Tagung „Ambivalenzen moderner Verwaltung. Wissenschaftliche Perspektiven auf Buerokratie und ihre Kritik“ (Speyer, März 2026)

Die Forderung nach Entbürokratisierung ist allgegenwärtig. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch den Koalitionsvertrag der deutschen Bundesregierung von 2025 und ist eine der wesentlichen Aufgaben des neu geschaffenen Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung. In den USA sorgte das nach der Wahl von 2024 eingerichtete „Department of Government Efficiency” für die massenhafte Entlassung öffentlicher Bediensteter und verschaffte der Forderung nach Entbürokratisierung eine neue politische Wirklichkeit.

Entbürokratisierungsdebatten und die damit zusammenhängende Bürokratiekritik sind jedoch keine neuen Phänomene. In der Bürokratieforschung lassen sich vielmehr Wellen der Bürokratiekritik in Wissenschaft und Politik feststellen, die mit der Etablierung des Begriffs der Bürokratie im 18. Jahrhundert beginnen. Ein jüngeres Beispiel deutscher Politik ist die Einrichtung eines Normenkontrollrats auf Bundesebene, der unter anderem die Aufgabe hat, die Bürokratiekosten neuer Gesetze zu schätzen. Bürokratie scheint dabei häufig als Element moderner Staatlichkeit verstanden zu werden, welches die freie Marktwirtschaft hemmt – als das „Andere” der marktwirtschaftlich ausgestalteten Gesellschaft.

Worin genau aber liegt das Problem mit der Bürokratie? Aktuelle Debatten zur Entbürokratisierung greifen nach wie vor auf Max Weber zurück, um Bürokratie zu definieren. Er gilt als derjenige, der Sinn und Zweck der Bürokratie erstmals systematisierte. Zu den Merkmalen einer idealtypischen Bürokratie zählte er beispielsweise die Amtshierarchie, das Berufsbeamtentum und das sachliche sowie regelgeleitete Verfahren. Bürokratie ist nach Weber dabei nicht allein ein Phänomen staatlicher Verwaltung, sondern allgemein eine Erscheinung moderner Herrschaft und Organisation, der der Staat genauso wie die Unternehmen der freien Marktwirtschaft unterliegen. In diesem Sinne markiert die Entstehung der Bürokratie zunächst einmal den Übergang von personaler Herrschaft im Feudalismus zur unpersönlichen, rational-formalen Herrschaft in der Neuzeit. Und schon damals war dieser Prozess – wie die Entstehung der Moderne allgemein – Gegenstand der Kritik.

Mit der Einrichtung des neuen Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, den Vorschlägen zur Staatsmodernisierung aus Politik und Gesellschaft und dem Sondervermögen für Infrastruktur gewinnen die Debatten über Entbürokratisierung in Deutschland erneut an Aktualität. In diesem Kontext soll die wissenschaftliche Tagung „Ambivalenzen moderner Verwaltung. Wissenschaftliche Perspektiven auf Bürokratie und ihre Kritik“ vom 26. bis 27. März 2026 die Möglichkeit geben, einen Schritt zurückzutreten und grundlegende Fragen zu Bürokratie und ihrer Kritik zu stellen: Wie lässt sich die allgegenwärtige Forderung der Entbürokratisierung in ihre historischen Wurzeln und derzeitigen Kontexte einordnen? Welches Verständnis von Staat und Gesellschaft liegt ihr zugrunde? Wem dient, wem schadet die Bürokratie? Mit der Tagung in Speyer sollen die aktuellen Debatten und Reformvorschläge zur Entbürokratisierung durch staatstheoretische, soziologische sowie rechts- und verwaltungswissenschaftliche Erkenntnisse über Bürokratie besser verstanden und eingeordnet werden.

 

Programm:

  1. März 2026: Interdisziplinäre Perspektiven auf Bürokratie und ihre Kritik

12.00 Uhr

Begrüßung und Eröffnung der Tagung

Ruth Weber

12.30 Uhr – 14.00 Uhr

Panel 1: Bürokratie und ihre Kritik als Phänomen der Moderne

Moderation: Anne-Marlen Engler

Pascale Cancik: „Bürokratie“ als Kritik – eine kurze Geschichte der Unklarheit

Peter Becker: Der Monarch und die Bürokratie – ein ambivalentes Verhältnis?

