{"id":10009,"date":"2013-11-01T08:30:31","date_gmt":"2013-11-01T07:30:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.theorieblog.de\/?p=10009"},"modified":"2014-11-27T17:11:29","modified_gmt":"2014-11-27T16:11:29","slug":"michael-sandels-sokratische-gespraeche-im-hoersaal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2013\/11\/michael-sandels-sokratische-gespraeche-im-hoersaal\/","title":{"rendered":"Wie Michael Sandel im H\u00f6rsaal das Sokratische Gespr\u00e4ch belebt"},"content":{"rendered":"<p>Michael Sandel hat k\u00fcrzlich an der Freien Universit\u00e4t in Berlin eine \u00f6ffentliche Vorlesung gehalten. Anlass war die Vorstellung seines letzten Buches &#8222;What Money Can&#8217;t Buy: The Moral Limits of Markets&#8220;. Der H\u00f6rsaal war bereits lange vor Beginn so \u00fcberf\u00fcllt, dass kurzerhand eine Video\u00fcbertragung in den benachbarten H\u00f6rsaal eingerichtet wurde. Der gro\u00dfe Andrang war weniger auf das Thema der Vorlesung zur\u00fcckzuf\u00fchren, als auf die seltene Gelegenheit, den \u201eRockstar\u201c-Philosophen live zu erleben. Aber was an Michael Sandel so fasziniert und neugierige Studentinnen auf der ganzen Welt in Massen in seine Vorlesungen treibt, offline wie <a href=\"http:\/\/www.justiceharvard.org\/\" target=\"_blank\">online<\/a>, hat weniger mit ihm als Person zu tun, sondern mit seinen Fragen und seiner Art, diese Fragen zu stellen, genauer: mit seiner didaktischen Methode, um die es mir hier geht.<!--more--><\/p>\n<p>Der Ablauf seiner Vorlesungen und Vortr\u00e4ge ist immer gleich: Sandel f\u00fchrt knapp in das Thema ein, zieht ein praktisches Beispiel heran, das h\u00e4ufig aus der unmittelbaren Lebenswelt der Zuh\u00f6rer gegriffen ist, und fragt das Publikum: &#8222;What would you say?&#8220; Auf Zuruf werden einige Antworten aufgesammelt und sogleich geht es per Handzeichen zur Abstimmung: Wie viele w\u00fcrden f\u00fcr Handlungsalternative A stimmen? Wie viele dagegen? &#8211; Und schlie\u00dflich die Hauptfrage: Warum? Damit werden die Teilnehmerinnen aufgefordert, die Gr\u00fcnde f\u00fcr ihre Entscheidung darzulegen. Nach einem kurzen Austausch der Argumente beider Seiten \u00e4ndert Sandel das Beispiel leicht ab, l\u00e4sst erneut abstimmen und begr\u00fcnden. Das geht so einige Male und wird innerhalb eines Vortrags anhand von mehreren Beispielen durchgef\u00fchrt. \u2013 In Berlin ging es beispielsweise anfangs darum, ob man als Direktor der Freien Universit\u00e4t gegen Zahlung von 10 Millionen Euro einen privilegierten Studenten aufnehmen sollte, der \u00fcber das normale Zulassungsverfahren keinen Platz erhalten w\u00fcrde, und was man mit dem Geld alles anfangen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Das Faszinierende ist: Egal wie gro\u00df das Publikum \u2013 ob 500 in Berlin, 1.100 in Harvard, 5.000 in Jaipur oder 14.000 in Seoul \u2013 jede Zuh\u00f6rerin f\u00fchlt sich einbezogen. Sandel h\u00e4lt keine Monologe. Er stellt einfache Fragen nach dem Prinzip des sokratischen Dialogs. Er richtet sich direkt an sein Publikum und nennt diejenigen, die exemplarisch zu Wort kommen, konsequent beim Namen. Durch die h\u00e4ufigen Abstimmungen muss sich jede einzelne Teilnehmerin fragen, wie sie sich selbst positionen w\u00fcrde. Und sie bekommt sofort einen Eindruck \u00fcber die Meinungen und Mehrheitsverh\u00e4ltnisse im Raum sowie deren Begr\u00fcndung. Ehe sie sich versieht, findet sie sich mitten in einer philosophischen Debatte wieder.