Heute vor 70 Jahren erschien die erste Ausgabe der BRAVO, zu erwerben für 50 Pfennig, mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren (Farin 2010). Das sich zunächst amerikanischer Popkultur und Stars widmende Magazin wurde zum Kult für viele Generationen junger Menschen – so auch für mich, eine Teenagerin der Nullerjahre, welche das Blatt, damals für 1,30 €, jede Woche an der lokalen Kleinstadttankstelle kaufte. Die BRAVO versprach Zugang zu einer mir bisher verschlossen gebliebenen Welt der Jugendkultur, glamourös und verheißungsvoll, unabhängig von den Einflüssen der Eltern und der Schule. Anlässlich dieses Jubiläums möchte ich im folgenden Beitrag auf die Geschichte dieses Magazins zurückblicken und untersuchen, an welchen Stellen sich in diesem konsumorientierten Medium Momente von Selbstermächtigung junger Menschen identifizieren lassen.
*** Inhaltswarnung: Im nachfolgenden Text wird ein Fall familiärer sexualisierter Gewalt erwähnt.***
Kulturindustrie oder emanzipative Aneignung: Zwei theoretische Perspektiven
Dass die BRAVO hier beim Theorieblog thematisiert wird, kommt vielleicht etwas unerwartet. Denn die BRAVO war und ist weder in irgendeiner Form staatstragend noch politisch innovativ. Dennoch: Popkultur, und damit auch die BRAVO, ist eine der vielen alltäglichen Sphären, in denen wir in der Gesellschaft über unsere Werte, Realitäten und das Zusammenleben streiten (Storey 2024). In der theoretischen Auseinandersetzung mit Popkultur finden sich zwei wichtige Positionen, die ich für meine Rückschau auf die BRAVO als Gegenspieler positioniere: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno mit ihrer Kritik an der Kulturindustrie auf der einen Seite, Stuart Hall und die von ihm geprägte Perspektive der Birmingham Cultural Studies auf der anderen. In ihrem Aufsatz zur Kulturindustrie kritisieren Horkheimer und Adorno die Massenmedien des 20. Jahrhunderts: Sie produzierten immer gleiche, vorhersehbare Inhalte, erzeugten Bedürfnisse bei ihren Rezipient:innen, welche sie sogleich erfüllten, stellten vorgefertigte Deutungsrahmen für Geschehnisse zur Verfügung. Dabei verhinderten sie eine kritische Auseinandersetzung mit kulturellen Produkten mit dem Ziel, die Konsument:innen in den Kapitalismus hineinzusozialisieren und ihre Arbeitskraft zu reproduzieren: „Amüsement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus“ (Horkheimer/Adorno 1947). Popkultur dient diesen Autoren zufolge der Stabilisierung der bestehenden Ordnung. Hall teilt zwar die Kapitalismuskritik von Horkheimer und Adorno, nimmt aber rund 25 Jahre später eine differenziertere Perspektive ein: Er betrachtet (pop-)kulturelle Produkte als Austragungsfeld für Konflikte um Hegemonie. Seine Konsument:innen sind den kulturellen Produkten nicht rein passiv ausgesetzt, sondern verfügen über Agency, welche auch widerständige Lesarten ermöglicht. So können sich Konsument:innen also auch kommerziell ausgerichtete Popkultur widerständig aneignen und ein emanzipatives Potenzial eröffnen. Zudem müssten popkulturelle Produkte, um erfolgreich zu sein, auch die Kultur der Massen bzw. bei Hall die der Working Class aufgreifen – ansonsten werden sie nicht gekauft (Hall 2002, Hall 2021). Diese Positionen stellen die Pole dar, zwischen denen sich meine Rückschau auf 70 Jahre BRAVO bewegt.
Die nun folgende Rückschau beginnt mit einem chronologischen Abriss über die vergangenen Jahrzehnte und fokussiert anschließend auf die berühmten Ratgeberseiten von „Dr. Sommer“ – ein zentraler Bestandteil des Hefts, der breit und oft kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert wurde und, wie ich im Anschluss zeigen werde, insbesondere für die jungen Leser:innen von hoher Relevanz war. Gleich zu Beginn möchte ich verdeutlichen, dass die BRAVO kein Medium ist, welches sich eine Emanzipation junger Menschen auf der politischen Ebene zum Ziel gesetzt hat. Stattdessen verfolgt das Magazin ein eindeutig kommerzielles Interesse. Dennoch finden sich in den vergangenen 70 Jahren kleine Momente der Selbstermächtigung junger Menschen, die ich in der folgenden Nacherzählung hervorheben möchte.
