Im Rahmen der aktuellen ZPTh-Debatte auf dem Theorieblog antwortet heute Astrid Séville auf den Kommentar von Albrecht Koschorke zu ihrem Beitrag „Kitsch und Krise“.
Für Autoren akademischer Texte gilt üblicherweise, was wir als Maxime aus dem britischen Königshaus kennen: never complain, never explain. Sie vermeiden es, irritierenden Besprechungen eine Verteidigung des eigentlich Gemeinten hinterherzuschicken und grübeln stattdessen im Stillen über Interpretationen, Intentionen und womöglich unglückliche Formulierungen, statt sich darüber zu freuen, überhaupt gelesen zu werden. Die weitgehend entintellektualisierte Universität und die Zwänge des Publikationswesen erschweren riskantes und lustvolles Lesen und Schreiben; Kontroversen sind oftmals vorsichtig oder strategisch. Umso erfreulicher ist das Format des Theorieblogs, einen Beitrag aus der Zeitschrift für Politische Theorie nicht nur kommentieren zu lassen, sondern den Autor auch respondieren zu lassen. Dass Albrecht Koschorke meinen Essay „Kitsch und Krise“ kommentiert hat, freut und ehrt mich sehr. Gerne nehme ich daher die Gelegenheit wahr, zu antworten.
In meinem Text widme ich mich den Herausforderungen für gegenwärtige Beschwörungen einer Wehrhaftigkeit liberaler Demokratie und untersuche Beispiele politischer Aufrufe zur Verteidigung von Demokratie und Verfassungsstaat, die vertraute Denk- und Sprechmuster auf neue, bisweilen sentimentale Weise arrangieren. Albrecht Koschorke liest nun meinen Beitrag als Plädoyer für eine stärkere Mobilisierung liberaler Gesellschaften im Angesicht äußerer und innerer Bedrohungen und sieht die Gefahr einer Militarisierung politischer Denkweisen und zugleich meines Fachs, der Politikwissenschaft. Die von mir zitierte Formulierung Karl Schlögels vom „Siegen lernen“ interpretiert er als Indiz für eine Verschiebung hin zu heroischen und kämpferischen Narrativen, die mit einer Logik von Aufrüstung, Feindbildkonstruktion und ideologischer Eskalation einhergehen. Darüber hinaus kritisiert Koschorke, dass ich eine Verbindung zwischen demokratischer Selbstbehauptung und sicherheitspolitischer Aufrüstung suggeriere, ohne diese auszuarbeiten, und dabei alternative Strategien wie diplomatische Zurückhaltung oder internationale Kooperation vernachlässige.
Vorweg der in meinen Augen wichtigste Punkt: Koschorkes Lektüre verkennt den vorrangig diagnostischen Charakter meines Texts. Ein Literaturwissenschaftler wie er kann zwischen Analyse und normativer Forderung unterscheiden, daher verrät die suggestive Kommentierung mehr über den Kommentator als über den kommentierten Text. Mir geht es um Formen der politischen Kommunikation im liberal-demokratischen Spektrum; Begriffe wie „wehrhafte Streitkompetenz“ oder „wehrhafte Sentimentalität“ dienen mir dazu, rhetorische Strategien sichtbar zu machen. Meine Analyse zielt weder auf schnelle Affirmation noch Verunglimpfung solcher Strategien, sondern zunächst einmal auf deren kritische Durchdringung.
Auch die Schlussfigur des zitierten „Siegen lernen“ ist bei genauerer Betrachtung keineswegs als eindeutiger Aufruf zu verstehen. Es handelt sich um eine Formulierung, die selbst bereits relativiert ist – nicht zuletzt durch das von Schlögel eingefügte „vielleicht“, auf das auch Koschorke aufmerksam macht. Eingebettet in einen Kontext von Sprachlosigkeit, Erschütterung und Reflexion entfaltet dieses Zitat vielmehr diejenige ambivalente Wirkung, um die es mir gerade geht: Es markiert die Spannung zwischen postheroischer oder antimilitaristischer oder antibellizistischer Selbstverortung und geopolitischer Realität, ohne diese Spannung aufzulösen.
In meinem Text warne ich vor martialischen oder autoritären Formen politischer Kommunikation, benenne den „Bellizismus autoritärer Kräfte“ und reflektiere die Schwierigkeit, auf jene Herausforderungen zu reagieren, ohne selbst in vergleichbare Muster zu verfallen. Mein Versuch, der, da gebe ich Albrecht Koschorke recht, sicherlich in Form des von der Zeitschrift für Politische Theorie erbetenen, kurzen Essays noch nicht systematisch genug ausgearbeitet sein dürfte, besteht darin, Formen demokratischer Selbstbehauptung zu umkreisen, die weder in patriotisches Pathos noch in autoritäre Kollektivierungsrhetorik kippen. Damit steht also gerade keine Forderung nach Militarisierung und europäischer Besinnung auf Größe im Zentrum, sondern die Analyse eines genuin liberalen Dilemmas: Wie kann eine Gesellschaft, die auf Pluralismus, Selbstkritik und individuelles Freiheitsversprechen setzt, sich gegen ihre Feinde behaupten, ohne ihre eigenen normativen Grundlagen zu untergraben? Dass Albrecht Koschorke, sobald man auf dieses Dilemma aufmerksam macht und politisch nicht tausendfach in alle Richtungen abgesicherte Sätze formuliert, mit Furor alte Reflexe bedient und Militarisierung wittert, zeigt eher, dass meine Analyse ins Schwarze getroffen hat. Er ist der „Habermas- und Reckwitz-Leser“, den politisch zu adressieren so schwierig geworden ist.