<\/p>\n<p>Sandel geht es um die moralischen Prinzipien, die hinter den Entscheidungen und ihren Begr\u00fcndungen stehen. In kurzen Dialogen mit einzelnen Teilnehmerinnen bohrt er nach, um die oft impliziten Pr\u00e4missen, Zusammenh\u00e4nge mit anderen Argumenten und Widerspr\u00fcche aufzuzeigen. Geradezu beil\u00e4ufig stellt er Bez\u00fcge zu den konkurrierenden philosophischen Positionen her. Eine Br\u00fccke zu bauen zwischen einerseits Situationen der allt\u00e4glichen Erfahrung und den ihnen immanenten ethischen Fragen, andererseits den moralisch-philosophischen Prinzipien, Positionen und L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen, ist der Kern von Sandels Philosophieren.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Interesse an seinen \u00f6ffentlichen Vortr\u00e4gen <a href=\"http:\/\/www.ft.com\/intl\/cms\/s\/2\/bd509112-9c55-11e2-9a4b-00144feabdc0.html\" target=\"_blank\">f\u00fchrt er selbst<\/a> auf die Frustration \u00fcber \u00f6ffentliche politische Debatten zur\u00fcck, denen genau diese Verbindung fehlt. Das gro\u00dfe Interesse vieler Studentinnen aller Fachrichtungen speist sich hingegen oft gerade aus einer umgekehrten Frustration: der h\u00e4ufigen Abwesenheit lebensnaher und realistischer Beispiele in moralphilosophischen Seminaren und Vorlesungen. Sandel holt die Studenten dort ab, wo sie sich mit ihren eigenen Fragen befinden &#8211; das h\u00e4tte er sich auch selbst in seinem eigenen Studium <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2013\/25\/philosoph-michael-sandel-fragen\/seite-2\" target=\"_blank\">gew\u00fcnscht<\/a>. Als Bachelor-Student war ihm die Politische Theorie viel zu abstrakt, realit\u00e4tsfern und schwer zug\u00e4nglich, also nahm er sich zu Beginn seiner Lehrt\u00e4tigkeit 1980 in Harvard vor, <a href=\"http:\/\/www.artoftheory.com\/12-questions-with-michael-sandel\/\" target=\"_blank\">so zu unterrichten<\/a>, wie es seine eigene Aufmerksamkeit als Student gefesselt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Es gibt auch einige Kritiker, denen Sandels sokratische Methode zu seicht, zu formal und inhaltlich zu beliebig ist. Und denen allein das Gef\u00fchl, einbezogen, geh\u00f6rt und verstanden zu werden nicht ausreicht. Aber die wenigen Kritiker diskreditieren sich durch ihre alternativen Vorschl\u00e4ge <a href=\"http:\/\/www.longlooking.com\/2011\/09\/pop-socrates-the-problem-with-michael-sandel\/\" target=\"_blank\">zum Teil<\/a> selbst.<\/p>\n<p>Sandel ist weit entfernt von einem inhaltslosen Prozeduralismus. Es geht ihm gerade um den Umgang mit pluralistischen Positionen, Begr\u00fcndungen und Prinzipien. Deshalb ist es auch haltlos, ihm vorzuwerfen, unterschwellig nur seine eigene Position durchdr\u00fccken zu wollen. Nat\u00fcrlich sind reale Situationen, in denen sich ethische Fragen stellen, oft weitaus komplexer, existenzieller und f\u00fcr die beteiligten Akteure undurchsichtiger, als es sich in einer fiktiven Gespr\u00e4chssituation rekonstruieren l\u00e4sst. Aber selbst in Bezug auf die einfachen Beispiele in seinen Vortr\u00e4gen bleibt Sandel immer offen f\u00fcr weiteren Input, Vorschl\u00e4ge und Widerspruch.