Studentische Tagung: Die politisierte Gesellschaft (Hannover)

In dieser Woche (25.-27. September 2019) findet die 7. Studentische Fachtagung der Deutschen Nachwuchsgesellschaft für Politik- und Sozialwissenschaft e.V. (DNGPS) zum Thema „Die politisierte Gesellschaft? Politik, Emotion und Protest“ am Institut für Politikwissenschaft der Leibniz Universität Hannover statt. Es wird insgesamt vier Panel zu den folgenden Themen geben: (Neue) Gesellschaftliche Konfliktlinien;  Theorien der Politisierung; Emotionen, Affekte und Politische Kultur sowie Protest und Medien. Die zwei Keynotes werden am ersten Konferenztag von Rebecca Pates (Uni Leipzig) zu „Die Wölfe sind zurück. Über Angst, Ärger und die Liebe zur Heimat“ und am Freitag von Franziska Martinsen (Uni Bremen) über „Protest und radikale Demokratie“ gehalten. Zudem werden Workshops angeboten: zum Beispiel ein Workshop zum wissenschaftlichen Publizieren vom Barbara Budrich Verlag.
Ausführliche Informationen zur Tagung gibt es auf der Homepage und auf Facebook.

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Die Größe der Demokratie: Über (eine) räumliche Dimension von Partizipation und Herrschaft (Buchforum „Die Größe der Demokratie“, Teil 3)

Da seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert mit der Erfindung und Etablierung repräsentativer Demokratien auch „Flächenstaaten“ als Demokratien bezeichnet werden, ist es nach Dirk Jörke fraglich, ob die Größe noch immer als Ermöglichungsbedingung einer normativ-anspruchsvollen Form von Demokratie angenommen werden kann (S. 81). Um die Möglichkeiten einer Aktualisierung der klassischen (republikanischen) Lehre von Demokratie und Größe auszuloten, schlägt er vor, die „Größe des Herrschaftsverbandes“ über die „Fläche des Staates“ oder „Einwohnerzahl“ zu bestimmen (S. 82). Dieses Größenverständnis ist der maßgebende Bezugspunkt für die Überprüfung der Ergebnisse der empirischen Demokratieforschung hinsichtlich etwaiger Zusammenhänge von Größe, Demokratieaffinität und -qualität.

Jörke deutet allerdings selbst an, dass „diese Operationalisierung von Größe nicht optimal ist“ und im Gegensatz zum Demokratiebegriff fällt die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Größe doch eher knapp aus (S. 83). Ich möchte einige Anmerkungen dazu machen, inwiefern unter Einbeziehung anderer Ideen und Verständnisweisen der räumlichen Dimension von Demokratie, Partizipation und Herrschaft ein differenzierter Größenbegriff entworfen werden könnte. Die Berücksichtigung der räumlichen Dimension der politisch-ökonomischen Grundlagen des demokratischen Gemeinwesens erweist sich als besonders vielversprechend, um das begriffliche Verständnis von Größe zu schärfen. (mehr …)

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Gemeinschaft und Gesellschaft. Das X. Internationale Tönnies-Symposium in Kiel

In der an beeindruckenden Persönlichkeiten nicht armen Gruppe der Gründer der Soziologie nimmt der 1855 auf Eiderstedt geborene Ferdinand Tönnies einen der vordersten Plätze ein. Dieser Monate nun endlich erscheint Gemeinschaft und Gesellschaft, sein wirkungsreichstes Früh- und zugleich Hauptwerk, in der (auf eine stattliche Anzahl von Bänden nebst unzähligen Begleitheften, Schriftenreihen und internationalen Handbüchern angewachsenen) Tönnies-Gesamtausgabe, herausgegeben von Dieter Haselbach und der im letzten Jahr verstorbenen Bettina Clausen. Anlass genug, um an Tönnies’ Kieler Wirkungsstätte ein divers gefördertes, letztlich enormes Symposium, mit einigen rasanten Vorträgen zu veranstalten – Familienmitgliederbesuch der Tönnies-Enkelgeneration und Oberbürgermeisterempfang fehlten auch nicht. (mehr …)

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CfA für Spring School „Own Data. Systems Medicine between Sovereignty and Solidarity (30.3.-2.4.2020; FAU Erlangen-Nürnberg)

