Forum e-Semester (3): Ein Gespräch über Lernen und Lehren zwischen Krise und Leistung

Das Sommersemester 2020 findet an deutschen Universitäten weitgehend digital statt. Seit April nimmt Lehre somit eine andere Form an, deren Auswirkungen bisher nur zum Teil sichtbar sind und erst in Ansätzen diskutiert werden. Schritte in Richtung Digitalisierung auch im nächsten Semester treffen derzeit auf die vehemente Verteidigung der Präsenzlehre. Der Theorieblog hat zur Reflektion der Chancen, Illusionen und Folgen des “Experiments digitale Lehre” eingeladen. In diesem Forum e-Semester unterhalten sich heute Jan Gawron (Frankfurt/Darmstadt) und Anna Meine (Siegen) über ihre Erfahrungen als Student und Lehrende in dieser digitalen Lehrsituation. Beiträge zum Forum sind weiterhin herzlich willkommen.

Anna Meine: Das Ende des digitalen Sommersemesters zeichnet sich ab und parallel laufen Diskussionen, wie das kommende Wintersemester gestaltet werden kann und soll. Wie erlebst du das laufende Semester und die aktuellen Diskussionen?

Jan Gawron: Erst letzte Woche hat die Uni Frankfurt mitgeteilt, die Lehre auch im kommenden Wintersemester vorrangig virtuell zu gestalten. Das bedeutet, dass wir dieses Experiment auch in den kommenden Monaten weiterführen werden. Dem stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber. Soweit ich die Situation einschätzen kann, wird zumindest im sozialwissenschaftlichen Bereich der Grundbedarf an Lehrangeboten gedeckt und es besteht die Möglichkeit ausreichend Kurse wahrzunehmen. Wie sinnvoll und der Situation angemessen diese Kurse in der konkreten Ausgestaltung aber letztendlich sind, hängt stark vom gewählten Kurs und von den Lehrenden ab. Wie sind die Situation und die Pläne in Siegen?

A.M.: Für den Winter sucht man bei uns derzeit nach Möglichkeiten, neben digitalen Formaten auch Präsenzlehre durchzuführen. Für das laufende Semester haben sich die meisten Lehrenden im Frühsommer ihren persönlichen Weg für die digitale Lehre gesucht. Der Tenor ist: “Es geht”. Veranstaltungen finden statt, Studierende können Leistungspunkte erwerben. Ich habe mich zum Beispiel für eine Mischung aus asynchroner und synchroner Lehre entschieden, um meine beiden lektüre- und diskussionsorientierten Theorieseminare virtuell umzusetzen: In einem kollaborativ zu bearbeitenden Dokument beantworten die Studierenden wöchentlich Leitfragen zum Text, stellen Fragen, schlagen Diskussionsthesen vor. In einer ca. 45-minütigen Videokonferenz klären wir dann offene Fragen und diskutieren. Da die Kurse nicht allzu groß sind, ergeben sich immer wieder auch ganz gute Gespräche und Diskussionen. Und es muss ja auch gehen, weil z.B. einige internationale Studierende immer noch nicht wieder nach Deutschland einreisen konnten. Aber es gibt auch organisatorische und regelmäßig auch einfach technische Schwierigkeiten. Darüber hinaus bin ich auch grundsätzlich nicht sicher, dass es richtig gut geht. Gerade mit Blick auf die Lernprozesse der Studierenden ist diese Frage für mich noch offen – und diese Frage ist zugleich zentral, wenn wir über die Gestaltung des Wintersemesters reden. Ich habe das Gefühl, dass sich eine Anzahl von Studierenden gut arrangiert hat. Diese tragen derzeit die Veranstaltungen. Aber ich habe keine Übersicht, wie viele Studierende unter aktuellen Bedingungen eben nicht (gut) studieren können. 

