{"id":10870,"date":"2014-03-03T08:30:37","date_gmt":"2014-03-03T07:30:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theorieblog.de\/?p=10870"},"modified":"2019-04-01T11:44:42","modified_gmt":"2019-04-01T09:44:42","slug":"wiedergelesen-politische-theorie-des-besitzindividualismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2014\/03\/wiedergelesen-politische-theorie-des-besitzindividualismus\/","title":{"rendered":"Wiedergelesen: Politische Theorie des Besitzindividualismus"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2014\/02\/betreff-wiedergelesen\/\">Wiedergelesen<\/a>-Beitrag zu\u00a0<\/strong><strong>C. B. Macpherson:<em> The Political Theory of Possessive Individualism: Hobbes to Locke<\/em>, Oxford UP 1962 (dt. v. Arno Wittekind, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973).<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Hauptwerk des kanadischen Politologen Macpherson (1911-1987) kann als Idealtyp einer Klassikerrezeption gelten, die ihrerseits den Status des Klassikers erlangte. Das gilt nicht allein f\u00fcr die Leitthese, nach der die Revolutionen Englands im 17. Jahrhundert eine \u201epolitische Theorie des Besitzindividualismus\u201c hervorgebracht h\u00e4tten, in der der noch naturrechtlich beeinflusste Anspruch auf Leben schrittweise als individualistisches Eigentumsrecht interpretiert und schlie\u00dflich auf die T\u00e4tigkeit des Arbeitens \u00fcbertragen werden konnte, sodass im Effekt Arbeitskraft aufgewertet, Privateigentum legalisiert und individuelle Widerstandshandlungen gegen Willk\u00fcr aller Art legitimiert werden konnten.<!--more--><\/p>\n<p>Der Klassikerstatus geb\u00fchrt Macpherson auch, da er zumal John Lockes Werk weniger erl\u00e4utert als es vielmehr zwischen dem Hobbes\u2019schen Absolutismus und dem Harrington\u2019schen Republikanismus so kontextualisiert, dass klarer wird, was der angeblich legitime Stammvater des demokratischen Liberalismus alles noch nicht sein konnte \u2013 z.B. Demokrat, Gr\u00fcnder, Liberaler. Paradigmatisch daf\u00fcr sind Aussagen wie die, historisch habe niemand l\u00e4nger unter Liberalismus zu leiden gehabt als Locke, oder der Aphorismus Macphersons, dass die noch heute hegemoniale Rezeption, nach der Locke \u201eein \u201aDemokrat des Mehrheitsprinzips\u2019 gewesen [sei], alle Beweise daf\u00fcr [\u00fcbersehe], da\u00df er \u00fcberhaupt kein Demokrat war.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Von Hobbes zu Locke?<\/em><\/p>\n<p>Nun ist das ideenhistorische Wunschdenken, das R\u00fcckprojizieren und Eingemeinden politisch innovativer Gedanken Unterpfand politischer Theorie. Insofern k\u00f6nnen historische Kritiken nicht entkr\u00e4ften, dass Locke ein Liberaler sein <em>soll<\/em>, das hei\u00dft: ein Verfechter der Idee, soziale Beziehungen seien letztlich Tauschbeziehungen und damit marktanalog.<\/p>\n<p>Jedoch \u2013 Macphersons Buch ist keine Biographie zu Locke. Schon der Untertitel k\u00fcndet von einem Prozess <em>von Hobbes zu Locke<\/em>. Just darin liegt ein Motiv der Aufnahme Macphersons in den Kanon der hiesigen <a href=\"http:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2014\/02\/betreff-wiedergelesen\/\">Wiedergelesen-Sparte<\/a>: denn was bedeutet \u201evon &#8230; zu &#8230;\u201c eigentlich? Die mit dem ber\u00fchmten Untertitel suggerierte ideenhistorische <em>Transition<\/em> von Hobbes zu Locke ist so g\u00e4ngig geworden, dass man vergessen k\u00f6nnte, dass Macpherson eine ideenpolitische <em>Transposition<\/em> beschreibt. Denn es geht nicht darum, Hobbes einmal mehr als Fr\u00fchliberalen zu interpretieren, auf dem Locke \u00fcber Umwege lediglich aufbaut. Macpherson vollzieht vielmehr nach, wie bei Hobbes ein fr\u00fchliberales, staatlich gesch\u00fctztes, egoistisches Lebensrecht kontraktualistisch begr\u00fcndet wird, im Zuge der englischen B\u00fcrgerkriegswirren des 17. Jahrhunderts zu Locke wandert, bei diesem aber in vertragstheoretisch umgekehrter Form ankommt.