Frantz Fanon war kein Politiktheoretiker im engeren, akademischen Sinne. Dennoch hat er in seinem in Jahren kurzen, an Erfahrungen reichen Leben – er starb bereits im Alter von 36 – eine ganze Reihe von Texten verfasst, die der Politischen Theorie (ebenso wie der Welt) noch heute viel zu sagen haben. Das hat zwei Gründe. Zum einen hat Fanon Themen in den Mittelpunkt seiner theoretischen Auseinandersetzungen gerückt, die in der Politikwissenschaft zu Unrecht noch immer ein Nischendasein fristen: Die Auswirkungen von strukturellem Rassismus etwa und die zentralen Mechanismen und Nachwirkungen kolonialer Regierungsformen. Zum anderen sind seine Texte nicht nur von einer enormen Weitsicht geprägt, sondern zudem von einem kritischen Zugang im besten Sinne. Denn Fanon legte zum einen scharfe Diagnosen der kolonialen Welt vor, in der er lebte. Zugleich sind seine Schriften immer auch von einer selbstreflexiven Haltung geprägt. Dies gilt bezogen auf ihn selbst, wenn er autobiographisch schreibt, und mit Blick auf sein eigenes politisches Lager, wenn er gesellschaftskritisch analysiert und argumentiert. Allein schon die skizzierte Kombination ist ungewöhnlich – zumindest in der akademischen Politischen Theorie.
Fanon als Arzt, Aktivist, Theoretiker
Studiert hatte Fanon Medizin – und sich gegen Ende seines Studiums für eine psychiatrische Spezialisierung entschieden. Allerdings hatte er während seines Studiums breit gelesen, und zwar Theorie, Theaterstücke und auch poetische Werke; was sich in seiner Bibliothek befand, ist in der 2015 erschienenen, von Jean Khalfa und Robert Young unter dem Titel Écrits zur l’alienation et la liberté herausgegebenen Sammlung kleinerer Schriften dokumentiert, die drei Jahre später unter dem Titel Alienation and Freedom auch nochmal auf Englisch herauskam. Seine erste berufliche Station hatte den damals nicht mal dreißigjährigen Fanon auf den Leitungsposten der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses im algerischen Blida geführt, wo er schnell grundlegende Reformen anstieß und sozialtherapeutische Behandlungsmethoden einführte. Sein erstes Buch, Schwarze Haut, weiße Masken, in dem er sich mit den psychischen Effekten von Rassismuserfahrungen auseinandersetze, war da bereits erschienen. Wenige Jahre später gab Fanon seine Chefarztposition auf und wurde Vollzeitaktivist der Nationalen Befreiungsfront FLN, stellte sein Schaffen also ganz in den Dienst des antikolonialen Kampfes. Fanon war also äußerst gelehrt, aber alles andere als ein der Welt entrückter Universitätsgelehrter. Seinen Schriften merkt man an, dass sie stark von gesellschaftlichen Erfahrungen und vom politischen Leben geprägt sind. Zudem bezeugen sie das dringliche Anliegen, den entmenschlichenden Effekten des europäischen Kolonialismus nicht nur zu entkommen, sondern ihnen ein Ende zu bereiten. Fanon schrieb mit Verve gegen Rassismus, Ausbeutung und Unterdrückung an – und reflektierte mit Persistenz über erfolgversprechende Strategien, aber auch mögliche Fallstricke des antikolonialen Kampfes.
Kolonialismus und Psychopathologie
Getragen war er dabei nicht von einem Glauben an die Kraft der Gewalt, wie ihm in der frühen politiktheoretischen Rezeption immer wieder unterstellt wurde. Fanon beschrieb die traumatisierenden und damit zerstörerischen Effekte von Gewalterfahrungen mit Nachdruck, und zwar auf Grundlage seiner eigenen therapeutischen Arbeit. Sein 1961, kurz vor seinem Tod erschienenes Buch Die Verdammten dieser Erde enthält ein ganzes Kapitel zum Thema „Kolonialkrieg und psychische Störungen“, das im Kern aus Fallbeschreibungen erkrankter Menschen besteht. Dabei handelt es sich sowohl um Algerier_innen als auch um Europäer_innen, also um Personen, die in der zweigeteilten, in Abteile getrennten Welt des Kolonialismus, die Fanon im ersten Kapitel desselben Buches beschreibt (S. 31, 1. Auflage der dt. Fassung von 1981), ganz unterschiedlich positioniert sind. Zudem macht das Kapitel über die psychischen Störungen ganz explizit jene gesundheitlichen Probleme zum Thema, die vom „nationalen Befreiungskrieg des algerischen Volkes“ hervorgerufen wurden (S. 210). Aufgrund dieser Entscheidung behandelt das Kapitel nicht allein die negativen Gesundheitsfolgen kolonialer Gewalt, sondern auch jene im Zusammenhang politischer Anstrengungen, dieser Gewalt ein Ende zu setzen. Dabei sind Fanon zufolge schon die negativen gesundheitlichen Auswirkungen der „ruhigen Periode einer gelungenen Kolonisierung“ erheblich; es gebe „eine regelrechte und umfangreiche Psychopathologie, die unmittelbar von der Unterdrückung hervorgerufen wird“ (S. 211).
