{"id":18316,"date":"2017-07-20T10:50:32","date_gmt":"2017-07-20T08:50:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theorieblog.de\/?p=18316"},"modified":"2017-07-20T10:50:32","modified_gmt":"2017-07-20T08:50:32","slug":"praxistheoretische-politikwissenschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2017\/07\/praxistheoretische-politikwissenschaften\/","title":{"rendered":"Praxistheoretische Politikwissenschaften"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend in den Nachbardisziplinen schon seit einigen Jahren der Begriff der Praxis <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2404-5\/praxistheorie\" target=\"_blank\">diskutiert wird<\/a>, ist die Anzahl der Arbeiten in der Politikwissenschaft, die sich explizit und detailliert mit den praxeologischen Sozialtheorien besch\u00e4ftigen, weiterhin \u00fcbersichtlich. Dies ist bedauerlich, denn die praxistheoretischen Perspektiven w\u00fcrden es der Politikwissenschaft erm\u00f6glichen, <em>\u00fcber den Begriff der Praxis deutlich mehr<\/em> <em>der Vielfalt, Vielschichtigkeit und komplexen Dynamiken politischer Ph\u00e4nomene zu erfassen. <\/em>Wie sehr eine derartige inhaltliche und methodische Neuausrichtung in der Politikwissenschaft notwendig ist, hat unter anderem <a href=\"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2017\/03\/was-die-politikwissenschaft-jetzt-tun-muss\/\" target=\"_blank\">Yascha Mounk in seinem theorieblog-Beitrag<\/a> illustriert. Entsprechend versteht sich dieser Beitrag als Teil der von Mounk geforderten Neuausrichtung und soll dazu beitragen, \u00fcber den Begriff der Praxis neue inhaltliche und methodische Impulse f\u00fcr die Politikwissenschaft zu er\u00f6ffnen.<!--more--><\/p>\n<p>Im folgenden Beitrag rekonstruiere ich einige Grundelemente der praxistheoretischen Analyseperspektive und werde im Anschluss skizzieren, wie sich durch praxistheoretische Ans\u00e4tze ungewohnte Perspektiven auf bekannte Ph\u00e4nomene des Politischen ergeben k\u00f6nnen, neue Bereiche des Sozialen als politisch wirkungsm\u00e4chtige Praxis sichtbar werden und nicht zuletzt methodisch eine besondere Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Vielschichtigkeit sozialer Ph\u00e4nomene entwickelt werden kann.<\/p>\n<h4>Grundelemente praxistheoretischer Perspektiven<\/h4>\n<p>Der Zugang zur praxistheoretischen Perspektive erscheint mitunter m\u00fchsam. Dies mag unter anderem daran liegen, dass sich die Praxistheorie als Kombination von Sozialtheorie, Forschungsprogramm und Analysemethode schwer fassen l\u00e4sst. Sie ist vielmehr ein Sammelbegriff f\u00fcr eine recht heterogene Ansammlung von \u00e4hnlichen Ans\u00e4tzen (bspw. von <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/entwurf_einer_theorie_der_praxis-pierre_bourdieu_27891.html\">Bourdieu<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.ucpress.edu\/book.php?isbn=9780520039759\">Giddens<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.cambridge.org\/us\/academic\/subjects\/philosophy\/philosophy-social-science\/social-practices-wittgensteinian-approach-human-activity-and-social?format=PB#TWuGFZk2ECMcUxhm.97\">Schatzki<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-3345-0\/kreativitaet-und-soziale-praxis\">Reckwitz<\/a>), die durch einige gemeinsame Grundannahmen verbunden sind (<a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2404-5\/praxistheorie\">Vgl. Sch\u00e4fer<\/a>).<\/p>\n<p>Mittels des Begriffs der Praxis verschiebt sich der sozialwissenschaftliche Analysefokus \u2013 nicht mehr das individuelle Handeln oder Strukturen werden als Erkl\u00e4rungsansatz f\u00fcr soziale Ph\u00e4nomene in den Blick genommen, sondern die Handlungspraxis der Subjekte, eingebettet in die vergangenen, aktuellen und sie umgebenden Praxissituationen mit all ihrer Komplexit\u00e4t und Dynamik. Soziale Praxis ist der Ort des Sozialen. Die Frage von Kontinuit\u00e4t und Wandel einer sozialen Ordnung, also wie sich das Soziale konstituiert, findet sich demnach in den unendlich vielen Praxissituationen einer Gesellschaft beantwortet. Aus dieser anti-essentialistischen Perspektive einer \u201eflachen Ontologie\u201c des Sozialen (<a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2404-5\/praxistheorie\">Vgl. Schatzki<\/a>) ist es nicht m\u00f6glich, einem bestimmen Ort oder Ph\u00e4nomen des Sozialen a priori besondere Pr\u00e4gekraft f\u00fcr die Konstitution einer sozialen Ordnung zuzuschreiben. Es ist vielmehr eine auf soziale Praxis bezogene empirische Frage.