Kaffeepause

14.30 Uhr – 16.00 Uhr

Panel 2: Die Bürokratie als das „Andere“ der Gesellschaft?

Moderation: Stephan Grohs

Wolfgang Seibel: Nachrichten vom Verwaltungsstaat – oder: Muss man das Rad wirklich neu erfinden?

Sylvia Veit: Bürokratieabbau und Digitalisierung

Kaffeepause

16.30 Uhr – 18.00 Uhr

Panel 3: Diskussionen über Bürokratie – zwischen Regulierung und Deregulierung

Moderation: Ruth Weber

Stefan Kühl: Die Bürokratisierung der Entbürokratisierung

Thomas Wischmeyer: Entbürokratisierung als Justizialisierung?

  1. März 2026: Aktuelle Reformvorhaben und Zukunftsperspektiven

9.15 Uhr – 10.45 Uhr

Panel 4: Impulse zu Staatsmodernisierung und Bürokratieabbau

Moderation: David Roth-Isigkeit

Winfried Kluth: Ein Bürokratiefilter für den Gesetzgeber als Ausdruck einer lernenden Ge-setzgebung

Julia Borggräfe: Verwaltung – zwischen Systemfehler und Utopie

Kaffeepause

11.00 Uhr – 12.30 Uhr

Panel 5: Für eine demokratischere Bürokratie?

Moderation: Constanze Janda

Christoph Möllers: Politische Legitimation der Verwaltung – Grenzen eines Konzepts

Michael W. Bauer: Bürokratie als Gegenmacht? Optionen demokratischer Verwaltung in der illiberalen Systemtransformation

12.30 Uhr – 13.00 Uhr

Fazit und Abschluss der Tagung

Ruth Weber und Anne-Marlen Engler

 

Veranstalterinnen:

Ruth Weber & Anne-Marlen Engler, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insbesondere Verfassungsrecht und Rechtsvergleichung, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften (Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften), 67346 Speyer (Deutschland)

 

Anmeldung:

https://weiterbildung.uni-speyer.de/suche/veranstaltungsdetails.html?action%5B26%5D=course&courseId=588-C-4388100&rowIndex=11

 

Kontakt:

lehrstuhl.weber@uni-speyer.de

3 Kommentare zu “Tagung „Ambivalenzen moderner Verwaltung. Wissenschaftliche Perspektiven auf Buerokratie und ihre Kritik“ (Speyer, März 2026)

  1. der praktische vorgehen des neuen bmds gestaltet sich in mehrfacher hinsicht so UNTERIRDISCH, als würden sich hauptschüler erstmals an einem IT-projekt versuchen …

    man durfte mit wildberger zunächst eine kleine chance vermuten, doch er bestätigt jetzt eher den verdacht, lediglich etwas IT-glück beim mediamarkt-shop gehabt zu haben, seine leistungsstärken womöglich in anderen management-aufgaben zu besitzen etc., wobei er auch in publizistik, öffentlichkeit, zuverlässigkeit etc. ministerial im zynischen kohlenkeller „patenter“ dysfunktionalität gelandet ist.
    da hatten dobrindt und seine leute eben auch leichtes spiel, ihre uralt-hüte a la zendis/opendesk/OVH (Frankreich) usw. erneut durchzudrücken, die ganz massive propfen im notwendigen fluss der projekt-wege zur „staatsmodernisierung“ bilden.

  2. “ … der praktische vorgehen …“
    sry,
    „DAS praktische …“ muss es natürlich heißen.

  3. OVH: französischer, kleiner (< 1 Mrd. Euro Jahresumsatz in vielen IT-gebieten, bis zu priv. Hausanschlüssen) billig-heimer, dessen jahrelang betriebene pop-up-container-rechenzentren auch schon mal in flammen aufgehen.

    dieser langgehegten anlehnung des bmi an ovh steht auf der bmds-seite eher eine orientierung an die m.e. deutlich stärkere schwarz-gruppe gegenüber.

    "Wissenschaftliche Perspektiven" ?
    Der 'Digitalisierungsmodernisierung' der (Staats-)Verwaltung(en) unterliegen offenbar immer noch keine überprüfbaren Fach- u. DV-Konzepte, doch zugleich ist aber von Großansprüchen a la "Souveränität", "Ausfallsicherheit" usw. die Rede. Ohne öffentlich-transparente Konzepte ist wohl auch kaum relevante Wissenschaft dazu möglich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert