{"id":16298,"date":"2016-05-11T08:30:45","date_gmt":"2016-05-11T06:30:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theorieblog.de\/?p=16298"},"modified":"2016-05-17T10:46:16","modified_gmt":"2016-05-17T08:46:16","slug":"nicest-radical-aktualitaet-john-dewey","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2016\/05\/nicest-radical-aktualitaet-john-dewey\/","title":{"rendered":"The Nicest Radical in Town. Zur Aktualit\u00e4t John Deweys"},"content":{"rendered":"<p><em>Zum 100-j\u00e4hrigen Erscheinen von John Deweys \u201eDemokratie und Erziehung\u201c (Teil 5)<\/em><\/p>\n<p>John Dewey geh\u00f6rt zu den <em>nice guys<\/em> der politischen Philosophie. Auf den j\u00fcngeren Portraits, die von ihm existieren, mutet er an wie der nette Onkel aus dem Bilderbuch, der stets ein Bonbon f\u00fcr die lieben Kleinen in der Tasche hat. Und in seinen Texten dominiert ein moderater Stil, der frei von aufgeregter Rhetorik ist. Aufmerksamkeit heischende Polemik und ein scheinradikaler Gestus lagen Dewey merklich fern. Seine Philosophie lebt vom Geist des Pragmatismus und Meliorismus, sie transportiert die \u00dcberzeugung, dass eine Verbesserung der Situation stets m\u00f6glich ist. Von der Tragik, die politisches Handeln nicht selten an sich hat, erf\u00e4hrt man in seinen Texten nur wenig. All das kann dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass Dewey ein radikaler Denker war. Mit polemischer \u00dcbertreibung, aber nicht ohne Grund wetterte Hayek in seinem <em>Weg zur Knechtschaft<\/em>, Dewey sei \u201eder f\u00fchrende Philosoph des amerikanischen Linksradikalismus\u201c (Hayek 1944\/1982: <em>Der Weg zur Knechtschaft<\/em>, S. 46).<!--more--><\/p>\n<p>Politisch vertrat Dewey in seinen sp\u00e4teren Jahren in der Tat sozialistische Positionen. Er forderte beispielsweise die Verstaatlichung von Banken und Schl\u00fcsselindustrien. Eine Forderung, die gegenw\u00e4rtig nur von den wenigsten \u00f6ffentlichen Intellektuellen erhoben wird. Es liegt der Gedanke nahe, dass Dewey, lebte er heute, den Wahlkampf von Bernie Sanders wohl mit Zustimmung verfolgen w\u00fcrde. Gerade die Begeisterung f\u00fcr politisches Engagement, die Sanders Kandidatur nicht zuletzt bei jungen Menschen ausl\u00f6st, h\u00e4tte bestimmt sein Wohlwollen hervorgerufen. Fraglich ist, ob dies auch f\u00fcr alle politischen Rezepte von Bernie Sanders gilt. Die entstammen bekanntlich dem Kochbuch der alten Sozialdemokratie. Dewey, ein Leser Hegels und Darwins, war ein sozialer Demokrat und Sozialist. Er war aber auch ein Denker der geschichtlichen Evolution, der meinte, dass die gesellschaftliche Entwicklung unser begriffliches und theoretisches Vokabular schneller veralten lassen kann, als wir oftmals bemerken. Es w\u00e4re ihm deshalb befremdlich vorgekommen, f\u00fcr neue Probleme alte Konzepte in Stellung zu bringen. Neue historische Umst\u00e4nde erzeugen neue Probleme. Und die, so lautete Deweys Credo, verlangen nach neuen L\u00f6sungen. Oder anders: Habe Mut, dich von Vorstellungen zur befreien, die zur unreflektierten Gewohnheit geworden sind!<\/p>\n<p>Man kann dies getrost ein Grundmotiv seines Denkens nennen. F\u00fcr Dewey z\u00e4hlte es zu den Aufgaben der politischen Philosophie, die \u201eProblems of Men\u201c (Dewey 1946: <em>Problems of Men<\/em>) mittels der Kritik historisch \u00fcberlieferter, unreflektiert zur Tradition geronnener Begriffe und Theorien in Angriff zu nehmen. Wie fruchtbar diese Herangehensweise sein kann, hatte er mit seiner Kritik der Bewusstseinsphilosophie (Dewey 1929\/1998: <em>Die Suche nach Gewissheit<\/em>) und in den 1930er Jahren anhand seiner Auseinandersetzung mit dem Liberalismus demonstriert (Dewey 1935: <em>Liberalism and Social Action<\/em>). Dewey zufolge war der alte Liberalismus mit seinem Glauben an das Naturrecht und an die unsichtbare Hand des Marktes den Problemen der Zeit nicht gewachsen, ja er stellte vielmehr selbst ein Problem dar. Ein neuer, liberaler Sozialismus m\u00fcsse her, der den freiheitlichen Impuls mit intelligenten Methoden demokratischer Willensbildung und kollektiver Probleml\u00f6sung verbinde. Bekanntlich hat sich langfristig der Hayeksche Gegenentwurf durchgesetzt, ein Neo-Liberalismus, der auf die alten Ideen zur\u00fcckgriff, sie dogmatisierte und dadurch neue Probleme erzeugte. An der Zeit w\u00e4re, wollte man Deweys politischen Impuls in die Gegenwart \u00fcbertragen, der Entwurf einer neuen sozialen Demokratie.