Tagungsbericht: Den Konservatismus politisch denken (Zürich, Nov. 2014)

Konservative Positionen nehmen in der gegenwärtigen Landschaft des politischen Denkens eine eigentümliche Sonderstellung ein. Der Konservatismus gilt häufig als konzeptionell unscharf und entzieht sich daher einer vorschnellen Einordnung in geläufige Konfliktlinien der politiktheoretischen Debatte. Die Frage, was eine genuin konservative Haltung überhaupt auszeichnet, wird zudem von Konservativen und Nicht-Konservativen höchst unterschiedlich beantwortet. Vor diesem Hintergrund nahm sich im November 2014 ein hochkarätig besetzter Workshop am Ethik-Zentrum der Universität Zürich des Themas an und diskutierte darüber, wie die zumeist am Rande des Fachinteresses stehende „konservative Disposition“ philosophisch und politiktheoretisch zu verstehen sei. (mehr …)

Weiterlesen

Viva Blogonia: Ein Blogkarneval für unsere Disziplin

Die Blogs Zoon Politikon, IR Blog und Bretterblog rufen zu einem kleinen Blogkarneval auf. Eine (hoffentlich) muntere und thesenstarke Diskussion über die unterschiedlichen Plattformen unserer Disziplin hinweg zur Rolle und den Entwicklungschancen von Blogs. Das Ganze geht zurück auf einen jüngst in der ZIB erschienenen Artikel von Ali Arbia zur Repulik der Gelehrten 2.0 (Kurzfassung hier, zudem gab es in derselben Ausgabe einen ebenfalls frei zugänglichen Beitrag zu Lehre und Neuen Medien). Der Theorieblog unterstützt das Anliegen sehr und ist ja auch selbst schon mit solcher Art der Reflexion/Nabelschau hervorgetreten (es sei an den ZPTH-Beitrag Theorie in Blogsatz von Cord und Daniel erinnert und unseren Workshop zu Blogs in den Sozialwissenschaften).

Drei Thesen sind zunächst in den Raum gestellt und sollen nun diskutiert, verworfen oder ergänzt werden:

1. Blogs werden in der Zukunft einen wichtigen Platz im wissenschaftlichen Diskurs haben. Darauf muss sich unsere und andere Disziplinen einstellen.
2. Die Internationalen Beziehungen eigenen sich gut wenn nicht sogar besser als viele andere sozialwissenschaftliche Fächer um vom Potential von Blogs zu profitieren, insebesondere wenn es um die Kommunikation nach Aussen geht.
3. Die Deutschsprachige IB-Welt ist dabei diese wichtige Entwicklung zu verschlafen. Dies könnte desaströse Folgen für die Zukunft des Fachs im deutschsprachigen Raum haben.

Auch wir sind gespannt auf die Debatte. Führt sie gerne bei uns in den Kommentaren oder gleich bei Zoon Politikon, wo auch die Liste der auf anderen Blogs veröffentlichten Beiträge aktuell gehalten wird.

Weiterlesen

Politische Ideengeschichte als immanente Kritik: Nachruf auf Iring Fetscher (1922-2014)

Iring Fetscher ist in erster Linie für seine Arbeiten zur Politischen Ideengeschichte bekannt geworden. Er edierte bedeutende Werke selbst oder leitete ihre Edition an (von Arbeiten von Auguste Comte bis zu Hobbes‘ Leviathan, von umfangreichen Kompilationen zu Arbeiten zum Marxismus bis zu den politischen Hauptwerken von Lenin). Mit den fünf Bänden zum Gesamtüberblick zur Politischen Ideengeschichte im Piper-Verlag, die er zusammen mit Herfried Münkler veranstaltete, liegt ein Werk vor, das in dieser Breite und mit ihrem auch außereuropäischen Blick weiterhin Standards setzt. Aber Fetschers wissenschaftliches Werk ist deswegen keineswegs primär historisch gewesen. Neben die Tradierung und Kultivierung der Ideengeschichte treten zahlreiche Arbeiten zu politischen Grundfragen, mit denen er in zentrale Debatten ihrer Zeit intervenierte. Bei genauerer Betrachtung erkennt man ferner, dass auch die ideengeschichtlichen Arbeiten politische Interventionen darstellten, denn die Ideengeschichte war für Fetscher kein von anderen Teildisziplinen der Politikwissenschaft isoliertes Gebiet, sondern eine Form politischer Argumentation. Politische Ideengeschichte war für Fetscher immanente Kritik. (mehr …)