Der Lehrstuhl für Systematische Theologie II (Ethik) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg veranstaltet vom 30. März bis zum 02. April 2020 eine Spring School zum Thema „Own Data. Systems Medicine between Sovereignty and Solidarity“. Das Ziel dieser Konferenz ist es, mit (Nachwuchs-)WissenschaftlerInnen über die rechtliche Handhabung personenbezogener, medizinisch relevanter Daten im klinischen und Forschungskontext zu diskutieren und die Ergebnisse in einen Sammelbank zu publizieren. Hierfür laden wir 15 WissenschaftlerInnen herzlich dazu ein, sich mit einem Abstract für die Teilnahme zu bewerben. Detailiertere Informationen finden sich hier. Bewerbungen sind bis zum 30. November 2019 möglich.

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Programmiert auf freie Zeit: Lesenotiz zu Antonio Negris „Über das Kapital hinaus“

Negri, Antonio: Über das Kapital hinaus
Abb.: Dietz Verlag

Antonio Negri: Über das Kapital hinaus, Karl Dietz Verlag, Berlin 2019, 263 Seiten.

Ist Marx ein Denker der Industrialisierung, oder hat er uns auch heute in Zeiten von Überwachungskapitalismus, Big Data und Industrie 4.0 noch etwas zu sagen? Die Arbeitswelt ist seit Ende der 1970er nicht länger eine der Hochöfen und des Fließbandes. Der sogenannte Postfordismus ist vielmehr zunehmend automatisiert, global diversifiziert und flexibilisiert. Insbesondere ist es nun auch das allgemeine Wissen und die darauf aufbauende Kreativität der Lohnarbeitenden, derer sich die kapitalgetriebene Produktion heute bemächtigt.

Am Beginn dieses Flexibilisierungs- und Automatisierungsprozesses, der auch das Ende der Arbeit (Jeremy Rifkin, 1995) erahnen ließ, machte sich Antonio Negri erneut an das marxsche Werk, indem er sich auf Einladung Louis Althussers in einer Vorlesung in Paris den Grundrissen widmete. Die Erstveröffentlichung dieser neun Teile erfolgte 1979 unter dem italienischen Titel Marx oltre Marx. Vierzig Jahre später ist der Vorlesungszyklus nun auch auf Deutsch erschienen. (mehr …)

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Denker des Staates und der Freiheit, Verfechter des Bürgerethos. Ein Nachruf auf Ernst-Wolfgang Böckenförde

Die Politikwissenschaft hat mehrere Nachbardisziplinen, mit denen sie Schnittmengen im Forschungsinteresse, im Gegenstand und auch einige der Grundbegriffe teilt. Für eine an politischer Ordnung orientierte Politische Theorie und Ideengeschichte ist besonders die Rechtswissenschaft von Interesse, die ebenso normative, systematische und historische Perspektiven vereint. Ein herausragender Vertreter seines Fachs, von dessen Werk die Politische Theorie und Ideengeschichte profitiert hat und weiterhin profitieren wird, ist Ernst-Wolfgang Böckenförde, der am 24.2.2019 im Alter von 88 Jahren in Au bei Freiburg verstorben ist. Er hat als ausgebildeter Rechtswissenschaftler und Historiker mit besonderem Interesse für die normativen Fragen der Begründung politischer Ordnung ein großes Oeuvre hinterlassen, das sich über mehr als fünf Jahrzehnte erstreckt. Zugleich hat er auch als politischer Denker den Lauf der Zeit kritisch begleitet und sich immer wieder mit Stellungnahmen in der Öffentlichkeit zu Wort gemeldet. Als Bundesverfassungsrichter übte er von 1983 bis 1996 eines der höchsten Ämter aus und wirkte an entscheidenden Urteilen mit. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass er neben wenigen anderen Vertretern seiner Generation, wie Jürgen Habermas oder Ralf Dahrendorf, zu den bekanntesten Wissenschaftlern und öffentlichen Intellektuellen in der siebzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik gehört.

