Fanon Schwerpunkt: Zur Aktualität Fanons in Zeiten faschistischer Konjunkturen

 Mit Fanon wird in diesem Jahr einer der bekanntesten und schillerndsten anti-kolonialen Revolutionäre und Theoretiker 100 Jahre alt. Obwohl der Psychiater, der 1956 von seinem Posten als Chefarzt der Klinik Blida-Joinville zurücktrat, um sich der algerischen Befreiungsbewegung gegen die Kolonialmacht Frankreich anzuschließen, aufgrund einer Leukämie-Erkrankung nur 36 Jahre alt wurde, hinterlässt er ein beachtliches Werk: drei Monographien, einen Band mit Texten und Briefen zur Afrikanischen Revolution sowie mehrere Theaterstücke und psychologische Betrachtungen.  

Fanons Arbeiten, die sich nur schwer in ein „Früh“- und „Spätwerk“ unterteilen lassen, obwohl sie doch für unterschiedliche Phasen, politische Prozesse und damit auch theoretische Prämissen in Fanons Leben stehen, sind vor allem durch seinen radikal-universalistischen Anspruch, seinen Anti-Kolonialismus, seine affirmativ-kritischen Revisionen des Marxismus, den phänomenologischen Ansatz und eine stete Auseinandersetzung mit den psychologischen Dimensionen kolonialer Ausbeutung, Unterdrückung und Herrschaft charakterisiert.  

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Fanon Schwerpunkt: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde.“ Frantz Fanon zur radikalen Imagination in Gewalt und Tanz

„Es schien mir nur furchtbar viel auf dem Spiel zu stehen.“ Diese Worte schreibt Fanon in einem Brief an seinen Verleger im Mai 1961 – Anfang Dezember erscheint Die Verdammten dieser Erde, nur wenige Tage später stirbt Fanon (Cherki 2011, 246). Das Buch ist ein letzter Appell, ein Warnruf, den Fanon an seine Weggefährt:innen im algerischen Befreiungskampf richtet. Er fürchtet die Machtlust einer neu entstehenden nationalen Bourgeoisie, die die kolonialen Herrschaftsstrukturen lediglich neu besetzen und die manichäische Welt weiterführen würde (Cedric Robinson (2019)betont dies in seiner Kritik an der frühen Fanon-Rezension in den Kulturwissenschaften und post-kolonialen Studien). Fanon pocht auf die Notwendigkeit einer zukunftsgerichteten Imagination einer freien Nation (im Sinne einer ‚radikalen Imagination‘ in Cornelius Castoriadis‘ parlé), die er mehr und mehr hinter politischen Intrigen und der naiven Sehnsucht nach einem ursprünglichen, authentischen Algerien verblassen sieht. Während Fanon besonders im europäischen Kontext herangezogen wird, um gewaltsamen Widerstand zu verstehen, gar zu rechtfertigen, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass für Fanon die (gewaltsame) Befreiung aus kolonialer Herrschaft nicht mit der Emanzipation eines Volkes gleichzusetzen ist. Im Folgenden möchte ich daher den Fokus auf die Rolle radikaler Imagination in Fanons politischen Schriften legen, denn damit lässt sich das politische Potential beurteilen von gewaltsamem Widerstand und von kulturellen Praktiken, besonders der des Tanzes. Nur in Form einer Erfahrung kollektiver Subjektivität stellen diese den Moment des Erwachens aus der Verdammung dar.  

 

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Fanon Schwerpunkt: Fanon als Stiftungsfigur politischer Phänomenologie

Frantz Fanon ist zu einem bedeutenden Referenzautor kritischer Theoriebildung geworden. Ist sein Denken in der deutschsprachigen Debatte lange Zeit vorrangig in der Interpretationslinie des Postkolonialismus verhandelt worden (Kerner 2015; Kerner 2021; Ehrmann 2014; Thompson 2015), lässt sich gegenwärtig eine vertiefte Rezeption in der politischen Philosophie und Theorie feststellen. Zwei Diskurse lassen sich dabei hervorheben: Fanons eindringliche Analysen der kolonialen Kontinuitäten haben sich zum einen als äußerst anschlussfähig an Radikale Demokratietheorien erwiesen, insofern seine antikoloniale Widerstandstheorie an die Forderung einer „Politisierung des Volkes“ (Fanon 1966, 154) geknüpft ist. Zum anderen hat Fanon mit seinen erfahrungsgesättigten Denkfiguren und -motiven die politische Phänomenologie geprägt.  (mehr …)

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Fanon Schwerpunkt: Soziogenese und das Genre des Menschseins. Sylvia Wynter als Leserin Frantz Fanons

PROUD FLESH: 

Isn’t it such a tragedy, what has been done to Fanon’s name? In the 1980s especially, when Fanon is revisited in academia in the West, it’s a real moment of… ignorant exploitation. 

SYLVIA WYNTER: 

An ignorant exploitation – to take what he had said into the terms of this Western system of knowledge… 

PROUD FLESH: 

That’s why they’re only interested in just a few pages of Black Skin, White Masks (1952). 

SYLVIA WYNTER: 

But they don’t want to go to the fundamental issue. Once he has said ontogeny-and-sociogeny, every discipline you’re practicing ceases to exist. 

Frantz Fanons Denken war der Universität seit jeher verdächtig. Seine Qualifikationsarbeit in Medizin, 1951 unter dem Titel „Versuch über die Aufhebung der Entfremdung des Schwarzen“ eingereicht, wurde mit der Begründung abgelehnt, sie genüge wissenschaftlichen Standards nicht. Nachdem Fanon seinen Doktortitel mit einer in nur zwei Wochen abgefassten Arbeit über die Friedreich-Ataxie, eine neurologische Erkrankung mit psychopathologischen Folgen, erlangt hat, erscheint die abgelehnte Arbeit 1952 – Fanon ist gerade 27 Jahre alt – im renommierten Verlag Seuil, mit einem vom Verleger Francis Jeanson vorgeschlagenen Titel. Schwarze Haut, weiße Masken wird in den folgenden Jahrzehnten in die verschiedensten Sprachen übersetzt und erlebt eine globale Wirkungsgeschichte.  (mehr …)

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Fanon Schwerpunkt: Erkenntnis und Ausschluss: Fanons politische Theorisierung der gelebten Rassismuserfahrung

Frantz Fanon entwickelt im fünften Kapitel, Die erlebte Erfahrung des Schwarzen, des 1952 erschienenen Schwarze Haut, Weiße Masken (SHWM) eine existenzielle Erkenntniskategorie körperlich-sozialer Verfasstheit des rassifizierten Subjekts, die werksübergreifend als Schlüsselmoment seiner Auseinandersetzung mit kolonialem Rassismus zu verstehen ist. Erlebte Erfahrung, so aus der aktellen Übersetzung des französischen Titels L’expérience vécue du Noir – treffender ist gelebte Erfahrung, was verdeutlicht, dass Erfahrung nicht passiv erlebt wird, sondern leiblich durchdrungen ist. Der Körper wird nicht nur als rassifiziertes Objekt adressiert, sondern ist das Medium, durch das die koloniale Gewalt direkt vermittelt wird, worauf er psychisch und physisch reagiert. 

Das Kapitel ist ein Plädoyer für eine Phänomenologie des Politischen, die race und das Spektrum von der rassifizierten Alltagserfahrung, so wie dem rassistischen Polizieren oder in sozialen Institutionen, wie der forensischen Psychiatrie, wo schwarze Körper als verdächtig gelesen werden, bis hin zur kolonialen Gewalt der postimperialen big politics, zum Ausgangspunkt nimmt. Fanon entfaltet in seinem Bericht leiblich-existenzieller Rassismuserfahrung, ergänzt durch seine Beobachtungen als Philosoph und Arzt in der kolonialen Psychiatrie, eine Kritik an Konzepten der Subjektivität, Anerkennung und Freiheit, die auch für die normative politischen Theorie zentral sind. Dieser politisch-phänomenologische Theoriezugang bietet an, Rassismus nicht nur als Ideologie oder System zu erforschen, sondern an rassifizierte Realitäten zurückzubinden.  (mehr …)

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Fanon Schwerpunkt: Der Arzt als Theoretiker: Frantz Fanon und die traumatisierenden Folgen des Kolonialismus

