Europa

Debatte, Service, ZPTh-Debatte

Militarisierung der Politikwissenschaft? Kommentar zu Astrid Sévilles ZPTh-Beitrag „Kitsch und Krise“

Vor Kurzem ist die neue Ausgabe der Zeitschrift für Politische Theorie (ZPTh) erschienen! Das aktuelle Heft ist mit einer Reihe spannender Beiträge gefüllt: Unter der Rubrik „Abhandlungen“ diskutiert Kolja Lindner verschiedene Perspektiven materialistischer Eurozentrismuskritik, und Finn Starken untersucht in seinem Aufsatz die Frage: „Wie stabil ist Rawls‘ Modell der Eigentumsdemokratie?“

Neben diesen beiden Abhandlungen versammelt das Heft zudem drei essayistische „Standpunkte“ zum Thema „Lost in emancipation. Das Ende vom Ende der großen Erzählungen“ – eingeleitet von Frauke Höntzsch. Fast 50 Jahre nachdem Jean-François Lyotard in seinem Buch „La condition postmoderne“ (1979) das „Ende der großen Erzählungen“ diagnostizierte, gehen Walter Reese-Schäfer, Astrid Séville und Sara Gebh in ihren Beiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven der These vom gegenwärtigen „Ende des Endes der großen Erzählungen“ nach. Astrid Sévilles Essay „Kitsch und Krise“ haben wir für die Debatte auf dem Theorieblog ausgewählt. Er steht damit zugleich hier kostenlos zum Download zur Verfügung.

Außerdem enthält die aktuelle Ausgabe ein Interview von Christian Marks mit Nikita Dhawan zum Thema „Die Aufklärung und Europa zwischen Versprechen und Verhängnis“ sowie zwei besondere „Ideengeschichtliche Fundstücke“: eine Rezension Carl Schmitts zu Otto Kirchheimers Buch „Political Justice. The Use of Legal Procedures for Political Ends“ (1961) mit einem Kommentar von Hubertus Buchstein, sowie einen Wiederabdruck von fünf Briefen Robert A. Dahls mit einer Einleitung von Stefan Meyer. Das Heft schließt mit einem Nachruf auf Michael Becker (1958-2024) von Hans-Joachim Lauth.

Wir freuen uns sehr, dass Albrecht Koschorke mit einem Kommentar zum Beitrag von Astrid Séville die ZPTh-Debatte auf dem Theorieblog im Folgenden eröffnen wird. Astrid Séville wird später in Form einer Replik darauf antworten. Wie immer sind alle herzlich eingeladen, in den Kommentarspalten mitzudiskutieren! Wir wünschen eine gute Lektüre und übergeben nun das Wort an Albrecht Koschorke.

Veranstaltungen & CfP

Programm der Sektionstagung „Bürgerschaft – Aktuelle Entwicklungspfade und konzeptuelle Neubestimmungen“

„Bürgerschaft: Aktuelle Entwicklungspfade und konzeptuelle Neubestimmungen“ – diesem Thema widmen sich vom 18. bis zum 20. März die Sektion Politische Theorie und Ideengeschichte und alle, die sich ihr verbunden fühlen. Somit geht es im Frühjahr um die Grundlagen politischer Ordnungsbildung ebenso wie um aktuelle politische Debatten und Weichenstellungen – und um die unterschiedlichen Perspektiven, die Ideengeschichte und politische Theorie darauf eröffnen. Gastgeber sind unsere Kollegen in Marburg (Oliver Eberl, Julian Hoffmann). Sie organisieren die Tagung gemeinsam mit Sandra Seubert und Eva-Maria Schäfferle (Frankfurt). Alle Infos zum Programm finden sich auf dem Plakat (unter diesem Link), Infos zu Anmeldung und Organisation folgen rechtzeitig.