J.G.: Ja, „es geht“. Aber wie du richtig herausstellst: Wie gut geht es wirklich? Ich habe in meinen Veranstaltungen das Gefühl, dass im Planungsprozess um eine machbare Lösung gerungen wurde. Insofern diese sich in den ersten Semesterwochen als mach- und gangbar herausgestellt hat, setzt sich dieser modus operandi nun fort. Dabei bleiben aber einige grundlegende Problemstellungen bestehen und teils unintendierte Konsequenzen unberücksichtigt, die die Lehre insgesamt, vor allem aber klassische, diskursiv ausgelegte Seminare, betreffen: Von der Anhäufung schriftlicher Leistung und Deadlines, über mangelnde Interaktivität, bis hin zu Unsicherheit, weil man Lehrenden noch nie persönlich begegnet ist. Es wirft auch die Frage danach auf, wie wir mit solchen Herausforderungen mit Blick auf das nächste Semester umgehen.

Veränderungen der konkreten Arbeits- und Lernsituationen

Auch wenn wir uns mittlerweile vielleicht schon in gewissem Maße an die aktuelle Lage gewöhnt haben, sollten wir nicht vergessen, dass wir uns noch immer in einer Ausnahmesituation befinden. Ganz konkret stehen viele Studierende vor der Herausforderung, sich ein angenehmes und produktives Arbeitsumfeld zu schaffen. Ist meine technische Ausrüstung auf einem akzeptablen Stand? Wie sieht die Internetverbindung vor Ort aus? Habe ich ausreichend Ruhe und Platz, um konzentriert arbeiten zu können? Viele Studierende stehen hier vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen. Mir ganz persönlich fällt der Umgang mit der fehlenden Trennung von Wohnbereich und Arbeitsplatz schwer. Die Kontaktbeschränkungen haben nicht nur zur Folge, dass an der Uni keine Präsenzlehre stattfinden kann, sondern auch, dass ich ausschließlich in meinem Zimmer, in dem ich auch lebe und schlafe, arbeiten kann – nicht aber in Bibliotheken, Cafés und nur eingeschränkt gemeinsam mit anderen Studierenden.

A.M.: Die konkrete Raumsituation ist bei Lehrenden wahrscheinlich etwas entspannter. Aber die Tatsache, dass die privaten vier Wände dauerhaft und nicht nur phasenweise Arbeitsplatz sind, geht auch an vielen von uns nicht spurlos vorbei. Zudem kann ich gerade die geographischen Aspekte nur bestätigen. Ein Dorf im Sauerland ist anders digital angebunden als eine Wohnung in Köln. Hier zeigen sich ganz explizit Unterschiede zwischen Stadt und Land.

J.G.: Parallel kommt es als Reaktion auf das Wegfallen der Präsenzlehre zu einer Überkompensation bei konkreten Arbeitsaufträgen und ‚Teilnahmekontrollen‘. Isoliert betrachtet kann ich die allermeisten Maßnahmen nachvollziehen. Auf Seiten der Studierenden kumuliert jedoch eine ganze Menge an einzureichenden Kommentaren, Essays, Diskussionsbeiträgen in Foren, usw. Dadurch entsteht für mich zum einen der Eindruck, dass in diesem Semester ein erheblicher Mehraufwand für eine Teilnahmebestätigung an einem Kurs besteht. Zum Anderen führen die gehäuften Abgabetermine, in Verbindung mit Veranstaltungen, die teilweise nur 48 Stunden Reaktionszeit auf hochgeladenen Input erlauben, zu einem engen Korsett, das weniger Luft zum Atmen lässt.

A.M.: Von Lehrenden heißt es an dieser Stelle regelmäßig, dass wir eigentlich, mit Blick auf den Arbeitsaufwand, nur die “loopholes“ schließen, die sonst oft bei Studienleistungen bzw. Teilnahmescheinen bestehen. Es wird zugegebenermaßen z.B. schwieriger, als Studierende*r an einem Seminar teilzunehmen, ohne die Texte gelesen zu haben. Aber als Lehrende erlebe ich es gerade durchaus als positiv, dass Studierende seltener unvorbereitet sind. Ist es also wirklich Überkompensation auf Lehrendenseite?  

Veränderungen von Studium und Studienkultur

J.G.: Berechtigter Einwand. Diese Schlupflöcher sind natürlich angenehmen, da sie erlauben auch mal unvorbereitet an einem Seminar teilzunehmen, aber dennoch etwas aus der Diskussion mitzunehmen. Ich kann für mich jedoch sagen, dass ich für einige Veranstaltungen aktuell sicher mehr Stunden aufwende, als es z.B. die Berechnung nach “Bologna” vorsieht.

