Die Corona-Pandemie als Rache des Realen? Eine Lesenotiz zu Benjamin Bratton

Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie wurden schon vielfach beschrieben: als Brennglas, unter dem soziale Ungleichheiten verschärft werden (z. B. Ludwig/Voss/Miller 2020 und Werkmann/Wolfs 2021) oder als Generalprobe für den Klimawandel (Latour 2020). Für Benjamin Bratton ist die Corona-Pandemie vor allem die Rache des Realen, wie er in seinem gleichnamigen Buch (2021) in wortgewaltiger Sprache beschreibt.

Dabei attestiert er auf knapp 170 Seiten – übrigens völlig ohne Literaturangaben – ein mehrfaches Scheitern: auf der Ebene der westlichen Public Governance, welche die Pandemie und ihre Folgen nicht angemessen bearbeiten kann, und auf der Ebene der Philosophie. In seiner „Kritik der westlichen politischen Kultur“ (6, hier und im Folgenden eigene Übersetzungen) verknüpft er mehrere Argumente, welche sich auf Populismus, Individualismus, den Biopolitik-Diskurs um den italienischen Philosophen Giorgio Agamben und nicht zuletzt philosophischen Realismus beziehen. Abschließend formuliert er Entwürfe für eine positive post-pandemische Biopolitik. Im Folgenden soll diese Argumentation kurz ausgeführt und sein Entwurf einer post-pandemischen Biopolitik einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. (mehr …)

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Die Pandemie als europäische Katharsis? Lesenotiz zu Luuk van Middelaars „Das europäische Pandämonium“

Die Europäische Union, so Luuk van Middelaars These, habe sich im „Pandämonium der Pandemie“ (64) nicht nur als äußerst robust erwiesen, ihre Institutionen würden aus dieser Krise sogar gestärkt hervorgehen. Um diese Ansicht zu untermauern, lässt der Autor in einer Chronik der Pandemiepolitik die Irrungen und Wirrungen des vergangenen Jahres Revue passieren (67 ff). Doch die Coronakrise begreift van Middelaar nur als jüngstes Kapitel einer weit umfassenderen Transformation der Europäischen Union, in deren Licht er die gegenwärtigen Ereignisse ordnet und interpretiert. Gemäß dieser Lesart zwingen die geopolitischen Entwicklungen und vielfältigen Krisen der vergangenen Jahre die nunmehr 27 Mitgliedsstaaten auf den Pfad einer „Schicksalsgemeinschaft“ (24), die lernen müsse, als Einheit zu agieren, ohne ihre nationalstaatliche Verfasstheit einzubüßen. Im Folgenden möchte ich, ausgehend von einer kleinen ideengeschichtlichen Verortung, die teleologische Grundstruktur des Essays problematisieren: Die Auflösung des Spannungsverhältnisses zwischen Nationalstaatlichkeit und europäischem Gemeinwohl, die der Lauf der Geschichte zu verlangen scheint, gelingt nur negativ durch die Ausblendung der konkreten institutionellen Probleme und Dilemmata in der EU und positiv durch einen Kulturalismus, demgemäß „Europa“ als ein Wert an sich erscheint, der dem Wollen und Handeln der Menschen schon vorgängig ist.

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Wider den Methodenzwang? Krise, Kritik und politische Theorie

Lesenotiz zu „Kritik in der Krise. Perspektiven politischer Theorie auf die Corona-Pandemie“, herausgegeben von Clara Arnold, Oliver Flügel-Martinsen, Samia Mohammed und Andreas Vasilache

 

Vor ungefähr einem Jahr überraschte der politische Theoretiker Giorgio Agamben mit der Behauptung, dass es sich beim Corona-Virus um kaum mehr als eine Grippe handle (vgl. The Invention of an Epidemic). Wenig später ergänzte er diese uninformierte Einlassung um die dystopische Diagnose, dass in Italien fortan lediglich das nackte Leben zähle (vgl. Clarifications). Es folgte in diesen ersten Monaten der Pandemie eine Debatte, in der Agambens Behauptungen von verschiedenen Theoretiker*innen zwar zurecht zurückgewiesen wurden, die jedoch häufig in oberflächlichen ad-hoc-Beiträgen bestand. Der vorliegende Sammelband situiert sich in dieser Anfangsphase und nimmt vielfach (produktiv) auf Agamben Bezug. Dabei ist er jedoch einem stärker reflexiven Ansatz verpflichtet und plädiert – trotz der gegebenen Schwierigkeit einer pandemischen Situation – für die Notwendigkeit von politiktheoretischer Kritik.

