Lesenotiz zu „Enduring Enmity. The Story of Otto Kirchheimer and Carl Schmitt“ von Hubertus Buchstein

Nochmal Carl Schmitt? 

„Es vergeht doch kaum ein Monat, in dem nicht irgendwo auf dieser Welt ein Buch über Carl Schmitt erscheint“ bilanzierte Volker Neumann (2015, S. V) im Vorwort seines Werkes Carl Schmitt als Jurist. Ausgehend von dieser Feststellung Neumanns ist die Frage berechtigt, ob man zu Carl Schmitt eigentlich noch etwas Neues schreiben kann? Gibt es nach der umfassenden Biografie von Reinhard Mehring (2009), die 2022 in einer überarbeiteten und deutlich lesbareren Auflage erschien, noch etwas zu Schmitt zu sagen, was bisher noch nicht veröffentlicht wurde? Hubertus Buchstein hat, diesen Fragen zum Trotz, ein neues Werk zu Carl Schmitt und Otto Kirchheimer vorgelegt. Und das mit Ertrag: Indem er Schmitt aus der Perspektive einer seiner Schüler betrachtet, gelingt es ihm tatsächlich, die Schmitt-Forschung um eine weitere Facette zu bereichern. 

Die englischsprachige Studie Enduring Enmity. The Story of Otto Kirchheimer and Carl Schmitt ist als kontrastierende Werkbiografie angelegt – Buchstein selbst bezeichnet sie als eine doppelte politische Biografie (S. 32). Er zeichnet darin die bisher wenig erforschte Werk- und Lebensgeschichte Otto Kirchheimers nach und stellt dieser eine Werkbiografie Schmitts gegenüber. Die Idee für das Buch entstand laut Buchstein bei der Arbeit an den gesammelten Schriften Otto Kirchheimers. Wie er in einem Interview mit Helmut König für die Zeitschrift für Politische Theorie berichtete, beeindruckte ihn das Material, das er in zahlreichen Archiven in den USA und in Deutschland gefunden hatte, so sehr, dass er „ein englischsprachiges Buch über die verschiedenen biografischen, politischen und theoretischen Facetten im Verhältnis von Kirchheimer zu Schmitt zu schreiben“ (S. 266) begann. Eingeflossen sind zudem zahlreiche Gespräche, die er im bisherigen Zeitraum seiner akademischen Tätigkeit geführt hat (vgl. für eine Übersicht S. 44–45). Auf einer Veranstaltung am Law & Society Institute der Humboldt-Universität zu Berlin berichtete er, dass es daher auch sein bisher persönlichstes Werk sei. 

 

Thesen und Methodik 

Buchstein verfolgt mit dem Buch das Ziel, die Beziehung zwischen Carl Schmitt und seinem (vermeintlichen) Schüler Otto Kirchheimer nachzuzeichnen. Dabei vertritt er die These, dass diese Beziehung durch eine „enduring enmity“, also eine immerwährende Feindschaft, geprägt gewesen sei (S. 32). Im Zusammenhang mit dieser These möchte er zwei verbreitete Annahmen widerlegen: 

Zunächst entkräftet er ein Narrativ, das – laut Buchstein – von Carl Schmitt selbst in die Welt gesetzt wurde (vgl. S. 470–471). Demnach habe Kirchheimer nach 1945 wieder den Kontakt zu ihm (Schmitt) aufgenommen und ihn auch mehrfach auf seinem Anwesen in Plettenberg besucht. Wie Buchstein herausarbeitet, war es vielmehr Schmitt, der über Ossip K. Flechtheim den Kontakt zu Kirchheimer suchte, um ihn als Entlastungszeugen für das Verfahren gegen ihn in Nürnberg zu gewinnen (vgl. S. 359). Zudem kam es nach Kriegsende bloß zu einem einzigen Treffen – Kirchheimer besuchte Schmitt am 27. November 1949 (S. 390). Danach bestand der Kontakt lediglich aus vereinzelten Briefen, bevor er dann im Zusammenhang mit der gescheiterten Promotionsprüfung George Schwabs im Frühjahr 1962 vollständig abbrach (S. 456). 