<\/p>\n<p>Man kann sich auch fragen, inwiefern der hohe Unterhaltungswert von Sandels Vortr\u00e4gen<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/mooc-star-michael-sandel-in-berlin-gewissensfragen-im-hoersaal\/8959660.html\" target=\"_blank\"> auf Kosten des Tiefgangs<\/a> geht, und wie viel tats\u00e4chlich vom Besuch seiner Veranstaltungen oder vom Reinschauen in seine Vorlesungen auf YouTube h\u00e4ngen bleibt. Aber was ist von einer kurzfristigen Besch\u00e4ftigung realistisch zu erwarten?<\/p>\n<p>Letztlich gelingt Sandel die gro\u00dfe Kunst, philosophisches Denken auf allt\u00e4glichen Situationen und Erfahrungen anzuwenden und sein Publikum in die Debatte einzubeziehen. Allein die Teilnahme an einer solchen Form der Deliberation ist als individuell gemachte Erfahrung nicht zu untersch\u00e4tzen. Sie wirkt auf die Grundlage deliberativer Demokratie ein: auf die politische Kultur. Diese versucht Sandel nicht zuletzt mit seinen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen zu <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=HkgHLK9_Zt8\" target=\"_blank\">beleben<\/a>.<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr die zunehmenden MOOCs (theorieblog.de <a href=\"http:\/\/www.theorieblog.de\/index.php\/2013\/10\/e-learning-in-der-politischen-theorie\/\" target=\"_blank\">berichtete<\/a> k\u00fcrzlich): Hier ist die Technik inzwischen so weit, dass Sandel in Echtzeit Vorlesungss\u00e4le auf verschiedenen Kontinenten zusammenbringen und somit echte interkulturelle Diskussionen moderieren kann: <a href=\"http:\/\/www.ft.com\/intl\/cms\/s\/2\/bd509112-9c55-11e2-9a4b-00144feabdc0.html#axzz2j7zlWIY5\" target=\"_blank\">Er konnte<\/a> einen Studenten in Delhi aufrufen, eine Studentin aus der 5. Reihe in Harvard bitten, auf jemanden in S\u00e3o Paulo zu antworten und zugleich noch jemanden in Shanghai zu Wort kommen lassen.<\/p>\n<p>Technologisch befinden wir uns in der Ver\u00e4nderung von Bildung und Wissenschaft durch die Digitalisierung noch immer am Anfang. Doch Sandels enormer Erfolg zeigt, wie wichtig vor allem die didaktische Methode daf\u00fcr ist, um alle Beteiligten in eine gemeinsame philosophische Diskussion \u2013 im Gro\u00dfen wie im Kleinen \u2013 \u00fcberhaupt einzubeziehen und anzusprechen. Seine spezifische Form des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sokratisches_Gespr%C3%A4ch\" target=\"_blank\">Sokratischen Gespr\u00e4chs<\/a> ist dabei nur eine unter einer Vielzahl an Gruppengespr\u00e4chs- und Moderationsmethoden, die auch f\u00fcr die universit\u00e4re Lehre fruchtbar gemacht werden k\u00f6nnten. L\u00e4dt nicht die eindrucksvolle Wirkung von Sandels Vortr\u00e4gen zum eigenen Experimentieren ein?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Sandel hat k\u00fcrzlich an der Freien Universit\u00e4t in Berlin eine \u00f6ffentliche Vorlesung gehalten. Anlass war die Vorstellung seines letzten Buches &#8222;What Money Can&#8217;t Buy: The Moral Limits of Markets&#8220;. Der H\u00f6rsaal war bereits lange vor Beginn so \u00fcberf\u00fcllt, dass kurzerhand eine Video\u00fcbertragung in den benachbarten H\u00f6rsaal eingerichtet wurde. 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