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Bürgerpflichten in der Pandemie

Nach Markus Söder hat es jetzt auch Horst Seehofer getan. Bezeichnete der bayerische Ministerpräsident unlängst die Covid-19-Impfung als Bürgerpflicht, zog nun der Bundesinnenminister nach und beanspruchte den Begriff für die Unterlassung von „nicht zwingend notwendigen“ Auslandsreisen. Doch was sind eigentlich Bürgerpflichten? Und welche Pflichten haben Bürgerinnen und Bürger in der Pandemie? Beiden Fragen möchte ich mich im Folgenden widmen. Dies mündet in ein Plädoyer, die Notwendigkeit von Bürgerpflichten in freiheitlichen politischen Ordnungen anzuerkennen sowie die pflichtenbasierten Handlungsmodalitäten teilweise von Unterlassungs- zu Leistungsakten zu verschieben.

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Neuanfang!?

„Ein (politischer) Nauanfang ist immer möglich!“ – haben wir mit Hannah Arendt in unserem diesjährigen Call for Blogposts behauptet und damit zu Beiträgen zu einem Thema eingeladen, das sich im Jahr 2020 besonders aufdrängt. Braucht es nach der globalen Pandemie einen politischen, gesellschaftlichen und/oder ökonomischen Neuanfang? Müssen wir die Art, wie wir gesellschaftliches Zusammenleben organisieren, neu überdenken?

Vor allem zu Beginn der Krise wurde mit ihr auch die Hoffnung auf einen Neuanfang verbunden: Nach Corona, so die Hoffnung vieler Kommentator*innen, würde sich die Art, wie wir gesellschaftliches Miteinander organisieren, grundsätzlich ändern. Von einem solidarischeren Umgang untereinander und einem Überdenken unseres Verhältnisses zur Natur war die Rede; von der Neustrukturierung des Arbeits- und Soziallebens und manchmal gar der gesamten Wirtschaftsweise. Die Pandemie und die mit ihr verbundenen Einschränkungen offenbarten, so eine verbreitete These, was wirklich wichtig ist. Einige Monate später wird einiges nüchterner diskutiert, doch Fragen danach, ob es einen Neuanfang braucht und worin er bestehen könnte, sind nicht weniger dringend. Einigen von ihnen widmen sich die Beiträge zu unserem Call.

Auch in diesem Jahr haben wir eine große Vielfalt an Beitragsvorschlägen erhalten. Wir danken allen, die sich beteiligt haben, recht herzlich. In den nächsten drei Wochen veröffentlichen wir nun unsere Auswahl der Texte hier auf dem Blog. Sie reichen von Begriffsanalysen über Reflektionen zur Rolle der Theoretiker*innen selbst bis zur Diskussion konkreter Politikfelder und Problemstellungen. Die Reihe der Beiträge endet mit einem Blick zurück aus dem Jahr 2050.

Alle Texte werden wir im Laufe der Zeit – nach dem Klick – in diesem Post vermerken, um die Navigation zu vereinfachen.

Wir laden euch an dieser Stelle zudem noch einmal besonders ein, aktiv mitzudiskutieren und die Debatte auch über die Texte hinaus weiterzuführen, um die Lebendigkeit und Relevanz der Politischen Theorie weit(er)hin deutlich zu machen. (mehr …)

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Auf konzeptionelles Wissen vertrauen! Perspektiven einer pandemiesensiblen Sozialpolitik – Kommentar zu Frank Nullmeiers „Covid-19-Pandemie und soziale Freiheit“

Was macht diese Pandemie mit uns? Zunächst verändert sie unser Wissen und unsere Praxis. Wir kennen seit dem Frühjahr 2020 nun allerlei Virologinnen und Virologen, die – oh Wunder – nicht immer einer Meinung sind. Wir nutzen bisweilen Podcasts, um unser medizinisches Halbwissen aufzurüsten. Dabei haben wir von einem Inzidenzwert erfahren, der unser aller Leben beeinflusst. Deswegen schauen wir nun jeden Morgen aufs Smartphone und werden von einem Institut, das nach Robert Koch benannt ist, über fallende und steigende Infektionszahlen informiert. Wir haben uns schließlich für jeden Anlass eine Kollektion an Nase-Mundschutz-Masken zugelegt. Aber verändert sich nach dieser allmählichen Neujustierung der Gewohnheiten des Alltags auch unser Blick auf Gesellschaft – abgesehen davon, dass wir alle im Einkaufsmarkt, im Büroflur oder beim Treffen mit Freundinnen und Freunden zum Teil skurrile Choreographien des Abstandnehmens einüben? Ja, wir teilen die Erfahrung, dass sich Vorhandenes und Bekanntes vergrößert und verstärkt. Dort, wo Ungleichheit vor der Pandemie war, nimmt sie nun noch zu; dort wo Solidarität vor Corona funktionierte, bestätigt sie sich. (mehr …)

