Der neue Leviathan
Auf dem Cover thront er: Elon Musk im Gewand des Leviathans! Einst zierte der Stich des allherrschenden Souveräns mit Zepter, Krone und zusammengesetzt aus seinen Untertanen Thomas Hobbes’ Buch aus dem Jahr 1651. Nun wollen also der Journalist Ben Tarnoff und der Historiker Quinn Slobodian den Stich in seine gegenwärtige Form überführen. Nicht nur das Cover, auch der Inhalt zeigt: Für die Politische Theorie ist es unerlässlich, sich auch diesem Thema zu widmen und die politische Wirksamkeit der technizistischen Unternehmen und deren Macht zu betrachten.
Hobbes’ Leviathan sollte die Souveränität an sich binden und den (Natur-)Zustand des permanenten Krieges beenden und damit den Staat begründen, unter dessen neutraler politischer Herrschaft sich die Bürger im legitimatorischen Rahmen eines Vertrags freiwillig unterordnen sollten. Musk als Leviathan unserer Gegenwart verdeutlicht, dass die Souveränität im Zeitalter des Muskismus, wie die Autoren schließlich das Buch benannt haben, nicht von der politischen Staatsgewalt ausgeht, sondern von Unternehmen (Musks Unternehmen im Besonderen). Doch diese „neue selektive Souveränität“ ist selbstverständlich nicht neutral und deren legitimatorischer Anspruch bleibt aus.
Der Leviathan-Bezugspunkt verdeutlicht nicht bloß, dass Elon Musk als CEO wie ein König über seine Arbeitnehmenden herrscht, sondern dass sich im Zeitalter des Muskismus auch politisch die Souveränität verschiebt: Von der nationalstaatlichen Hoheit und Machtkonzentration der einzelnen Bürger:innen in den Händen einer Staatsmacht, hin zu einer Souveränität durch privatisierte technologische Infrastruktur, die den nationalstaatlichen Raum des Politischen sprengt und die Grenzen der Souveränität und Macht neu verlegt: „Der Muskismus wettet darauf, dass Souveränität nicht in erster Linie an ein Territorium gebunden ist, sondern an Infrastruktur – sie hängt ebenso vom Zugang zu Bandbreite, Rechenleistung, Häufigkeit der Satellitenstarts und Immobilienbesitz im Weltraum ab wie von Grenzen und Bürokratien“ (S. 88). Wie konnte es dazu kommen, dass diese Wette aufging?
Das Buch liefert eine historisch informierte Beweisführung, wieso dieser Unternehmer aus Südafrika, der 1999 mit einem One-Way-Ticket nach Montreal und später Kalifornien übersiedelte, tatsächlich ein „Symptom“ (S. 7) für eine neue Art der weltwirtschaftspolitischen Konstellation darstellt. Der Begriff Muskismus soll nicht nur Musks unsystematisches Denken, das „keine klare Ideologie“ hat (S. 12), betiteln, sondern hat die Intention, so prägend zu sein wie der Begriff Fordismus: Als Beschreibung einer Unternehmensweise und einer wirtschaftshistorischen Epoche, als Betriebssystem und Modernisierungsprojekt, das unmittelbar auf die politische Souveränität einwirkt.
Die Autoren gehen auf ihre selbstgesetzte Analogie zum Leviathan deutlich verkürzter ein als meine Interpretation hätte vermuten lassen: Sie beschreiben nur (auf S. 224), wie passend das hobbesianische Bild für Musk als selbstbenannten „Technokönig“ wäre. Er wäre aus Tesla-Chassis zusammengesetzt und das Zepter wäre eine SpaceX-Rakete. In dieser Bildsprache verhaftet wird die eigentliche Umdeutung des Leviathans nicht mitgedacht.
Gingen wir der Theorie der neuen Leviathane nach, helfen beispielsweise David Runcimans Bücher. How Democracies End (2018) und The Handover (2024) beschreiben, wie Staaten ihre souveräne Machtposition aus den Händen gegeben haben: Ursprünglich durch Verkauf von (digitaler, technologischer) Infrastruktur und die daran anknüpfende Abhängigkeit von privatisierter – in den Händen der großen Tech-Giganten befindlicher – neuaufgebauter Technologie, Dienstleistungsinfrastruktur und finanzieller Macht. Dass Tarnoff und Slobodian in Anspielung auf Hobbes nicht die eigene politische Theorie-Tiefe ihres Ansatzes erkennen, offenbart eine interessante Entwicklung, die das Buch nimmt und die in der causa Musk auch nicht zu umgehen ist.
