Lesenotiz zu Hannah Arendts „Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin“

Lesenotiz zu Hannah Arendt: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin / The Life of a Jewish Woman (= Kritische Gesamtausgabe/Complete Works. Critical Edition, Bd. 2, Göttingen 2021).

Eine der ungewöhnlichsten biographischen Erzählungen und das intimste Buch Hannah Arendts: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin ist soeben als Band 2 der Kritischen Gesamtausgabe erschienen. Es ist ein schöner Zufall, dass das Buch von Arendt – einer deutsch-jüdischen politischen Theoretikerin – über das Leben von Rahel Varnhagen – einer deutsch-jüdischen Salonnière und Schriftstellerin – in dem Jahr neu erscheint, in dem 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland begangen werden. Nach The Modern Challenge to Tradition: Fragmente eines Buchs (2018) und Sechs Essays. Die verborgene Tradition (2019) ist der Rahel-Band – unter der Leitung von Barbara Hahn – die dritte Buchveröffentlichung des Projekts. 

Anhand der Lebensgeschichte von Rahel Varnhagen setzt sich Arendt mit der Assimilationsgeschichte der Juden und Jüdinnen in Deutschland auseinander und liefert somit eine kritische historische Betrachtung des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert. Der 969 Seiten lange Band zeichnet Arendts Arbeit am Rahel-Buch, seine Entstehungs- und Publikationsgeschichte gründlich nach – die Kontextualisierungen und Kommentare sind zugleich wissenschaftlich fundiert und spannend. Leser*innen erhalten beispielsweise einen Einblick in Arendts Bemühungen, Rahel Varnhagen zu veröffentlichen (vgl. S. 876 ff.), und eine Vorstellung von den Debatten über das deutsche Judentum, die das damals unveröffentlichte Buch hervorrief (vgl. S. 889 ff.). Der Band nimmt die Leserin außerdem mit auf Spurensuche und rekonstruiert, wie die Biografie von Rahel Varnhagen Hannah Arendt fast dreißig Jahre lang begleitet hat.

Der Aufbau des Rahel-Bandes der kritischen Gesamtausgabe führt uns durch die Entstehungsgeschichte des Textes: Das Buch beginnt mit dem jüngsten der überlieferten Typoskripte, bietet dann die Endfassung von Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik in deutscher und englischer Sprache an, präsentiert Auszüge aus veröffentlichten und unveröffentlichten Tagebüchern und Briefen von Rahel Varnhagen sowie Essays, die Arendt über sie geschrieben hat. Der Kommentar und das Nachwort rekonstruieren die Publikations- und die Rezeptionsgeschichte von Rahel Varnhagen.

Im Jahr 1921 bekommt Arendt von ihrer Freundin Anne Weil, geb. Mendelssohn, das dreibändige Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde (1834) geschenkt. So lernt Arendt ihre „wirklich beste Freundin“ kennen, „die nur leider schon 100 Jahre tot ist“ (S. 904). Es scheint nur passend, dass Arendt das fertige Rahel-Buch dann Weil mit den Worten „Für Anne seit 1921“ widmet. Das Thema der Freundschaft begleitet das Rahel-Buch nahezu auf allen Etappen seiner Entwicklung. Barbara Hahn bezeichnet es als „ein Buch für die Freunde“ (S. 895). Auch an Kurt Blumenfeld schreibt Arendt 1959: „Denn geschrieben habe ich das doch ganz offenbar nur für Dich und natürlich ein bißchen für mich selbst“ (S. 895).

1929 beginnt Arendt die Arbeit an der Biographie; es soll Arendts Habilitationsschrift werden. Arendt stellt sich die Aufgabe, „Rahels Lebensgeschichte so nachzuerzählen, wie sie selbst sie hätte erzählen können“ (S. 133). Das Buch will aber nicht nur die Lebensgeschichte Rahel Varnhagens wiedergeben, sondern Arendt will dabei außerdem „ein[en] Aspekt der Problematik der Assimilation“ behandeln, „nämlich die Art und Weise, in der das Sich-Assimilieren an das geistige und gesellschaftliche Leben der Umwelt sich konkret in einer Lebensgeschichte auswirkte und so zu einem persönlichen Schicksal werden konnte“ (S. 135). Rahel Varnhagen, die mit ihren Briefen und Tagebuchaufzeichnungen in die Literaturgeschichte einging, versammelte in ihrer Berliner Dachstube ab 1790 Vertreter*innen unterschiedlicher Stände und Berufe, Glaubensrichtungen und politischer Orientierung, um die Kunstform des Gesprächs zu pflegen. Zu den Gästen des Salons von Rahel gehörten u.a. Wilhelm und Alexander von Humboldt, Heinrich Heine, G.W.F. Hegel, Prinz Louis Ferdinand und Pauline Wiesel. Die Tochter jüdischer Eltern, die als Rahel Levin geboren wird und später als getaufte Friedericke Varnhagen von Ense gestorben ist, verkörpert für Arendt die Irrungen und Wirrungen der jüdischen Assimilationsgeschichte im Deutschland der Romantik. Rahels Lebensgeschichte ist von ihrer Suche nach Identität und einem Platz in der Gesellschaft geprägt. Einen Großteil ihres Lebens hat sie damit verbracht, sich von ihrem Jüdisch-Sein zu distanzieren – sei es durch Taufe, Heirat eines Christen oder durch gesellschaftlichen Aufstieg. An ihrem Totenbett stellt sie dann jedoch fest: „Was so lange Zeit meines Lebens mit die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, [sic] eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht‘ ich das jetzt missen“ (S. 137). Diese Feststellung ist in Arendts Augen bezeichnend für Rahels Suche nach ihrer Position inner- und außerhalb der deutschen Gesellschaft: Auch wenn Rahel ihr Leben lang darauf bedacht war, sich zu assimilieren – und somit ein Parvenu gewesen ist, erkennt sie am Ende ihres Lebens den Vorteil der Position einer Außenseiterin und das neue Selbstbewusstsein, das sich daraus ergibt. Wenn Rahel den Antisemitismus ihrer vermeintlichen Freund*innen, die sie lediglich in Anwesenheit ihres deutschen Mannes Karl August Varnhagen duldeten, klar zu sehen beginnt, entscheidet sie sich dafür, sich mit ihrem Judentum zu versöhnen. Und so rechnet Arendt Rahel der „Tradition einer Minderheit unter den Juden, die keine Emporkömmlinge sein wollten und den Status des ‚bewussten Paria‘ vorzogen“ (S. 34). In einem ihrer Titelvorschläge kommt Arendts besondere Zuneigung für Rahel exemplarisch zum Ausdruck. 1956 schreibt sie – nach langem Hin und Her der Varianten – an Klaus Piper: „Ich habe natuerlich einen viel schoeneren Untertitel, der aber leider eben doch nicht geht. Naemlich: Rahel Varnhagen. Die Melodie eines beleidigten Herzens, nachgepfiffen mit Variationen von Hannah Arendt. Das ist naemlich genau, was ich gemacht habe.“ (S. 882 [sic])

