{"id":10658,"date":"2014-02-10T09:00:10","date_gmt":"2014-02-10T08:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theorieblog.de\/?p=10658"},"modified":"2014-11-18T22:50:59","modified_gmt":"2014-11-18T21:50:59","slug":"dahl-nachruf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2014\/02\/dahl-nachruf\/","title":{"rendered":"Wo w\u00e4ren wir ohne Robert Dahl? Ein Nachruf"},"content":{"rendered":"<p>Am 5. Februar ist <a href=\"http:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2014\/02\/robert-dahl-verstorben\/\" target=\"_blank\">Robert Alan Dahl verstorben<\/a>. In diesem Nachruf m\u00f6chte ich einem Gedanken des franz\u00f6sischen <a href=\"http:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2013\/03\/rezension-rosanvallon\/\">\u201eSolidarismus\u201c folgen, auf dessen Bedeutung j\u00fcngst Pierre Rosanvallon<\/a> hingewiesen hat. Diesem zufolge sind Individuen keine vereinzelten Einzelnen, sondern nehmen in ihrem Tun immer Vorleistungen der Gemeinschaft in Anspruch, in die sie hineingeboren werden. Sie werden damit sprichw\u00f6rtlich Tr\u00e4ger einer \u201esozialen Schuld\u201c, die zu Gegenleistungen verpflichtet. Nun wird man in die Gemeinschaft der Demokratietheoretiker*innen nicht hineingeboren, sondern tritt ihr freiwillig bei. Dennoch ist es in dieser Gemeinschaft kaum m\u00f6glich, nicht in irgendeiner Weise auf theoretische Konstruktionen, Begriffe oder Befunde zur\u00fcckzugreifen, die ihren Ursprung bei Robert A. Dahl haben oder entschieden durch diesen gepr\u00e4gt wurden. Der Nachweis, dass selbst aktuellste Diskurse stets bei Dahl ankn\u00fcpfen, zeigt, wie tief wir in Dahls Schuld stehen.<!--more--><\/p>\n<p><strong>1) Postdemokratie<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt wohl keine Fachvertreter*innen, denen <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/sachbuch\/wie-der-markt-die-politik-vergiftet-1700758.html\">Colin Crouchs Zeitdiagnose von 2004<\/a> nicht bekannt ist, die in zugespitzter Form den Zusammenhang von politischen Institutionen, Sozialstrukturen und (transnationalisierter) kapitalistischer \u00d6konomie formuliert hat. Aber schon mehr als f\u00fcnfzig Jahre vor Crouch hatten Dahl und sein Co-Autor Charles E. Lindblom viele Facetten dieser Debatte vorweggenommen: In ihrem Mammutwerk <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=aS41TonyGsEC&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de#v=onepage&amp;q&amp;f=false\"><em>Politics, Economics, and Welfare<\/em>\u00a0(1953)<\/a> diskutieren sie bereits die Probleme verselbstst\u00e4ndigter B\u00fcrokratien, von sozialer Herkunft gepr\u00e4gter ungleicher Politikteilnahme sowie die demokratief\u00f6rderlichen\/-hinderlichen Effekte kapitalistischer M\u00e4rkte. In der Erstauflage scheint noch ein Optimismus der politisch linksliberal bis linkssozialdemokratisch orientierten Autoren durch: Vor dem Hintergrund der noch jungen \u201eNew Deal\u201c-Reformen hielten sie weitreichende \u00c4nderungen von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auch\u00a0 auf dem Wege des kleinschrittigen \u201emuddling through\u201c f\u00fcr m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>2) Macht und Herrschaft\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Diese optimistische Auffassung pr\u00e4gt auch noch ma\u00dfgeblich seinen empirisch-demokratischen Klassiker <em><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Who_Governs%3F\" target=\"_blank\">Who Governs? <\/a><\/em><em><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Who_Governs%3F\" target=\"_blank\">Democracy and Power in an American City<\/a><\/em>\u00a0(1961). Das Werk provozierte die <a href=\"http:\/\/www.answers.com\/topic\/community-power\" target=\"_blank\">\u201cfaces of power\u201d-Debatte<\/a>, die bis heute wichtigste demokratie- und sozialtheoretische Kontroverse um Macht und Herrschaft, in der sich u.a. Peter Bachrach und Morton S. Baratz mit dem <a href=\"http:\/\/www.columbia.edu\/itc\/sipa\/U6800\/readings-sm\/bachrach.pdf\" target=\"_blank\">Konzept der \u201eNon-Decisions\u201c<\/a> und Steven