Heimat. Ein vorpolitischer Begriff als Antwort auf die politischen Probleme der Zeit?

Das Bedürfnis nach Verortung in der Welt, nach Zugehörigkeit und kulturellen Ankerpunkten ist für moderne Gesellschaften grundlegend. Es geht um Identität in einer Zeit, in der sich die Gesellschaft pluralisiert, Vertrautes sich verändert oder ganz verschwindet und neue Konflikte entstehen. Wir können dieses Bedürfnis als eines nach Heimat auf den Begriff bringen. Dabei handelt es sich um ein legitimes Bedürfnis, das wir politisch ernst nehmen müssen – auch wenn oder gerade weil die populistischen Bewegungen das Gefühl des Heimatverlusts für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versuchen.

Der Populismus als politische Bewegung reagiert auf die beiden großen Signaturen unserer Zeit – auf die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Erfahrung von Entgrenzung und die Digitalisierung und die mit ihr einhergehende Erfahrung von Beschleunigung – mit dem Ruf nach Schließung von nationalstaatlichen Grenzen, nach autoritärer Herrschaftsausübung und Abwertung von allem, was als fremd wahr­genommen wird sowie mit der Aufwertung von allem, was als das Eigene gilt. Als populistisch werden diese Bewegung und die sie politisch organisierenden Parteien deswegen bezeichnet (Jan-Werner Müller), weil sie reklamieren, die einzig wahren Repräsentanten eines echten Volkswillens zu sein, was mit der Gefahr der Abschaffung der Demokratie einhergeht – im Namen eines vermeintlichen Volkswillens dient die Wahl als plebiszitäre Ermächtigung zur Einrichtung einer in Wahrheit autoritären Herrschaft.

Antworten auf die Repräsentationslücke

Warum hat sich dies so entwickelt? Eine Erklärung liegt in der These der Repräsentations­lücke (Wolfgang Merkel). In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine wachsende Gruppe von Bürgerinnen und Bürger herausgebildet, die sich nicht mehr repräsentiert fühlt durch die etablierten Parteien und Eliten. Diese Bürger verstehen sich nicht als Kosmopoliten und Europäer, sondern in erster Linie als zugehörig zu einer Nation, deren Interessen sie nicht mehr angemessen berücksichtigt sehen. Aus der Wahrnehmung benachteiligt zu sein, dem Stress der dauernden Veränderungszumutung in der globalisierten Wirtschaft und nicht zuletzt durch die Veränderungen, die in der eigenen Gesellschaft durch Migration verursacht werden, entsteht das Gefühl, fremd im eigenen Land zu sein.

Aber müsste dann nicht die angemessene politische Antwort auf eine solche  Repräsentationslücke in einer staatlichen Offensive liegen, die die materiellen Lebensbedingungen verbessert, etwa in einem Programm gegen steigende Mieten, zudem in einer inklusiven Arbeitsmarktpolitik und auch in dem Ausbau statt Rückbau der öffentlichen Infrastruktur gerade im ländlichen Raum? Dieser Einwand aus einer die soziale Verantwortung von Politik betonenden Perspektive ist gewiss auch richtig, zumal nach den Jahrzehnten des Rückzugs des Staates. Aber es geht nicht nur um sozio-ökonomische, sondern auch um kulturelle Antworten – Heimat stellt hier eine dieser Antworten dar.

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CfP: Workshop „Populism and Democratic Theory“ (Wien)

An der Universität Wien findet vom 11.-13. April 2019 ein Workshop zu „Populism and Democratic Theory“ statt. Keynote Speaker sind Oliver Marchart, Chantal Mouffe und Martin Nonhoff. Vorschläge für Beiträge können bis zum 15. November 2018 an die beiden Organisatorinnen Birgit Sauer (birgit.sauer@univie.ac.at) und Manon Westphal (manon.westphal@uni-muenster.de) geschickt werden. Der vollständige Call findet sich hier.

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Konferenz: Concerning Matters and Truths (Berlin)

Vom 4. bis 6. Oktober 2018 findet am Berliner Haus der Kulturen der Welt eine internationale Konferenz mit dem Titel „Concerning Matters and Truths. Postmodernism’s Shift and the Left-right Divide„. Die von Albrecht Koschorke in Kooperation mit Karin Harrasser organisierte Konferenz widmet sich der Frage, wie postkolonial-poststrukturalistische Theorien mit der Umkehrung der Vorzeichen und ihrer versuchten Vereinnahmung von nationalistisch-autoritären Bewegungen umgehen. Zu den Rednern zählen unter anderem Chantal Mouffe, Sabine Hark oder Oliver Marchart. Das komplette Programm und alle weiteren Infos findet ihr hier auf der Webseite – einen Artikel zum Thema gab es jüngst auch auf Geschichte der Gegenwart.

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CfP: Demokratiekritik, Autoritarismen und Populismen in Europa (DHI Paris)

Am Deutschen Historischen Institut Paris findet vom 14.-15. März 2019 ein Workshop statt zu „Demokratiekritik, Autoritarismen und Populismen in Europa. Kontinuitäten und Brüche von der Zwischenkriegszeit bis heute“. Eingeladen sind Beiträge, die sich mit Debatten zur Kritik der repräsentativen Demokratie befassen, Konzepte von Autoritarismus und Populismus beleuchten, die Methode des historischen Vergleichs reflektieren oder Fallstudien präsentieren. Die OrganisatorInnen freuen sich insbesondere über Einreichungen von NachwuchswissenschaftlerInnen. Die Frist für Vorschläge ist der 30. September 2018. Alle weiteren Infos zum Call finden sich hier.

