Was ist emanzipatorische Solidarität?

Es ist kein Zufall, dass wieder vermehrt über Solidarität gesprochen wird. Angesichts der Dramatik und Geschwindigkeit gesellschaftlicher Regression, sozialer Spaltung sowie dem Versagen liberaldemokratischer Institutionen wirkt Solidarität wie ein schillernder Gegenbegriff zu den Phänomenen der Krise. Tatsächlich ist der Begriff schon immer wichtiger Bestandteil eines emanzipatorischen Nachdenkens über die Gesellschaft. Solidarität als Bindeglied zwischen linker Theorie und Praxis beinhaltet das zentrale Versprechen der Linken, nämlich das gute Leben für alle. Wie Bini Adamczak jüngst vorschlug, ist eine solidarische Beziehungsweise daher das, was in den revolutionären Sequenzen des letzten Jahrhunderts eigentlich begehrt wurde.

Von einer emanzipatorischen Vision von Solidarität als revolutionärer Gleichheit, wie Adamczak sie beschreibt, sind wir allerdings weit entfernt. Vielmehr begegnet uns Solidarität öfter in ihrer Verfallsform, als partikulares Zusammenhalten von Kollektiven, als ingroup-outgroup-distinction oder als exklusive Solidarität im völkischen Populismus. Was aber genau macht den Unterschied zwischen diesen und jenen Phänomenen der Solidarität aus? Wie kann man zwischen progressiver und regressiver Solidarität unterscheiden? Und was wäre folglich die Möglichkeit für ein Verständnis von Solidarität, das diesen regressiven Formen entgegensteht, also ein Begriff emanzipatorischer Solidarität?

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Solidarität ent-emotionalisieren! Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung des französischen Solidarismus

‚Solidarität‘ – das ist eines unserer großen Sehnsuchtswörter. Insbesondere in links und kosmopolitisch orientierten Milieus genießt es höchste Wertschätzung. Die emotional aufgeladene Anrufung der Solidarität – gerade mit Fremden und Anderen – fungiert hier nicht selten als Ausweis hoher moralischer Sensibilität und ‚richtiger‘ Gesinnung. Aber auch in rechtsnationalen Kreisen lebt eine heimatliche Sehnsucht nach emotionaler Solidarität mit dem eigenen Volk, die sich mitunter in eruptiven Ausbrüchen gegen ‚artfremde‘ Kulturen und Bevölkerungen artikuliert. Und auch in bürgerlich-liberalen Schichten dominiert eine emotionale Wahrnehmung von Solidarität, die hier oft als ein zartes Pflänzlein mitmenschlicher Hilfsbereitschaft erscheint, das durch überbordende sozialpolitische Umverteilung oder ‚undankbares‘ Verhalten der Leistungsempfänger nicht ausgetrocknet werden dürfe.

Was mit dem Begriff der Solidarität aber genau beschrieben werden soll, ist oft unklar. Wenn sich etwa Angehörige gut situierter Mittelschichten emphatisch mit den Leidenden dieser Welt ‚solidarisieren‘, wenn sie sich auf diese Weise mit Katastrophenopfern irgendwie ‚gemein‘ machen wollen, dann könnte sich dahinter eine egozentrische Vereinnahmungsstrategie verbergen, die vor allem vom eigenen Bedürfnis nach emotionalem Wohlbefinden, nach einem ‚guten Gewissen‘ bestimmt wird. Wer sicher im Trockenen sitzt und sich ‚solidarisch‘ mit Geflüchteten im Mittelmeer erklärt, teilt mit ihnen keine gemeinsame Gefahrenlage; und wer im deutschen Mittelgebirge wohnt und ‚solidarisch‘ Geld für die Opfer von Tsunamis in Südostasien spendet, rechnet nicht ernsthaft damit, selbst einmal von Überschwemmungen betroffen zu sein und Hilfe aus Myanmar oder Sumatra zu benötigen. Eines der entscheidenden Leitmotive der Solidarität, wie es im 19. und 20. Jahrhundert insbesondere in der Arbeiterbewegung artikuliert wurde: das egalitäre Zusammenstehen gegen gemeinsame Bedrohungen, wird hier entschieden dementiert – und man möchte gerne wissen, wie sich die Empfänger solcher Solidarität eigentlich fühlen. Dazu gibt es empirisch kaum valide Forschungen. Man wird aber vermuten dürfen, dass hier allemal ambivalente Empfindungslagen anzutreffen sind, in denen diese Solidaritätsbezeugungen nicht nur als hilfreich, sondern womöglich auch als belastend, als paternalistisch und entmündigend empfunden werden. Wie auch immer: Wir reden wohl zu emotional von der Solidarität.