<\/p>\n<p>Die praxeologische Forschungsperspektive fokussiert dabei nach <a href=\"https:\/\/www.uni-bielefeld.de\/soz\/zfs\/jg_32\/32-4Reckwitz.htm\">Reckwitz<\/a> den Blick auf die Bew\u00e4ltigung konkreter sozialer Praxis, die durch Aspekte und Dynamiken gepr\u00e4gt ist, die zwar schon immer Teil des Sozialen waren, aber bislang nicht hinreichend beachtet wurden.<\/p>\n<p>Die <em>K\u00f6rper<\/em> der Subjekte werden f\u00fcr verschiedenste Handlungen kompetent gemacht, in ihnen schreiben sich Kompetenzen, Wissen, Intuitionen und Routinen ein. Gerade deshalb sind K\u00f6rper essentieller und vor allem pr\u00e4gender Bestandteil jeder sozialen Interaktion. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit <em>Artefakten<\/em> als zweite Seite der Materialit\u00e4t des Sozialen, denn spezifische Artefakte erm\u00f6glichen in jeweils spezifischen Situationen bestimmte Interaktionsdynamiken. Zentral f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung von Praxissituationen ist das im Regelfall implizite <em>praktische Wissen. <\/em>Unter diesem Begriff versammelt sich beispielsweise das interpretative Verstehen von Bedeutungen eingesetzter Gesten, Gegenst\u00e4nde oder Rollen sowie skript-f\u00f6rmiges Wissen \u00fcber die \u201erichtige\u201c Abfolge von Handlungen und nicht zuletzt das emotional-affektive Gesp\u00fcr f\u00fcr das Ziel und das Angemessene in der spezifischen Praxissituation.<\/p>\n<p>Jede Praxis vollzieht sich routinisiert, mittels kompetenter K\u00f6rper, praktischen Wissens und bekannter kultureller Codes (um nur einige Faktoren zu nennen). Erst diese Wiederholung in \u00c4hnlichkeit macht die Bew\u00e4ltigung der Praxissituationen m\u00f6glich \u2013 funktionierende Praxismuster werden \u00fcbernommen und weitergef\u00fchrt. Gleichzeitig ist jede einzelne Praxissituation einzigartig (neuer Kontext, neue Komponenten), sodass die Bew\u00e4ltigung der Praxis immer eine Herausforderung ist und soziale Praxis entsprechen durch stetige Verschiebungen gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<h4>Das Politische neu entdecken<\/h4>\n<p>Die skizzierten Grundelemente der praxistheoretischen Perspektive zeigen, dass auch <em>bekannte politische Ph\u00e4nomene aus einer ungewohnten Perspektive<\/em> analysiert werden k\u00f6nnen. <a href=\"https:\/\/www.cambridge.org\/core\/journals\/international-theory\/article\/international-practices\/5B4330A95B17B8B4F1EC9BFB45087B78\">Adler und Pouliot<\/a> illustrieren dies am Beispiel der G8-Gipfel. Sie beschreiben die Gipfel als Handlungsdramaturgien, die erst \u00fcber die Beachtung von Aspekten wie ihrer j\u00e4hrlichen Wiederholung, die (variierende) Kompetenz der beteiligten Subjekte (in ihren Rollen als staatliche Repr\u00e4sentantInnen, MitarbeiterInnen, JournalistInnen), die Essentialit\u00e4t von geteiltem Hintergrundwissen und die Rolle von Objekten (\u00f6ffentliche und private Bereiche, Konferenztische, Verhandlungspapiere) in ihrer sozialen Komplexit\u00e4t als funktionierende Praxissituationen verst\u00e4ndlich werden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also etablierte politikwissenschaftliche Ans\u00e4tze einen G8-Gipfel beispielsweise als Konkurrenz rationaler Akteure und wechselseitiges Aufeinandertreffen von Verhandlungsstrategien beschreiben, versucht eine praxeologische Perspektive demgegen\u00fcber, m\u00f6glichst viele Aspekte der Praxissituation f\u00fcr die Analyse zu erschlie\u00dfen und Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Einmaligkeit genau dieser beobachteten Situation zu entwickeln. Damit werden bislang vernachl\u00e4ssigte Faktoren kontrastreich in den Fokus ger\u00fcckt, um\u00a0 r\u00e4tselhafte Dynamiken und Ergebnisse derartiger Gipfel erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Andere praxistheoretische Ans\u00e4tze erweitern das Blickfeld auf soziale Ph\u00e4nomene derart, dass sie <em>neue Bereiche des Sozialen als politisch wirkungsm\u00e4chtige Praxis<\/em> sichtbar machen. Die Soziologie der Kritik von <a href=\"http:\/\/www.his-online.de\/verlag\/9010\/programm\/detailseite\/publikationen\/ueber-die-rechtfertigung\/?sms_his_publikationen%5BbackPID%5D=1171&amp;sms_his_publikationen%5Bmedium%5D=0&amp;cHash=5fc71821216adb2c369ba223e486df1a\">Boltanski und Th\u00e9venot<\/a> nimmt beispielsweise die allt\u00e4gliche Praxis von Kritik und Rechtfertigung in den Blick, um \u00fcber die Analyse dieser Praxis soziale Verschiebungen sogenannter Rechtfertigungsordnungen zu erfassen. Subjekte artikulieren und qualifizieren Kritik mit Hilfe verschiedener intersubjektiv geteilter, allgemein akzeptierter und als legitim geltender Rechtfertigungsordnungen. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr erfolgswahrscheinliche Kritik ist die Passgenauigkeit von angewandter Rechtfertigungsordnung einerseits und Rechtfertigungssituation andererseits. So qualifizieren beispielsweise \u00f6kologische Rechtfertigungsargumente eine Kritik nicht, wenn sich das Subjekt in einer klar marktorientierten Rechtfertigungssituation befindet.<\/p>\n<p>\u00dcber die spezifische Bew\u00e4ltigung von allt\u00e4glichen Rechtfertigungssituationen konstituieren und verschieben sich aus dieser Perspektive soziale Ordnungen (beispielsweise die erfolgreiche Etablierung der \u00f6kologischen Rechtfertigungsordnung), was wiederum als genuin politisches Ph\u00e4nomen verstanden und analysiert werden kann.<\/p>\n<p>Die Analyse sozialer Praxis ist nur mittels <em>Methoden m\u00f6glich, die, wie bspw. ethnologische Methothen, eine besondere Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Vielschichtigkeit sozialer Ph\u00e4nomene<\/em> mit sich bringen. <a href=\"https:\/\/www.akpress.org\/directactionebook.html\">Graebers <em>Direct Action<\/em><\/a> verdeutlicht, wie \u00fcber teilnehmende Beobachtung ein neuer Zugang zum Politischen m\u00f6glich wird. In seiner sehr aktiv interpretierten Form teilnehmender Beobachtung beschreibt er die Ereignisse rund um die Vorbereitung und Durchf\u00fchrung globalisierungskritischer Gipfelproteste 2001 in Quebec. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die sozialen Dynamiken der basisdemokratischen Entscheidungsprozesse im Vorfeld der Proteste und die Dramaturgie der Proteste selbst gelegt. Beide genannten Ph\u00e4nomene werden durch die teilnehmende Beobachtung als vielschichtige und ereignishafte Dynamiken greifbar, deren Ergebnisse und Folgen nicht pr\u00e4determiniert waren, sondern erst unter Ber\u00fccksichtigung der unmittelbaren Praxissituationen verst\u00e4ndlich werden. Andere Zug\u00e4nge zum Feld h\u00e4tten nicht erm\u00f6glicht, die sich entwickelnden Ereignisketten von Praxissituationen (bspw. Schwierigkeiten bei der Einreise nach Kanada und der daraus entstehenden Einfl\u00fcsse von Ab- und Anwesenheit bestimmter AktivistInnen bei den Vorbereitungsbesprechungen oder die Feinheiten basisdemokratischer Praxis und Beziehungen zwischen den verschiedenen AktivistInnen-Gruppen), zu erfassen, die schlie\u00dflich in den sehr spezifischen Demonstrationsereignissen von Quebec m\u00fcndeten.<\/p>\n<h4><strong>Fazit<\/strong><\/h4>\n<p>Durch die praxistheoretischen Perspektiven und Methoden verschiebt sich der Blick auf soziale Ph\u00e4nomene: Das Wunder der Bew\u00e4ltigung sozialer Komplexit\u00e4t und die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Feinheiten sozialer Dynamiken r\u00fccken in den Fokus der Analysen. F\u00fcr eine Politikwissenschaft, die in der Vergangenheit allzu oft in sehr \u00e4hnlichen Analyserastern gedacht und mit einem eng begrenzten methodischen Set gearbeitet hat, ist die praxeologische Blickverschiebung eine faszinierende Gelegenheit, um mit Hilfe praxistheoretischer Ans\u00e4tze diese Muster aufzubrechen und das Politische in unerwarteter Form, an ungewohnter Stelle und mit hoher, unmittelbarer Intensit\u00e4t neu zu entdecken.<\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.ingmar-hagemann.de\/wordpress\/\">Ingmar Hagemann<\/a>\u00a0ist LfbA am Institut f\u00fcr Politikwissenschaft der Universit\u00e4t Duisburg-Essen und Herausgeber der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.diskurs-zeitschrift.de\/\">Zeitschrift diskurs<\/a>. Promoviert wurde er 2016 mit einer Dissertation \u00fcber das Wechselverh\u00e4ltnis sozialer Bewegungen und Demokratie aus einer hegemonieanalytischen Perspektive (<a href=\"http:\/\/duepublico.uni-duisburg-essen.de\/servlets\/DerivateServlet\/Derivate-42540\/Hagemann_Diss.pdf\">als Open Access verf\u00fcgbar<\/a>). Seine aktuelle Forschung besch\u00e4ftigt sich mit praxistheoretischen Ans\u00e4tzen als Analyseinstrumente f\u00fcr soziale Bewegungen und Demokratie.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend in den Nachbardisziplinen schon seit einigen Jahren der Begriff der Praxis diskutiert wird, ist die Anzahl der Arbeiten in der Politikwissenschaft, die sich explizit und detailliert mit den praxeologischen Sozialtheorien besch\u00e4ftigen, weiterhin \u00fcbersichtlich. 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