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Buchforen

Piketty-Buchforum (3): Wozu sollen Steuern dienen?

Um es vorwegzuschicken: Auch ich halte Pikettys Buch für einen Gewinn. Schon Anzahl und Namen seiner Kritiker sprechen für das Werk. Auch die enorme Kritik, die Piketty am „kindlichen“ Mathematismus der Ökonomen übt, um daraufhin ein Hohelied auf andere Sozialwissenschaften anzustimmen, schmeichelt. Kritisiert sei auch nicht, dass das ach so schwere Buch breit diskutiert wird, weil schon die ersten Seiten den Inhalt eines der „am meisten ungelesenen Bücher“ geschmeidig zusammenfassen. …

Debatte, Lehre

Jetzt mal ganz offen… Offene Ressourcen für die Politische Theorie

Im Internet gibt es ja fast alles – und das ist wohl auch der Grund, warum wir es auch als politische Theoretiker und Nicht-Geeks fast schon beiläufig nutzen. Eben mal schnell schauen, ob das Buch was taugt, bevor man sich auf den schwierigen Weg macht, es zu besorgen. Kurz nachsehen, ob Max Weber “stählernes” oder “stahlhartes” Gehäuse gesagt hat. Noch während des Vortrages gucken, wer dieser Etienne de La Boetie genau war. Gleich den aktuellsten Artikel des Vortragenden herunterladen… kann durchaus an der nächsten Paywall scheitern. Meine Vermutung ist, dass die meisten Studierenden es ähnlich handhaben – erstmal das Thema googeln, dann den Wikipedia Artikel überfliegen, dann weiß man schon so ungefähr Bescheid.

Bei entsprechend kritischem Blick ist dagegen wenig zu sagen, manches kann sogar hervorragend sein. Aber was hat das Netz an offenen, für alle leicht zugänglichen Ressourcen für die Politische Theorie zu bieten, die gehaltvoll genug sind, um mit gutem Gewissen auch für die Lehre genutzt zu werden? …

Debatte

Ein moderner Ablasshandel? Der Fall Ecclestone zwischen „Kassenjustiz“ und „Justizvertrauen“

Die parlamentarische Sommerpause gilt traditionell als die halbtote Phase, in der das politische Reservepersonal seine fifteen minutes of fame aus dem Mediennirvana abrufen darf. Die Vorschläge reichen auch derzeit wieder einmal von der Ausweisung deutscher Dschihadisten bis zum Fällen solcher Alleebäume, die dem provinziellen Fahranfängerstil im Wege stehen. Die Sommerpause birgt allerdings auch gemeinhin unterschätzte Chancen für die Artikulation politischer Fragen jenseits der Berufspolitik. Die Sommerpause ist nämlich nicht zuletzt die große Zeit der Gastautoren. Ein Zeitfenster, in der Differenzierte gegen die im Routinebetrieb so schrillen Talkshow-Dampfplauderer anreden und -schreiben dürfen.

In dieser Hinsicht verdient auch eine unlängst im Deutschlandfunk ausgestrahlte „Kontrovers“-Sendung Beachtung, die sich unter dem Titel „Ecclestones Deal mit dem Gericht – ein Fall von Kassenjustiz?“ der realdemokratisch nicht eben unwichtigen Frage annahm, was an der Aufsehen erregenden, weil gegen Rekordsumme garantierten Verfahrenseinstellung und dem Zustandekommen der gegen „Formel-1-Chef“ Bernie Ecclestone erhobenen Korruptionsvorwürfe eigentlich Regel deutscher Strafrechtspraxis ist und was tatsächlich un- und außergewöhnlich (zur Erinnerung hier der Fallabschluss in Kürze). …

Debatte

Fallbeil und demokratische Ikonographie: Zur bayerischen Entscheidung, die „Geschwister Scholl-Guillotine“ nicht auszustellen

Es ist ein Kreuz mit der bayerischen Demokratie. Dieser Tage wurde verlautbart, man wolle die jüngst gefundene, vormals verschollen geglaubte Guillotine, mit der neben unzähligen anderen Opfern Sophie Scholl und Hans Scholl hingerichtet worden waren, nicht in geeigneter Weise öffentlich ausstellen. „Leicht kann es nämlich passieren, dass diese Guillotine zum bevorzugten Reiseziel für Eventtouristen und für Voyeure wird“, wird der bayerische Kultusminister zitiert. Abgesehen von der merkwürdig verklausulierten Begründung und der Frage, inwieweit man dem CSU-Mann hierin folgen sollte, ist der Gegenstand der nicht öffentlich diskutierten Frage des richtigen Umgangs mit einem Fund, der an das Problem von Dostojewkis Großinquisitor oder an die Politische Theologie Ernst Kantorowiczs erinnert, den man jedenfalls lieber nicht gemacht hätte, erkenntnisreich. …

Debatte

Komplexität durch Verfahren: Niklas Luhmanns Aktualität in der Finanzkrise

Wiedergelesen-Beitrag zu
Niklas Luhmann: Legitimation durch Verfahren, Neuwied: Luchterhand 1969.

Die Diagnose wechselt beliebig, die Therapie bleibt gleich. Ob Rinderwahn oder Schweinegrippe, Spendenskandal oder Spesenschlammassel, Subprime Mortgage oder Sovereign Debt Crisis – läuft in der Wirtschaft oder Politik etwas gründlich schief, erklingt die immergleiche Remedurrhetorik: „höhere Transparenz“ und „strengere Regulierung“! Und in aller Regel folgt ihr die immergleiche Maßnahme: formellere Verfahren mit zusätzlichen Schikanen. Wäre Niklas Luhmann noch am Leben, das Reaktionsmuster müsste Musik in seinen Ohren sein. Zwar verbände er mit der Maßnahme gerade nicht die Hoffnung auf sachgerechtere Entscheidungen, die ihren heutigen Trompetern die Backen füllt, aber er sähe sie wohl als späte Bestätigung für seine alte Behauptung, es sei die Funktion von Verfahren, Legitimation zu erzeugen. …

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