Zwischen Aufbruch und Anpassung ans Establishment
Als die BRAVO 1956 zum ersten Mal erschien, war ihr Ziel, US-amerikanische Stars, Musik und Filme in die Bundesrepublik zu transportieren. Das Magazin richtete sich zu dieser Zeit noch nicht an junge Menschen per se – durch die Ausrichtung an Film und Fernsehen gewann sie aber rasch ein junges Publikum, das in der BRAVO eine Befreiung von der konservativen Nachkriegszeitkultur ihrer Eltern und Lehrer:innen sah (Farin 2005). In den 1950ern wurden Jugendkulturen noch stark als entweder kriminell oder zu konsumorientiert kritisiert. Die BRAVO bot Jugendkulturen Raum, fand sich aber gleichzeitig in der Adenauer-Ära in einer vermittelnden Rolle zwischen den Generationen wieder. Insbesondere für junge Mädchen bot das Magazin eine eigene, autonome Kultur, die sich stark durch Mode definierte (Maase 2005). Vor dem Hintergrund der 1950er–Jahre griff die BRAVO also die Lebenswelten und Interessen junger Menschen auf, ohne diese zu stigmatisieren. Durch die Darstellung schuf das Magazin jedoch im Sinne Horkheimers und Adornos im selben Zug kommerzielle Bedürfnisse, die die Jugendlichen zum Konsum anregten. Bis Mitte der 1960er-Jahre war die BRAVO dennoch in Bezug auf beispielsweise Rollenbilder oder Kleidung konservativ geprägt – eine „eigenartige[ ] Mischung aus Konservatismus und kapitalistischem Profit-Interesse“ (Kuttner 2005). Wenn über die rebellischen Bands der 60er berichtet wurde, kam es oft zu einer Abmilderung ihrer Radikalität, z. B., indem Aussagen und Praktiken in einen bürgerlichen Kontext eingebettet wurden: So wurde höfliches Verhalten von Rockbands in Hotels gelobt (Kuttner 2005) oder die Mitglieder der „Troggs“ als treue Ehemänner präsentiert (Kolwitz 2005). In den hoch politisierten Zeiten der 1960er (man denke beispielsweise an den Vietnamkrieg, die Studierendenbewegung, das Civil Rights Movement in den USA) verhielt sich die BRAVO sehr unpolitisch und an die Werte des (erwachsenen) Establishments angepasst (Farin 2005). Später in den 1980er-Jahren setzte sich dies in der Berichterstattung über die damals gegenwärtige Drogenproblematik vor dem Hintergrund von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ fort. Es fand keine Einbettung in den gesamtgesellschaftlichen Kontext statt, stattdessen wurden Einzelschicksale auf voyeuristische Weise dramatisiert (z. B. Darstellungen von Leichen von Heroinabhängigen und der sogenannte „Baby-Strich“). Die Berichterstattung bediente die zeitgenössische Moral Panic und schürte weiter Ängste vor Drogen auf dem Schulhof (Kolwitz 2005, Drug Scouts 2005). In der Rückschau ist die BRAVO somit kein Medium mit dem Ziel einer gesellschaftspolitischen Emanzipation. Sie schuf und bediente kommerzielle Bedürfnisse, vermied aber Stellungnahmen in den zeitgenössischen politischen Debatten. Gleichzeitig griff das Magazin jedoch gezielt politische Themen auf, die sich affektiv vermarkten ließen und bewies so durchaus ein Bewusstsein für die Debatten der jeweiligen Zeit – jedoch nicht mit dem Ziel, ihre Leser:innen bei der Erlangung einer eigenen, reflektierten Perspektive auf das Geschehen zu unterstützen. Stattdessen wurden politische Ereignisse und soziale Dynamiken in dramatisierende Human-Interest-Stories übersetzt, welchen eine verkaufsfördernde Wirkung zugeschrieben wurde. Dabei sah sich die BRAVO stets in einer vermittelnden Position zwischen ihren Leser:innen, deren Eltern und den für ihre Existenz notwendigen Anzeigekund:innen. Infolgedessen wirkte sie im Sinne Horkheimers und Adornos stabilisierend auf die bestehende Ordnung.
Dr. Sommer: Sexuelle Befreiung, Skandal oder nur ein Sturm im Wasserglas?
