Fanon Schwerpunkt: Fanon als Stiftungsfigur politischer Phänomenologie

Frantz Fanon ist zu einem bedeutenden Referenzautor kritischer Theoriebildung geworden. Ist sein Denken in der deutschsprachigen Debatte lange Zeit vorrangig in der Interpretationslinie des Postkolonialismus verhandelt worden (Kerner 2015; Kerner 2021; Ehrmann 2014; Thompson 2015), lässt sich gegenwärtig eine vertiefte Rezeption in der politischen Philosophie und Theorie feststellen. Zwei Diskurse lassen sich dabei hervorheben: Fanons eindringliche Analysen der kolonialen Kontinuitäten haben sich zum einen als äußerst anschlussfähig an Radikale Demokratietheorien erwiesen, insofern seine antikoloniale Widerstandstheorie an die Forderung einer „Politisierung des Volkes“ (Fanon 1966, 154) geknüpft ist. Zum anderen hat Fanon mit seinen erfahrungsgesättigten Denkfiguren und -motiven die politische Phänomenologie geprägt. 

Auch wenn die genannten Diskurslinien von der gemeinsamen Einsicht getragen sind, dass koloniale Erfahrungsstrukturen als politisch gewachsen und in historisch kontingente Herrschaftskonstellationen eingelassen sind, die es abzutragen gilt, soll nachfolgend gezeigt werden, was eine politphänomenologische Analyse in dieser Hinsicht mehr oder anderes zu leisten verspricht. Unsere These lautet, dass der kritischen Infragestellung und Umarbeitung der kolonisierten Sinn- und Handlungsfelder eine Erfahrungsanalyse vorausgehen muss, die die spezifischen epistemischen, affektiven und sozialen Blockaden, Hürden und Einschränkungen ebendieser Erfahrungen sichtbar werden lässt. Als reflexive Philosophie der Erfahrung ist dies primäre Aufgabe einer politischen Phänomenologie.   

Kaum jemand hat solche Anstrengungen unternommen, die kolonialen Hintergrundbedingungen unserer Erfahrung transparent werden zu lassen, wie Fanon. So gesehen kann Fanon als eine Stiftungsfigur der politischen Phänomenologie gelten. Zentrale Bestandstücke dessen, was heute als politische Phänomenologie zählt, hat er materiell und begrifflich vorbereitet. Nachfolgend rücken wir drei konzeptuelle Ressourcen in den Mittelpunkt, die für die politische Phänomenologie produktiv gemacht werden können: (1) Stiftung, (2) Situierung und (3) Subjektivierung. Dabei stehen sich diese Konzepte nicht getrennt voneinander gegenüber, sondern sind ineinander verwoben und ergeben ein Spannungsfeld, innerhalb dessen sich die Erfahrung spezifischer Subjekte sedimentiert. Insofern die genuine Erfahrung des rassifizierten Subjekts, wie Fanon gezeigt hat, durch Widersprüchlichkeit, Konflikt und Ambivalenz geprägt ist, bergen diese Konzepte auch ein Anregungspotential für die Politische Theorie. Somit helfen diese Konzepte nicht lediglich dabei, die koloniale Textur unserer Erfahrung beschreibbar zu machen, sie weisen zugleich auch über diesen Erfahrungshintergrund hinaus.  

 

1. Stiftung  

„Stiftung“ ist ein terminus technicus der Phänomenologie, mit dem Ereignisse bezeichnet werden, die ein Bedeutungsfeld eröffnen. Anders als ein „Ursprung“ ist das Feld mit einer Stiftung nicht schlechthin gegeben, als wäre es das geistige Eigentum ihrer Gründer:innen. Vielmehr bedarf der gestiftete Möglichkeitsraum iterativer „Nachstiftungen“ (Husserl, Krisis, 72), um sich als Feld zu sedimentieren und fortzusetzen. Fanon im Sinne dieser Begriffsherkunft als Stiftungsfigur zu bezeichnen, besagt, dass er das Feld der politischen Phänomenologie (mit-)eröffnet hat und es dieses ohne ihn nicht gäbe, ohne dass es als Ganzes auf ihn zurückzuführen wäre. Denn eine Stiftungsfigur ist nicht mit einer Stifterfigur zu verwechseln. Er ist nicht der Stifter einer Theorie oder einer Terminologie, da er selbst diese nicht intentional inauguriert hat. Eine Stiftungsfigur weiß selbst nicht, dass sie gestiftet haben wird. 