Das Böckenförde-Diktum – eine liberale Formel

Dies hängt gewiss auch mit seinem berühmten Satz über die „nicht garantierbaren Voraussetzungen des freiheitlichen Staates“ zusammen. Das Böckenförde-Diktum ruft allerdings gerade bei vielen Angehörigen der Politikwissenschaft nicht nur angesichts der hohen Frequenz seiner Zitation in staatstragenden Sonntagsreden, sondern vor allem vor dem Hintergrund seines als konservativ wahrgenommenen Gehalts Kritik hervor. Auch der von Böckenförde verwandte Begriff der Homogenität gilt vielen als problematisch. Gegen Böckenförde wird die Auffassung vertreten, dass es keines einigenden Bandes für die Gesellschaft bedürfe und dass vielmehr die Verfahren der rechtsstaatlichen Demokratie in einer pluralen Gesellschaft hinreichend für die Produktion eines notwendigen Minimums an Konsens seien. In dieser Lesart geht aber ein entscheidender Zug seines Denkens verloren oder kommt gar nicht erst in den Blick: Böckenförde ist in seinem Plädoyer für die Freiheit ein zutiefst liberaler Denker, der zugleich von der sozialen Verantwortung des Staates ausgeht.

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In eigener Sache: Theorieblog ist „Wissenschafts-Blog des Jahres 2018“

Zu unserer großen Freude und Überraschung wurden wir zum „Wissenschafts-Blog des Jahres 2018“ gewählt und erhalten damit eine Auszeichnung, die der Blog Wissenschaft kommuniziert“ von Reiner Korbmann seit einigen Jahren vergibt. Wir sind zwar – anders als die Laudatio es will – kein in nur einer Stadt konzentrierter Blog und wurden überdies von vielen Gründermüttern und -vätern ins Leben gerufen. Aber es ist schön zu sehen, dass Politische Theorie, Ideengeschichte und Philosophie in Blogform so viel Aufmerksamkeit und Anerkennung erfährt – oder wie es bei „Wissenschaft kommuniziert“ heißt: Theorie ist Gold!

Da die Entscheidung über die Auszeichnung in den Händen des Wahlvolkes lag, danken wir an dieser Stelle vorrangig allen, die an der Abstimmung teilgenommen haben, die den Theorieblog lesen und unterstützen und dafür gesorgt haben, dass der Theorieblog auch außerhalb des Faches bekannter wird.

Wir versprechen euch auch für das Wissenschaftsjahr 2019 spannende Debatten, informative Tagungsberichte und Lesenotizen und unsere gewohnten „Service“-Leistungen.
Das alles wäre natürlich ohne unsere vielen Gastautor*innen nicht möglich. Daher sei euch an dieser Stelle auch noch einmal ein herzliches Dankeschön ausgesprochen. Wir freuen uns auch 2019 auf viele neue Einsendungen und Ideen!

 

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Vortrag: „Eine sozialphilosophische Kritik der Meinungsfreiheit“ von Daniel Loick

Schon im neuen Jahr, nämlich am 29.01.2019, präsentiert Daniel Loick im Rahmen der Vortragsreihe „Rechtskritik als Gesellschaftstheorie“ am Arbeitsbereich Politik und Recht des Otto-Suhr-Institutes der FU Berlin eine sozialphilosophische Rechtskritik am Beispiel der Meinungsfreiheit. Ausführliche Informationen zum Vortrag gibt es hier.

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Materialismus und feministische Staatstheorie. Lesenotiz zu Catharine MacKinnons „Toward a Feminist Theory of the State“

Catherine MacKinnons grundlegendes Buch zur feministischen Staatstheorie erschließt sich heute vor dem Hintergrund seines Entstehungskontexts: Hervorgegangen aus den Kulturkämpfen der USA und dem Auftakt zur zweiten Welle der feministischen Bewegung und ihrem Kampf um Anerkennung vor Recht und Gesetz speiste sich das Interesse an den abstrakten Fragen von Staatstheorie ganz konkret aus der Arbeit in Unterstützerkreisen für Opfer sexualisierter Gewalt. Obwohl der Band der als liberale Rechtswissenschaftlerin, Karadžić-Anklägerin und Vertreterin radikalfeministischer Positionen bekannt gewordenen Autorin seit seinem Erscheinen in aller Breite diskutiert wurde, blieb dessen tragende Säule – die Diskussion der materialistischen Staatstheorie – weitgehend unbeachtet. Im Folgenden sollen daher MacKinnons Blick auf den Materialismus als politische Theorie und die Lehren diskutiert werden, die sich daraus für die heute mit neuer Dringlichkeit auftretende Suche nach Verbindungen zwischen klassen-, gender- und staatstheoretischen Perspektiven ziehen lassen. (mehr …)

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