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Vorlesungsreihe + Stellenausschreibung: Populismus (Dresden)

Am kommenden Dienstag (25. April) beginnt in Dresden eine Vortragsreihe zum Thema „Populismus“ mit u.a. Cas Mudde (University of Georgia) und Federico Finchelstein (New School for Social Research, New York). Organisiert wird die Reihe vom Mercator Forum Migration und Demokratie (MIDEM). Alle Infos zur Reihe und die genauen Temrine findet ihr hier.

Passend zur Vortragsreihe sucht MIDEM am Standort Dresden auch eine(n) Populismusexperten(in) (50% 13 TV-L, bis zum 31.08.2020). Bewerbungsschluss ist der 2. Mai 2018. Die Stellenausschreibung gibt es hier als PDF.

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CfP: „Die Mitte ist ein Ort der Hölle“, Dresden

Am 14. und 15. Juni 2018 veranstalten das Kulturbüro Sachsen e.V. und Weiterdenken, Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, ein gemeinsames Kolloquium mit dem Titel „Die Mitte ist ein Ort der Hölle“. Dabei steht die These zur Diskussion, dass das Fehlen sichtbarer Positionierung und Polarisierung politischer Parteien und der damit (wahrgenommene) Mangel an politischen Alternativen eine Bedingung für das Erstarken rechtspopulistischer Kräfte in Deutschland darstellt. Bis zum 18. April 2018 laden die Veranstalter ein, zwei- bis vierseitige Beiträge zu diesem Kolloquium einzureichen, die im Anschluss gemeinsam veröffentlicht werden sollen. Die Kosten für die Teilnahme werden übernommen und auch Studierende sind eingeladen sich zu beteiligen. Der vollständige Call findet sich hier und hier. Weitere Informationen finden sich auch noch einmal nach dem Klick.  (mehr …)

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Über Rechte reden: Lesenotiz zu Dirk Jörkes und Veith Selks „Theorien des Populismus“

Über (Rechts-)Populismus wird heftig diskutiert, in der öffentlichen Debatte, wie auch in der politischen Theorie. Wenn Theoretiker eher akademische  Populismusdebatten zugänglich aufbereiten, ist dies also hochaktuell und besonders begrüßenswert für alle, die sich eine enge Verzahnung von wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten und eine nicht schon sprachlich abgekoppelte Demokratietheorie wünschen. Selbstredend bleibt das zu besprechende Projekt nicht deskriptiv, sondern ist eine Fortsetzung von dem, was auf diesem Blog begonnen hat: Dirk Jörke und Veith Selk nutzen die Einführung (Dirk Jörke/Veith Selk, Theorien des Populismus zur Einführung, Hamburg: Junius 2017, 192 S.), um ihre Kritik an der liberalen, übermäßig moralisierenden Populismus-Verdammung zu untermauern.

Das Buch geht der Reihe nach auf das Phänomen Populismus, auf die Entstehungsursachen von Populismus, und auf die theoretischen Bewertungen von dem gegenwärtigen Populismus ein. Kurz zusammengefasst schlagen Jörke und Selk vor, Populismus als Reaktion auf die nicht eingehaltenen Versprechen der Demokratie zu interpretieren. (mehr …)

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Workshop: Im Schatten des Populismus? (Darmstadt)

Am Freitag, 27.10.2017, findet im Schader-Forum in Darmstadt ein Workshop zum Thema „Im Schatten des Populismus? Sicherheit und Bürgerbeteiligung im städtischen Alltag“ statt. Dabei diskutieren politische Theoretiker/innen  (Veith Selk, Michael Haus, Angela Marciniak) mit unterschiedlichen Akteur/innen der Praxis über  den Wandel des städtischen Alltags: Zeigt sich hierin der gegenwärtige „populistische Moment“? In welchen Kontexten, in welchen Konfliktlagen, mit welchen Akteuren lassen sich diese Phänomene im städtischen Alltag beobachten? Welche Auswirkungen hat der Aufstieg des Populismus auf den städtischen Alltag, vor allem auf die Sicherheit in der Stadt und die Bürgerbeteiligung? Und schließlich: Was bedeuten diese Veränderungen für die städtische Sicherheitspolitik sowie die städtische Politik und Verwaltung insgesamt? Um Anmeldung wird bis 20.10. gebeten (hier). Alle Informationen zum Workshop finden sich hier im Pdf.

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Normative Ordnungen des Digitalen – Ein Konferenzbericht

Digitale Technologien und ihre vielfältige Nutzung verändern normative Ordnungen auf politischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene. Das Internet bietet neue gesellschaftliche Räume, die soziale Interaktion strukturieren. Diese sind jedoch nur halb-öffentliche Räume, in denen die Dienstleistungsanbieter mit Verweis auf ihre AGBs die Möglichkeit haben, etwa politische Äußerungen zu zensieren oder gar zu löschen. Darüber hinaus kooperieren manche private Unternehmen auch mit Staaten in der Strafverfolgung, und treffen Entscheidungen darüber welche Daten sie weitergeben. Welche Normen stoßen im Rahmen der Digitalisierung aufeinander und inwieweit sollten und könnten diese per Gesetz reguliert werden? Können die Grundrechte der Nutzer/innen noch umfassend gewährleistet werden? Mit diesen hochaktuellen Fragen befasste sich am 06. und 07. Juli die interdisziplinäre Konferenz “Normative Orders of the Digital“ am Exzellenzcluster Normative Ordnungen der Goethe-Universität Frankfurt. (mehr …)

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