<\/p>\n<p>Hobbes\u2019 Vertragstheorie gr\u00fcndete auf der indirekten Konsequenz optionaler Wehrdienstverweigerung: War der Leviathan um des Lebensschutzes willen inthronisiert, durfte er seinen Untertanen das Opfer des Lebens nicht abverlangen \u2013 die B\u00fcrger schuldeten dem Staat Gehorsam, nicht Leben. In Anlehnung an die Levellers radikalisiert Locke diese politische Idee und transplantiert sie ins \u00d6konomische: Der Einzelne schuldet einem Staat nichts, der des Eigentumsschutzes wegen gegr\u00fcndet wurde. Folglich schuldet der B\u00fcrger auch keinem Staat Gehorsam, der die freie Aneignung und den Gebrauch von Eigentum ohne Zustimmung behindert. Locke also schl\u00e4gt Hobbes\u2019 Staatssouver\u00e4nit\u00e4tslehre mittels deren eigener Methodik und unterstellt seine Regierungslehre letztlich \u00f6konomischen Zwecken. Dies ist, folgt man Macpherson (und ignoriert Polanyis Gegenstudie <em>The Great Transformation<\/em> (die in dieser Rubrik bald <a href=\"http:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2014\/04\/wiedergelesen-die-geschichte-vom-kampf-der-giganten-karl-polanyis-great-transformation\/\">folgt<\/a>)), der Beginn der Herrschafts\u00fcbernahme durch die liberalb\u00fcrgerliche Marktgesellschaft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also Hobbes\u2019 <em>Leviathan <\/em>Eigentum erst begr\u00fcndet, in dem er es als Beiprodukt der vertraglichen Sicherheitsgarantien den einzelnen Vertragsunterworfenen fungibel macht, ist Lockes Eigentumsverst\u00e4ndnis wieder vorvertraglich: Der Staat hat das Eigentum nicht zu schaffen, er hat es lediglich zu sch\u00fctzen. So wird ersichtlich: Das Wesen des b\u00fcrgerlichen Staates selbst begr\u00fcndet sich hier, und es begr\u00fcndet sich in fr\u00fchliberaler Opposition zum alten Aristotelismus und zum Klassischen Republikanismus. Denn \u201evon Hobbes zu Locke\u201c wird zwar deutlich, dass Leben, Eigentum und Freiheit allesamt beginnen, individuelle Rechte zu werden. Doch wird dabei immer fraglicher, was der Staat sein soll: gesellschaftserm\u00f6glichende politische Herrschaftsform, sittlicher Verfassungs- und Lebenszusammenhang oder lediglich noch ein Rest- und Rechtskorsett seiner \u201eGesellschafter\u201c (lies: seiner Eigent\u00fcmer).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Eigentumsmarktgesellschaft oder Fr\u00fchkapitalismus?<\/em><\/p>\n<p>Was im Nachhinein daher wirken mag wie ein ideenpolitisch interessanter historischer Streit um Details einer zukunftstauglichen B\u00fcrgerverbandsform, ist tats\u00e4chlich die materialistische Rekapitulation der Weichenstellung zum weltanschaulich liberalen Rechtsstaat. Hobbes hatte hemmungslos mit der alten Moralphilosophie gebrochen, wenn er die Schutzbed\u00fcrftigkeit des Individuums zum blo\u00df noch rationalen Eigeninteresse an staatlicher Autorit\u00e4t erkl\u00e4rte. Wie Macpherson allerdings im Laufe seiner Arbeit argumentiert, war damit der Boden bereitet worden, das Theorem der bei Hobbes prim\u00e4r k\u00f6rperlichen Schutzbed\u00fcrftigkeit auszuweiten auf die Koordinierung diverser Interessen, die aufgrund von Knappheit, sozialer Ungleichheit oder Verderblichkeit in Konkurrenz stehen k\u00f6nnten. Wie der eigene K\u00f6rper bei Hobbes als unverletzliches Eigentum definiert wurde, setzte Locke das Eigentum im Allgemeinen als ebenso unverletzlich an. Beide, Hobbes und Locke, bezogen von je dieser Position her das Ma\u00df individueller Rechte.