<\/p>\n<p>Dewey begriff seine Philosophie als einen Beitrag zur kollektiven Probleml\u00f6sung. Dies aber nicht im Sinne eines expertokratischen Unterfangens, sondern als Explikation der Bedingungen, unter denen demokratische B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger die Probleme ihrer Zeit bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen und sich dabei individuell wie kollektiv zu entwickeln verm\u00f6gen. Die Verdinglichung von \u00fcberkommenen Institutionen und sie rechtfertigender Begriffe und Theorien betrachtete er hierbei als das gr\u00f6\u00dfte Hindernis.<\/p>\n<p>Vielleicht ist die Herausforderung unserer Zeit derjenigen Deweys gar nicht so un\u00e4hnlich. Wir sind mit neuen Problemen konfrontiert, nutzen aber oftmals Theorien und Begriffe, die einer gesellschaftlichen Wirklichkeit entstammen, die vergeht oder schon vergangen ist. Zugleich sind wir mit Institutionen konfrontiert, deren Zeit gekommen ist, die aber nicht von der B\u00fchne der Geschichte abtreten wollen. Deshalb w\u00e4re es anl\u00e4sslich des Jubil\u00e4ums von <em>Demokratie und Erziehung<\/em> angebracht, Dewey als einen Klassiker zu lesen, dessen Antworten nicht allesamt f\u00fcr unsere Zeit gemacht sein m\u00f6gen, dessen Problemstellung aber weiterhin aktuell und dringlich ist.<\/p>\n<p>N\u00e4her an Deweys Geist sind aus diesem Grund vermutlich die Theorien, die neue gesellschaftliche Erfahrungen artikulieren und mit neuen Begriffen einfangen wollen, als Beitr\u00e4ge, die Dewey in bestehende Paradigmen und Ans\u00e4tze einsortieren und auf diesem Wege versuchen, einen wohlklingen Namen f\u00fcr das eigene Vorhaben in Anschlag zu bringen. Wie immer man zu ihren Ergebnissen stehen mag, B\u00fccher wie <em>Simulative Demokratie. Neue Politik nach der postdemokratischen Wende<\/em> (Bl\u00fchdorn 2013) oder <em>Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung<\/em> (Rosa 2016) bearbeiten mit ihrem Versuch der Artikulation neuer Erfahrungen und der Verabschiedung alter Vokabulare eher Deweys Problemstellung als die x-te Rekonstruktion von Deweys Texten, die nachweisen soll, dass Dewey ein Vertreter desjenigen Paradigmas gewesen ist, das einem selbst am Herzen liegt.<\/p>\n<p>Wie die bisherigen Beitr\u00e4ge in der <a href=\"http:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/tag\/dewey-reihe\/\">Artikelreihe<\/a> gezeigt haben, kommt vielen Texten aus Deweys breitem Werk bleibendes Anregungspotential zu, nicht nur <em>Demokratie und Erziehung<\/em>. Aber in Anbetracht der gegenw\u00e4rtigen Diskussion der Bedrohung der Demokratie und der skeptisch machenden Aussicht auf ihre Zukunft, kommt einer bestimmten Einsicht aus Deweys politischer Erziehungstheorie besondere Aktualit\u00e4t zu. Eine bemerkenswerte These Deweys lautet, dass gesellschaftlicher Wandel unvermeidlich ist. In unserer Hand liegt allerdings, ob er intelligent und kontrolliert oder aber naturw\u00fcchsig und ungesteuert erfolgt. Wenn nun gegenw\u00e4rtig \u00fcber den Wandel und die Zukunft der Demokratie diskutiert wird, dann sollte die alte, aber aktuelle Einsicht Deweys nicht vergessen werden: dass eine Gesellschaft vor allem mittels ihrer Erziehungspraxis auf ihre eigene Zukunft einwirkt. Politisch formuliert: Die politische Bildung von heute entscheidet \u00fcber die B\u00fcrger von morgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.politikwissenschaft.tu-darmstadt.de\/index.php?id=3334\" target=\"_blank\">Dr. Veith Selk<\/a> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Politikwissenschaft der TU Darmstadt. Er forscht derzeit u. a. \u00fcber Populismus und Theorien der Politik.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 100-j\u00e4hrigen Erscheinen von John Deweys \u201eDemokratie und Erziehung\u201c (Teil 5) John Dewey geh\u00f6rt zu den nice guys der politischen Philosophie. Auf den j\u00fcngeren Portraits, die von ihm existieren, mutet er an wie der nette Onkel aus dem Bilderbuch, der stets ein Bonbon f\u00fcr die lieben Kleinen in der Tasche hat. 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