der Lebenswelten anderer Schichten zu generieren bzw. sich mit diesen politisch zu organisieren. So verstehen J\u00f6rke und Selk Moralisierung und elit\u00e4re Abgrenzung auch als \u201einnerlinkes\u201c Problem, allerdings mit dem links-liberalen Richard Rorty.<\/p>\n<p>Im Epilog diagnostizieren J\u00f6rke und Selk eine Spaltung zwischen Kosmopoliten, linksliberalen Akademikern und Freihandelsbef\u00fcrworter einerseits, und Bef\u00fcrwortern nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t andererseits. Hier werden theoretische und gesellschaftliche Debatten zusammengef\u00fchrt, doch einige Positionen, wie die linksliberale und oft \u00fcber den Demokratiebegriff erarbeitete Kritik an <em>Global Governance<\/em> h\u00e4tten weitere Beachtung verdient. \u00a0Die Autoren konzentrieren sich vielmehr auf die Kritik an den Wortf\u00fchrern des postdemokratischen Liberalismus. Die Kritik wird aus der theoretischen Populismus-Debatte gewonnen und betont die Notwendigkeit von sozio-\u00f6konomischer Reform und der Realisierung von Teilhaberechten.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu M\u00fcller (2016) postuliert diese Einf\u00fchrung, dass nur der Rechtspopulismus dezidiert anti-pluralistisch ist, da linke Populisten nicht fremdenfeindlich seien. Dabei wird Pluralismus an manchen Stellen implizit mit der Bef\u00fcrwortung von sozialer Vielfalt und an anderen Stellen explizit mit konstitutionellem Liberalismus gleichgesetzt (S. 132). Eine weitreichendere Pluralismusdiskussion, die auch auf die anti-nationalistische Ideengeschichte des Pluralismus, seine inner-linke Kritik und die Idee des souver\u00e4nen Individuums mit multiplen Loyalit\u00e4ten eingeht, w\u00e4re hiermit interessant. Schlie\u00dflich geht es um den wohl wichtigsten Gegenspieler zum Rechtspopulismus und um die Frage, wie sich Pluralismus und Linkspopulismus zueinander verhalten und weiter verhalten werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.politikwissenschaft.tu-darmstadt.de\/?id=3063\" target=\"_blank\">Leonie Holthaus<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Darmstadt. Sie interessiert sich f\u00fcr die Theorien der Internationalen Beziehungen, (pluralistische) Demokratietheorie, und Demokratief\u00f6rderung in der Entwicklungszusammenarbeit. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber (Rechts-)Populismus wird heftig diskutiert, in der \u00f6ffentlichen Debatte, wie auch in der politischen Theorie. 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