Jenes Dilemma formuliere ich ausdrücklich als offene Frage, und ich bleibe dabei, dass es sich um ein Problem unserer Gegenwart handelt, das simple, wohlfeile oder eben kitschige Antworten verbietet. Welche Möglichkeiten politischer Mobilisierung gibt es, die nicht apodiktisch, autoritär oder demagogisch sind? Mit welchen Mitteln reagieren politische Akteure hierzulande auf die Frage, wie man Bürgerinnen und Bürger auf die Verteidigung der liberalen Demokratie einschwören kann – und wie sind diese Reaktionen ihrerseits zu problematisieren: etwa die zunehmende Emotionalisierung politischer Kommunikation, die rhetorische Verbindung von Empathie und Wehrhaftigkeit, die öffentlich vorgetragenen Selbsterklärungen politischer Amtsträger, die Dauerappelle oder die neue Bedeutung von Streit als demokratischer Praxis? Mich motivieren dabei weniger politische Sympathien, Bekenntnisse zu Lagern oder die Abwehr eines Schmittianismus im akademischen Milieu. Dass eine Vorwärtsverteidigung der Demokratie heute sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch erforderlich ist, die ihrerseits Kritik selbst noch im demokratiepolitischen Eifer nicht stillstellt, setze ich indessen als geteilte Wahrnehmung voraus.
In seinem Kommentar zielt Koschorke also auf eine Schießbudenfigur, die nicht ich bin. Wenn ich von „Vorwärtsverteidigung“ oder „Selbstbehauptung der Demokratie“ spreche, beziehe ich diese auf die Fähigkeit demokratischer Gesellschaften, ihre normativen Grundlagen zu artikulieren und gegen Angriffe zu verteidigen – nicht notwendigerweise auf militärische Maßnahmen. Mir geht es just um die Verteidigung einer politischen Kultur der Besonnenheit und der Diplomatie in Zeiten ihrer Bedrohung und Verächtlichmachung. So enervierend die steten Rufe nach einer neuen Erzählung der liberalen Demokratie sind, so aufschlussreich sind heutige Versuche von Akteuren, die ich exemplarisch in meinem Essay anführe, weil sie das genannte Dilemma bearbeiten. Harte, autoritäre Ansprachen werden ebenso wie offensive Kriegstüchtigkeitsrhetorik abgemildert und politisch neu eingebettet. Was machen also jene Akteure, wie sprechen sie und was wollen sie damit bezwecken? Warum erlebt die bis dato wenig theoretisierte Denkfigur einer politischen „Gemeinschaft der Sache“ (Helmuth Plessner 1924) gegenwärtig eine so seltsame Konjunktur? Diesen Fragen nachzugehen, heißt nicht, EU und UNO abschaffen und Schützengräben ausheben zu wollen.
Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen hat in den letzten Jahren immer wieder einen Satz aus Georg Büchners Dantons Tod zitiert: „Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden“ (zuletzt in Lethen 2025: 25). Es braucht einen Selbstbefragungsprozess, der auch die üblicherweise Unverdächtigen betrifft: Es gilt zu überlegen, wann die normativ richtige Affirmation von „Zurückhaltung“ und „Bedenklichkeit“ (Koschorke) das eigene politische Ordnungs- und Lebensmodell aufs Spiel zu setzen droht. Man muss schon überlegen, wann Sätze nur auf Breitenerfolg und wohliges Gefühl zielen. Mit meinem Kommentator teile ich, so viel Bekenntnis gestatte ich mir hier, um seinem Ruf nach Positionierung entgegenzukommen, das Unbehagen an Revisionismus und Geschichtsvergessenheit. Auch ich setze auf Ideale wie Selbstdistanzierung, Zivilität und Diplomatie. Doch auch die Bekräftigung einer als existenziell notwendig verstandenen, demokratischen Liberalität, das heißt schließlich: auch die eigenen normativen Ansichten entlasten uns Wissenschaftler nicht von der Beschäftigung mit den Herausforderungen und Hässlichkeiten der politischen Welt. Die Politikwissenschaft ist keine Konfession. Während ich mich als Politikwissenschaftlerin für die von mir untersuchten Reden, Bücher, Interventionen als Texte interessiere und dabei ihre internen Spannungen, Widersprüchlichkeiten, Dissonanzen und Probleme zu beleuchten versuche, verfasst der Literaturwissenschaftler Koschorke einen gegenwartspolitischen Kommentar, der letztlich zur Besinnung ruft und damit eine Politik des Bekenntnisses betreibt. Das könnte man als Crossdressing der Disziplinen beschreiben.