Zudem würde ich gerne zwischen diesem absoluten Arbeitsaufwand und dessen eng getakteter Ausgestaltung trennen. Durch die regelmäßigen Abgaben ergeben sich enge Zeitfenster und ein ziemlich starres Gerüst. Deadlines können sich ballen und es fällt mir an manchen Stellen schwer die anstehende Arbeit richtig zu priorisieren und zu organisieren. Zudem arbeiten viele Studierende nebenher und sind dadurch eventuell noch weniger flexibel. Obwohl wir hier gerade darüber sprechen, mit welchen außergewöhnlichen Herausforderungen wir alle umgehen müssen, verringern diese Maßnahmen den Raum für Phasen in denen es – aus welchen Gründen auch immer – einfach mal nicht so gut läuft noch weiter. Permanent kontrolliert zu werden, ob ich die Pflichtliteratur auch wirklich gelesen habe, muss gerade derzeit nicht unbedingt sein. Ich würde mir hier etwas mehr Freiraum wünschen. Ich habe mich freiwillig für ein Studium entschieden und trage dementsprechend auch selbst Verantwortung für mein Studium.

A.M.: Ich sehe deinen Punkt – und beobachte die andere Taktung auf Lehrendenseite ja auch, wenn auch mit anderen Nuancen. Bisher war ich in der Vorbereitung der Lehre recht flexibel, die Lehre selbst in der Regel auf den wöchentlichen Zeitslot von 90 Minuten fokussiert. Derzeit verteilen und vermischen sich Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen deutlich stärker – z.B. Aufgabenstellung, Erstellung von zusätzlichen Materialien/Videos, Begleitung schriftlicher Diskussionen, Durchführung und Zuspitzung von Live-Konferenzen und Nachbereitung der schriftlichen Leistungen, ggf. deren Korrektur und Benotung. Je größer das Lehrdeputat, desto schwieriger wird dieser ganz praktische Balanceakt für einzelne Lehrende.

Für die einzelnen Lehrveranstaltungen sind damit didaktisch nicht nur Probleme verbunden. Ich stelle Leitfragen und kann zum Beispiel schon während der Schreibphase sehen, ob es einigermaßen läuft und wo Probleme sind, und potentiell eingreifen oder Nachfragen stellen. Ich weiß zudem, womit ich in den live-Diskussionen zu rechnen habe. Wenn ich dann am Schluss die kollektive Arbeit der Studierenden nochmal durchgehe, evtl. korrigiere bzw. ergänze, und dann online stelle, hat das Format zudem Vorteile für die Ergebnissicherung. Ich kann mir auch gut vorstellen, digitale Möglichkeiten für kollaboratives Schreiben in Zukunft stärker in die Präsenzlehre zu integrieren, weil es andere Kompetenzen fördert und andere Lerntypen anspricht als die mündliche Diskussion.

J.G.: Auf jeden Fall ergeben sich aus dieser Situation auch Chancen, neue Lehrkonzepte einfach mal auszuprobieren und zu evaluieren, was auch in Zukunft sinnvoll sein könnte. Die Vielzahl von verschiedenen Herangehensweisen – von der Verlegung des klassischen Seminaraufbaus in Videokonferenzen, über die von dir skizzierten Mischmodelle, bis hin zu Veranstaltungen, die vollständig asynchron stattfinden und sehr autonomes Arbeiten ermöglichen – bringt natürlich auch neue Wahlmöglichkeiten für Studierende.

A.M.: Aber es bestehen eben auch signifikante Nachteile. Es ist wesentlich aufwendiger, den Kurs und die Diskussionsfäden “zusammenzuhalten” – sowohl organisatorisch, über Lernplattformen, kollaborative Dokumente und Konferenz-Programme hinweg, als auch inhaltlich. Der große Vorteil der Präsenzveranstaltungen ist, dass eben alle gemeinsam präsent sind und sich aufeinander einlassen müssen – im (kontrafaktischen) Idealfall ohne externe Einflüsse und Unterbrechungen. Dadurch entstehen Beziehungen untereinander. Das lässt sich selbst in Videokonferenzen mit angeschalteten Bildschirmen nicht nachstellen.
Dies hat schließlich auch Auswirkungen auf die Diskussionskultur, gerade in Lehrveranstaltungen, die weniger auf klassische Wissensvermittlung als auf Reflektion, Diskussion und Urteilen ausgerichtet sind: Im Digitalen fehlen vielfältige non-verbale Kommunikationsebenen.