<\/p>\n<p>Das damit vorweggenommene Modell der \u201eEigentumsmarktgesellschaft\u201c, so Macphersons Begriff, legte die Schwachstelle von Hobbes\u2019 Vertragstheorie frei: Dauerprobleme waren nicht durch einen einmaligen Herrschaftsvertrag zu l\u00f6sen, sondern nur durch die \u00dcberf\u00fchrung der staatsvertraglichen Souver\u00e4nit\u00e4tsgrundlagen in eine kontinuiert Recht sprechende Regierungsform. Mithin galt es Locke, die historische Entwicklung des 17. Jahrhunderts von der Monarchie zum Parlamentarismus theoretisch zu flankieren. Anders als von Hobbes beabsichtigt, sollten Einzelinteressen nicht mehr anthropologisch zementiert oder paternalistisch delegiert werden, sondern dauerhaft verhandelbar bleiben. Der Schutz des Lebens, den der daf\u00fcr legitimierte Leviathan garantierte, wurde so zum Recht auf staatlich gesch\u00fctzte Verhandlung aller konkurrierenden Lebensf\u00fchrungsinteressen der Eigent\u00fcmer.<\/p>\n<p>Das hat etwa zur Folge, dass Hobbes Besteuerung nennt, was Locke schon als Enteignung gilt, und B\u00fcrgerkrieg, was f\u00fcr Locke Freiheit ist. Zu den wirkm\u00e4chtigsten Konsequenzen von Lockes Eigentumstheorie z\u00e4hlt denn auch, dass sie unter dem Label der Freiheit einem Landnahmeimperialismus in der Neuen Welt das Wort redete, der f\u00fcr Hobbes nichts anderes als \u201eNaturzustand\u201c war, also hemmungsloser Krieg der St\u00e4rkeren. Macpherson res\u00fcmiert denn auch, dass es \u201edie Besitzenden\u201c waren, die sich f\u00fcr die fr\u00fchkapitalistisch \u201egenehmere Doktrin Lockes\u201c entschieden statt f\u00fcr den demgegen\u00fcber politisch autorit\u00e4ren und sozial egalit\u00e4ren Absch\u00f6pfungs-, Selbstbegrenzungs- und Umverteilungsstaat des <em>Leviathan<\/em>. Zwischen Hobbes und Locke vollzieht sich mithin eine Transposition der f\u00fcr beide noch sehr neuen b\u00fcrgerlichen Freiheitsidee vom Staatsrecht zum B\u00fcrgerrecht und von der feudalistischen Implosion zur liberalistischen Expansion. Damit aber vollzieht sich gleichurspr\u00fcnglich die liberale Kopplung aller B\u00fcrgerrechte an den Status, volles Mitglied einer eigent\u00fcmersouver\u00e4nen Tauschgesellschaft zu sein. Locke war geworden, was Marx erst den Physiokraten bescheinigte: erster \u201eDolmetscher des Kapitals\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Vom Frieden zur Freiheit?<\/em><\/p>\n<p>Entsprechend ist nun Macphersons Arbeit als eine zu lesen, in der Hobbes ein k\u00fcnstliches Eigentumsverst\u00e4ndnis aus dem nat\u00fcrlichen Lebensinteresse des Einzelnen heraus argumentierte, es aber dem staatlich garantierten (inneren) <em>Frieden<\/em> unterordnete, wohingegen Lockes Erg\u00e4nzung nat\u00fcrliches Eigentum vom Staat sofort wieder entfesselte und folglich nachvertragliche <em>Freiheit<\/em> als k\u00fcnstlich zu garantierenden Rechtsfrieden zwischen legitimen Eigent\u00fcmern konturieren konnte. So wandelt sich der Staatszweck radikal von politischer Sicherheit zu \u00f6konomischer Freiheit.