Opportunismus mit Methode
Die erste Hälfte des Buches bietet eine lesenswerte und informierte Rekonstruktion der wirtschaftshistorischen Entwicklungen der letzten, transformationsträchtigen Jahrzehnte. Sie stellen überzeugend dar, wie Musks unternehmerische Tätigkeiten und sein Aufstieg zum reichsten Mann der Welt mit der Weltwirtschaftsweise zusammenfielen. Der Muskismus drückt eine „Rückkopplungsschleife zwischen dem Mann [Musk] und dem Augenblick“ (S. 13) aus. Dabei wird vor allem deutlich, wieviel Musk von staatlichen Ressourcen abschöpfen konnte.
Bei seinen ersten unternehmerischen Erfolgen zu Zeiten der Dotcom-Blase erhielt er kostenlos GPS-Daten vom Militär und bereitete sie für ein Dienstleistungsunternehmen auf. Mit PayPal nutzte er das vom Staat entwickelte Internet bekanntermaßen, um monetäre Transaktionen auf einer privaten Plattform zu ermöglichen. Er versetzte zwar seine unternehmerischen Tätigkeiten, behielt jedoch die Methode bei: Wie kann eine vom Staat gestellte Technologie privatisiert genutzt werden und die Weiterentwicklung sogar noch subventioniert werden? Kurzum hatte seine risikokapitalistischen Investitionsideen folgende Idee: „Vater Staat würde diese Zukunft finanzieren, aber das Kapital würde sie besitzen“ (S. 40).
Tarnoff und Slobodian sind hier akkurat und haben, im Gegensatz zur Mainstream-Erzählung, eine bis in die öffentlichen Reden von Musk zurückgehende Erklärung, dass die Motivation von Elon Musks nächstem Unternehmen (SpaceX) eben nicht eine von Superheldencomics inspirierte Marsbesiedlungsmission sein soll, sondern ein machttheoretisches Kalkül.
Es war genau zur Zeit des „Kriegs gegen den Terror“, in dem Musk beim U.S.-amerikanischen Militär mit seiner Satelliten- und Raketentechnologie dankende Abnehmer fand. Diese wiederum wurde unter Donald Rumsfeld ohnehin nach dem „Silicon Valley“-Vorbild umstrukturiert – das Militär sollte agiler, Technologie-offener und fragmentierter werden; mit privaten Unternehmen, die auf Abruf abliefern. Dem Muskismus wurde wieder ein roter Teppich ausgerollt und Elon Musk hatte „im nächsten Goldrausch seine Pferde im Rennen“ (S. 63). Die Hilfe vom Staat suchte und fand er schließlich auch mit Tesla in dem Moment, da erstmal der „Green-New-Deal“ als politische Horizonterscheinung aufkam.
Nun zeigt sich das Besondere an der Muskschen Vorgehensweise gerade an dieser Firma, die schließlich auch das Abklingen des Green New Deal überstand. Die Firma besteht aus weit mehr als der Produktion von E-Autos und ihrer großen Vermarktungsstrategie. Von Lithium-Raffinerien über die Entwicklung von Robotik und „Autonomen Fahren“ bis zu den damit zu verkaufenden Dienstleistungsprodukten und Daten wurde Tesla zu einem System mit verschiedenen „integralen Bestandteilen“ (S. 91).
Hinzukommt, dass der Aufbau der Fabriken, genau wie bei SpaceX, ein spätmodern angepasstes Hybrid aus fordistischer Zentralisierung und Normierung und toyotistischer Flexibilität ist. Die Kernidee besteht darin, die Vorteile einer globalisierten, spezialisierten und ausdifferenzierten Produktions- und Wirtschaftsweise unter einer neuen Zentralleitung zu bündeln (vgl. S. 71ff.). „Reshoring“ betrieb Musk schon bevor neue Weltwirtschaftskrisen, die Pandemie und U.S.-Chinesische Zollkriege diese Methode populär machten: Musks Unternehmen sollten „autark“ bestehen können und dennoch global vernetzt sein. „In einer gespaltenen Welt bot der Muskismus ein Modell an: Souveränität durch Lieferketten, Autonomie durch Elektrifizierung“ (S. 113). In seiner Fabrik würde die menschliche Arbeit nicht mehr nur fordistisch organisiert werden, sondern durch algorithmische Steuerung und Automatisierung „beseitigt“ werden (S. 120). Mit der Erklärung von Elon Musks Unternehmen als spätmoderne, risiko- und planungskapitalistisch angepassten und vom Staat subventionierten und schließlich den Staat in Abhängigkeit bringende Methode, schließt der erste Teil des Buches.