Ausgehend von dieser theoretischen Einordnung des Begriffs lässt sich ein entscheidendes Stiftungsereignis reflektieren, das Fanon zufolge für die schwarze Erfahrung  paradigmatisch ist. Gemeint ist die mit dem weißen Blick einhergehende Adressierung, die eine person of color allererst als schwarzes Subjekt konstituiert. Ähnlich wie bereits W.E.B. Du Bois die Erfahrung des double consciousness anhand einer emblematischen Kindheitserfahrung beschreibt, erinnert sich auch Fanon an den Moment, in dem er sich als Objekt für den weißen Blick bestimmt erfährt. „An jenem Tag“, schreibt Fanon, „da ich desorientiert war, außerstande, mit dem anderen, dem Weißen draußen zu sein, der mich unbarmherzig einsperrte, begab ich mich weit, sehr weit fort von meinem Dasein und konstituierte mich als Objekt.“ (Fanon 2016, 96) Diese Anrufungsszene ist ein Stiftungsereignis in dem Sinne, als sie ein neues Sinnfeld eröffnet, in dem sich der schwarze Körper – vermittelt über die weiße Blickstruktur – selbst neu erfährt und erfahren muss:  In der Szene wird eine auf Abwertungsgesten basierende rassistische Epistemologie mobilisiert, die das schwarze Subjekt als fremdartigen, aggressiven, unzivilisierten und monströsen Antagonisten imaginieren. Dieses durch den Einbruch des sogenannten „epidermischen Rassenschemas“ (Fanon 2016, 81) gestiftete Selbstverhältnis wird außerdem durch eine Reihe von Nachstiftungen stabilisiert, die von rassistisch motivierten Ausschlüssen und Kriminalisierung bis hin zu epistemischer Gewalt und Dehumanisierung reichen kann. 

Die Anschlussfähigkeit des politphänomenologischen Grundbegriffs der Stiftung an die politische Theorie zeigt sich nun nicht lediglich daran, dass Erfahrungen der Rassifizierung als in politische Kämpfe und diskursive Hegemonien verstrickt verstanden werden. Sie stimmen außerdem mit der Kontingenzthese Radikaler Demokratietheorien überein: Stiftungsfiguren vermögen die Institutionalisierung nie ganz zu garantieren, weil der Gründungsort der Institution nie vollständig und legitimiert zu besetzen wäre.  Somit erweisen sich Stiftungsfiguren als „bodenlos situierte“. Stiftung politisch zu denken, bedeutet dann, mögliche Anschlüsse in ihrer pluralen Individuierung wählen zu müssen, dabei aber ihrer Unbegründetheit eingedenk zu bleiben.  

 

2. Situierung  

Mit der Situierung ist ein zweites Begriffsfeld der politischen Phänomenologie angesprochen, mit dem Fanon die Perspektivität und Eingebettetheit der Erfahrung in gesellschaftliche und politisch formatierte Bezugsrahmen herausarbeitet. Denn Strukturen der Erfahrung schweben nicht im luftleeren Raum, sondern sind an spezifische Situationen rückgebunden, von denen ausgehend sich Subjekte im sozialen Raum bewegen, Geltungsansprüche stellen und epistemische sowie affektive Ressourcen sowie Erwartungshaltungen ausbilden. Ein paralleles Argument findet sich auch in feministischen Epistemologien, wodurch sich wiederum eine Anschlussstelle an zeitgenössische Diskurse der politischen Theorie ergibt: Die politische Phänomenologie teilt mit feministischen Standpunkttheorien die Prämisse, dass Existenzweisen von materiellen Gegebenheiten bedingt und damit durch die soziale Verortung vorgeformt sind. Wie nicht zuletzt Werke wie die von Iris Marion Young und Sara Ahmed zeigen, ergänzt politische Phänomenologie Standpunkttheorien um einen ausgearbeiteten Erfahrungsbegriff. Während Standpunkttheorien Situiertheit primär auf epistemische Ressourcen beziehen, eröffnet die politische Phänomenologie ein Erfahrungsfeld affektiver, sozialer und leib-körperlicher Existenzweisen, die den „Horizont der Möglichkeiten des erfahrenden Ichs“ (Bedorf 2023, 933) abstecken. 