Lukes mit den <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Steven_Lukes\" target=\"_blank\">Three Faces of Power<\/a>\u00a0kritisch an Dahl abarbeiteten. Dahl blieb nicht unbeeindruckt vom Argument, dass bestimmte Konflikte durch machtgest\u00fctztes Handeln gar nicht erst ausgetragen werden, und erg\u00e4nzte die \u201evollst\u00e4ndige Kontrolle der politischen Agenda\u201c bei seinen Mindestanforderungen demokratischer Systeme. Insofern tritt auch J\u00fcrgen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-105648235.html\" target=\"_blank\">Habermas in die Fu\u00dfstapfen von Dahl, wenn er 2013 im \u201eSPIEGEL\u201c die Merkel-Regierung kritisiert<\/a>: \u201eEuropa befindet sich in einem Notstand, und die politische Macht hat, wer \u00fcber die Zulassung von Themen zur \u00d6ffentlichkeit entscheidet. Deutschland tanzt nicht, es d\u00f6st auf dem Vulkan.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00a03) Demokratische Dilemmata<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt kommen demokratietheoretische Diskussionen \u00fcber die Europ\u00e4ische Integration nicht ohne Dahl aus. Dessen Aufsatz <em><a href=\"http:\/\/www.jstor.org\/stable\/2151659\">A Democratic Dilemma: System Effectiveness versus Citizen Participation<\/a>\u00a0<\/em>(1994)<em> geh\u00f6rt <\/em>zu den meistzitierten Texten in der Sozialwissenschaft \u00fcberhaupt. Nie zuvor \u00a0brachte jemand den grundlegenden \u201eTrade-Off\u201c zwischen Entscheidungskapazit\u00e4t und Beteiligungsintensit\u00e4t politischer Systeme gezielter auf den Punkt als Dahl. Auch in <em><a href=\"http:\/\/yalepress.yale.edu\/book.asp?isbn=9780300030761\">Dilemmas of Pluralist Democracy: Autonomy vs. Control<\/a><\/em>\u00a0(1983) und <em><a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Democracy_and_Its_Critics\" target=\"_blank\">Democracy and Its Critics<\/a><\/em>\u00a0(1989) \u00a0konfrontierte er die Demokratie mit den Problemen, die in heutigen Gesellschaften ihren Weiterentwicklung erfordern. Und nie machte er es sich einfach mit den L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen. Entschlossen und h\u00e4ufig quer zum Mainstream formulierte er komplexe Vorschl\u00e4ge, die die demokratietheoretischen Herausforderungen in ihrer Vielschichtigkeit und ihren Paradoxien angingen.<\/p>\n<p><strong>4) Wirtschaftsdemokratie<\/strong><\/p>\n<p>Gerade in den USA der Reagan-\u00c4ra ab 1980 bedurfte es starken Eigensinns und theoretisch versicherten Selbstbewusstseins, um als Demokratietheoretiker f\u00fcr mitunter radikale Einkommens- und Machtumverteilung zu pl\u00e4dieren. In <em>Dilemmas\u00a0<\/em>(s.o.) sowie in <em><a href=\"https:\/\/www.kirkusreviews.com\/book-reviews\/robert-a-dahl-2\/a-preface-to-economic-democracy\/\" target=\"_blank\">A Preface to Economic Democracy<\/a><\/em>\u00a0(1985) pl\u00e4dierte Dahl daf\u00fcr, das Scheitern b\u00fcrokratisch-zentralistischer Planung ernst zu nehmen, sich aber dennoch nicht mit der privatkapitalistischen \u00d6konomie abzufinden. Stattdessen warb er f\u00fcr einen offenen Lernprozess, in dem unterschiedliche Steuerungs- und Eigentumsformen zum Einsatz kommen sollten. Als \u00fcbergeordnetes Ziel galt Dahl dabei immer die Beseitigung von privaten Machtzentren, die er f\u00fcr unvereinbar mit den Anforderungen demokratischer Regierung hielt. Dahl nahm insofern viele Aspekte vorweg, die heute als Reaktion auf die Wirtschafts- und Finanzkrise in Debatten um \u201eWirtschaftsdemokratie\u201c wiederkehren.