<\/p>\n<p>Das dahingehend von Macphersons Buch ausgehende Faszinosum ist offensichtlich: Seine von mehreren Ans\u00e4tzen her konsistent erscheinende Argumentation hat f\u00fcr jeden etwas im Angebot. Eigentumstheoretiker aller L\u00e4nder und Lager k\u00f6nnen aus dem Buch eine ideenhistorische Linie herauslesen, die von Hobbes \u00fcber Locke bis zu Smith, Kant, Hegel, Marx, Proudhon und Nozick reicht. Revolutionshistoriker m\u00f6gen erkennen, welche radikale Modernit\u00e4t das 17. Jahrhundert entfaltete. Selbst Liberalismuskritiker k\u00f6nnen Macpherson als einen der ihren lesen, zumal Souver\u00e4nit\u00e4tstheoretiker schnell erkennen, dass Macpherson dem Hobbesschen Souver\u00e4nit\u00e4tsverst\u00e4ndnis \u00e4hnlich nahe steht wie Carl Schmitt, der Locke rundherum absprechen w\u00fcrde, eine demokratische Politiktheorie zu liefern, und ihm ja \u00fcberhaupt attestierte, mehr die Nachhut mittelalterlichen Denkens zu bilden als die Avantgarde neuzeitlicher politischer Theorie zu vertreten.<\/p>\n<p>Doch das Problem liegt noch tiefer. Hatte der Antiaristoteliker Hobbes gewisserma\u00dfen einen n\u00fcchternen und f\u00fcr Freiheit nicht eben empf\u00e4nglichen Eigentumsbegriff entwickelt, wurde durch Lockes Erg\u00e4nzung eine staatstragende Moralisierung protokapitalistischer Eigentumsgenerierung denkbar, da grundlegende Rechte nun ihrerseits als eine \u201eFunktion\u201c, so Macpherson, des Eigentums zu werten waren. Wenn Locke Aneignungsschranken aufhebt, gilt als legitimes Eigentum alles, was anderen freien Eigent\u00fcmern nicht illegal genommen worden ist. Die Vermehrung des Reichtums und die Vermehrung der Freiheit wurden damit verwechselbar; die F\u00e4higkeit und das Recht, Eigentum beliebig zu verwenden und ungehemmt zu vermehren, galten fortan als Leitwert des liberalen Freiheitsbegriffs. Damit wurde freilich auch Arbeit von einem ideenhistorischen Unwert und Inbegriff der Armut zu einer Norm individueller und kollektiver Nutzenmehrung. Mehr noch aber sah sich Kapital zur Naturgewalt erkl\u00e4rt, die gerade die liberale Staatsmaschinerie um ihrer selbst willen um jeden Preis zu sch\u00fctzen habe, ohne daraus noch Loyalit\u00e4tsanspr\u00fcche, Gemeinschaftsbande oder ethische Verpflichtungen gegen\u00fcber Ungleichen ableiten zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Befreien versus Liberalisieren?<\/em><\/p>\n<p>So besteht Macphersons bleibende Leistung in zwei gewichtigen Kontextualisierungen. Die vielleicht wichtigste Einordnung bietet er, wo er zeigt, was Locke abl\u00f6ste. Macpherson l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass die von ihm verhandelten Vorl\u00e4ufer Lockes im englischen Revolutionszeitalter stets bem\u00fcht waren, ad\u00e4quate Antworten auf dr\u00e4ngende politische Fragen zu geben. Hobbes\u2019 Souver\u00e4nit\u00e4tslehre reagierte auf den B\u00fcrgerkrieg, die Levellers versuchten, dem Besitzb\u00fcrgertum Macht zu verschaffen, Harrington strengte sich an, ein Balancemodell f\u00fcr die englische Mischverfassung zu finden, das sozialen Ausgleich, Umverteilungserbrecht, Chancenfairness u.a. vorsah. Andernfalls, f\u00fcrchtete Harrington, w\u00fcrde das in den St\u00e4dten aufstrebende Kapitalb\u00fcrgertum den gem\u00e4\u00dfigten Landadel verschlingen und eine Spaltung Englands in zwei Klassen beg\u00fcnstigen \u2013 eine heute als \u201eVerschwinden der Mitte\u201c wieder h\u00e4ufiger und auch damals aus der Empirie abgeleitete Idee, die im 18. Jahrhundert David Hume aufgriff, im 19. schlie\u00dflich Karl Marx.