Fanon Schwerpunkt: Erkenntnis und Ausschluss: Fanons politische Theorisierung der gelebten Rassismuserfahrung

Frantz Fanon entwickelt im fünften Kapitel, Die erlebte Erfahrung des Schwarzen, des 1952 erschienenen Schwarze Haut, Weiße Masken (SHWM) eine existenzielle Erkenntniskategorie körperlich-sozialer Verfasstheit des rassifizierten Subjekts, die werksübergreifend als Schlüsselmoment seiner Auseinandersetzung mit kolonialem Rassismus zu verstehen ist. Erlebte Erfahrung, so aus der aktellen Übersetzung des französischen Titels L’expérience vécue du Noir – treffender ist gelebte Erfahrung, was verdeutlicht, dass Erfahrung nicht passiv erlebt wird, sondern leiblich durchdrungen ist. Der Körper wird nicht nur als rassifiziertes Objekt adressiert, sondern ist das Medium, durch das die koloniale Gewalt direkt vermittelt wird, worauf er psychisch und physisch reagiert. 

Das Kapitel ist ein Plädoyer für eine Phänomenologie des Politischen, die race und das Spektrum von der rassifizierten Alltagserfahrung, so wie dem rassistischen Polizieren oder in sozialen Institutionen, wie der forensischen Psychiatrie, wo schwarze Körper als verdächtig gelesen werden, bis hin zur kolonialen Gewalt der postimperialen big politics, zum Ausgangspunkt nimmt. Fanon entfaltet in seinem Bericht leiblich-existenzieller Rassismuserfahrung, ergänzt durch seine Beobachtungen als Philosoph und Arzt in der kolonialen Psychiatrie, eine Kritik an Konzepten der Subjektivität, Anerkennung und Freiheit, die auch für die normative politischen Theorie zentral sind. Dieser politisch-phänomenologische Theoriezugang bietet an, Rassismus nicht nur als Ideologie oder System zu erforschen, sondern an rassifizierte Realitäten zurückzubinden.  (mehr …)

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Fanon Schwerpunkt: Der Arzt als Theoretiker: Frantz Fanon und die traumatisierenden Folgen des Kolonialismus

Frantz Fanon war kein Politiktheoretiker im engeren, akademischen Sinne. Dennoch hat er in seinem in Jahren kurzen, an Erfahrungen reichen Leben – er starb bereits im Alter von 36 – eine ganze Reihe von Texten verfasst, die der Politischen Theorie (ebenso wie der Welt) noch heute viel zu sagen haben. Das hat zwei Gründe. Zum einen hat Fanon Themen in den Mittelpunkt seiner theoretischen Auseinandersetzungen gerückt, die in der Politikwissenschaft zu Unrecht noch immer ein Nischendasein fristen: Die Auswirkungen von strukturellem Rassismus etwa und die zentralen Mechanismen und Nachwirkungen kolonialer Regierungsformen. Zum anderen sind seine Texte nicht nur von einer enormen Weitsicht geprägt, sondern zudem von einem kritischen Zugang im besten Sinne. Denn Fanon legte zum einen scharfe Diagnosen der kolonialen Welt vor, in der er lebte. Zugleich sind seine Schriften immer auch von einer selbstreflexiven Haltung geprägt. Dies gilt bezogen auf ihn selbst, wenn er autobiographisch schreibt, und mit Blick auf sein eigenes politisches Lager, wenn er gesellschaftskritisch analysiert und argumentiert. Allein schon die skizzierte Kombination ist ungewöhnlich – zumindest in der akademischen Politischen Theorie.   (mehr …)

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