Etwas komplexer zeigt sich die Rückschau auf die berühmt-berüchtigte Ratgeberkolumne von Dr. Sommer. Bevor es Dr. Sommer gab, bot die BRAVO unter dem Pseudonym „Dr. Vollmer“ Rat in Sachen Sexualität. Dort wurde bis in die späten 1960er-Jahre hinein eine sehr konservative Sexualmoral vertreten, die Jungfräulichkeit predigte und Masturbation als unmoralisch und gesundheitsschädlich darstellte. Über die Jahre wurde aber ein wachsendes „Missverhältnis zwischen den von BRAVO vertretenen Positionen und denen ihrer KäuferInnen“ (Farin 2005) deutlich. So erklärten sich in einer Umfrage 1968 89 Prozent der jungen Männer bereit, eine Frau zu heiraten, die keine Jungfrau mehr ist (Farin 2005). Diese Divergenz bewegte das Magazin zur Anpassung, auch weil es nicht an Relevanz verlieren wollte. Mit dem Psychotherapeuten und Lehrer Dr. Martin Goldstein und seinem Team zog dann 1969 unter dem Pseudonym „Dr. Sommer“ ein freieres Verständnis von Sexualität in die BRAVO ein. Dies diente einerseits kommerziellen Interessen: Jugendliche interessieren sich für Sex und wollen darüber lesen, wodurch sich das Magazin seine Anzeigenkund:innenschaft bewahren konnte (Farin 2005, Kuttner 2005). Andererseits setzte sich das Dr.-Sommer-Team nach eigenen Angaben auch den Anspruch, Jugendlichen zur Selbstermächtigung zu verhelfen und ihnen als Ansprechpartner zu dienen, wenn sie nicht wussten, an wen sie sich wenden sollten (Goldstein 2005). Rückblickend kam es jedoch auch in den 1970er-Jahren noch zu Ratschlägen, über die wir heute nur entsetzt den Kopf schütteln können, so beispielsweise der Fall „Als ich einen Bikini anhatte, stieg mein Vater durchs Fenster“ (BRAVO-Ausgabe 1976/1, S. 41). Die junge Einsenderin schilderte in ihrem Brief an Dr. Sommer sexuelle Missbrauchserfahrungen durch ihren Vater, was von Dr. Sommer – vor dem Hintergrund eines noch mangelnden Bewusstseins für sexualisierte Gewalt – als jugendliche Fantasie bzw. als fehlgeleitetes Begehren missdeutet wurde. Auch in den 1970er-Jahren schaffte es die BRAVO einige Male wegen Auseinandersetzungen mit dem Jugendschutz in die Schlagzeilen, mehrere Ausgaben wurden aufgrund von als zu gewagt empfundenen Inhalten der Dr.-Sommer-Seiten indiziert. Letztlich beförderte diese Skandalisierung jedoch die Verkaufszahlen (Goldstein 2005). Während die Sexualberatung in den 60ern und 70ern noch stark auf tradierten Genderrollen beruhte (Jungs als aktiv, Mädchen als passiv), wandelte sich die Perspektive im Laufe der 80er- und 90er-Jahre hin zu einem gleichberechtigteren Verständnis von Sexualität.
In dieser Entwicklung war die BRAVO jedoch keine Vorreiterin, sondern lediglich Begleiterin. Darüber hinaus verlief die Sexualberatung der BRAVO bis in die 90er-Jahre hinein in einem stark heteronormativen Rahmen: Homosexualität wurde entweder gar nicht thematisiert oder als Phase bzw. Irrweg abgetan. Dennoch war die Verbreitung von Dr. Sommer unüberboten: Von den 80er-Jahren bis in die Nullerjahre hinein stellte sie Umfragen zufolge die wichtigste Quelle der Sexualaufklärung dar (Freund 2005). Auch wenn die BRAVO sexualitätspolitisch nicht unbedingt revolutionär war, ist ihr Beitrag zur individuellen Selbstermächtigung von Jugendlichen nicht zu unterschätzen: Meiner Generation von Jugendlichen der Nullerjahre hatte sie Begriffe für Praktiken gegeben und Handlungsoptionen aufgezeigt – mehr als Schulen oder viele Eltern leisten konnten bzw. wollten. Und gerade für Jugendliche ist das Thema Sexualität in vielerlei Hinsicht mit Scham besetzt: Man will gar nicht über alles mit Eltern und Lehrer:innen sprechen. Die BRAVO bot einen alternativen Debattenraum und durch ihre weite Verbreitung immer wieder Anregungen für den weiterführenden Austausch unter Freund:innen.