<\/p>\n<p>Ausnahmslos alle Vorl\u00e4ufer Lockes also, so darf man Mapherson lesen, hatten versucht, die zunehmende \u00f6konomische Spaltung durch politische Arrangements zu schlichten und dadurch den blutigen Revolutionszirkel des 17. Jahrhunderts in den Griff zu bekommen. Locke verzichtete darauf. Sein Werk wurde damit zur konsequentesten Legitimationstheorie fr\u00fchkapitalistischer Appropriationsgel\u00fcste und lenkte die freigesetzten Aneignungsaggressionen in den Entlastungsraum der Neuen Welt.<\/p>\n<p>Zweitens daher vermag Macpherson zu zeigen, warum mit Lockes Eigentumslehre nicht einfach eine liberal begr\u00fcndete Weltaneignung m\u00f6glich war \u2013 mithin: Kapitalismus \u2013, sondern die dazugeh\u00f6rige Staatslehre dar\u00fcber hinaus einen hegemonialen Liberalismus hervorbrachte. Macphersons Locke liest sich wie ein weltanschauliches Virenprogramm, das im Zuge seiner Verbreitung nicht einfach expandiert, um G\u00fcter anzueignen, sondern zugleich den dazugeh\u00f6rigen Rechtscode der individualistischen Eigentumsmarktgesellschaft in den Ausbreitungszonen zur\u00fcckl\u00e4sst. Auch die dorthin verbrachte, neue Individualit\u00e4t aber w\u00fcrde, ganz so, wie sie selbst erzeugt worden war, durch Ausbeutung getragen, w\u00fcrde bald \u201evon der Aufzehrung der Individualit\u00e4t der anderen erzeugt\u201c.<\/p>\n<p>Hier also kommt die tragische Bedeutung der politisch-\u00f6konomischen Doppelsemantik von \u201ebefreien\u201c und \u201eliberalisieren\u201c zum Tragen. Und erst hierin zeigt sich die politische Kraft des Liberalismus, der, weil Hobbes ihn von moralischen und theologischen Verpflichtungen entbunden hatte, gewisserma\u00dfen eine b\u00fcrgerliche Geschichtsphilosophie ohne Heilserwartung hatte werden k\u00f6nnen, ein Programm ohne h\u00f6here Weihe, ohne soziale Verantwortung und ohne tieferen Zweck als den Selbstzweck. Das freilich kann nicht in Abrede stellen, dass, anders als es bei Macpherson zuweilen wirkt, der unbedingte Lebensschutz noch Voraussetzung und \u00a0Folge des Lockeschen Verst\u00e4ndnisses war, ein Merkmal also, dass der sp\u00e4tere Liberalismus nicht nur in Auspr\u00e4gung seiner \u00f6konomistischen Theoriezweige allzu h\u00e4ufig wieder aufgab; und man muss dar\u00fcber streiten, ob die mit Macpherson gut verstehbaren illiberalen Anteile des sp\u00e4teren Liberalismus direkt aus der Asozialit\u00e4t Lockescher \u00dcberlegungen resultieren, oder ob sie geradewegs im Widerspruch zu Locke stehen. Der aus Entt\u00e4uschung bald neokonservativ gewordene Liberale Francis Fukuyama jedenfalls hat den Code des Liberalismus nach seinem letzten gro\u00dfen Sieg hegelianisch \u201eEnde der Geschichte\u201c genannt und ihm jene Selbstverschlingungsdynamik Tocquevilleschen Ausma\u00dfes attestiert, in der die massenhaft erzeugte \u201eIndividualit\u00e4t\u201c, so wieder Macpherson, \u201ezugleich eine Negierung der Individualit\u00e4t\u201c nach sich ziehen musste. \u201eJa, wir sind alle Individuen!\u201c, ruft ein Menschenchor in Monty Pythons <em>Leben des Brian<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiedergelesen-Beitrag zu\u00a0C. B. Macpherson: The Political Theory of Possessive Individualism: Hobbes to Locke, Oxford UP 1962 (dt. v. Arno Wittekind, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973). &nbsp; Dieses Hauptwerk des kanadischen Politologen Macpherson (1911-1987) kann als Idealtyp einer Klassikerrezeption gelten, die ihrerseits den Status des Klassikers erlangte. 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