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ZPTh-Debatte: „Covid-19-Pandemie und soziale Freiheit“

Das nächste Heft (1/2020) der Zeitschrift für Politische Theorie erscheint bald. Wir freuen uns, vorab und aus selbstverständlichem – aktuellen – Anlass den hiesigen Beitrag Frank Nullmeiers veröffentlichen zu dürfen. Der Volltext steht hier kostenfrei als PDF zur Verfügung – ein Abstract findet sich unterm Strich. Ein Kommentar zum Beitrag wurde von Berthold Vogel erstellt, wofür wir sehr danken! – Aber, wie immer, sind alle zur Diskussion aufgefordert und eingeladen! – red.

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Digitale Ringvorlesung: „Wissenschaft und Öffentlichkeit in der Corona-Krise“

Das Zentrum für Wissenschaftstheorie an der Universität Münster lädt zur digitalen Ringvorlesung, die über die gesellschaftliche Dynamik der Corona-Pandemie und das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit reflektieren will. Zu Gast sind viele bekannte Referent:innen wie Rudolf Stichweh, Christoph Möllers, Michael Butter und Melanie Brinkmann. Die Veranstaltung findet jeweils donnerstags von 18.15-20.00 Uhr über Zoom statt. Die Organisatoren Fabian Anicker und Carsten Ohlrogge bitten um Anmeldung. Das ganze Programm gibt es hier.

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Digitales Kolloquium: „Die Zukunft des Wirtschaftssystems nach der Pandemie“ (7. Oktober 2020)

Der theorieblog lädt für den 7. Oktober 2020 von 17.00-18.00 Uhr zu einem digitalen Kolloquium ein. Als Diskussionsgrundlage wird der Aufsatz Die Zukunft des Wirtschaftssystems nach der Pandemie: Sozialliberale Marktwirtschaft oder autoritärer Kapitalismus? dienen, den Niklas Dummer und Christian Neuhäuser verfasst haben. Die Moderation des digitalen Kolloquiums übernimmt Martin Beckstein, einen Diskussions-Input steuert Franziska Dübgen bei.

 

Niklas Dummer ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft der TU Dortmund und leitet die Redaktion der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik. Er beschäftigt sich u.a. mit Eigentums- und Würdetheorien.

Christian Neuhäuser ist Professor für praktische Philosophie an der TU Dortmund. Er arbeitet zu Theorien der Selbstachtung und Verantwortung sowie zu Fragen der ökonomischen und internationalen Gerechtigkeit. Aktuelle wissenschaftliche Buchpublikationen sind: Reichtum als moralisches Problem (Suhrkamp) und herausgegeben zusammen mit Christian Seidel: Kritik des Moralismus (Suhrkamp).

Franziska Dübgen ist Professorin für Philosophie mit den Schwerpunkten Politische Philosophie und Rechtsphilosophie an der WWU Münster. Sie arbeitet zu Kritischer Theorie, Transkultureller Philosophie, Postkolonialismus, feministischen Perspektiven, epistemischer Gerechtigkeit und Straftheorien.

Martin Beckstein ist Oberassistent für Politische Philosophie an der Universität Zürich. Er beschäftigt sich u.a. mit politischen Ideologien, insbesondere dem Konservatismus und Nationalismus, sowie Fragen der Interpretationsmethodik. Ausgewählte Publikationen umfassen: The Politics of Economic Life (Routledge) und Political Conservation or How to Prevent Institutional Decay (Constellations).

 

 

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Aufgezeichnete Theorie: Diskussion über Corona als (Un-)Gleichmacher

Das Gespräch zwischen Paula-Irene Villa Braslavsky, Sabine Hark und Karsten Schubert zum Thema „Vor dem Virus sind (nicht) alle gleich. Corona als (Un-)Gleichmacher“, das am 14.08.20 auf Kampnagel in Hamburg aufgezeichnet wurde, steht jetzt hier als Video online. Die drei Wissenschaftler*innen sprechen über Diskriminierung, soziale Ungleichheit, Care-Arbeit und Biopolitik.

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