{"id":17180,"date":"2016-11-23T08:30:10","date_gmt":"2016-11-23T07:30:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theorieblog.de\/?p=17180"},"modified":"2021-06-08T15:46:57","modified_gmt":"2021-06-08T13:46:57","slug":"kritik-als-experiment-und-praefiguration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2016\/11\/kritik-als-experiment-und-praefiguration\/","title":{"rendered":"Kritik als Experiment und Pr\u00e4figuration. Tagungsbericht &#8222;Foucault Revisited&#8220; (Wien)"},"content":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des neunzigsten Geburtstages Michel Foucaults fand am 4. und 5. November 2016 die Tagung \u201aFoucault Revisited\u2018 in Wien statt. Zu der interdiziplin\u00e4ren Bestandsaufnahme der Foucaultforschung luden Renate Martinsen und Oliver Marchart von den Lehrst\u00fchlen f\u00fcr Politische Theorie in Duisburg-Essen und Wien ein. Im Zentrum der Tage standen auf der einen Seite theoretische Fragen nach den Begriffen Freiheit, Widerstand, Macht, Kritik und Selbstverh\u00e4ltnissen im Werk Foucaults. Auf der anderen Seite wurden aktuelle Anwendungen der Theorie Foucaults auf beispielsweise die Asylpolitik oder die digitale Kontrollgesellschaft diskutiert.<!--more--><\/p>\n<p>Den inhaltlichen Auftakt zur Tagung machte Philip Sarasin (Z\u00fcrich) mit einem Vortrag, in dem er eine Wende bei Foucault behauptete. Diese Wende, so Sarasin, wurde nach 1978 eingeleitet und best\u00fcnde vor allem in einer neuen M\u00f6glichkeit zur Freiheit des Subjekts. In der Konfrontation mit der Iranischen Revolution entwickelt Foucault Sarasin zufolge ein neues Subjektverst\u00e4ndnis. Dieses Verst\u00e4ndnis l\u00e4ge in der Entscheidung der revoltierenden Menschen begr\u00fcndet, lieber zu sterben, als \u201aso regiert zu werden\u2018. In dieser extremen Entscheidung des \u201alieber sterben\u2018 w\u00fcrden sich die Subjekte als durch ihren eigenen Willen selbstbestimmt konstituieren und k\u00f6nnten sich damit aus der Unterwerfung befreien. Das Subjekt w\u00fcrde so, entgegen den fr\u00fcheren Annahmen Foucaults, radikal frei. In der anschlie\u00dfenden Diskussion wurden dieser Diagnose einer Wende unter anderem die Kontinuit\u00e4ten in Foucaults Methodik entgegen gehalten sowie normative Unterstellungen kritisiert. Besonders diskutiert wurde der von Sarasin ins Zentrum ger\u00fcckte Begriff der Freiheit, der in seiner Deutung nicht mehr als Technik des Regierens, sondern als eine normative Voraussetzung erscheint.<\/p>\n<p>Die angerissenen Fragen nach Freiheit, Widerstand, Macht, Kritik und Selbstverh\u00e4ltnissen zogen sich durch verschiedene der folgenden Vortr\u00e4ge und Diskussionen. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Perspektiven Frieder Vogelmanns (Bremen) von Kritik als \u201apr\u00e4figurativer Emanzipation\u2018 und die abendliche Keynote Thomas Lemkes (Frankfurt) zu erfahrungsgeleiteter oder \u201aexperimenteller Kritik\u2018. Vogelmann argumentierte in seinem Vortrag f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis von Kritik, das die Existenzbedingungen von Wahrheit offen legen will. Die Untersuchung dieser Bedingungen von Wahrheit erlaubt, so Vogelmann, einen fl\u00fcchtigen Moment der Entsubjektivierung, einen \u201aglimpse\u2018 darauf, wie es sein k\u00f6nnte. Foucaults Kritik zeichne sich also dadurch aus, dass sie einen kurzen Blick darauf erlaubt, wie das Subjekt au\u00dferhalb dieser Wahrheitsbedingungen und Machteffekte, in denen es subjektiviert ist, sein k\u00f6nnte. Damit gibt es in der Praxis der Foucualt\u2019schen Kritik einen fl\u00fcchtigen Zustand des Freigelassenseins und darin einen \u201apr\u00e4figurativen\u2018 Moment: In einem fl\u00fcchtigen Augenblick gibt es in der Einheit von Mitteln und Zielen den Ausblick in die m\u00f6gliche Zukunft, in der die bestehenden Wahrheits- und Machtverh\u00e4ltnisse nicht mehr oder noch nicht existieren.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Verbindung von Theorie und Praxis in Bezug auf Foucaults Kritik stellte Thomas Lemke in seinem Abendvortrag her. Er konstatierte eine theoretische Verschiebung Foucaults hin zu experimenteller oder erfahrungsgeleiteter Kritik in den 1970er Jahren. Mit dieser Verschiebung Foucaults tritt auch das Subjekt anders in den Fokus. In dem Moment, in dem Foucault Erfahrung als Grundlage von Kritik begreift, entsteht f\u00fcr das Subjekt die M\u00f6glichkeit, sich als selbst hergestellt und fiktional zu begreifen. Die kritische Aktivit\u00e4t wird somit zur kritischen Formierung des Selbst innerhalb eines moralisch-ethischen Horizonts, der immer erweitert und neu hergestellt werden kann. Ethische Fragestellungen werden so immer im Kontext gemeinsamer Lebensformen neu formuliert und die am Ethos orientierte Kritik zu experimenteller Kritik.<\/p>\n<p>Susanne Krasmann (Hamburg) nutzte Foucault am Samstagmorgen dazu, neue \u00dcberlegungen \u00fcber unsere digitale Gegenwart anzustellen. Dazu zog sie eine Parallele zwischen der Disziplinargesellschaft mit ihren Mechanismen der Sichtbarkeit als \u00dcberwachungs- und Normierungsinstrument in <em>\u00dcberwachen und Strafen<\/em> und unserer Gegenwart. Wir m\u00fcssten, so Krasmann, heute von einer Kontrollgesellschaft 2.0 sprechen, die permanente Sichtbarkeit durch st\u00e4ndige Produktion von Daten herstellt. Damit ist die \u201aDatengesellschaft\u2018 einerseits ein neues Sichtbarkeitsregime der Gegenwart, das in Anlehnung an die Sichtbarkeit des Panopticons gedacht werden kann. Zus\u00e4tzlich aber wies Krasmann darauf hin, dass etwa Algorithmen nicht mehr lediglich als normierende Techniken aufgefasst werden k\u00f6nnten, sondern eine Art Eigenleben f\u00fchrten, das man n\u00e4her untersuchen m\u00fcsste. Als Begriff f\u00fcr ein modernes Selbst- und Subjektverh\u00e4ltnis f\u00fchrte sie schlie\u00dflich das Konzept der <em>visual citizenship<\/em> ein. Besonders in Bezug auf die Praktiken von Geheimdiensten pl\u00e4dierte Krasmann schlie\u00dflich daf\u00fcr, mit der in der Kontrollgesellschaft 2.0 zentralen Rolle der Sichtbarkeit subversiv zu spielen. Ein Beispiel f\u00fcr die Forderung Krasmanns bietet die Praxis des Hackerkollektivs <em>Cryptome<\/em>, das seit einiger Zeit Fotos und Koordinaten von Geheimdienstgeb\u00e4uden \u00fcber Twitter ver\u00f6ffentlicht und so den Spie\u00df der Sichtbarkeit umdreht.<\/p>\n<p>Neben dem Vortrag Susanne Krasmanns fanden sich auch in den Panels weitere aktuelle Anwendungen der Gedanken Foucaults. Beeindruckend war beispielsweise die Parallele zwischen dem von Foucault beschriebenen gesellschaftlichen Umgang mit Pest und Lepra zu unserem gegenw\u00e4rtigen Umgang und Diskurs \u00fcber Gefl\u00fcchtete von Mareike Gebhard (Erlangen-N\u00fcrnberg). Auch Christian Haddad (Wien) nutzte Foucaults Konzept der Biopolitik, um die Praxis der regenerativen Medizin in der Stammzellentherapie auf treffende Weise zu analysieren. Ebenso machte Alexander Hirschfeld (Kiel) die Biopolitik f\u00fcr eine eigene und \u00e4u\u00dferst aufschlussreiche Analyse der Diagnose \u201aburnout\u2018 fruchtbar.<\/p>\n<p>Zum Abschluss der Tagung wurden einige Linien der Diskussion weiter gef\u00fchrt, w\u00e4hrend viele Fragen naturgem\u00e4\u00df offen blieben. So machte Oliver Marchart auf dem Abschlusspanel auf die fehlenden politischen Bez\u00fcge der theoretischen Diskussion aufmerksam. Er wies zurecht auf den immer auch gewollt politischen Charakter der Arbeiten Foucaults hin. Foucault habe sich immer auch bewusst in einem linken, subversiven Diskurs bewegt, den er gezielt beeinflussen wollte. Diese Rolle des linken politischen Denkens sei zentral f\u00fcr Foucaults Werk. Marchart deutete schlie\u00dflich an, dass man Foucaults Kritik in einem gr\u00f6\u00dferen historischen Kontext linken Denkens sehen m\u00fcsse, der 1848 begann und heute vor dem Ende st\u00fcnde. Die Linke und das linke Denken, so Marchart, seien heute in der Krise. Wir stehen also vor gro\u00dfen Aufgaben. Foucaults Werk wird die zahllosen Fragen, die diese Krise aufwirft, keinesfalls beantworten k\u00f6nnen. Aber vielleicht liefert Foucaults \u201avagabundierendes Denken\u2018 erste Hinweise, wie wir diese Krise nutzen und das Politische neu denken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Inken Behrmann studiert Sozialwissenschaftten (M.A.) an der Humboldt\u00a0Universit\u00e4t zu Berlin. Ihre Schwerpunkte sind Diskurstheorie und\u00a0politische \u00d6kologie.<\/em><\/p>\n<div class=\"\"><em>Janosik Herder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsgebiet Politische Theorie der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck und arbeitet zur Politischen Theorie von Technik und neuen Medien.<\/em><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des neunzigsten Geburtstages Michel Foucaults fand am 4. und 5. 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