Weiterlesen

Ernesto Laclau und die Bibliothek des Jorge Luis Borges

Ernesto Laclau ist gestorben. Wie jeder Nachruf ist auch dieser dem unhintergehbaren Dilemma ausgesetzt, sich dem Tod widmen zu müssen, einem Thema, über das es nichts zu sagen gibt, was gesagt werden müsste. Der Tod entzieht sich radikal jeder Erkenntnis und der Fehler jeder Religion ist es seit jeher gewesen, das Wissen an die Stelle des Glaubens zu setzen und sich dadurch selbst verlustig zu gehen. Was den Tod angeht, ist jede_r auf seine_ihre Phantasie verwiesen. Jorge Luis Borges schrieb einmal, er würde sich das Paradies als eine riesige Bibliothek vorstellen, in der man, stetig auf neue Gänge stoßend, ewig lesen und wandeln könnte. Es macht Freude, sich vorzustellen, wie Ernesto Laclau an diesem Ort die Augen aufschlägt und sich einem lächelnden Borges gegenübersieht. Solche Bilder helfen, dem Tod ins Auge zu blicken, dem unseren, dem unserer Lieben und dem Ernesto Laclaus, in dem alle jene anderen Tode ebenso beschlossen liegen wie der seine in unserem liegen wird. (mehr …)

Weiterlesen

Robert Dahl verstorben

Der Politikwissenschaftler Robert A. Dahl ist gestern, am 05.02.2014, im Alter von 98 Jahren verstorben (Meldung der Yale University). Dahl war einer, wenn nicht der einflussreichste Demokratietheoretiker unserer Zeit (hier ein Interview mit ihm). Unter anderem stammen aus seiner Feder die Bücher „Who Governs? Democracy and Power in an American City„, „A Preface to Democratic Theory“  „Polyarchy: Participation and Opposition„, „Democracy and Its Critics“ und „On Democracy„; ebenso viel diskutierte Aufsätze wie „A Democratic Dilemma. System Effectivness versus Cititzen Participation“ oder „Can International Organizations Be Democratic? A Skeptic’s View„. Wohl kaum jemand hat im 20. Jahrhundert so tiefgreifend die Funktionsweise moderner Demokratien erforscht und unser Verständnis für deren Leistungen und Begrenzungen geschärft (nicht zuletzt durch den Begriff der Polyarchie und den vom ihm herausgegebenen und eingeleiteten Sammelband zu Opposition in westlichen Demokratien). Dahl lehrte die längste Zeit an der Yale University, er erhielt zahlreiche Preise und war unter anderem Präsident der American Political Science Association.

Wir trauern um diesen Giganten der Politikwissenschaft und werden unter dem Strich in den kommenden Tagen die Nachrufe auf Dahl sammeln und verlinken. (mehr …)

Weiterlesen

DVPW beschließt den Eschenburg-Preis nicht mehr zu vergeben

Vorstand und Beirat der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft haben auf einer Sondersitzung am Wochenende in Darmstadt beschlossen, zukünftig den nach Theodor Eschenburg benannten Preis für das Lebenswerk einer/eines  Politikwissenschaftlerin/Politikwissenschaftlers nicht weiter zu verleihen. Hintergrund der Entscheidung ist eine seit dem DVPW-Kongress 2012 öffentlich geführte Debatte über Eschenburgs Verhalten während der NS-Diktatur. Die DVPW begründet diesen Schritt in einer Pressemitteilung damit, dass der Preis aufgrund der Kontroverse um seine Benennung seine Funktion nicht mehr erfüllen könne. Dies sei neben der Auszeichnung herausragender Politikwissenschaftler/innen auch die Integration der Fachvereinigung. Weiter heißt es dort, dass „mit dem Wegfall des Preises […] ausdrücklich keine abschließende Beurteilung des Verhaltens Theodor Eschenburgs in der NS-Zeit und danach verbunden [ist]“. Im Vorfeld der Entscheidung hatten sich über 100 Professorinnen und Professoren in einem offenen Brief dafür ausgesprochen, an Vergabe und Benennung des Preises festzuhalten. Der offene Brief und zahlreiche Aufsätze und Zeitungsberichte zu der Kontroverse finden sich auf der Homepage der DVPW.

