Sara Gebh und Sergej Seitz haben eine Einführung zum Postfundamentalismus geschrieben – das ist nicht trivial und verdient Kritik.
I.
Dass nach Heidegger anders über Politik zu denken ist als vor ihm und man hinter diesen Stand auch nicht mehr zurückkann, war die teils esoterisch verpuppte Ahnung jenes vor allem französischsprachigen Diskurses, welche dann unter anderem Oliver Marchart für die deutschsprachige politische Theorie in eine exoterische Einsicht übersetzt und für welche er auch noch gleich einen Namen geprägt hat: Postfundamentalismus. Aus dem selbstbezüglichen Kokon der Franzosen ließen sich Diskursfasern entspinnen, die nun den disziplinären Kriterien der deutschen politischen Theorie entsprechend zum Paradigma werden konnten. Eine Einführung zementiert diesen Anspruch, Paradigma zu sein, nach außen und sorgt für Selbstvergewisserung über den eignen Kanon nach innen. Dabei muss gerade jener Ordnungs- und Orientierungsanspruch, den eine Einführung als solche erhebt, besonders prekär sein, wenn sie aus und zu einem Diskurs ist, der sich doch gerade darauf versteht, jegliche Ordnungsgewissheiten in selbstbewusster Ahnenschaft zu Nietzsche am kontingenzbewussten Zweifel zerschellen zu lassen. Welchen Sinn kann dann ein „Überblick über den Postfundamentalismus“ (S. 14) jenseits doxographischer Rekonstruktion haben? Zwei Deutungsversuche.
II.
Brauchte Habermas für sein „waghalsiges, eigentlich unseriöses Unternehmen“ der Rekonstruktion von 21 Denkern und Denktraditionen über 2500 Jahre Philosophiegeschichte noch 1700 Seiten, kommen Gebh und Seitz für ihre „sowohl systematisch[e] als auch autor:innenzentriert[e]“ Rekonstruktion von 32 so unterschiedlichen Denkern wie Schiller, Austin und Laclau mit weniger als zehn Prozent der Seitenmenge aus – so viel schon einmal zur Ökonomie des Buchs. Der Anspruch von Gebh und Seitz ist freilich demütiger, wenn auch nach wie vor ein hegelianischer. Es geht ihnen zweifellos nicht um die spekulative Behauptung eines in der Geschichte fortschreitenden Lerngeschehens. Sie bleiben jedoch Hegel dort treu, wo sie mit einiger Lust an hermeneutischer Gewalt operieren, um in der Rekonstruktion der 32 Denker einen unterstellten gemeinsamen Motivationszusammenhang zu plausibilisieren: den der begrifflichen Bewältigung politischer Kontingenz. Das so mobilisierte intellektuelle Personal des Buches, findet sich in die merkwürdige Situation einer ausufernden Patchwork-Familie geworfen, deren Name rückwirkend „Postfundamentalismus“ lautet. Dass die Familienähnlichkeiten der zahlreichen so nebeneinandergestellten Autoren offensichtlich werden, ist die große Leistung der Einführung. Die Kühnheit des Vorgehens ist ihre Tugend.
Allein, schon Oliver Marchart ging es in seiner ursprünglichen Studie zum Postfundamentalismus darum, „die Familienähnlichkeiten […] zu erfassen“. Beschränkte dieser sich jedoch noch auf Nancy, Lefort, Badiou, Laclau und Agamben, weiten Gebh und Seitz ihren Gegenstandsbereich so aus, dass sie im Grunde das gesamte an Marx, Nietzsche und Kierkegaard anschließende, nach-hegelianische Literaturfeld des 20. Jahrhunderts vermessen. Die Eigenständigkeit der Einführung schließlich liegt in der Systematik, anhand der die Rekonstruktion der Familienähnlichkeiten strukturiert ist. Gebh und Seitz greifen hierfür auf die semantische Polyphonie von „Grund“ zurück. Unter der Einsicht, dass politische Institutionalisierungen immer auch sprachlich verfasst sind, werden Gründe und Gründungen, Begründungen und Stiftungen, Grundlegungen und Grundlagen konzeptionell verklammert. Wird dieser begriffliche Kniff im ersten Kapitel kurz eingeführt, können sodann im zweiten Kapitel zu „Krisen des Begründens“ entsprechend auch Dostojewski, Marx und Rorty problemlos nebeneinanderstehen. Nachdem dort Autoren des modernen Kontingenzbewusstseins rekonstruiert wurden, entfalten Gebh und Seitz im darauffolgenden Kapitel „Pluralisierungen des Begründens“ die postmoderne Multiplizierung dieses Kontingenzbewusstseins durch die insbesondere französische Heidegger-Lektüre von Feminismus (u. a. Haraway), Postkolonialismus (u. a. Spivak) und Ökologie (u. a. Latour). Explizit wird dann im vierten Kapitel „Aporien des (Be)Gründens“ an Heidegger angeschlossen, wenn Einsichten der politischen Phänomenologie von u. a. Arendt und Derrida zur Revolution und Neugründung dargestellt werden. Schlussendlich erst das fünfte Kapitel ist unter dem Titel „Politiken des (Ent)Gründens“ den einschlägigen, im engeren Sinne radikaldemokratischen Autoren gewidmet.