Wie Barbara Hahn im Nachwort des Bandes feststellt: „Nichts war ‚einfach‘ an dieser Biographie. Entstehung, Veröffentlichung und Rezeption: alles war kompliziert“ (S. 871). Aus der historischen Rekonstruktion im Nachwort wissen wir nun, dass es drei Fassungen des Rahel-Buchs gegeben hat: die Berliner Fassung, die Pariser Fassung und die New Yorker Version.

Jedes Mal, wenn Arendt vor dem nationalsozialistischen Regime fliehen muss – 1933 erst aus Berlin nach Paris, dann 1941 aus dem Internierungslager Gurs über die Pyrenäen und Lissabon nach New York – schickt sie die jeweiligen Fassungen des Rahel-Manuskripts ihren Freund*innen zur Aufbewahrung. Als Arendt 1933 Berlin verlassen muss, schickt sie zunächst ein Exemplar des unvollendeten Typoskripts an Karl Jaspers nach Heidelberg, ein weiteres ihrem Vetter Ernst Fürst und dessen Frau Käte, die 1935 nach Palästina fliehen. Das dritte Exemplar nimmt Arendt mit nach Paris, wo sie weiter daran arbeitet. In Paris entstehen auch die zwei letzten Kapitel des Buches: „Zwischen Paria und Parvenu“ und „Aus dem Judentum kommt man nicht heraus“.

Erst nach Jahren im New Yorker Exil gelingt es Arendt, das Rahel-Manuskript wieder ausfindig zu machen: Es befindet sich in Jerusalem bei Gershom Scholem. Arendt lässt es sich schicken. Im Sommer 1945 kommt die Pariser Fassung in New York an.

Die Berliner Fassung des Rahel-Buchs – die bis heute im Nachlass von Karl Jaspers liegt wird im Band 2 der Kritischen Gesamtausgabe überhaupt das erste Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Außerdem beinhaltet der Band Auszüge aus Rahels Briefen und Tagebüchern, mit denen Arendt gearbeitet hat, sowie Arendts in den Jahren 1932-1934 veröffentlichte Aufsätze über Rahel, die davon zeugen, dass Rahels Geschichte Arendt zeit ihres Lebens begleitet hat. Die Pariser Fassung ist nicht mehr überliefert. Die New Yorker Version fertigte Arendt im Jahr 1956 an. Diese Version wird im Rahmen der Kritischen Gesamtausgabe auch digital publiziert.

Erst im Januar 1958 erscheint Rahel Varnhagen. The Life of a Jewess in England. Im Juni 1959 – 30 Jahre, nachdem Arendt ihre Arbeit an dem Buch begonnen hat – kommt es als Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik auch in der Bundesrepublik in den Handel. Im Oktober 1974 – „nach einem längeren Streit um die Rechte“ (S. 880) – dann auch in den USA. Im Jahr 1971 wird Arendts Biografie der Rahel Levin Varnhagen vom Bundesverfassungsgericht nachträglich als Habilitationsschrift anerkannt; im Widergutmachungsbescheid wird ihr „die Rechtsstellung eines ordentlichen Professors“ gewährt. Die Geschichte der Lebensgeschichte Rahels umspannt somit mehr als vierzig Jahre.

Der nächste Band der Kritischen Gesamtausgabe The Life of the Mind soll als Band 14 – ausnahmsweise ausschließlich auf Englisch – noch in diesem Jahr erscheinen.

 

Anastasiya Kasko hat Politikwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt am Main, Darmstadt und Bern studiert. Derzeit arbeitet sie an einem Dissertationsprojekt mit dem Arbeitstitel „Die Machttheorie und das politische Subjekt“. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen politische Subjektivität, Geschichte und Begriff subjektiver Rechte, moderne politische Theorie mit besonderem Fokus auf kritischen und radikaldemokratischen Ansätzen, Demokratie- und Staatstheorien sowie Dystopien.

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