Wahnsinn ohne Methode?
Was fängt Herr Musk also mit dieser Machtfülle an und wohin geht seine staatlich geförderte Unternehmensreise? Hier, in diesem zweiten Teil des Buches, kommen sie nicht umhin, den Charakter von Musk zu untersuchen. Dass es im Silicon Valley von Anbeginn an einen Strang gab, der für politisch rechte Projekte offen war, mag zwar in der „kalifornischen Ideologie“ eingewurzelt sein (vgl. Barbrook/Cameron 1996), jedoch bleibt die rasante Extremisierung seiner Person seit ca. 2015 erklärungsbedürftig. Bloßer Opportunismus – bspw. der Bruch mit den Demokraten in dem Moment, da sie in Kalifornien den Tech-Giganten strengere Vorschriften auferlegen wollten – kann hier kaum noch als einziges Erklärungsmuster herhalten.
Formulierungen wie „es lässt sich annehmen, dass“ häufen sich in diesen spekulativen Kapiteln. Zwar berichten Slobodian und Tarnoff auch hier informiert, wie sich die Plattform-Ökonomie der digitalen Dienstanbieter gerade während der Corona-Pandemie in „der zunehmenden Digitalisierung des Alltagslebens“ (S. 149) vervielfacht hat, aber lassen nur Vermutungen zu, wieso sich der reiche Unternehmer der schnellen Aufmerksamkeit des Internets hingezogen fühlte.
Dabei wäre es zum Beispiel möglich, die unternehmerischen Ziele und Vorgehensweise selbst zu betrachten, ohne eine schemenhafte Charakterstudie entlang von Tweets zu bemühen. Die technologischen Ideen, denen Elon Musk und seine Unternehmen vorgeblich verschrieben sind, wie die absolute Effizienzoptimierung, oder die Idee eines kybernetischen Kollektivs, sind selbst totalitär und bürgen mit ihrer stochastischen Berechnung, ihrer Kategorisierung und unbedingten Kontrolle faschistoide Potentiale – wie beispielsweise Rainer Mühlhoff in seinem Buch Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus (2025) argumentiert. Gerade für die Ermöglichung dieser Techno-Fantasien wiederum wird die Macht eines absolutistischen Staates angerufen. Mit dem Fokus auf die wirren, rassistischen, transphoben und misogynen Aussagen, die Musk zuletzt verbreitete, bleibt das Buch hinter solchen strukturelleren Analysen zurück – auch wenn sie Anklang finden.
In ihren vier Zukunftsentwürfe des Muskismus stellen sie beispielsweise auch die These auf, dass Musks bürokratische Praxis (in seiner Sonderrolle zu Beginn von Trumps zweiter Präsidentschaft) sein „Traum von einer reaktionären Technokratie“ (S. 220) war, oder die gezielte Vorbereitung für eine zukünftige algorithmische „Maschinenherrschaft“ (S. 235) sein sollte. Damit verlassen sie die eingangs aufgestellte These, dass Musk keine klare Ideologie habe. Würde er die von ihm gewonnene Souveränität tatsächlich an Cyborgs und Algorithmen abgeben und warum träumt Musk davon?
Die Charakterstudie über Elon Musk bleibt in diesem Buch wenig ergebnisreich (auch wenn sie bei dem Analysegegenstand unvermeidlich ist) und verlässt den politischen und gesellschaftstheoretischen Anspruch, den das Konzept „Muskismus“ versprochen hatte.
Überdies bleibt auch die Frage bestehen, warum auch andere davon träumen, warum die Leute einen „Schwindler“ wie Musk „lieben“, der den modernen amerikanischen Traum verkörpere (S. 150) und weshalb die sogenannte „Mannosphäre“, der Musk sich „angeschlossen“ habe (S. 218), überhaupt im Zeitalter des Muskismus entstanden ist. Hier helfen zum Beispiel die Betrachtungen der spätmodernen gebrochenen Versprechen und die daraus hervorgegangenen Frustrationserfahrungen, wie beispielsweise Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihren Gesellschaftstheorien (2022, 2025) herausarbeiten.