Entscheidend ist nun, dass Fanon den Situationsbegriff in einen neuen historischen Kontext hebt und für eine kritische Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Kolonialismus produktiv macht. In seinem späten Hauptwerk Die Verdammten dieser Erde spricht er dabei von der „kolonialen Situation“ (Fanon 1961, 30), die durch einen tiefgreifenden Antagonismus zwischen Kolonisierten und Kolonialherrn geprägt ist. Dieser Antagonismus beruht auf der Ausbeutung, Plünderung und Dehumanisierung der Kolonisierten und instituiert eine normative und „zweigeteilte“ Ordnung, im Rahmen derer das kolonisierte Subjekt zur „Quintessenz des Bösen“ (Fanon 1961, 34) erklärt wird. Diese Ordnung entspricht dem, was Charles Mills unter dem sogenannten „racial contract“ gefasst hat. Es ist gerade diese Situation der Unterdrückung, von der her sich die (politisch konstituierte) Welt- und Selbsterfahrung des kolonisierten Subjekts allererst erschließen lässt. Diese ist, ihrer Anlage nach, konflikthaft, spannungsgeladen und fixierend: „Gegenüber der kolonialen Ordnung“, so heißt es bei Fanon, „befindet sich der Kolonisierte in einem Zustand permanenter Spannung. Die Welt des Kolonialherrn ist eine feindliche Welt, die ihn zurückstößt […]“ (Fanon 1961, 44). Die feindliche Welt führt, wie Fanon insbesondere in Schwarze Haut, weiße Masken an vielen prominent diskutierten Beispielen zeigt, so letztlich zu einem einschränkenden Handlungshorizont, der für die Erfahrung des schwarzen Subjekts konstitutiv ist. „Man verlangte von mir“, so bringt Fanon diese Einschränkung wiederholt zum Ausdruck, „mich zu vergraben, mich zusammenzuziehen“ (Fanon 2016, 98). Somit hat die koloniale Situation einen defensiven Handlungsgestus zur Folge, der sich in den Habitualisierungsmustern und Praxiszusammenhängen entsprechend verstetigt. Die phenomenology of being stopped“ (Ahmed 2007, 162) – von Ahmed später prominent gemacht – ist schon bei Fanon angelegt und bedeutet eine aus Situiertheit gewonnene Korrektur der klassisch phänomenologischen Deutung des Leibkörpers als Ort des „Ich kann“. Wo Handlungsmöglichkeiten und besetzbare Orte für Schwarze in einer weißen Welt beschränkt oder ausgeschlossen sind, wäre eine Orientierung am freien Handlungspotential als einem simplen “Können” eine Idealisierung. 

 

3. Subjektivierung  

Die posthusserlsche Phänomenologie ist keine „Subjektphilosophie“, da die „korporale Differenz“ – die Unterscheidung zwischen „Leib“ und „Körper“ – eine differenztheoretische Unterscheidung in die Subjektivität einträgt. Wir sind nicht nur unser Leib als „Nullpunkt aller Orientierung“ (Husserl, Ideen II, 158), sondern wir haben auch unseren Körper, der Habitualisierungen, Zuschreibungen und Zuschnitten unterworfen ist und der die sozialen Herrschaftsordnungen (oft schmerzhaft) materialisiert. Das bedeutet, dass Subjekte nicht immer schon Subjekte sind, sondern erst Subjekte werden. Politische Phänomenologie schließt in dieser Hinsicht an die Begrifflichkeit an, die von Beauvoir, Althusser, Foucault, Butler und anderen geprägt wurde, in dem sie Prozesse der Subjektivierung nachzeichnet, anstatt von gegebenen Subjekten zu sprechen. Fanon ist dafür ein wegweisender Autor, da sich seine Konzeption schwarzer bzw. kolonialer (De-)Subjektivierung als doppelbödig erweist: Zum einen führen die weißen Adressierungsstrukturen und rassistisch unterfütterten Anrufungsgesten zu einer sozialen Subjektivierung, für die defensive Habitualisierungspraktiken und Aufmerksamkeitsstrukturen spezifisch sind. Zum anderen lassen sich diese verengten Handlungsmodi aber auch herausfordern und im Sinne einer politischen Subjektivierung kontestieren.  