Entmenschlichung und Krankheit
Die Ursache hierfür diagnostiziert Fanon in kolonialen Praktiken der Entmenschlichung, also letztlich in Formen des systematischen, institutionalisierten Rassismus. „Tatsache ist, daß sich schon die Kolonisation als eine große Lieferantin für psychiatrische Kliniken erwiesen hatte“, schreibt er (S. 210). Den Grund für diese massiven psychopathologischen Auswirkungen sieht er darin, dass der Kolonialismus „eine systematische Negation des anderen ist, eine blindwütige Entschlossenheit, dem anderen jedes menschliche Attribut abzustreiten“ (ebd.). Und so etwas hat eben oftmals Folgen. Der algerische Kolonialkrieg, der – das wissen wir aus den Geschichtsbüchern – ausgesprochen brutal war, verstärkte das Ausmaß psychischer Störungen im Vergleich zur „ruhigen Periode“ dann noch einmal erheblich. Fanon spricht hier von reaktiven Psychosen, ausgelöst durch „die blutige und unbarmherzige Atmosphäre, die allgemeine Verbreitung unmenschlicher Praktiken und de[n] unabweisbare[n] Eindruck […], daß man einer wirklichen Apokalypse beiwohne“ (S. 212).
Affektive Langzeitfolgen kolonialer Herrschaft
Fanon sah nun sehr klar, dass die von ihm diagnostizierten psychischen Störungen nicht so schnell wieder verschwinden würden, sondern vielmehr als nachhaltig wirkende koloniale Hinterlassenschaft ernstgenommen werden müssten. Er verwies mit Nachdruck darauf, „daß die menschliche Hinterlassenschaft Frankreichs in Algerien eine ganze Generation von Algeriern sein wird, die vom willkürlichen und kollektiven Totschlag mit allen seinen psychoaffektiven Nachwirkungen geprägt ist“ (S. 259, Fußnote 1). Und auch den antikolonialen Kampf selbst entließ er an diesem Punkt keineswegs aus der Verantwortung. Stattdessen schrieb er: „In einem seit mehreren Jahren unabhängigen afrikanischen Land hatten wir Gelegenheit, einen ehemaligen Widerstandskämpfer zu empfangen, einen Mann in den Dreißigern, der uns um Rat und Hilfe bat, weil sich beim Herannahen eines bestimmten Datums im Jahr Schlaflosigkeit einstelle, von Beklemmungen und überwertigen Selbstzerstörungsideen begleitet. An diesem kritischen Datum hatte er auf Befehl seiner Widerstandsorganisation eine Bombe gelegt; zehn Personen hatten dabei den Tod gefunden. Dieser Militant, der keinen Augenblick auf die Idee kam, für seine vergangene Aktion nicht mehr einzustehen, kannte sehr genau den Preis, den seine Person für die nationale Unabhängigkeit hatte zahlen müssen. Solche Grenzfälle werfen das Problem der Verantwortlichkeit im Rahmen der Revolution auf.“ (S. 212f.) Die zitierte Textpassage zeigt eindringlich, dass jede Interpretation zu kurz greift, die Fanon als Apologeten der Gewalt verhandelt, wie das etwa Hannah Arendt in ihrem Essay Macht und Gewalt getan hatte. Fanon war der Auffassung, der Kolonialismus und die mit ihm verbundene koloniale Gewalt in Algerien könne mit gewaltlosen Mitteln allein nicht beendet werden. Aber Fanon kannte eben auch den Preis des bewaffneten Antikolonialismus allzu gut.
Folgen einer Berücksichtigungslücke
Es ist interessant und vielleicht symptomatisch, dass das Kapitel über „Kolonialkrieg und psychische Störungen“ so lange unberücksichtigt geblieben ist in der Rezeption der Verdammten dieser Erde – in der Politischen Theorie und darüber hinaus. Denn diese Berücksichtigungslücke war folgenreich. Sie führte nicht bloß zu einer zweifelhaften Deutung der Gewaltbezüge in Fanons Buch. Sie bedeutete zudem die Dethematisierung seiner vorausschauenden Warnungen über Kolonialtraumata, jene psychischen Folgen des europäischen Kolonialismus samt der auf ihn reagierenden Formen von Widerstand und Selbstverteidigung, die heute als posttraumatische Belastungsstörungen bezeichnet, diskutiert und nach wie vor unzureichend behandelt werden. Schließlich verstellt die Berücksichtigungslücke den Blick auf Fanons unbedingten Humanismus. Dieser Humanismus hatte nichts mit Sonntagsreden zu tun. Vielmehr war er eine reflektierte theoretische Antwort auf die Unerträglichkeit jeder Entmenschlichungserfahrung. Auch an diesem Punkt muss man konstatieren, dass Fanons Antwort, die weit älter ist als ihm selbst je zu werden vergönnt war, aktueller kaum sein könnte. Denn Fanons Humanismus war tatsächlich inklusiv. Er transzendierte alle rassistischen Differenzlinien. Fanons Humanismus, der sich durch sein gesamtes Schaffen zog, war ein dekolonisierter Humanismus, der wirklich alle Menschen einschloss, bei dem jedes Leben und jede Person gleichermaßen zählte; und der in diesem Sinne gegen alle kolonialen Denkweisen gerichtet war. Als solcher harrt er noch heute seiner empirischen Realisierung.
Ina Kerner ist Professorin für Politische Wissenschaft im Institut für Kulturwissenschaft der Universität Koblenz. Ihre aktuellen Arbeitsschwerpunkte liegen zum einen an der Schnittstelle von Politischer Theorie und Postkolonialen Studien und zum anderen im Bereich Religion, Geschlecht und Politik. Sie ist Autorin u.a. des bereits 2016 erschienenen Aufsatzes „Frantz Fanon in der Politikwissenschaft. Potenziale seiner Rezeption“ (in: Aram Ziai (Hg.): Postkoloniale Politikwissenschaft. Theoretische und Empirische Zugänge, Transcript) und des Beitrags über Fanons Buch Die Verdammten dieser Erde in der von Manfred Brocker herausgegebenen Geschichte des politischen Denkens. Das 20. Jahrhundert (Suhrkamp 2018).
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