{"id":1205,"date":"2010-06-09T02:07:37","date_gmt":"2010-06-09T00:07:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theorieblog.de\/?p=1205"},"modified":"2025-03-14T15:07:22","modified_gmt":"2025-03-14T14:07:22","slug":"konferenz-asthetische-erfahrungen-in-udine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2010\/06\/konferenz-asthetische-erfahrungen-in-udine\/","title":{"rendered":"Konferenz: \u00c4sthetische Erfahrungen in Udine"},"content":{"rendered":"<p>Wie erfahren wir eigentlich Kunst? Und was hat das mit dem Sch\u00f6nen und dem Guten zu tun? \u00c4sthetische Erfahrung, die Rezeption von Kunst, der Begriff des Sch\u00f6nen und der Zusammenhang von \u00c4sthetik und Moral waren zentrale Themen der diesj\u00e4hrigen Konferenz der <a href=\"http:\/\/www.eurosa.org\/\">Europ\u00e4ischen Gesellschaft f\u00fcr \u00c4sthetik<\/a> (kurz ESA) Ende Mai in Italien. Dass diese in so einem pittoresken italienischen St\u00e4dtchen wie Udine in Friaul stattfand, war dabei fast selbst wie eine These zu lesen: Angesichts der fabelhaften venezianischen Renaissance-Bauten all\u00fcberall konnte man sich einer Idee des Sch\u00f6nen, die wir vielleicht in ganz besonderer Weise \u00e4sthetisch erfahren, beinahe nicht verwehren. Empfinden wir dabei ein Lustgef\u00fchl? K\u00f6nnen wir dieses nur so oder auch bei nicht-sch\u00f6nen, nichts mit Sch\u00f6nheit gemein habenden Objekten empfinden? Oder ist das dann etwas anderes? Dies waren zum Beispiel Fragen von Gary Kemp (Glasgow) und von Thierry de Duve (Lille III), wobei sich letzterer dahingehend die <em>Kritik der Urteilskraft<\/em> von Kant vornahm.<!--more--><\/p>\n<p>Der hochanerkannte belgische Kunsttheoretiker De Duve stellt in seinen Schriften unter anderem die Frage, wie das \u00e4sthetische Urteils nach der Erfahrung der Konzeptkunst (<em>Kant nach Duchamp<\/em>) zu verstehen ist und \u00fcberpr\u00fcft dies in Auseinandersetzung mit Kant. In Udine vertrat er unter dem Titel \u201eOn negativity in Kant&#8217;s Third Critique\u201c die These, dass sich im Rahmen der Kantischen \u00c4sthetik nicht nur positive, mit Wohlgefallen verbundene, sondern auch negative, mit Unbehagen verkn\u00fcpfte Geschmacksurteile erl\u00e4utern lassen.<\/p>\n<p>Wie unterdessen \u00fcberhaupt \u00e4sthetische Erfahrung zu verstehen sei, das wurde direkt oder indirekt in den meisten der insgesamt rund 60 <a href=\"http:\/\/www.eurosa.org\/2010\/\">Vortr\u00e4ge<\/a> thematisiert und ist generell eine wichtige Frage in der \u00c4sthetik: Die Wahrnehmung und Betrachtung von Kunst (und Natur), so lautet die \u00dcberlegung dahinter, ist mit einer bestimmten, n\u00e4mlich \u00e4sthetischen Form der Erfahrung verbunden, die f\u00fcr das Verstehen und Bewerten von Kunst von Bedeutung ist. (Unter den Allgemeinbegriff der Kunst sind dabei alle Formen der Bildenden Kunst, der Musik, der Literatur, des Theaters, des Tanzes, des Films und der Fotografie zu fassen).<br \/>\nAber was <em>ist<\/em> denn \u00e4sthetische Erfahrung? Mal abgesehen von der grunds\u00e4tzlichen Problematik, dass sich Diskutanten bei so einer Frage erst einmal dar\u00fcber verst\u00e4ndigen m\u00fcssen, was sie jeweils mit \u201e\u00e4sthetisch\u201c, \u201eErfahrung\u201c und \u201eVerstehen\u201c meinen (wie oft redet man aneinander vorbei, wenn die Begriffe verschieden verstanden werden, ohne es erst zu merken), lassen sich generell grob zwei Positionen ausmachen: Die einen, die in das Konzept der \u00e4sthetischen Erfahrung das Konzept eines interesselosen Wohlgefallens, wie Kant es formuliert hat, einbinden und keine weitere Erkenntnis oder bestimmten Zweck damit verbinden \u2013 zumindest nicht eine genau zweckorientierte Erkenntnis, die dies oder das erfahren, das hei\u00dft verstehen und lernen will. Oder aber die \u00e4sthetische Erfahrung <em>ist<\/em> mit einem bestimmten Erkenntniswert verbunden, wobei hier wiederum die entscheidende Frage lautet, ob diese propositionaler oder non-propositionaler Art ist: ob man sie also auf eine wahrheitsf\u00e4hige Aussage reduzieren oder, im Gegenteil, in gewisser Weise nicht \u00fcbersetzen, paraphrasieren kann, ohne dass die \u00e4sthetische Erfahrung selbst dabei verloren geht oder zumindest unterminiert wird. Eine dritte M\u00f6glichkeit best\u00fcnde nun darin, die beiden Lager zu verbinden und \u00e4sthetische Erfahrung zum einen mit einer, aber eben nicht paraphrasierbaren Form von Erkenntnis zu verkn\u00fcpfen \u2013 so dass diese Erkenntnis konstitutiver Bestandteil der \u00e4sthetischen Erfahrung ist, ohne dass man sie aber auf eine bestimmte Aussage oder einen