Die Forderung nach Entbürokratisierung ist allgegenwärtig. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch den Koalitionsvertrag der deutschen Bundesregierung von 2025 und ist eine der wesentlichen Aufgaben des neu geschaffenen Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung. In den USA sorgte das nach der Wahl von 2024 eingerichtete „Department of Government Efficiency” für die massenhafte Entlassung öffentlicher Bediensteter und verschaffte der Forderung nach Entbürokratisierung eine neue politische Wirklichkeit.
Entbürokratisierungsdebatten und die damit zusammenhängende Bürokratiekritik sind jedoch keine neuen Phänomene. In der Bürokratieforschung lassen sich vielmehr Wellen der Bürokratiekritik in Wissenschaft und Politik feststellen, die mit der Etablierung des Begriffs der Bürokratie im 18. Jahrhundert beginnen. Ein jüngeres Beispiel deutscher Politik ist die Einrichtung eines Normenkontrollrats auf Bundesebene, der unter anderem die Aufgabe hat, die Bürokratiekosten neuer Gesetze zu schätzen. Bürokratie scheint dabei häufig als Element moderner Staatlichkeit verstanden zu werden, welches die freie Marktwirtschaft hemmt – als das „Andere” der marktwirtschaftlich ausgestalteten Gesellschaft.
Worin genau aber liegt das Problem mit der Bürokratie? Aktuelle Debatten zur Entbürokratisierung greifen nach wie vor auf Max Weber zurück, um Bürokratie zu definieren. Er gilt als derjenige, der Sinn und Zweck der Bürokratie erstmals systematisierte. Zu den Merkmalen einer idealtypischen Bürokratie zählte er beispielsweise die Amtshierarchie, das Berufsbeamtentum und das sachliche sowie regelgeleitete Verfahren. Bürokratie ist nach Weber dabei nicht allein ein Phänomen staatlicher Verwaltung, sondern allgemein eine Erscheinung moderner Herrschaft und Organisation, der der Staat genauso wie die Unternehmen der freien Marktwirtschaft unterliegen. In diesem Sinne markiert die Entstehung der Bürokratie zunächst einmal den Übergang von personaler Herrschaft im Feudalismus zur unpersönlichen, rational-formalen Herrschaft in der Neuzeit. Und schon damals war dieser Prozess – wie die Entstehung der Moderne allgemein – Gegenstand der Kritik.
Mit der Einrichtung des neuen Bundesministeriums für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, den Vorschlägen zur Staatsmodernisierung aus Politik und Gesellschaft und dem Sondervermögen für Infrastruktur gewinnen die Debatten über Entbürokratisierung in Deutschland erneut an Aktualität. In diesem Kontext soll die wissenschaftliche Tagung „Ambivalenzen moderner Verwaltung. Wissenschaftliche Perspektiven auf Bürokratie und ihre Kritik“ vom 26. bis 27. März 2026 die Möglichkeit geben, einen Schritt zurückzutreten und grundlegende Fragen zu Bürokratie und ihrer Kritik zu stellen: Wie lässt sich die allgegenwärtige Forderung der Entbürokratisierung in ihre historischen Wurzeln und derzeitigen Kontexte einordnen? Welches Verständnis von Staat und Gesellschaft liegt ihr zugrunde? Wem dient, wem schadet die Bürokratie? Mit der Tagung in Speyer sollen die aktuellen Debatten und Reformvorschläge zur Entbürokratisierung durch staatstheoretische, soziologische sowie rechts- und verwaltungswissenschaftliche Erkenntnisse über Bürokratie besser verstanden und eingeordnet werden.
Programm:
- März 2026: Interdisziplinäre Perspektiven auf Bürokratie und ihre Kritik
12.00 Uhr
Begrüßung und Eröffnung der Tagung
Ruth Weber
12.30 Uhr – 14.00 Uhr
Panel 1: Bürokratie und ihre Kritik als Phänomen der Moderne
Moderation: Anne-Marlen Engler
Pascale Cancik: „Bürokratie“ als Kritik – eine kurze Geschichte der Unklarheit
Peter Becker: Der Monarch und die Bürokratie – ein ambivalentes Verhältnis?
Kaffeepause
14.30 Uhr – 16.00 Uhr
Panel 2: Die Bürokratie als das „Andere“ der Gesellschaft?
Moderation: Stephan Grohs
Wolfgang Seibel: Nachrichten vom Verwaltungsstaat – oder: Muss man das Rad wirklich neu erfinden?
Sylvia Veit: Bürokratieabbau und Digitalisierung
Kaffeepause
16.30 Uhr – 18.00 Uhr
Panel 3: Diskussionen über Bürokratie – zwischen Regulierung und Deregulierung
Moderation: Ruth Weber
Stefan Kühl: Die Bürokratisierung der Entbürokratisierung
Thomas Wischmeyer: Entbürokratisierung als Justizialisierung?
- März 2026: Aktuelle Reformvorhaben und Zukunftsperspektiven
9.15 Uhr – 10.45 Uhr
Panel 4: Impulse zu Staatsmodernisierung und Bürokratieabbau
Moderation: David Roth-Isigkeit
Winfried Kluth: Ein Bürokratiefilter für den Gesetzgeber als Ausdruck einer lernenden Ge-setzgebung
Julia Borggräfe: Verwaltung – zwischen Systemfehler und Utopie
Kaffeepause
11.00 Uhr – 12.30 Uhr
Panel 5: Für eine demokratischere Bürokratie?
Moderation: Constanze Janda
Christoph Möllers: Politische Legitimation der Verwaltung – Grenzen eines Konzepts
Michael W. Bauer: Bürokratie als Gegenmacht? Optionen demokratischer Verwaltung in der illiberalen Systemtransformation
12.30 Uhr – 13.00 Uhr
Fazit und Abschluss der Tagung
Ruth Weber und Anne-Marlen Engler
Veranstalterinnen:
Ruth Weber & Anne-Marlen Engler, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insbesondere Verfassungsrecht und Rechtsvergleichung, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften (Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften), 67346 Speyer (Deutschland)
Anmeldung:
Kontakt:
der praktische vorgehen des neuen bmds gestaltet sich in mehrfacher hinsicht so UNTERIRDISCH, als würden sich hauptschüler erstmals an einem IT-projekt versuchen …
man durfte mit wildberger zunächst eine kleine chance vermuten, doch er bestätigt jetzt eher den verdacht, lediglich etwas IT-glück beim mediamarkt-shop gehabt zu haben, seine leistungsstärken womöglich in anderen management-aufgaben zu besitzen etc., wobei er auch in publizistik, öffentlichkeit, zuverlässigkeit etc. ministerial im zynischen kohlenkeller „patenter“ dysfunktionalität gelandet ist.
da hatten dobrindt und seine leute eben auch leichtes spiel, ihre uralt-hüte a la zendis/opendesk/OVH (Frankreich) usw. erneut durchzudrücken, die ganz massive propfen im notwendigen fluss der projekt-wege zur „staatsmodernisierung“ bilden.
“ … der praktische vorgehen …“
sry,
„DAS praktische …“ muss es natürlich heißen.
OVH: französischer, kleiner (< 1 Mrd. Euro Jahresumsatz in vielen IT-gebieten, bis zu priv. Hausanschlüssen) billig-heimer, dessen jahrelang betriebene pop-up-container-rechenzentren auch schon mal in flammen aufgehen.
dieser langgehegten anlehnung des bmi an ovh steht auf der bmds-seite eher eine orientierung an die m.e. deutlich stärkere schwarz-gruppe gegenüber.
"Wissenschaftliche Perspektiven" ?
Der 'Digitalisierungsmodernisierung' der (Staats-)Verwaltung(en) unterliegen offenbar immer noch keine überprüfbaren Fach- u. DV-Konzepte, doch zugleich ist aber von Großansprüchen a la "Souveränität", "Ausfallsicherheit" usw. die Rede. Ohne öffentlich-transparente Konzepte ist wohl auch kaum relevante Wissenschaft dazu möglich.