Astrid Séville ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Professorin für Politische Theorie an der Leuphana Universität Lüneburg.

o. k.!
“ … sobald man auf dieses Dilemma aufmerksam macht und politisch nicht tausendfach in alle Richtungen abgesicherte Sätze formuliert …“
letzteres trifft zumindest k.’s textbereich von „Immer wenn der Liberalismus sich bedroht glaubt – aktuell vor allem durch Migration –, zeigt er sein hässlicheres Gesicht“, über die konsistenz-mahnung bis zum schluss mit der binse von „mehr Phantasie“..
herrje, wer/was zeigt denn angesichts von bedrohung sein hübschestes gesicht?
das hässliche ‚antlitz‘ soll ja gerade auch bedroh/er/ungen beeindrucken (und innerer verfassung ausdruck geben).
„Überhaupt fühlt sich die freiheitliche Staatenordnung eines begünstigten Teils der Welt von außen anders an als von innen.“
na, wer hätte das gedacht!
usw.:
k. reiht binse an binse, – höhepunkt:
„Abhilfe schafft eher eine selbstbewusste Zivilität. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte, internationale Kooperation, Verurteilung von Staatsterror und Aggression …“, – also das gegenstück/-konzept zum ‚faschismus‘ ist selbst schon das gegenmittel zu ihm(!), auch wenn diese sonnenblume einst auf der „Sonnenseite des US-Imperialismus“ erblühte, nun aber nicht mehr so beschienen wird.
womöglich führt auch zuviel tautologie in widersprüche, obgleich man damit diese gerade umgehen, bzw. hinter so gewonnenem ‚konsistenz‘-anschein verstecken will.
aber auch Sévilles zpth-text überzeugt kaum, stellt z,b. kritisch „einen ‚Lieferismus‘ ohne Mut zur Tat“ bei der reg,-cdu fest, ohne davon zu sprechen, dass wir bei diesen schweren handwerklichen fehlern und je fachtiefen schwächen (z. b im digitalwesen) der regierung u. a. polit-akteure doch sehr froh sein müssen, dass es bei zu wenigen/zu kleinen taten bleibt!
was wesentlich auch deadlocks zw. regierung u. wählerschaft bedeuten kann/oft bedeutet..
statt solcher „debatten“:
wie wäre es für k. (und auch Séville), die dialektik von kampf/gegnerschaft zu untersuchen, nach der spätestens in der performativen form der gegensätzlichkeit, – der konfliktiven ‚auseinandersetzung‘ – , die gegner/feinde sich zu einem oft auch wirkmächtigen teil dem jew. gegenüber ähnlich machen müssen, – ‚um‘ überhaupt zu entspr. handlungebenen gelangen zu können?
das „hässliche gesicht“ eines BEDROHTEN liberalismus ist womöglich genau eine solche anverwandlung durch spiegelung?
und „crosdressing“, – also als somehow-akademic mal in das kleid einer anderen disziplin zu schlüpfen – , ist zwar stets mit spezif. problemen behaftet, aber keineswegs verwerflich, deutet aber hier und so auf ein bestimmtes, ziemlich niedriges niveau der „debatte“.
vermutlich ist dafür ein vergälltes personal-klima in der pol. theorie mit ihren wichtigsten stützen in disziplinen wie soziologie, rechtswissenschaft u. a. mehr ursächlich.
so jedenfalls mein eindruck vom vortrag reemtsmas in konstanz, in dem er a. koschorke direkt im publikum anspricht.
zwar ist r. wohl auch eine eher so schwierige wie wissenschaftlich eminente persönlichkeit im feld, aber wenn man hört, was ihm alles ungerechtfertigt in den mund gelegt wurde, wird klar, welche spielchen dort inzw. üblich sind. s. hier:
https://streaming.uni-konstanz.de/paella/?tx_uknkimstreams_player%5Baction%5D=player&tx_uknkimstreams_player%5Bcode%5D=Ist-es-Faschismus_Reemtsma_2026-03-26_01&tx_uknkimstreams_player%5Bcontroller%5D=StreamList&tx_uknkimstreams_player%5Btitle%5D=&cHash=3035a5a2b27d521472b4abc2cb278352
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vergl. auch ott/huhnholz auf soziopolis/mittelweg36-podcast:
neben dem bedarf, das dortige thema z. b. hier weiter diskutieren zu können, fragt man sich wie huhnholz‘-dortige anregungen zur interdisziplinarität wohl frei von „crossdressings“ bleiben könnten.