Darüber hinaus möchte Buchstein widerlegen, dass Kirchheimer Vertreter eines „Linksschmittianismus“ war, wie es beispielsweise von Alfons Söllner und Riccardo Bavaj angedeutet wurde (vgl. S. 39). Als „Linksschmittianismus“ definiert er „the transformation of Schmittian concepts or categories into the framework of legal or political theories with emancipatory political intentions.“ (ebd.). Vertreter*innen, wie beispielsweise Chantal Mouffe, nutzen Schmitts politiktheoretische Schriften – insbesondere seine Kritik am Liberalismus –, um für eine progressive Politik zu werben. Buchstein möchte zeigen, dass Kirchheimer Schmitts Werk auf diese Art und Weise nicht rezipierte. Es ist nicht weniger als eine Pointe, wenn er als viel grundlegenderen Einfluss auf Kirchheimer Schmitts Antipode aus dem Methodenstreit der Weimarer Staatsrechtslehre anführt: Rudolf Smend. Dieser war laut Buchstein Kirchheimers „first academic mentor“ (S. 56). Auch wenn er die im Interview mit Helmut König formulierte These, dass für Kirchheimer „die Bezeichnung ‚Links-Smendianer‘ vermutlich besser“ (S. 266) zutreffe, im Buch nicht wiederholt, betont Buchstein mehrfach die wichtige Rolle Smends für Kirchheimers Werdegang. Nicht zuletzt führt er aus, dass Kirchheimers Hauptwerk Political Justice „a Smendian answer to a Schmittian formulation of the problem“ (S. 445) darstellt. Die Absicht hinter diesen beiden Argumenten liegt auf der Hand: Es geht darum, den Leser*innen vor Augen zu führen, wie perfide und böswillig Schmitt war. Und Kirchheimer von dem kontaminierenden Ruf Schmitts zu befreien. 

Buchstein erzählt die Geschichte seiner beiden Protagonisten streng chronologisch. Er beginnt in der Weimarer Republik, genauer im Jahr 1925 mit dem Wechsel Kirchheimers an die Universität Bonn, und endet mit Kirchheimers Tod, bzw. der Legendenbildung durch Schmitt nach Kirchheimers Tod. Die Untersuchung gliedert er in 18 Kapitel. Mit Ausnahme von Einleitung und Schluss wird jedes davon – entsprechend Buchsteins gewählter Methode der „Lageanalyse“ (S. 31) – mit einer ausführlichen Betrachtung des zeitgeschichtlichen Kontextes eingeleitet. Anschließend werden die Schriften Schmitts, die im Betrachtungszeitraum des jeweiligen Kapitels entstanden sind, zusammengefasst und eingeordnet. Darauf folgt das gleiche Prozedere für Kirchheimer. Die „enduring enmity“ zeichnet Buchstein im Sinne einer sich intensivierenden Feindschaft nach. Er rekonstruiert durch die Analyse des Briefwechsels, von Tagebucheinträgen und Notizen aus den Nachlässen, was Schmitt und Kirchheimer übereinander dachten. Zudem erfolgt insbesondere bei den Schriften Kirchheimers eine intensive Quellenexegese, um die Einordnung als „Links-Schmittianer“ zurückzuweisen.  

 

Zur Sprachwahl 

Dass das Buch auf Englisch verfasst wurde, überrascht zunächst. Denn nicht nur hat Kirchheimer einen Großteil seines Werkes auf Deutsch publiziert – auch von Schmitt sind noch immer nicht alle Arbeiten ins Englische übersetzt worden. Buchstein begründet seine Sprachwahl nicht explizit, aber an mehreren Stellen wird im Buch auf die apologetische Haltung zu Schmitt im angloamerikanischen Raum verwiesen (vgl. bspw. S. 184). Somit lässt sie sich durchaus als Intervention verstehen: Buchstein adressiert vor allem die englischsprachige Schmitt-Forschung. 