Ein wenig Nostalgie vor dem Hintergrund der digitalen Gegenwart
Zusammenfassend stand in 70 Jahren BRAVO der Kommerz im Vordergrund: Die Inhalte des Magazins waren in keiner Weise politisch oder gesellschaftlich revolutionär – stattdessen war die BRAVO eine Trittbrettfahrerin bei schon aufgekommenen Entwicklungen und Prozessen der gesellschaftlichen und sexuellen Liberalisierung. Sie nutzte das Skandal-Potenzial von Sexualaufklärung zur Steigerung der Verkaufszahlen, verstand sich dabei aber selbst oft als Vermittlerin zwischen gesellschaftlichen Positionen und Generationen. In dieser Hinsicht bestätigt die BRAVO als Akteurin Horkheimers und Adornos Kritik der Kulturindustrie. Dennoch kam sie dabei nicht umher, wie von Hall beschrieben, Elemente von Jugendkultur und gesellschaftspolitische Entwicklungen aufzunehmen, um ihre Relevanz und Marktposition nicht zu verlieren (vgl. dazu Polletta et al. 2025). Zudem lassen sich vereinzelte emanzipative Momente erkennen: So schuf die BRAVO einen zuvor nicht existierenden kulturellen Ausdrucksraum für junge Menschen und prägte maßgeblich die Sexualaufklärung ganzer Generationen. Die Transformation ins Digitale überlebte die BRAVO jedoch nicht: Heute kann man sie nur noch in wenigen, gut sortierten Zeitschriftenhandlungen erwerben. Es erscheint nur noch eine monatliche Ausgabe zum stolzen Preis von 3,99 €. Wenngleich der BRAVO in gesellschaftspolitischer Sicht eher nicht hinterherzutrauern ist, so fehlt sie dennoch in zumindest einer Hinsicht: Im gegenwärtigen digitalen Raum finden Jugendliche zwar plurale Räume zum individuellen Ausdruck und kulturellen Austausch sowie ausführliche Informationen zum Thema Sexualität. Gleichzeitig werden vielerorts die Unsicherheiten gerade männlicher Jugendlicher in Bezug auf Körper, menschlichen Umgang und Sexualität von Akteuren der Manosphere oder der Looksmaxxing-Szene ausgenutzt. Infolgedessen verbreiten sich zunehmend wieder restriktive und reaktionäre Auffassungen von Gender und Sexualität unter jungen Menschen. Vor diesem Hintergrund wünscht man sich manchmal ein Massenmedium mit einem Dr. Sommer zurück, der diese Teenager in ihrer Unsicherheit abholt und auf umsichtige, menschenfreundliche Weise berät.
Katja Reuter ist Redakteurin beim Theorieblog und wissenschaftliche Mitarbeiterin/Doktorandin am Lehrstuhl für Demokratieförderung und Digitalpolitik an der Universität Erfurt. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit der Rolle von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit in radikaldemokratischen Theorien und welche Auswirkungen die Digitalisierung auf diese hat. Darüber hinaus lehrt sie zu Themen wie Popkultur oder den digitalen Welten von Kindern und Jugendlichen.

“ … Popkultur, und damit auch die BRAVO …“
nicht alle so populären kultur(-industrie)ellen phänomene wie die bravo gehören unter das rubrum der popkultur, – das auch die bravo nur sehr bedingt traf.
POP kann ALLES färben, – auch die feten der jungen union usw., ohne dass daraus je POPKULTUR würde, – so auch bei der bravo nicht.
“ … verhinderten sie eine kritische Auseinandersetzung mit kulturellen Produkten mit dem Ziel, die Konsument:innen in den Kapitalismus hineinzusozialisieren und ihre Arbeitskraft zu reproduzieren: „Amüsement ist die Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus“ (Horkheimer/Adorno 1947). Popkultur dient diesen Autoren zufolge der Stabilisierung der bestehenden Ordnung. …“
tja, dann stabilisiert auch das frühstück die bestehende ordnung.
„Fun ist das Stahlbad“ lautet eine der hellsichtigsten sentenzen adornos:
yeah!
im – auch ekstatischen – fun kann man mimetisch die zwänge bannen. ob unter (aus-/ab-)schütteln, unter spielerischer wiederholung, perform. abbildung usw.:
am ende steht eben auch imprägnierung/resilienz gegen bereits erlebte und die kommend-absehbaren zumutungen.
da heißt es, „Einmal volltanken mit „joy“ bitte!“, solange man quellen u. kräfte dazu hat, – in der hoffnung, es mit diesem vorrat dann durch die nächste wüste zu schaffen. was sehr oft ganz gut funktioniert.