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Debatte: Solidarität!?

Liebe Leser*innen,

dass es auch in diesem Jahr ein so großes Interesse am Thema unseres Calls for Blogposts – Solidarität – gab, hat uns sehr gefreut. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal für die vielen spannenden Beitragsvorschläge, die Ihr uns geschickt habt! Letztlich mussten wir aber auch diesmal wieder eine Auswahl treffen – von der wir glauben, dass sie unterschiedliche Aspekte von Solidarität beleuchtet, systematische wie auch praktische Fragen aufwirft und nicht zuletzt Kontroversen generieren kann.

In den kommenden Wochen veröffentlichen wir jeweils zwei bis drei Texte. Wir beginnen mit Beiträgen von Hermann-Josef Große-Kracht (29.10.) und Alex Struwe (30.10.). Die folgenden Beiträge erweitern dann die Diskussion um zusätzliche begriffliche und begriffsgeschichtliche Einordnungen, theoretisch-systematische Befragungen sowie Diskussionen von Solidarität u.a. im Kontext von Migration, sozialen Bewegungen und der Europäischen Union.

Alle Beiträge werden wir bei Erscheinen hier – nach dem Klick – verlinken, so dass dieser Post als Übersicht über die Debatte dienen kann. Am besten also gleich ein Lesezeichen setzen!

Alle Beiträger*innen, aber natürlich vor allem auch alle Leser*innen laden wir an dieser Stelle herzlich ein, aktiv mitzudiskutieren. Wie immer sind alle Meinungen, Kritik, Ergänzungen und Perspektiven willkommen – auf dass wir eine möglichst lebendige und vielfältige Debatte führen können.

Wir freuen uns sehr auf die kommenden Wochen und wünschen viel Spaß beim Lesen und Diskutieren! (mehr …)

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Heimat?!

Liebe Leser*innen!

Der große Rücklauf zu unserem Call for Blogposts hat uns sehr gefreut und wir freuen uns zugleich, in den nächsten vier Wochen eine vielfältige Auswahl kontroverser Beiträge zu veröffentlichen, die Begriff und Idee der Heimat aus ganz unterschiedlichen politiktheoretischen Perspektive beleuchten, wertschätzen oder kritisieren bzw. Potentiale und Grenzen ausleuchten.

Es werden in den folgenden Wochen jeweils zwei Texte erscheinen. Los geht es mit zwei grundlegenden Beiträgen von Tine Stein und Samuel Salzborn. In der Folge werden spezifischere Beiträge ideengeschichtliche und gegenwärtige theoretische Perspektiven auf unterschiedliche Aspekte des Heimatbegriffs eröffnen bzw. politische Dimensionen und Aspekte der Idee der Heimat reflektieren.

Alle Texte werden wir im Laufe der Zeit – nach dem Klick – in diesem Post vermerken, nicht zuletzt um die Navigation zu vereinfachen.

Wir laden euch an dieser Stelle zudem noch einmal besonders ein, aktiv mitzudiskutieren und die Debatte auch über die Texte hinaus weiterzuführen, um die Lebendigkeit und Relevanz der Politischen Theorie weit(er)hin deutlich zu machen.

Über Rückmeldungen zum Format freuen wir uns – nicht zuletzt, weil wir uns aufgrund der bisher positiven Rückmeldungen überlegen, es auch in Zukunft immer einmal wieder zu nutzen und zugleich weiterzuentwickeln.

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Call for Blogposts: Heimat!?

“Heimat!” Der Begriff bzw. die Idee wird in jüngster Zeit in politischen Debatten und Auseinandersetzungen, aber auch in der weiteren Öffentlichkeit verstärkt verwendet und ist zugleich Gegenstand und Mittel heftiger Auseinandersetzungen. Politiker*innen unterschiedlicher Parteien haben den Begriff entdeckt, auch um die Sehnsucht der Bürger*innen “nach Sicherheit, nach Entschleunigung, nach Zusammenhalt und vor allen Dingen Anerkennung … nicht den Nationalisten zu überlassen”, wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ausgedrückt hat. Heimat – der Begriff soll hier guten Patriotismus von schlechtem Nationalismus scheiden, die Gefühle der Bürger*innen ernst nehmen, gesellschaftlicher Vielfalt Ausdruck geben, in die Zukunft weisen, aus der Sackgasse der Leitkultur-Debatte herausführen – und das am besten alles zugleich.