Frantz Fanon war kein Politiktheoretiker im engeren, akademischen Sinne. Dennoch hat er in seinem in Jahren kurzen, an Erfahrungen reichen Leben – er starb bereits im Alter von 36 – eine ganze Reihe von Texten verfasst, die der Politischen Theorie (ebenso wie der Welt) noch heute viel zu sagen haben. Das hat zwei Gründe. Zum einen hat Fanon Themen in den Mittelpunkt seiner theoretischen Auseinandersetzungen gerückt, die in der Politikwissenschaft zu Unrecht noch immer ein Nischendasein fristen: Die Auswirkungen von strukturellem Rassismus etwa und die zentralen Mechanismen und Nachwirkungen kolonialer Regierungsformen. Zum anderen sind seine Texte nicht nur von einer enormen Weitsicht geprägt, sondern zudem von einem kritischen Zugang im besten Sinne. Denn Fanon legte zum einen scharfe Diagnosen der kolonialen Welt vor, in der er lebte. Zugleich sind seine Schriften immer auch von einer selbstreflexiven Haltung geprägt. Dies gilt bezogen auf ihn selbst, wenn er autobiographisch schreibt, und mit Blick auf sein eigenes politisches Lager, wenn er gesellschaftskritisch analysiert und argumentiert. Allein schon die skizzierte Kombination ist ungewöhnlich – zumindest in der akademischen Politischen Theorie.   (mehr …)

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Schwerpunkt: 100 Jahre Fanon

Am 20. Juli wäre Frantz Fanon 100 Jahre alt geworden. Fanon setzte sich in seinen Werken auf tiefgehende Weise mit dem Kolonialismus und seinen prägenden Nachwirkungen auseinander. Er analysierte Kolonialismus als systemische Gewalt und frühe Form des Faschismus. Seine Arbeiten verbinden psychologische, marxistische und phänomenologische Perspektiven auf koloniale Entfremdung, Herrschaft und Unterdrückung. Das Denken des Theoretikers, Psychoanalytikers und Aktivisten hat damit nichts an seiner Aktualität und Wichtigkeit für die Politische Theorie verloren – sei es in Bezug auf seine Auseinandersetzungen mit Kolonialität, Gewalt, Rassismus oder Subjektivierung. 

Aus diesem Anlass werden wir uns in den nächsten zwei Wochen im Rahmen eines Schwerpunkts mit verschiedenen Facetten seiner Arbeiten befassen. Wie kein anderer Theoretiker hat Frantz Fanon das Nachdenken über Gewalt betrieben – doch wird in der deutschsprachigen politiktheoretischen Rezeption sein politisches Denken auch häufig auf diesen Aspekt reduziert.  Es ist diese Reduzierung, die die Beiträge anleitet, aus verschiedenen Blickwinkeln genauer hinzuschauen und auszuloten, ob dies nicht eine Begrenzung von Fanons Werk darstellt. Mal mehr, mal weniger explizit um den Begriff der Gewalt kreisend, bringen die Autor:innen des Schwerpunkts Fanons Denken so mit gegenwärtigen theoretischen Perspektiven und Denkschulen ins Gespräch und loten die Viel- und Weitsichtigkeit seines Werks aus. 

Den Anfang macht Ina Kerner mit einer einführenden Perspektive, die Fanon als wichtigen Theoretiker der Politischen Theorie vorstellt. Nicki K. Weber wird sich in einem Close Reading mit dem Kapitel “Die erlebte Erfahrung des Schwarzen” aus Schwarze Haut, Weiße Masken beschäftigen. Jeanette Ehrmann liest Fanon mit Sylvia Wynter und stellt die Soziogenese als zentrales Element des Fanonschen Denkens heraus. Michaela Bstieler und Thomas Bedorf werfen einen phänomenologischen Blick auf Fanon. Viktoria Huegel stellt ästhetische Bezüge zwischen Gewalt und Tanz her. Im letzten Beitrag liest Vanessa Thompson Fanon als antifaschistischen Theoretiker.

Wir freuen uns sehr auf die kommenden Wochen und wünschen viel Spaß beim Lesen und Diskutieren!   

Eure Theorieblog-Redaktion 

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Internationales Symposium: „Fanon heute– Kämpfe der Gegenwart und theoretische Perspektiven“

Zum diesjährigen 100. Geburtstag von Frantz Fanon wird vom 22. bis 23. Juli 2025 in Berlin ein Internationales Symposium zu seinem Denken stattfinden, organisiert von Robin Celikates (FU Berlin), Vanessa E. Thompson (Queen’s University Kingston) und Raul Zelik (Tageszeitung nd), mit dem Titel „Fanon Today. Contemporary Struggles and Theoretical Perspectives“. Es gilt dabei die Aktualität von Fanon zu beleuchten und seine Relevanz, auch für die Arbeit der Politischen Theorie, einzufangen. Thematisch wird es u.a. Beiträge zu Fragen des Post/De/Neo/Anti-Kolonialismus, Marxismus, Gewalt, Migration und (Anti-)Faschismus geben.

Die Veranstaltung findet auf englisch statt und wird ins Deutsche gedolmetscht. Weitere Informationen sind hier und hier zu finden.

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