III.
Die Einführung kann sodann vielleicht am ehesten als ein Beitrag zu jenem Diskurs verstanden werden, der aus einzelnen Familienähnlichkeiten überhaupt erst eine Familie, ein Paradigma macht: dem Familienstreit. Hinter der für Außenstehende allein rhetorischen Unterscheidung zwischen Postfundamentalismus und Postessentialismus verbirgt sich nämlich ein handfester Richtungsstreit über die Hausheiligen (Heidegger oder Foucault), die zentralen Kategorien (Grund oder Identität) und die Ziele (imaginative Präfiguration oder kritische Befragung). Position in dieser Sache beziehen Gebh und Seitz, wenn sie betonen, dass „das Kontingenzmotiv […] nicht nur kritisch-befragend, sondern […] auch konstruktiv“, „unsere politische Vorstellungskraft […] erweitern[d]“ wirksam sein kann (S. 124). Beiden Familienzweigen freilich gemein ist der entschiedene Antiplatonismus, welcher mit der dualismuskritischen Einebnung der Unterschiede zwischen „Rhetorik“ und „Philosophie“, „Überreden“ und „Überzeugen“ beginnt (S. 17-26) und sich über „Affektivität“ und „Rationalität“ auf beliebige dichotome Grundunterscheidungen erweitern lässt. Das Verhältnis zu einer eigentümlich modernen Spielart des Platonismus bleibt jedoch im Buch ungeklärt. Die Vorstellung einer hinter der allein scheinbaren Realität des common sense liegenden, grundlegenderen Wirklichkeit, die sich nicht den gewöhnlichen Akteuren, sondern nur dem theoretisch fundierten Beobachter erschließt, findet ihren Wiedergänger nämlich durch die Soziologie. Nicht umsonst hat Luc Boltanski die historische Entstehung der Soziologie mit der zeitgleichen Popularisierung von Detektivromanen und Kriminalliteratur verglichen und nicht umsonst hat Richard Rorty die hegelmarxistische Gesellschaftstheorie als Produkt eines im Grunde prophetischen Bedürfnisses nach Erhabenheit abgelehnt (oder zumindest ihren politischen Sinn bestritten).
Gebhs und Seitz’ eigener Anspruch an den Postfundamentalismus ist jedoch, dass dieser die „Analyse gesellschaftlicher Konfliktfelder [ermöglicht]“ und somit „die Kontingenzaffirmation mit konkreten politischen Strukturen und Organisationsformen zusammenbring[t]“ (S. 124). Sie heben zur theoretisch fundierten Gegenwartsdiagnose an, bringen Neoliberalismus, Rechtsextremismus und religiösen Fundamentalismus auf den gemeinsamen Nenner der kompensatorischen Kontingenzleugnung und zielen unter anderem auf eine „aus postfundamentalistischer Sicht […] tragfähige Analyse der globalen autoritären Wende“ (S. 123) ab. Das klingt womöglich erst einmal verwunderlich angesichts des pauschalen Vorwurfs, dem sich Anhänger der radikalen Demokratietheorie in der aktuellen Generation politischer Theorie ausgesetzt sehen, und welcher im Grunde jenem alten Vorwurf entspricht, dem sich eine Generation zuvor Rawls-Fans ausgesetzt sahen: Dass die Theorie ein Soziologiedefizit, eine Institutionenblindheit hat. Tatsächlich aber betonen Gebh und Seitz völlig unbeirrt die aporetische, konstitutiv widersprüchliche Ausgangslage des Postfundamentalismus, der trotz Einsicht in die Unmöglichkeit einer Letztbegründung nicht in Antifundamentalismus abdriftet, sondern an dem Bedürfnis von argumentativ fundierter Orientierung weiterhin festhält. Dass die hieraus entstehenden Theorien dann folgerichtig nur noch den Status provisorischer Heuristiken haben; dass die hierdurch betrachteten Institutionen nur noch den Status prekärer Einrichtungen haben, unterscheidet sie demnach von fundamentalistischen Projekten, macht sie jedoch nicht weniger anschlussfähig an die „Philosophie und Politikwissenschaft“, an „Soziologie und […] Kulturwissenschaft“ (S. 125). Offen lassen Gebh und Seitz gleichwohl, welche theoriestrategischen Weichenstellungen über die einzelnen konkreten Anschlussmöglichkeiten hinaus die Grundlage ihres gesellschaftstheoretischen Zugriffs gewährleisten. Es würde ihrem eigenen Ansatz grundlegend widersprechen, wäre hierzu von Marchart schon letztgültig alles gesagt.
IV.