Soviel begriffspolitische Hoffnung macht gleichwohl misstrauisch. Denn der Begriff bleibt ambivalent. Er dient der Identifikation und der Abgrenzung, will Sicherheit vermitteln und ruft zugleich Unbehagen hervor: In einem jüngst zirkulierten offenen Brief mit dem Titel “Solidarität statt Heimat” etwa wandten sich die Unterzeichner*innen – darunter auch eine Reihe von Politiktheoretiker*Innen – gegen “weltfremde Phantasien […] wohligen Privatglücks” und warnten vor einer Diffusion rechten Gedankengutes in die politische Mitte. Vermittelnde Positionen – wie der Versuch den Begriff “Heimat” mit “Vielfalt” und “Weltoffenheit” zu assoziieren, so geschehen in einem Artikel von Ferda Ataman – laufen dagegen ihrerseits Gefahr, missverstanden zu werden: So hat ausgerechnet der neue Heimatminister Horst Seehofer den Artikel zum Anlass genommen, den Integrationsgipfel des Kanzleramtes zu boykottieren.

Haben wir es also mit einem neuen politischen Kampfbegriff zu tun? In begriffshistorischer Perspektive wird deutlich, dass eine gewisse Spannung dem modernen Begriffsverständnis bereits inhärent ist. Der moderne Begriff der Heimat zeichnet sich, so schreiben Edoardo Costadura und Klaus Ries in der Einleitung zu einem interdisziplinären Sammelband über “Heimat gestern und heute”, mindestens durch drei Faktoren aus: Er vereint räumliche, zeitliche, soziale und kulturelle Dimensionen, ist also multidimensional. Er kennzeichnet ein reaktives Phänomen, nämlich die Reaktion auf Modernisierungs- und Transformationsumbrüche und bringt nicht selten eine Verlusterfahrung zum Ausdruck. Und er ist zugleich ein Reflexionsbegriff, der eine kollektive oder individuelle Selbstreflexion markiert.

Vor diesem Hintergrund möchten wir uns im Spätsommer bzw. Herbst aus politiktheoretischer Perspektive mit dem Begriff der Heimat auseinandersetzen und laden deshalb dazu ein, Blogposts einzureichen, die das Thema bzw. die Idee pointiert aus unterschiedlichen ideengeschichtlichen, politiktheoretischen oder politikphilosophischen Perspektiven beleuchten und erkunden, wertschätzen und erhellen oder fundiert kritisieren:

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Kritische Theorie? Die ZPTh lädt zur Debatte

Was heißt Kritische Theorie heute? Welche ihrer Instrumente und Begriffe sind für Analysen heute besonders fruchtbar? Welchen Fragen sollte sie sich stellen? Und welche Alternativen gibt es? Diesen und weiteren Fragen widmet sich eine Debatte, zu der die Zeitschrift für Politische Theorie aufruft. Wer daran teilnehmen möchte, ist eingeladen, bis zum 27.03.2017 sechs Fragen zu Stand und Zukunft der Kritischen Theorie zu beantworten. Antworten werden in einer der kommenden Ausgaben – gegebenenfalls gekürzt – abgedruckt. Der komplette Call findet sich hier – oder nach dem Klick.

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Wiedergelesen: Kleine Geschichte des Neoliberalismus, oder: Der Weg zur Knechtschaft

Wiedergelesen-Beitrag zu Friedrich August von Hayeks The Road to Serfdom, London: Routledge 1944 (dt.: Der Weg zur Knechtschaft, in: Gesammelte Schriften in deutscher Sprache: Abt. B, Bücher 1, hrsg. v. Manfred E. Streit, Tübingen: Mohr Siebeck 2004).

 

Hayek selbst war vermutlich am meisten überrascht von seiner plötzlichen Berühmtheit in den USA. Angereist aus Großbritannien, um eine Reihe kleinerer Vorträge anlässlich der Veröffentlichung seines neuesten Buchs im Jahr zuvor zu halten, sah er sich schon auf der ersten Station seiner Reise in der New Yorker Town Hall einem vollbesetzten Auditorium von dreitausend Zuhörern gegenüber. Der Verlagsagent ließ ihn kurz davor noch wissen, dass er nicht nur 45 Minuten sondern genau eine Stunde sprechen müsse, da der Vortrag auch im Radio übertragen würde und so besser ins Sendeformat passe.

Vor genau 70 Jahren wurde Friedrich August von Hayeks The Road to Serfdom (dt.: Der Weg zur Knechtschaft) veröffentlicht, und die Publikation sollte sich als einschneidendes Ereignis nicht nur für Hayeks Leben, sondern auch für die Geschichte des modernen Kapitalismus erweisen. (mehr …)

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