„Woran erkennt man einen Faschismus?“, fragt Dagmar Herzog zu Beginn ihres Buches (S. 5). Die Erklärungsnot für die gegenwärtige Zerstörung des Planeten sowie unzähliger Menschenleben in brutal geführten territorialen und imperialen Kriegen drängt. Dagmar Herzog untersucht die Kontinuitäten einer faschistischen Körperpolitik, die auf die Produktion und Mobilisierung von Emotionen abzielt. Indem sie nach dem „affektive[n] Wirken sowohl weit zurückliegender als auch gegenwärtiger Faschismen“ (S. 7) fragt, verschiebt sie den Fokus von der viel diskutierten und wichtigen Frage, ob gegenwärtige politische Maßnahmen und Umstände noch oder bereits faschistisch seien. Denn die affektive Vorwegnahme einer faschistischen Realität ist keineswegs potenziell, sondern verändert bereits jetzt die Art und Weise, wie wir politisch fühlen. Zwischen Erotisierung und Desensibilisierung eröffnet Herzog eine wichtige Perspektive auf affektive Kontinuitäten zwischen den Anfängen der NS, der Nachkriegszeit und der Gegenwart.
Eine weiße, schwangere Frau lacht. Ihr nackter Bauch ist teilweise sichtbar. Die Headline „Neue Deutsche? Machen wir selbst!“ ordnet Sex in ein völkisch-nationales Projekt ein. Der am unteren Rand des Plakates sichtbare Spruch „Trau Dich, Deutschland“ verweist auf das für privilegierte Gruppen befreiende Moment faschistischer Politik, das auch Herzog stark macht. Quelle: DLF.
Sexy Rassismus, Eklige Eugenik
Die AfD mobilisiert stark über antimuslimische und ableistische Hetzkampagnen. Herzog zeigt, wie durch das gleichzeitige Hervorrufen von Ekel und Erotik eine affektive Ausgrenzung erzeugt wird, die Grundlage für eine dehumanisierende Politik mit historischer Tradition ist. Als bereits im Nationalsozialismus „bewährte affektive Strategien“ (S. 19) beschreibt sie ästhetische Strategien, die Erotik und Rassismus verbinden. So zeigt sie überzeugend, dass die aktuelle antimuslimische Hetze der AfD durch erotisierte Bilder verängstigter weißer Frauen (S. 15) oder glückliche weiße Schwangere (siehe Bild oben) an NS-Rhetoriken arischer Reproduktionslust mit antisemitischen Implikationen anknüpft. Mit ihrer Formel des ‚Sexy Rassismus‘ räumt sie mit einem in der Nachkriegszeit entstandenen Bild vom Nationalsozialismus als sexuell unterdrückendem Regime auf. Stattdessen beförderten erotisierte antisemitische Vorstellungswelten die sexuelle Lust derjenigen, die einem arischen Rasseideal entsprachen. Heute werden diese ästhetisch-affektiven Strategien wieder bedient und sind durch neue technologische Infrastrukturen der Produktion und Verbreitung im großen Stil zugänglich und dementsprechend gefährlich.
Doch Herzogs Buch überzeugt vor allem durch das Zusammendenken dieser erotisierenden Dimension des Faschismus mit der desensibilisierenden. Denn auch die dehumanisierende Abwertung be*hinderter Menschen, die mit dem Massenmord „T4“ im Jahre 1940 zu einem brutalen Höhepunkt gelangte, findet ihre Aktualisierungen in der Gegenwart. Neben dem Anti-Inklusionsfetisch der AfD sieht Dagmar Herzog diese Aktualisierungen in der Obsession mit Intelligenzquotienten bei rechten Meinungsmacher*innen und der Verdrängung der Möglichkeit und Legitimität von Schwäche und Hilfsbedürftigkeit.
Die Stärke von Herzogs Analyse liegt in der Rekonstruktion dieser affektiven Doppelstrategie, die intensive Gefühle wie Hass, Ekel oder erotische Anziehung mobilisieren und gleichzeitig Gefühle der Empathie, Solidarität oder Sensibilität für eigene Schwäche demobilisieren. Faschistische Politik operierte – und tut es heute ebenso – über ein Nichtfühlen und affektive Abstumpfung. Desensibilisierung wird dann selbst zu einer affektiven Strategie mit höchster Wirksamkeit, anstatt einfach nur ein Nebenprodukt und Konsequenz eines politisch grausamen Systems zu sein. Diese „ungefühlten“ Affekte strukturieren Wahrnehmung und Empathie mindestens ebenso wirksam wie offen mobilisierte Emotionen.
Ableistische Affektive Infrastrukturen
Im Spannungsfeld zwischen Angst und Arroganz mobilisiert die AfD das Narrativ, dass Be*hinderte und Pflegebedürftige den Staat zu viel kosten würden. Die Verschränkung einer ökonomischen und emotionalen Debatte, das „Aufrufen von Ekel und wirtschaftlichen Sorgen“ (19) die manches Leben als optional und nicht unterstützenswert setze, werde von der AfD vor allem in Bezug auf sozialstaatliche Ausgaben mobilisiert. Während Ekel die affektive Arbeit der Abgrenzung leistet, rationalisieren die wirtschaftlichen ‚Sorgen‘ die unmoralischen Vorstellungen. Die neutralisierende Wirkung dieser affektiven Doppelstrategie führt zu einem Wenigerfühlen mit politischen Konsequenzen.
Neben der explizit ableistischen Politik der AfD beschreibt Herzog jedoch auch die breiteren Widerstände gegen Inklusion und die „starke Bindung an das hierarchisch, kompetitiv-selektionistische dreigliedrige Schulsystem“ (21) in der Mainstream-Gesellschaft als bemerkenswert. Während Herzog herausstellt, dass in Deutschland in Fragen der Behinderungspolitik deutliche Fortschritte seit den 2000ern errungen werden konnten, so ist es umso auffälliger, dass gerade in der Bildungspolitik eine völlige Segregation aufrecht erhalten bleibt. Herzog erklärt diese Entwicklung einerseits mit einer „tiefliegenden Unsicherheit“ (21) und zugleich Obsession mit messbarer Intelligenz, und andererseits mit der Angst vor einer Vermischung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen, die nur durch affektive Echos des Nationalsozialismus zu erklären sind: Behinderung bedeutet in dieser Lesart eine Schwächung des fiktiven gesunden Volkskörpers.
Die Möglichkeit, bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Entwicklungen auf affektiver Distanz zu halten, ist Bedingung der Möglichkeit für diskriminierende Gewalt und Ausgrenzung gegen Be*hinderte und rassifizierte Gruppen. Dies kann nur in einem gesellschaftlichen Umfeld geschehen, dass solche affektiven Infrastrukturen der Verdrängung ermöglicht und aufrechterhält. Affektive Infrastrukturen ermöglichen atmosphärische Gewalt. Regelschulen, in denen das Leistungsprinzip aufrecht erhalten wird, sind affektive Infrastrukturen. Sie ermöglichen die Ausgrenzung weniger leistungsfähiger oder leistungsorientierter Schüler*innen, und erleichtern ihre Dehumanisierung. Verdrängung wird so zu Verachtung. Diese Verachtung beschreibt auch Herzog eindrucksvoll, wenn sie von einem Austausch von Guides an der Gedenkstätte Hadamar berichtet. Schüler*innen identifizierten sich spontan eher mit den Täter*innen, und die Erinnerung an die eigene Verletzlichkeit führt zu harscher Abwehr (33-34).
Mit Herzogs Worten gehe es der AfD „um die absichtliche, durchaus systematisch verfolgte Bemühung, einen Wandel auf der Gefühlsebene herbeizuführen: den Kindern die so außerordentlich kostbaren menschlichen Fähigkeiten zu Empathie und Solidarität auszutreiben, mit denen sie auf die Welt kommen“ (S. 75). Diese Formulierung erinnert an Adorno und Horkheimers Analyse des Faschismus als „systematisch betriebene Erziehung zur Abschaffung des Gewissens“. In ihrer Monografie „Schuld und Abwehr“ analysieren sie systematisch die verschiedenen Möglichkeiten einer Tätergesellschaft, das ‚Wissen um das Geschehene‘ und die damit einhergehende Verantwortung affektiv auf Distanz zu halten. Herzog aktualisiert diese wesentlich affektive Dimension der Realitätsabwehr – eine komplexe Dynamik von Anreiz und Verleugnung, Anziehung und Ekel, Angst und Arroganz, gefährlicherweise jedoch auch getragen von wenig intensiven und ausbleibenden Affekte wie das langsame Verschwinden von Mitgefühl und Empathie für leicht isolierbare Gruppen. Die Mobilisierung gegen Inklusion und der Ableismus der AfD ist eine gezielte Strategie, zunächst auf die Schwächsten in der Gesellschaft zu zielen und dabei auch ein Bewusstsein für eigene Schwäche und Abhängigkeit zu leugnen.
Die politische Gewalt gegen Be*hinderte beruht somit auf einer vierfachen Form des Verdrängens – der historischen Verbrechen aus der Geschichte des Holocaust, be*hinderter Personen aus der Öffentlichkeit, ihrer Menschlichkeit aus unserem affektiven Sensorium, sowie der eigenen (Möglichkeit von) Schwäche und Pflegebedürftigkeit. Diese vier Formen des Verdrängens sind jedoch kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Begünstigen von Nicht-Wissen und Nicht-Wissen-Wollen, wie Hannah Arendt es bereits 1950 und Alenka Zupančič es jüngst beschreibt.
Dass Dagmar Herzog ein Interesse für diese latenten Affektlagen mit hoher politischer Wirksamkeit hat, zeigt ihre Referenz auf Lauren Berlants Text “Intensity is a signal, not a truth”. Affektive Intensität ist dabei eher als ein Anzeichen gesellschaftlicher Eingeübtheit zu sehen als eine Wahrheit. Genauso ist auch das Nichtfühlen von Empathie und Solidarität kein Fakt, sondern ein Hinweis auf eine bestimmte gesellschaftliche Stimmung. Das Buch lässt sich daher, wie Herzog bei der Buchpräsentation im Spore Projektraum vorschlägt, als Analyse eines faschistisches Vibes lesen. Dieser bereitet Gewalt affektiv vor, und vermindert gleichzeitig die Fähigkeit, diese als solche zu empfinden.
Fascist Vibe Check
Der Versuch, eine Stimmung analytisch fassbar zu machen, hat in der Affekttheorie eine lange Tradition, auf die sich Herzog nicht beruft, die aber durchaus ihr Projekt bereichern können. Herzogs Einsatz, gleichermaßen das gefühlsmäßige Nachvollziehbarwerden frühfaschistischer Affektivität zu analysieren und diese Ähnlichkeit für die Gegenwart aufzuschließen, erinnert an Affekttheorien, die um die kulturwissenschaftliche Analyse von Vibes ringen, also von leichten, aber spürbaren Verschiebungen in den Erfahrungen von Bewegungen oder Gruppen. Ein Vibe kann dann zunächst für kollektive Sinngebungs- und Deutungsstrukturen stehen, die Hegemonieverhältnisse und Machtstrukturen implizieren. Gerade die Beschreibung von Gegenwart ist manchmal darauf angewiesen, Dinge zu beschreiben, die noch nicht eine deutliche Form gefunden haben, wie der marxistische Kulturtheoretiker Raymond Williams, berühmt für sein Konzept der „Gefühlsstruktur“, herausgearbeitet hat. Eine Veränderung in einer gesellschaftlichen Gefühlsstruktur zeige sich zunächst als Spannung, Unbehagen oder Stress. Frantz Fanon erarbeitet circa zur selben Zeit den Begriff der „atmosphärischen Gewalt“: Einzelne Elemente mögen ungreifbar und ephemer sein, verdichten sich aber zu einem durchaus mächtigen Gefühl. Und auch die Affekttheoretikerin Sianne Ngai beschreibt eine solche latente Sinnstruktur als „ungefühltes, aber wahrgenommenes Gefühl“. Ein Vibe beschreibt somit eine Verdichtung affektiver Konstellationen, die durch einen ästhetischen Modus zusammengefasst werden und auf diese Weise das Register geteilter Affektivität verschieben können. Er ist jedoch keineswegs zufällig, sondern wird sehr aktiv produziert.
Während es Williams und Fanon um eine Analyse rassistischer Gewalt im Rahmen dekolonialer Bewegungen ging, und Berlant und Ngai um das schleichende Anpassen affektiver Strukturen an neoliberale und spätkapitalistische Lebenswelten, versucht Herzog, ein Gespür für den gegenwärtigen Moment zu entwickeln, und aktualisiert dafür ihre breite historische Expertise auf dem Feld der Sexual- und Behinderungsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Herzog verknüpft einen vergangenen Moment der Faschisierung, dessen Ausgang bekannt ist, mit der Gegenwart und schärft mit ihrem historischen Wissen das Sensorium für affektive Verschiebungen, die nicht für alle als Bruch und explizite Gewalt spürbar sind, sondern auch als allmähliche Desensibilisierung operieren können. Gerade durch die Beschäftigung mit dem Andauern ableistischer und antisemitischer Strukturen in der BRD der Nachkriegszeit, die in den letzten beiden Büchern, Cold War Freud und Eugenik. Eine Deutsche Geschichte kritisch aufgearbeitet haben, beweist Herzog ein sensibles Gespür für die Kontinuität faschistischer Mobilisierungsstrategien von Affekten. Die Feststellung, dass die Anfänge der NS-Zeit durch das Erleben gegenwärtiger Politik „gefühlsmäßig nachvollziehbarer“ (S. 6) geworden seien, fordert somit auch eine selbstreflexive Analyse der Gegenwart ein: Wie werden Gefühlshaushalte aktiv desensibilisiert? Wie wird man selbst weniger empathischer? Wie werden ungefühlte Gefühle zur Grundlage zerstörerischer Politik?
Die gefühlsmäßige Abschaffung des Anderen, der Wunsch, ‚das Andere‘ nicht mehr sehen zu müssen, ist dann nicht nur die affektive Vorwegnahme einer faschistischen Realität. Sie schafft bereits eine Realität, in der Faschist*innen beeinflussen, was große Teile der Gesellschaft fühlen, was ihnen Angst macht, was sie sexy finden, was sie kalt lässt. Herzogs Buch eröffnet eine Perspektive auf die Geschichte dieser Gefühle und zeigt eindrücklich, dass keines dieser Gefühle natürlich oder unabwendbar sind, sondern politisch erzeugt und gewollt. Zudem schärft sie das Register für subtile Veränderungen, Trainingseffekte des eigenen Fühlens, Wahrnehmens und Handelns.
Jandra Böttger promoviert am SFB Affective Societies, Freie Universität Berlin zu „Postfaschistischen Affekten. Theorien und Infrastrukturen des Ungefühlten zwischen Nationalsozialismus und Kaltem Krieg“.