<\/p>\n<p><strong>5) Politisierung des Richterrechts<\/strong><\/p>\n<p>Wenn der Europ\u00e4ische Gerichtshof Streikrecht und Tarifvertr\u00e4ge in mehreren EU-Mitgliedstaaten zurechtstutzt und ein hoch angesehener Politologe dazu aufruft, die entsprechenden Urteile nicht umzusetzen; wenn das Bundesverfassungsgericht im Halbjahresrhythmus angerufen wird, um die Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung zu stoppen; wenn der Oberste Gerichtshof der USA die horrenden Wahlkampfausgaben von Unternehmen mit freier Meinungs\u00e4u\u00dferung von Individuen gleichsetzt, befinden wir uns offenbar in einer Bl\u00fctezeit des politisierten Richterrechts. Wenn auch nicht von gleicher Prominenz wie andere zentrale Punkte seiner Demokratietheorie, formulierte Dahl diese Erkenntnis und ihre Bedeutung in seinem furiosen \u00a0Aufsatz <em><a href=\"http:\/\/epstein.usc.edu\/research\/courses.judpol.Dahl.pdf\" target=\"_blank\">Decision Making in a Democracy: The Supreme Court As a National Policy Maker<\/a><\/em>\u00a0(1957) . Es wurde einer der ersten und meistzitierten Ans\u00e4tze, der die origin\u00e4r politische Qualit\u00e4t der Richter-Entscheidungen herausgearbeitet hat. Ein Thema, \u00fcber das sich nach ihm Ronald Dworkin, Fritz W. Scharpf oder Karen J. Alter die Finger wund geschrieben haben.<\/p>\n<p><strong>6) Politische Opposition<\/strong><\/p>\n<p>Bis heute ist Dahls Sammelband von 1966 <em><a href=\"http:\/\/yalepress.yale.edu\/book.asp?isbn=9780300094787\" target=\"_blank\">Political oppositions in Western Democracies<\/a>\u00a0<\/em><span style=\"text-decoration: underline;\">das<\/span> Standardwerk \u00fcber politische Opposition. Dahl entwickelte darin nicht nur eine brillante, historisch informierte Betrachtung politischer Gegens\u00e4tze in den Vereinigten Staaten, sondern auch ein Raster zur Analyse von Opposition \u00fcberhaupt. Sein Beitrag blieb so pr\u00e4gend, dass zwanzig Jahre sp\u00e4ter ein Aufsatz \u00fcber Opposition mit der Frage \u00fcberschrieben wurde: <em>\u201eIs there life after Dahl?\u201d<\/em>. Die messerscharfe Intuition lie\u00df Dahl in seinem Epilog zum Sammelband jedenfalls ahnen, was sich wenig sp\u00e4ter als 1968er-Bewegung realisieren sollte: \u201eAmong the possible sources of alienation in Western democracies that may generate new forms of structural opposition is the new democratic Leviathan itself. By the democratic Leviathan I mean the very kind of political system the chapters in this book have described, a product of long evolution and hard struggle, welfare-oriented, centralized, bureaucratic, tamed and controlled by competition among highly organized elites, and, in the perspectives of the ordinary citizen, somewhat remote, distant, and impersonal even in small countries like Norway and Sweden. The politics of this new democratic Leviathan, as we have seen so often in the past chapters, are above all the politics of compromise, adjustment, negotiation, bargaining; a politics carried on among professional and quasi-professional leaders who constitute only a small part of the total citizen body; a politics that reflects a commitment to the virtues of pragmatism, moderation, and incremental change; a politics that is un-ideological and even anti-ideological\u201c. Die wiederkehrende Aktualit\u00e4t dieser Beobachtung wird durch immer neue Bewegungen \u2013 seien es \u201cIndignados\u201d, \u201cPIRATEN\u201d, \u201cF\u00fcnf Sterne-Bewegung\u201d, \u201eTea Party\u201c u.v.a. stets aufs Neue unterstrichen.<\/p>\n<p>Demokratietheoretiker*innen formulieren zu jeder Zeit neue und eigene Erkenntnisse, doch sie tun dies immer in Kontexten\u00a0 und in den Grenzen vorgepr\u00e4gter Vokabulare. Vielleicht konnte diese kleine Werkschau aufzeigen, wie gl\u00fccklich sich mindestens die letzten drei Generationen von Demokratietheoretiker*innen sch\u00e4tzen d\u00fcrfen, dass Robert A. Dahl ihnen ein betr\u00e4chtliches Reservoir an Fragestellungen, Theorien und Perspektiven hinterlassen hat. Ich vermute, Dahl wird uns noch lange Zeit begleiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Alban Werner ist Doktorand am Institut f\u00fcr Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen und Redakteur der Zeitschrift \u201cDas Argument\u201d. Seine Dissertation befasst sich mit politischer Opposition in europ\u00e4ischen Wohlfahrtsstaaten im gesellschaftlich-politischen Strukturwandel. Er interessiert sich f\u00fcr die Grundfragen politischer Soziologie, insbesondere Demokratie-, Staats- und Herrschaftstheorien.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 5. Februar ist Robert Alan Dahl verstorben. 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