Slobodian und Tarnoff fokussieren sich auf Musk als Symptom unserer Zeit, aber nicht auf die Gesellschaftstheorie oder die politische Legitimationstheorie von Souveränität. Wenn wir an dem Analysebegriff „Muskismus“ festhalten wollten, dann wären genau hier die Ergänzungen entscheidend.
So steht am Ende der vor allem historisch informierenden Lektüre eine Erkenntnis, die auch schon vorher klar war: So viel Macht darf nicht in den Händen eines Menschen konzentriert sein – erst recht nicht, wenn sie nicht einmal mehr vertragstheoretisch begründet und legitimiert werden kann oder soll. Die Frage nach der Zukunft lautet weniger, wie sich Musk und seine unternehmerischen Tätigkeiten weiterentwickeln, sondern eher: Wie wird sich die Welt weiterentwickeln, die in den letzten Jahrzehnten den „Muskismus“ überhaupt erst ermöglicht und verwirklicht hat?
Lennart Bade ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leuphana Universität Lüneburg und schreibt eine Dissertation über Transformationsforderungen und -probleme in der gegenwärtigen Demokratietheorie. Er studierte Politische Theorie in Frankfurt am Main und Darmstadt und beschäftigte sich in seiner Masterarbeit mit technizistischen und reaktionären Wiederaneignung des politischen Möglichkeitssinns.

Musk ist m.E. nur ein Synonym für eine Zustandsbeschreibung der globalen Gesellschaftsordnung. Nancy Frazer beschreibt in ihrem Buch „Canibal Capitalism“ diesen Zustand des sich selbst vernichtenden Systems. Elon Musk wäre wahrscheinlich austauschbar gegen eine beliebige andere Figur, die in dieses System passt und es bestens bedient.
den schwerpunkt der „souveränität“ sieht der rezensent wohl ziemlich exklusiv im vergleich zu anderen rezensionen.
für den gegenstand 1. ordnung, das buch über muskismus, kann ich das nicht beurteilen, halte es aber angesichts des echos auch kompetenter rezensent:inn:en für unwahrscheinlich, dass das buch als solches das ebenso zentral stellt..
dass bade ohne herleitung(en) gleich nach dem intro-absatz (relevanz-verdeutlichung u.ä.) sich auf „souveränität“ als zentralbegriff ohne nähere erläuterung oder einen verweis auf eine solche stützt, spricht daher für eine politik- u. gesellschaftstheoretische fertig-folie, die als a priori vor den 1. gegenstand und den der 2. ordnung, musk(-phänomen) selbst, gehalten wird, um nach kongruenzen, interferenzen, kontradiktionen usw. zu suchen. und da kann ich aus berufl. kenntnis für das objekt der 2.ordnung nur sagen, dass damit in diesem gegenstand a) damit nicht viel zu holen ist, und b) auch im/in selbst- u. fremd-verständnis(en) musks auch keine größere rolle spielt als andere schrägheiten.
musks verschmelzungstreben, wonach staat, wirtschaft, technik u. die besten/größten tech-unternehmer eins werden sollten, übersteigt jedweden bekannten souveränitätshorizont. die s. ist darin nur begriff u. fakt dritter ordnung. dass z. b. absolutismus da gut ins viel größere, riesige reinpasst ist kein wunder, denn soveränität ist nur ein puzzle-teil, ein durchgangsstadium usw., das viel zu wenig vom gesamtproblem/-bild wiedergibt, um allg. politiktheorie o. ä. an diesem gegenstand sinnvoll treiben (auf ihn anwenden, auch aus ihm entwickeln etc.) zu können.
dazu sind aktuelle u. viele historische souveränitätskonzepte, praktisch-reale wie theoretische, ja auch höchst illusionsbehaftet, was stets mitgedacht und mituntersucht werden muss, wenn man nicht so enden will wie wildberger, bmds usw., die glauben, mit eu-id, -wallet, wero, zendis/openoffice etc. super-souveränitäts-chancen zu bekommen, nachdem der a-priorische globalansatz u. a. wichtige elemente realistischer souveränitätskonzeptionen nicht durchdrangen, so dass jetzt irre milliardenbeträge unwiederbringlich in uralt-projekten versenkt werden, unter anderem solche, die unter der ägide susanne klattens laufen, die mit anderen auf dem staatlichen topf der Bundesagentur für Sprunginnovationen sitzt.