Weiterlesen

Auf der Suche nach einer Nische – Eindrücke von der ECPR General Conference in Bordeaux

Wer sich Anfang September dem Hochschulgelände der Science Po Bordeaux näherte, den konnte das Gefühl beschleichen, eher auf einer Großbaustelle denn auf der größten politikwissenschaftlichen Tagung Europas (mit über 2000 Teilnehmern und weit über 400 Panels) gelandet zu sein. Angesichts großflächiger Bauarbeiten mussten viele Diskussionen in behelfsmäßig aufgestellten Containern abgehalten werden, in denen die südfranzösische Nachmittagssonne den Teilnehmern den Schweiß auf die Stirn trieb. Die insgesamt recht mangelhafte Organisation, verstärkt durch die Tatsache, dass eine beträchtliche Zahl großer Namen kurzfristig ihre Teilnahme absagte (u.a. Arash Abizadeh, Rainer Forst, Pablo Gilabert, Allen Buchanan, Miriam Ronzoni, Catherine Lu), bewirkte, dass die diesjährige ECPR General Conference bei vielen zunächst einen etwas enttäuschenden Eindruck hinterließ. Davon unbenommen, kam es jedoch in vielen Panels zu komplexen und vielschichtigen Auseinandersetzungen, von denen an dieser Stelle natürlich viele gänzlich unerwähnt bleiben müssen. Im Folgenden wollen wir vielmehr anhand zweier Sektionen einige Eindrücke vermitteln, die von der Nischensuche der Politischen Theorie im System der ECPR zeugen: zwischen politikwissenschaftlicher Reflexionsinstanz und praktischer Philosophie, abstrakt-konzeptueller Reflexion und praxisnaher Theorie, zwischen der Abhängigkeit von empirischen (Macht-) Analysen und der „Reinheit“ normativer Prinzipien. Mit Blick auf eine Konferenz, in der von 56 thematischen Sektionen nur zwei explizit theoretisch ausgerichtet waren, drängt sich die Frage danach, wie sich die Politische Theorie mit Bezug auf die empirische Politikwissenschaft heute positioniert und definiert, geradezu auf. (mehr …)

Weiterlesen

Don’t shoot the Messenger: Eine Petition zum Schutz akademischer Whistle-Blower

Am 16. Februar 2011 meldete die Süddeutsche Zeitung, dass der Bremer Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano im Zuge einer Rezension für die „Kritische Justiz“ eine erhebliche Anzahl plagiierter Textstellen in der Dissertation des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg gefunden habe. Was folgte, war die öffentliche Autopsie einer einmalig zusammengeklauten Promotionsschrift, der Rücktritt zu Guttenbergs und ein relativ amüsanter Sat1-Fernsehfilm, der sich das satirische Potenzial des wissenschaftlichen Fehlverhaltens des Ministers zu Nutze machte. Nach einem Beschluss der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) vom Mai diesen Jahres wäre die Aufdeckung des Plagiats durch Fischer-Lescano und die anschließende Dokumentation der Textentnahmen auf GuttenPlag.de nun selber ein Fall für die Disziplinarausschüsse. Die HRK ist der Ansicht, dass derjenige, der wissenschaftliches Fehlverhalten öffentlich dokumentiert, selber „regelmäßig“ gegen die gute wissenschaftliche Praxis verstoße, wenn er oder sie nicht zunächst eine Entscheidung der betroffenen Hochschule abwartet. In dem Beschluss der HRK lautet der entsprechende Passus wie folgt: (mehr …)

Weiterlesen

Hey Ho, Let’s Go: Neues Philosophieblog aus Hannover

Die politisch-philosophische Bloglandschaft wächst und gedeiht weiterhin, ihr neuste Sproß: Das Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover hat ein Blog ins Leben gerufen. Auf http://philosophie-indebate.de/ findet ihr ab sofort philosophische Artikel und Stellungsnahmen. Zum Auftakt wird über den Nutzen philosopischer Cafés debattiert, die Philosophie Cornel Wests vorgestellt und ein Beitrag zur Rolle von Eliten in der Demokratie lanciert. Wir begrüßen den Neuankömmling ganz herzlich, verweisen für alle, die sich für noch mehr Politische Philosophie/Theorie im Netz interessieren auf unsere Blogroll und fordern jene, die sogar gerne selbst mal etwas schreiben wollen – sich vielleicht aber nicht gleich einen ganzen Blog zutrauen – auf die Möglichkeit bei uns als Gastautor mitzuwirken.

Weiterlesen