Zudem stört sich Buchstein auch an sämtlichen englischen Übersetzungen von Schmitts Werken. Denn statt auf die publizierten Übersetzungen zurückzugreifen, ließ er seine Übersetzerin sämtliche Zitate von Schmitt eigenständig ins Englische übertragen. In ihrem lesenswerten Translator’s Preface (S. 15-23) berichtet Sandra Lustig von den Schwierigkeiten, die Schriften Schmitts, die in der Zeit des Dritten Reiches veröffentlicht wurden, angemessen ins Englische zu übertragen. Die sprachlichen Eigenwilligkeiten des Nationalsozialismus – diese hat der Sprachwissenschaftler Victor Klemperer in seinem 1947 erschienenen LTI – Notizbuch eines Philologen umfangreich herausgearbeitet – lassen häufig keine direkte Übersetzung zu. Als Negativbeispiel führt sie Franz L. Neumanns monumentale Studie Behemoth (1942/1944) an: Neumann übersetzte Blut mit blood und Gemeinschaft mit community – die spezifisch völkische Konnotation, die den Begriffen im NS-Kontext zuteilwurde, ging dadurch verloren (vgl. S. 22). 

Es bleibt zu wünschen, dass sich künftige Übersetzungen denselben kritischen Maßstab anlegen. Das angefertigte Glossar im Anhang des Buches (S. 507–516), in dem die eigenwillige Bedeutung nationalsozialistischer Begrifflichkeiten dechiffriert wird, könnte (und sollte) so weitere Verwendung finden. 

 

Fazit 

Hubertus Buchstein behandelt in diesem Werk die schwierige Frage, wie sich der vermeintliche Einfluss eines Theoretikers – hier Carl Schmitt – „nachweisen“, bzw. in diesem Falle „widerlegen“ lässt. Das ist kein einfaches Unterfangen. Doch gelingt es Buchstein durch die genaue Rekonstruktion der Beziehung der beiden Protagonisten einen größeren Einfluss Schmitts auf Kirchheimer zurückzuweisen. Darüber hinaus überzeugt auch Buchsteins These, dass Kirchheimer kein Links-Schmittianer war. Nicht nur griff Kirchheimer nur zu Beginn seines Schreibens auf wenige Konzepte Schmitts zurück – er kritisierte seinen akademischen Lehrer sowie später auch dessen Schüler heftig. Buchstein gelangt daher zu dem überzeugenden Fazit: „The fact that he completely abandoned Schmitt’s concepts and theories makes him a non-Schmittian, if not an anti-Schmittian“ (S. 494). 

Hubertus Buchstein verbindet die Geschichte dieser eigenwilligen Beziehung mit zahlreichen interessanten Anekdoten – bspw. macht er auf die wichtige Rolle Kirchheimers für die Entstehung des bereits erwähnten Werkes Behemoth von Franz L. Neumann aufmerksam (vgl. S. 307). Und auch vor polemischen Beschreibungen scheut er sich nicht – George Schwab bezeichnet er als „a late mouth-piece of Schmitt’s, so to speak“ (S. 208). 

Trotz dieser Leistung möchte ich an dieser Stelle auch Kritik an dem Buch anbringen. Zum einen ist das Buch zu lang. Um seine Argumente zu unterbreiten und seine Thesen zu belegen hätte Buchstein keine 500 Seiten füllen müssen. Die breiten Ausführungen zu Schmitt, dessen Werk- und Lebensgeschichte bereits mehrfach umfassend dargestellt wurde, und die teilweise minutiöse Rekonstruktion von Kirchheimers Aufsätzen hätte es meiner Ansicht nach nicht gebraucht. Eine solche Rekonstruktion findet sich etwa in der von Buchstein editierten Gesamtausgabe der Werke Kirchheimers mit ausführlichen Einleitungen und Einordnungen. Zum anderen stellt sich mir die Frage, ob nicht die Überschrift des fünften Kapitels „Escalating Antagonisms“ ein besserer Titel für das Buch gewesen wäre. Denn dass zwischen Kirchheimer und Schmitt eine „Enduring Enmity“, also eine immerwährende Feindschaft, bestanden habe, folgt für mich aus dem Material, das Buchstein ausbreitet, so nicht. Insbesondere Schmitt schien zunächst, trotz der politischen Differenzen, sehr angetan von Kirchheimer (vgl. bspw. die ausgesprochen positive Bewertung seiner Dissertation, S. 64). Es war also keineswegs eine Feindschaft auf den ersten Blick. Und auch nach 1949 deutet wenig darauf hin, dass Schmitt in Kirchheimer – zumindest bis zu der missglückten Dissertation George Schwabs – einen Feind erkannte. Insofern ist der Titel des Buches ein wenig irreführend. Doch sollen diese Anmerkungen den wichtigen Beitrag, den dieses Werk für die Schmitt-Forschung bereitstellt, nicht schmälern. Im Gegenteil. Ob Buchstein mit seiner Warnung für einen kritischeren Umgang mit Schmitt Erfolg haben wird, kann nur die Zukunft zeigen. Zu wünschen wäre es allemal. 