In Fanons Werk lassen sich einige Anhaltspunkte ausmachen, die einen solchen transitorischen Prozess anstoßen: Das durch den weißen Blick aufgedrängte rassifizierte Körperschema erzeugt eine „endgültige Strukturierung des Ichs und der Welt“ (Fanon 2016, 95), in der sich das schwarze Subjekt seiner (schmalen) Spielräume vergewissern muss. Diese werden dadurch gebrochen, dass der weiße Blick die organische Totalität des Weltbezugs und damit zugleich die Lebenswelt des Schwarzen kollabieren lässt. Die Welt gerät aus den Fugen, während die Subjektivität zugleich verdinglicht wird, wie Fanon in Analogie zur jüdischen Subjektivierung, die er über Sartres „Réflexions sur la questions juive“ kennen- und schätzengelernt hatte, formuliert. Um politisch handlungsfähig zu werden – auch das ließe sich von der politischen Phänomenologie Fanons lernen – muss man sich von solchen Zuschreibungen distanzieren können. Die ontologische und soziale „Amputation“ (Fanon 2016, 121) der Subjektivität wird abgelehnt, um einer Affirmation Platz zu machen, die erst eine andere Subjektivierung eröffnet: „Findet Euch mit mir ab, ich finde mich mit niemandem ab.“ (Fanon 2016, 113f.) Damit ist eine Argumentationsfigur angesprochen, die im Selbstverständigungsdiskurs der Radikalen Demokratietheorien prominent von Jacques Rancière vertreten wird: Jede (politische) Subjektivierung setzt – mit Rancière gesprochen – eine „Des­Identifizierung“ voraus, in der ein „Abstand“ (Rancière 2002, 48) etabliert wird, in dem Subjekte handeln können. Politphänomenologisch gewendet könnten wir sagen, dass die Positionierung eine Abstandnahme von der Situiertheit voraussetzt. Um eine Positionierung möglich zu machen, muss eine De-­Positionierung erst den (Spiel­)Raum schaffen.  

 

4. Fazit 

Mit der Stiftung, der Situierung und der Subjektivierung sind drei Begriffsfelder angesprochen, die sich aus Fanons politischer Phänomenologie destillieren und an zentrale Diskurse der politischen Theorie andocken lassen. Da sich Fanons Werk keineswegs nur aus phänomenologischen Quellen speist, lässt sich dessen Lektüre nicht nur für politische Phänomenologie fruchtbar machen. Doch stellt er für diese eine zentrale Referenz dar, die immer noch nicht zur Gänze ausgeschöpft ist. Das liegt nicht zuletzt an der paradoxen Zeitstruktur, die gemäß der politischen Phänomenologie jedem stiftenden Anfang innewohnt. Denn wie bereits erwähnt kann im Moment des Ereignisses nie klar (oder für die Beobachter:innen formulierbar) sein, dass es sich um eine Stiftung handelt. Stiftungsereignisse können je erst nachträglich zu einem solchen erklärt werden, weil sie ihre eigene Bedeutung nicht mit sich führen. Wie etwa Alain Badiou deutlich macht, sagt das Ereignis der Stiftung nicht selbst, dass es eines ist (Badiou 2005). Deutungen ergeben sich nur après coup, aber ohne Deutung keine Stiftung. 

Mit Blick auf den Ausgangspunkt unseres Beitrags steht Fanons Werk, das die Erfahrungen kolonialer rassifizierter Subjekte erschließt, für eine vermittlung von Erfahrungen und politischer Theoriebildung. Mit seinem Beitrag zu einem Begriff situierter Erfahrung, der die herrschaftsbedingten Strukturen der Ermöglichung dieser Erfahrungen erst zu sehen erlaubt, bringt er politische Phänomenologie auf die Spur. Im Sinne eines Aufschubs jeden gestifteten Sinns ist die Bedeutung von Fanon für die politische Phänomenologie zwar sichtbar, aber noch lange nicht ausgedeutet. 

 

Thomas Bedorf lehrt und forscht am Institut für Philosophie der FernUniversität in Hagen. 

Michaela Bstieler ist Kollegiatin der Doctoral School “Dynamiken von Ungleichheit und Differenz im Zeitalter der Globalisierung” der Universität Innsbruck.