{"id":16477,"date":"2016-06-06T09:00:54","date_gmt":"2016-06-06T07:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theorieblog.de\/?p=16477"},"modified":"2025-03-14T15:33:12","modified_gmt":"2025-03-14T14:33:12","slug":"sondierungen-tagungsbericht-challenging-the-banality-of-racism","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2016\/06\/sondierungen-tagungsbericht-challenging-the-banality-of-racism\/","title":{"rendered":"Sondierungen. Tagungsbericht \u201eChallenging the Banality of Racism\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Anlass des zweit\u00e4gigen Workshops<a href=\"https:\/\/www.uni-giessen.de\/fbz\/zentren\/ggs\/veranstaltungskalender\/aktuelles\/racepoltheory\"><em> Challenging the Banality of Racism. <\/em><em>Political Theory as Race Critical Theory<\/em><\/a>\u00a0(Okt. 2015, Gie\u00dfen) war die Kritik an bestehenden Konzepten Politischer Theorie. Diese, so Mitveranstalterin Jeanette Ehrmann, seien nicht in der Lage den Einfluss der Kategorie \u201aRasse\u2018 zu reflektieren, zu analysieren und zu konzeptionalisieren. In der Folge versage die Disziplin der Politischen Theorie an dieser f\u00fcr die postfaschistischen und postkolonialen Gesellschaften fundamentalen Ordnungskategorie. Diese Leerstelle anzugehen war Ziel aller Beitr\u00e4ge.<!--more--><\/p>\n<p>Yoko Arisaka machte den Anfang mit <em>Epistemologies of Ignorance. <\/em><em>Race, Gender, and the Myth of Multiculturalism<\/em>. Sie diskutierte das Versagen des Multikulturalismus an der Kategorie \u201aRasse\u2018 und er\u00f6rterte die strukturelle Reproduktion von Rassismus als einer Form von Ungleichheit und Resultat materieller Bedingungen: von der historischen Formierung im Kolonialismus bis hin zur heutigen Wissensproduktion und -anerkennung. Multikulturalismus als politische Praxis und Theorie, so Arisaka, trage durch die falsche Perspektivverschiebung auf den Bereich der Kultur nur dazu bei, Rassismus unsichtbar zu machen, nicht aber dazu, ihn zu kritisieren.<\/p>\n<p>Nadia Yala Kisukidi, die leider verhindert war, entwarf in ihrem zur Verf\u00fcgung gestellten Vortragsmanuskript das Projekt einer Dekolonisierung der Philosophie aus Perspektive der Africana Philosophie. Die f\u00fcr Africana Philosophie konstitutiven Erfahrungen von Dehumanisierung, Versklavung, Kolonisierung und Rassifizierung zw\u00e4ngen zur \u00dcberpr\u00fcfung des vermeintlich universalen Vernunftdenkens ohne dieses aber g\u00e4nzlich verwerfen zu m\u00fcssen. Kisukidi pl\u00e4diert f\u00fcr eine Philosophie, in der es m\u00f6glich ist, die Pluralit\u00e4t einer postkolonialen Welt zu denken und deren Institutionalisierung an diesem Gedanken neu ausgerichtet werden muss.<\/p>\n<p>Der Vortrag <em>Je suis Charlie<\/em> von Nabila Abbas thematisierte die Entwicklung Frankreichs nach dem Attentat auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo. Dabei stand das Verh\u00e4ltnis von Laizismus und Islam im Zentrum. Mit Jacques Ranci\u00e8re kritisierte Abbas die Republik als eine wesentlich auf Ausschluss beruhende Form der Vergesellschaftung. Sie zeichnete nach, wie Denkfiguren der extremen Rechten in den Diskursen der Mitte anlangten und dort Fragen von Zugeh\u00f6rigkeit und Ungleichheit neu sortierten. Aktuelle Konflikte im postkolonialen Frankreich w\u00fcrden, so Abbas, zunehmend \u00fcber den Ausschluss und die Stigmatisierung des Islam thematisiert.<\/p>\n<p>Der erste Tag endete mit der Diskussion <em>Challenging the Banality of Racism in Theory and Practice <\/em>zwischen Felmon Davis, Eddie Bruce-Jones, Regina Kreide, Jeanette Ehrmann und Vanessa Eileen Thompson. Alle Beitr\u00e4ge widmeten sich Kolonialit\u00e4t als Strukturkategorie in Vergangenheit in Gegenwart.<\/p>\n<p>Felmon Davis er\u00f6ffnete mit dem Paradoxon der amerikanischen Gr\u00fcndungsgeschichte, eine freie demokratische Gesellschaft auf unfreier Sklav_innenarbeit aufgebaut zu haben. Er zog einen Bogen vom <em>Slave Patroller<\/em> der Plantage zu der rassistischen Polizeigewalt in den heutigen USA. Eddie Bruce-Jones er\u00f6rterte am Beispiel von LGBTIQ Gefl\u00fcchteten, wie durch rechtliche Praktiken ein diskursiver Raum er\u00f6ffnet wird, in den aktivistische Praktiken zwar informiert intervenieren, den sie in der Regel aber nicht selbst neu bestimmen k\u00f6nnen. Gerade am Verst\u00e4ndnis von Kolonialismus als Fluchtgrund w\u00fcrden die Differenzen von Aktivist_innen und Asylsuchenden zu Rechtspraxen deutlich, die Individuen strikt ahistorisch betrachten. Regina Kreide verwies auf die Thematisierung von Roma in europ\u00e4ischen Politik- und Sicherheitsdiskursen, in denen Roma nicht als Minderheit, sondern als \u201eProblem\u201c auftauchten, dem mit neuer Versicherheitlichung begegnet w\u00fcrde. Jeanette Ehrmann sprach <em>wei\u00dfe<\/em> Abwehrstrategien gegen die Thematisierung von \u201aRasse\u2018 und Rassismus an, die auch der Politischen Theoriebildung inh\u00e4rent seien. Vanessa Eileen Thompson thematisierte zwei aktuelle Diskussionen, <em>Why is my Professor not black?<\/em> und <em>Black Lives Matter &#8211; in Academia<\/em> und analogisierte den Fluchtraum Mittelmeer als <em>Black Mediterranean<\/em> mit Paul Gilroys <em>Black Atlantic<\/em>.<\/p>\n<p>Als \u00fcbergreifendes Thema der nachfolgenden Diskussion stellte sich die Einschreibung <em>wei\u00dfer<\/em> Abwehrstrategien in die Produktion von Wissen heraus, die von allen Redner_innen in ihren Statements auf verschiedene Weise bereits angesprochen worden waren. Die Abwesenheit Schwarzen und PoC (\u201ePerson\/People of Color\u201c) Wissens als gestaltendes Element gesellschaftlicher Wissensproduktion ist dabei nur das Symptom der Abwesenheit der Schwarzen und PoC Wissenstr\u00e4ger_innen selbst. Die Akademie wird als postkolonial strukturierter <em>wei\u00dfer<\/em> Raum sichtbar, in dem die Refiguration etablierter Wissensbest\u00e4nde nicht nur eine neue wissenschaftliche, sondern zugleich auch eine aktivistische Praxis erfordert.<\/p>\n<p>Der zweite Tag begann mit dem Vortrag von Eddie Bruce-Jones <em>In the Shadow of the Law: Reflections on Race, Rights, and Legal Violence in Europe<\/em>. Bruce-Jones besch\u00e4ftigte sich mit Todesf\u00e4llen in Polizeigewahrsam oder Haft und stellte den rechtlichen Rahmen der beh\u00f6rdlichen Reaktionen in Deutschland und England vor. Er arbeitete heraus, dass die Untersuchung solcher Todesf\u00e4lle in England institutionalisiert sei, in Deutschland aber von genau derselben Beh\u00f6rde untersucht w\u00fcrde, deren (Mit)Schuld in Haft in Frage st\u00fcnde und verwies auf die Neuinterpretation von Polizeinarrativen durch aktivistische Interventionen.