 

Lennard Gottmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und promoviert an der Georg-August-Universität Göttingen mit einer Arbeit zu Ernst-Wolfgang Böckenförde. 

 

Ein Kommentar zu “Lesenotiz zu „Enduring Enmity. The Story of Otto Kirchheimer and Carl Schmitt“ von Hubertus Buchstein

  1. Ich finde den Text von Lennard Gottmann prinzipiell interessant und sprachlich gut geschrieben, erfährt man doch etwas über Hintergründe und Argumentation des Buches von Herrn Buchstein zu Kirchheimer und Schmitt.

    Zugleich lässt mich doch eine Frage ratlos zurück: Warum ist es so wichtig zu zeigen, dass Carl Schmitt „perfide und böswillig“ war? Denn diese (moralische) These steht – laut Gottmann – hinter dem neuen Werk Buchsteins. Aber auch Gottmann scheint sie nicht nur prinzipiell zu teilen, wenn er untersucht, wo die Beweisführung überzeugend gelungen ist und wo nicht und wenn er der kritischen Sicht auf Schmitt am Ende seines Textes möglichst viel Erfolg wünscht. Nein, vielmehr scheint er sich sicher, dass er damit die meisten seiner Leser hier genauso abholt. Zumindest für viele der deutschen Leser, die hier im Blog aktiv sind, mag das sogar richtig sein. Im angloamerikanischen Raum ist man hingegen zu „unkritisch“, so die Aussage hier. Vielleicht mag der ein oder andere bereits das Politische hier erkennen. 😉

    Der urteilende Charakter, der etwas unbemerkt hinter dieser Übung steht ist übrigens ein Aspekt, den Carl Schmitt selbst konkret gesehen hat und mit seiner politischen Theologie aufzeigen konnte. Und vielleicht – das sei nur meine Einschätzung, und damit die eines Laien – ist genau das der Grund, warum man außerhalb Deutschlands Schmitt gegenüber häufig offener eingestellt ist. Denn Wertungen wollen nicht selbstverständlich akzeptiert werden. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Mit mir kommentiert hier ein durch und durch liberal eingestellter Mensch. Und doch lässt sich Schmitts „Punkt“ eben durch ihn so klar sehen und nachzeichnen, wie es vielleicht keinem anderen Kritiker des Liberalismus gelungen ist. Das kann man anerkennen und es scheint mir enorm wichtig zu zeigen, warum man anderer Meinung ist – so wie Böckenförde es tat. Wenn man aber von vorneweg bereits die Stellschrauben von Schmitts Argumentation moralisch bewertet, muss man nicht mehr darauf eingehen, wie (gut) sie funktioniert.

    Meine Vermutung wäre, dass weder Herr Buchstein noch Herr Gottmann noch viele andere deutsche Schmitt Kritiker etwas an der Fastzination Schmitts ändern, indem sie Gründe für eine moralische Einordnung vorbringen. Schmitt kann man nur fassen, wenn man zeigt dass man sich offen mit seiner Analyse beschäftigt und aufzeigt warum man inhaltlich überzeugend zu anderen Ergebnissen kommen kann. Gewiss, auch das wurde vielfach gemacht, aber Schmitt macht es uns eben nicht so leicht, auch wenn man natürlich genug kleinteilige Ansatzpunkte findet. Wenn wir dann aber parteiisch und moralisch werden, wird es eben auch politisch im Schmittschen Sinne. Und eben nicht mehr wissenschaftlich.

Kommentare sind deaktiviert.