Jobs & Stipendien

CfA – DFG-Graduiertenkolleg „Europa nach dem Eurozentrismus. Narrative einer Weltprovinz im Umbruch“ (PraeDoc & early PostDoc, Konstanz)

Das DFG-Graduiertenkolleg „Europa nach dem Eurozentrismus. Narrative einer Weltprovinz im Umbruch“ ist zwar schwerpunktmäßig im Fachbereich Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften der Universität Konstanz angesiedelt, lädt aber auch politikwissenschaftlich vorgebildete Personen ein, sich auf 12 Promotions- oder aber eine PostDoc-Stelle zu bewerben. Die 12 Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen (PraeDoc) sind in Teilzeit (60%, E 13 TV-L) und für die Zeit vom 1.10.24 bis zum 30.09.2028 – also für vier Jahre – ausgeschrieben. Die PostDoc-Stelle ist in Vollzeit (E 13 TV-L) für drei Jahre ausgeschrieben. Die kompletten Ausschreiben findet ihr hier (PraeDoc) und hier (PostDoc).

Lesenotiz

Der Geschmack der Richter. Lesenotiz zu Sabine Müller-Malls „Verfassende Urteile“

1964 führte der Europäische Gerichtshof in seiner Entscheidung „Costa/E.N.E.L.“ den Anwendungsvorrang des europäischen Gemeinschaftsrechts ein – ein Prinzip, welches nicht im damaligen EWG-Vertrag auftauchte, sondern vom Gericht aus dem Sinn und Zweck der Gemeinschaftsordnung abgeleitet wurde. Das Problem, wie es sich innerjuristisch rechtfertigen lässt, wenn Gerichte demokratisch gesetztes Recht nicht nur anwenden, sondern dessen Geltungsumfang durch ihre Urteile auch ausweiten, beschäftigt die deutschsprachige Rechtstheorie wohl schon mindestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Dass dieser Frage auch eine demokratietheoretische Dimension immanent ist, tritt spätestens mit der wachsenden Bedeutung derart „expansiver“ Urteile für den selbstständigen Ausbau inter- und transnationaler Organisationen offen zutage: Woher bezieht ein Gericht schließlich die demokratische Legitimation, die verfassungsrechtlichen Grenzen der Politik nicht nur zu überprüfen, sondern selbst neu zu fassen? Sabine Müller-Mall begegnet dieser Fragestellung nun in „Verfassende Urteile“ mit einer prozessorientierten Perspektive: Nicht die Legitimation der Institution des Gerichtes ist ihr Ansatzpunkt, sondern der Prozess des Urteilens, welcher als solcher stets expansiv ist (S. 11). In der Konsequenz verbergen sich damit tatsächlich zwei, gelungen ineinander geschobene Werke in diesem Buch: eine Verfassungstheorie der Konstitutionalisierung und eine Rechtstheorie des Urteils.

Alte Veranstaltungen und CfP, Service

Call für die „Hamburg Summer School for Social Research“ zum Thema „(DE)CONSTRUCTING EUROPE — EUROSCEPTICISM, RIGHT WING POLITICS, AND THE CRISIS OF EUROPEAN DEMOCRACY“ (5.-10. Juni 2023; Frist 20. Februar 2023)

 

Im Juni 2023 organisieren Philipp Müller und Stefan Malthaner vom Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) gemeinsam mit Anna Hofmann von der ZEIT-Stiftung eine „Hamburg Summer School for Social Research“ zum Thema „(DE)CONSTRUCTING EUROPE — EUROSCEPTICISM, RIGHT WING POLITICS, AND THE CRISIS OF EUROPEAN DEMOCRACY“. Sie erbitten Bewerbungen bis zum 20. Februar d.J.

Keynote Speakers und Lectures: Donatella della Porta (SNS), James Ellison (Queen Mary University, London), Andrea Pirro (University of Bologna), Wolfram Kaiser (Portsmouth University), Wolfgang Knöbl (HIS), Shalini Randeria (CEU) und Laura Wolters (HIS).

 

Genauere Informationen finden sich hier.

Alte Veranstaltungen und CfP, Debatte, In eigener Sache

Call for Blogposts: Souveränität!?