Überhaupt, der Vorwurf eines Soziologiedefizits wird noch in jeder Generation aufs Neue erhoben werden, sodenn man der politischen Theorie eine Autonomie (ob in Methode oder Gegenstandsbereich) unterstellt, die sie von der restlichen Sozialtheorie abzugrenzen vermag. Man kann den Vorwurf also getrost ignorieren, wenn man die Prämisse einer disziplinären Autonomie teilt. Oder man nimmt ihn, wie beim Postfundamentalismus, produktiv auf, wenn man wie dieser jenen holistischen Impuls teilt, durch den klare Disziplingrenzen ihren epistemischen Nutzen verlieren, weil eine abgeschirmte, abgekoppelte Eigengesetzlichkeit des Erkenntnisgegenstands relativ zur gesellschaftlichen Totalität nicht plausibel erscheint; weil das eigene Erkenntnisinteresse auf das Ganze einer noch jeden Teilbereich des Lebens transzendierenden Emanzipation zielt.
Wie viel auch immer von einem solchen holistischen Anspruch sich tatsächlich in einer 130 Seiten langen Einführung einlösen lässt – in einer, nämlich der metatheoretischen Hinsicht wird er bei Gebh und Seitz besonders evident: Das Buch ist der mutige Versuch, eine Summe zu ziehen, bei gleichzeitiger Einsicht in ihre Unmöglichkeit. Es ist das Ergebnis eines verheerenden Bedürfnisses nach interner Ordnung des Paradigmas und Vergewisserung über den eigenen Kanon. Dass das scheitern muss, ist nicht zuletzt die oberste Einsicht des Postfundamentalismus selbst. Dass man den Versuch hierzu trotzdem nicht aufgeben darf, ist seine beste Einsicht. Es unterscheidet den Postfundamentalismus von einem Antifundamentalismus. Viel mehr noch ermöglicht das Summieren auch, über Neues nachzudenken. Ist einmal das bestehende Mobiliar der Theorie vermessen und auf Distanz gebracht, hat man plötzlich wieder Platz für andere Gegenstände der Erkenntnis, für zuvor nicht gestellte Fragen und für neue theoretische Einrichtungen, um diesen Dingen gerecht zu werden. Diese Einsicht des Postfundamentalismus, dass das Kontingenzbewusstsein in der Konsequenz zur Stimulation der bisher allzu begrenzten Vorstellungskraft führt (S. 126 f.), ist für die Politik zwar schon benannt und für das Selbstverständnis der politischen Theorie und Ideengeschichte angerissen worden. In ihrer metatheoretischen Konsequenz für das Paradigma des Postfundamentalismus selbst, dass also ein durch ihn geweckter Möglichkeitssinn alsbald reflexiv auch auf diesen Anwendung finden kann, ist die Einsicht jedoch noch völlig ungeborgen.
V.
Gebh und Seitz stiften schließlich mit ihrer Einführung vielleicht dann auch dazu an, dem Postfundamentalismus treu zu bleiben, indem man ihm fremd geht; indem man also nicht allzu streng, allzu dogmatisch an seiner bisher ausgebildeten Gestalt festhält. Es ist jene theoretische Promiskuität, mit der die beiden die konventionellen Traditionslinien der Sozialtheorie unterlaufen, um noch die verschiedensten Autoren mit dem Anliegen des Postfundamentalismus zu deuten, die ebenso zum Ausbruch aus den auf die politische Theorie und Ideengeschichte allein konzentrierten Rezeptionsgewohnheiten herausfordert. Aus einer solchen, aufs Ganze gehenden Perspektive muss es fraglich bleiben, warum das Paradigma sich nicht schon längst im produktiven Gespräch mit wenigstens den Nachbardisziplinen der politischen Ökonomie, Gesellschaftstheorie und Soziologie inhaltlich angereichert und konzeptionell verfeinert hat. Diese merkwürdige Lücke, diesen „abwesend anwesenden Abgrund“ des Postfundamentalismus legen Gebh und Seitz frei und ihr gegenwartsdiagnostischer Anspruch, ihre theoretische Weitläufigkeit sowie die von ihnen freigesetzten imaginativen Potenziale zielen darauf ab, ihn künftig beharrlich zu bearbeiten.
Finn St. Pierre studiert den Bachelor Politikwissenschaft an der FU Berlin.

mit: „unverstellter Blick fürs Ganze“, „Dass nach Heidegger anders über Politik zu denken ist als vor ihm und man hinter diesen Stand auch nicht mehr zurückkann …“ atmet die rezension zunächst ganz den faulen odem völlig überdehnter und schwarzheftiger selbsterrlichkeit, die der pf angeblich zu überwinden trachtete. wobei der aufmerksame leser der phil. literatur auch vor 150-200 jahren die entspr. „paradigmen“ wissen/kennen konnte.
und für wen gilt es nicht, das NACH jemanden politik nicht wie VOR ihm/ihr „zu denken ist“? der satz gilt doch auch, wenn h. keine einzige zeile geschrieben hätte, ist also eine binse.