klar benennbaren Zweck reduzieren kann, sondern sie grunds\u00e4tzlich als in besonderer Weise als \u201ebedeutungsvoll\u201c und sinnstiftend f\u00fcr das Leben erf\u00e4hrt. Und so, dass die Erfahrung nicht ganz in dieser Erkenntnis aufgeht, sondern sozusagen noch ein \u00dcberschuss bleibt. Dabei w\u00e4re auch mit zu bedenken, dass man die \u00e4sthetische Erfahrung angesichts der Vielfalt von Kunst und Kunsterfahrungen \u2013 von abstrakter \u00fcber gegenst\u00e4ndliche bis zu narrativer Kunst \u2013 ebenso vielf\u00e4ltig differenzieren muss: so dass mit den unterschiedlichen Erfahrungen auch die Erkenntnis in unterschiedlichen Weisen ausfallen kann, von einer vagen Form bis dahin, dass man etwas Bestimmtes lernt durch die Erfahrung und Rezeption von Kunst. <\/p>\n<p>Was daraus und aus anderen Ans\u00e4tzen folgt ist jedenfalls, dass es die eine \u00e4sthetische Erfahrung dabei nicht zu geben scheint. Dies war in Udine auch die These von Stefan Deines (Frankfurt), der sich daher f\u00fcr einen pluralistischen Ansatz aussprach: Demnach gibt es einen allen \u00e4sthetischen Erfahrungen gemeinsames minimales Level der \u00e4sthetischen Perzeption und dann darauf aufbauende unterschiedliche Formen spezifischer \u00e4sthetischer Erfahrung, welche zum Beispiel auch mehr oder weniger mit Emotionen verbunden ist und mehr oder weniger mit einem bestimmten Erkenntniszweck.<\/p>\n<p>Ob und wie dabei Imagination im Spiel ist, war eine weitere oft vertretene Frage, darunter etwa im Vortrag von James Hamilton (Kansas), welcher die These vortrug, dass alles Verstehen von Narrativen <em>per se<\/em>, d.h. nicht nur von Fiktionen, eine, wenn auch minimale, Form der Imagination voraussetzt. Wie dann in Anbetracht moralisch problematischer Inhalte und Formen von Kunst deren (\u00e4sthetischer) Wert zu bestimmen sei, ja wie \u00c4sthetik und Moral \u00fcberhaupt zusammenh\u00e4ngen, das diskutierten unter anderem Sara Protasi (Yale) und Shen-Yi Liao (Michigan) am Beispiel von Pornografie sowie auf metaethischer Ebene Alessandro Giovanelli (Lafayette) und Elvio Baccarini (Rijeka). <\/p>\n<p>Perzeption und Rezeption nun dar\u00fcber hinaus konzeptionell und ph\u00e4nomenal ad\u00e4quat zu beschreiben, das waren Themen von Lambert Wiesing (Jena), der in der Kunstwahrnehmung eine Art \u201ePause der Partizipation\u201c vom realen Leben sah, und Georg Bertram (Berlin), der in Auseinandersetzung mit Danto und Hegel die selbstreferentielle Konstitution von moderner und zeitgen\u00f6ssischer Kunst diskutierte. Das Verh\u00e4ltnis von \u00c4sthetik und Politik, wie man es zum Beispiel in der franz\u00f6sischen Theorie bei Jacques Ranci\u00e8re behandelt findet, war indes kaum Thema, hier h\u00e4tte man sich noch etwas mehr, vor allem als kontroversen Gegenpol zu den angloamerikanischen analytischen Theorien gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Erfrischend und interdisziplin\u00e4r erfolgreich aber war daf\u00fcr, dass auch K\u00fcnstler unter den Teilnehmern waren: So sprach die Video- und Fotok\u00fcnstlerin (und Philosophin) Anke Haarmann \u00fcber das in der Bildenden Kunst und der Medienkunst gerade hoch aktuelle Thema der \u201eartistic research\u201c und pr\u00e4sentierte dazu zeitgen\u00f6ssische Konzept-Kunst von <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=I6MyCErU2Y0\">Cindy Sherman<\/a> als eine Form dieser k\u00fcnstlerischen Forschung, einer legitimen wissenschaftlichen und kritischen Forschung parallel zur Philosophie.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Gesellschaft f\u00fcr \u00c4sthetik wurde \u00fcbrigens im November 2008 an der Universit\u00e4t Fribourg in der Schweiz gegr\u00fcndet und hat sich seitdem schon ziemlich etabliert. Selbst ernanntes <a href=\"http:\/\/www.eurosa.org\/index.php?option=com_content&#038;view=category&#038;layout=blog&#038;id=35&#038;Itemid=55\">Ziel<\/a> ist es, die philosophische und andere akademische Forschung und Lehre im Bereich der \u00c4sthetik und Kunsttheorie zu f\u00f6rdern und den Austausch in Europa zu verst\u00e4rken. Zum Komitee der ESA geh\u00f6ren neun Mitglieder, der derzeitige Pr\u00e4sident ist <a href=\"http:\/\/www.sheffield.ac.uk\/philosophy\/staff\/profiles\/hopkins.html\">Robert Hopkins<\/a> (Sheffield). Die Internetseite informiert <a href=\"http:\/\/www.eurosa.org\/index.php?option=com_thyme&#038;Itemid=53\">aktuell<\/a> \u00fcber Termine in der \u00c4sthetik auf internationalem Boden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie erfahren wir eigentlich Kunst? 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