Auch in diesem Sommer schreibt der Theorieblog wieder einen Call for Blogposts aus. Nachdem wir uns im vergangenen Jahr mit dem Konzept der „Sorge“ auseinandergesetzt haben, wollen wir uns in diesem Jahr dem Begriff der Souveränität zuwenden. Wir freuen uns wie immer über zahlreiche Ideen und Beiträge zum Thema. Den kompletten Call und alle weiteren Informationen gibt es nach dem Klick. …

Alte Veranstaltungen und CfP, Service

CfP „Zur Zukunft der Demokratie in der Europäischen Union“ (Frankfurt/Main)

Das Wilhelm Merton-Zentrum für Europäische Integration und Internationale Wirtschaftsordnung an der Goethe-Universität Frankfurt veranstaltet am 4. November 2022 eine digitale Tagung zum Thema „Zur Zukunft der Demokratie in der Europäischen Union“. Diese Tagung richtet sich insbesondere an Nachwuchswissenschaftler*innen und soll einen Austausch mit Praktiker*innen ermöglichen. Bewerbungen, bestehend aus einem anonymisierten Abstract mit maximal 500 Wörtern und einem Lebenslauf, sind bis zum bis zum 10. Juli 2022 an tagung.demokratie@jur.uni-frankfurt.de zu richten. Der ausführliche Call for Papers findet sich hier.

Debatte

Sorge an den Grenzen Europas

Nach vielfältigen Beiträgen unserer Debatte um den Begriff der Sorge diskutiert Jasmin Behrends zum Abschluss Sorge als universelle zwischenmenschliche Praxis und rückt dabei die Situation an den EU-Außengrenzen ins Blickfeld.

Vielen ist das Thema Sorge, Fürsorge oder Care in deutschsprachigen, sozialwissenschaftlichen Debatten als eine Kernfrage feministischer Politik bekannt, welche häufig entlang vergeschlechtlichter Ungleichheitsverhältnisse in klassisch feminisierten und gesellschaftlich abgewerteten Arbeitsbereichen der Kinderbetreuung, der Pflege, der Bildung und der Hausarbeit diskutiert wird. Neben diesen etablierten Care-Debatten zeigen aktuelle Werke wie das Care Manifesto des The Care Collective wie der Strang der Care-Ethik aus der feministischen Moralphilosophie einen anderen, universellen Sorgebegriff prägt. Die Autor:innen Joan C. Tronto und Berenice Fisher betrachten Sorge auf diese Weise als ubiquitäre Handlung, die sich in einer Vielzahl unserer alltäglichen Praktiken wiederfinden lässt und eine essenzielle Grundlage menschlichen Lebens in einer interdependenten Welt ist. Ausgehend von einem Begriff der Sorge, der diese als universelle zwischenmenschliche Praxis versteht und das Aufeinander-angewiesen-sein als lebensnotwendig in den Vordergrund theoretischer Überlegungen stellt, lässt sich aus einer machtkritischen Perspektive die Frage diskutieren: wer kümmert sich in einer bestimmten Situation / Konstellation um wen und wer wird von Sorge ausgeschlossen?

Debatte, Lesenotiz

Die ordoliberale Disziplinierung Europas? Lesenotiz zu Thomas Biebricher „Die politische Theorie des Neoliberalismus“

„Neoliberalismus“ ist ein schillernder Begriff. Abhängig davon aus welcher Denkrichtung er beleuchtet wird, gilt er den Einen als Inbegriff freiheitlichen Denkens, den Anderen hingegen als Kampfbegriff zur Stigmatisierung (wirtschafts-)politischer Positionen, die staatlich verordnete, redistributive Maßnahmen sozialer Gerechtigkeit zugunsten des freien Wirkens der Marktkräfte mit aller Macht zu verhindern suchen. Staat und Markt sind in der allgemeinen Wahrnehmung ohnehin jenes Paar, dessen Beziehung im neoliberalen Denken, egal von welcher Seite es betrachtet wird, den zentralen Anker darstellt. Nach Lektüre der nun in deutscher Übersetzung im Suhrkamp-Verlag erschienenen Habilitationsschrift von Thomas Biebricher, ist eben jener Beziehungsstatus wohl eher als „kompliziert“ zu kennzeichnen, wird doch deutlich, dass eine angenommene Gegnerschaft beider Partner vor dem Hintergrund des vielgestaltigen und keinesfalls konsensualen neoliberalen Denkens, auf einem zu unterkomplexen Verständnis dieser Dichotomie beruht.

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