<\/p>\n<p>Der letzte Vortrag des Workshops <em>Towards a Liaison of the Philosophy and Sociology of Race: The Case of Black Solidarity<\/em> wurde von Daniel James und Vanessa Eileen Thompson gemeinsam gehalten. Sie entfalteten darin das Projekt einer Schwarzen Solidarit\u00e4t, die nicht auf einem gemeinsamen identit\u00e4ren Selbstverst\u00e4ndnis beruht, sondern auf der geteilten Erfahrung von Rassismus. Sie arbeiteten dazu mit Tommie Shelbys \u201c<em>thick and thin conceptions of blackness<\/em>\u201d und Sally Haslangers ameliorativem, philosophischen Ansatz am Beispiel des Pariser Kollektivs <em>Brigade Anti-Negrophobie<\/em>. James und Thompson entwarfen in einem rekonstruktiven Verfahren eine Solidarit\u00e4tskonzeption, die nicht Grundlage von Solidarisierung und Aktionismus, sondern deren Resultat ist.<\/p>\n<p>Der Workshop endete mit einer ausf\u00fchrlichen Diskussion um die Weiterf\u00fchrung der erarbeiteten Themen und Ans\u00e4tze, die die offene und solidarische Diskussionskultur widerspiegelte. Es gab w\u00e4hrend des Workshops f\u00fcr die einzelnen Beitr\u00e4ge so viel Diskussionszeit wie selten, was sich \u00e4u\u00dferst positiv auf die Qualit\u00e4t und die Nachhaltigkeit der Diskussion auswirkte. Den Organisator_innen ist ein breit angelegter und sehr fundierter Aufriss der Thematisierung von \u201aRasse\u2018 in der Politischen Theorie gelungen. Eine weitere Zusammenarbeit verspricht, das Projekt der Dekolonialisierung von Wissen und Institutionen voranzutreiben und wissenschaftliche und aktivistische Praxis weiter miteinander ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Bereits f\u00fcr zuk\u00fcnftige Treffen angedachte Themen umfassen die Begriffsgeschichte von \u201aRasse\u2018 in Deutschland nach 1945, die Universit\u00e4t als Institution von Ungleichheit und das Zusammenbringen von Rassismus-, Antiroma_ismus*- und Antisemitismusforschung. Im Verlauf des Workshops wurde deutlich, dass Politische Theorie von den Anwesenden als Wissens<em>praxis<\/em> gedacht wurde. Die \u00fcblichen Grenzziehungen zu empirischer Forschung entfielen zugunsten einer Zentrierung auf das in der Politischen Theorie Vernachl\u00e4ssigte: die postkolonialen Gesellschaftsordnung als Struktur der Wirklichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Der Unterstrich soll an dieser Stelle auf die Begriffsproblematik des g\u00e4ngigen Terminus \u201aAntiz***ismus\u2018 verweisen, ohne den Anschein zu erwecken stattdessen eine ethnologisierende Kategorie einzusetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Die Langversion des Tagungsberichts ist erschienen in der Zeitschrift f\u00fcr Politische Theorie (Jahrgang 6, Heft 2\/2015, Leverkusen).<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Matti Trau\u00dfneck ist Politikwissenschaftlerin an der Philipps-Universit\u00e4t Marburg. Sie arbeitet zu Ungleichheiten im Kapitalismus, Globalgeschichte und Politischer Theorie.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anlass des zweit\u00e4gigen Workshops Challenging the Banality of Racism. Political Theory as Race Critical Theory\u00a0(Okt. 2015, Gie\u00dfen) war die Kritik an bestehenden Konzepten Politischer Theorie. Diese, so Mitveranstalterin Jeanette Ehrmann, seien nicht in der Lage den Einfluss der Kategorie \u201aRasse\u2018 zu reflektieren, zu analysieren und zu konzeptionalisieren. 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