J.G.: Das kann ich nur bestätigen. Die Diskussionskultur ändert sich in Videokonferenzen deutlich und ist in einer meiner Veranstaltungen praktisch gänzlich abhanden gekommen.
Vor Kurzem habe ich mein erstes “Zoom-Referat” gehalten und es war schon sehr merkwürdig, in einen schwarzen Bildschirm hinein zu sprechen und gar keine Rückmeldung zu bekommen. Ich hatte kaum ein Gefühl dafür, ob ich verständlich bin, ob man mir folgen kann, oder ob überhaupt jemand zuhört. Ich habe also 20 Minuten durchgängig geredet und am Ende mein Mikrophon wieder auf stumm geschaltet. Das war’s.
Ich hoffe, dass sich über solche Erfahrungen ein wirkliches Gespräch zwischen Lehrenden und Studierenden ergibt – und dass der erzwungene Wechsel zu digitalen Formaten nicht dazu führt, dass wir die Vorteile und Bedeutung von Präsenzveranstaltungen übersehen.

A.M.: In einem Seminarraum merke ich tatsächlich an der Grundstimmung, ob Inhalte verstanden werden, ich sehe an der Mimik oder Haltung, ob ein*e Student*in auf eine Aussage reagieren will – und ich kann durch Gestik, Mimik und Tonlage auch selbst klar machen, ob ich als Dozentin erkläre und richtigstelle oder als ‘normale’ Diskussionsteilnehmerin eine Position entwickle und vertrete. Emojis helfen nun mal weder bei der Lehre noch beim politischen Urteilen. Digital sind die Diskussionen lehrendenzentrierter, der Kommunikationsaufwand höher – und, ganz generell, der Erfolg schwieriger einzuschätzen.

J.G.: Das kann ich gut nachvollziehen. Diese fehlende persönliche Verbindung hat noch weitere Dimensionen, wie ich finde. Durch den ausbleibenden persönlichen Kontakt in asynchronen Modellen kann sich das Gefühl noch verstärken, dass jeder gerade ein bisschen “für sich” studiert. Die Anbindung an den Kurs fehlt. Oftmals weiß ich gar nicht, wer eigentlich noch in meinem Kurs ist. Hier zeigt sich wunderbar die aktuelle, schwierig aufzulösende Situation. Auf der einen Seite finde ich permanente Kontrolle nicht gut. Auf der anderen Seite kann bei vierwöchigen Leseaufgaben ohne gemeinsames Seminar oder eine andere Form des Feedbacks zwar sehr flexibel und unabhängig gearbeitet werden, jedoch fühlt es sich dann auch schnell so an, als studiere man allein in ein “schwarzes Loch” hinein. Zudem gibt es durch die Menge an Kommentaren und Essays, die die Lehrenden bewerten müssen, kaum Feedback. Und auch zwischen Studierenden entsteht kaum Austausch und so entwickeln sich durch die fehlenden Diskussionen wenig neue Gedanken und Betrachtungsweisen. In asynchronen Modellen noch weniger als in “live” Videokonferenzen. Dieser inhaltliche Austausch im Seminar, der neue Perspektiven eröffnet und zur kritischen Betrachtung einlädt, fehlt mir sehr. Natürlich fehlt auch der Kontakt um das eigentliche Seminar herum; gemeinsames Essen in der Mensa oder ein Kaffee zwischendurch. Aber es betrifft eben auch ganz konkret die Lehrveranstaltung.

Veränderungen im sozialen Raum Universität: Zwischen Krise und Leistung

Aus dem fehlenden persönlichen Kontakt entsteht zudem eine Unsicherheit im Umgang zwischen Lehrenden und Studierenden. Es ist schwierig durch online Kommunikation, sei es in einer Videokonferenz oder durch Beiträge in Foren, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Das hat für mich vor allem Auswirkungen auf die Frage, was passiert, wenn etwas nicht funktioniert? Wie wird mein*e Professor*in reagieren, wenn ich es in einer Woche nicht schaffe, innerhalb der 48 Stunden-Frist auf seinen/ihren Input zu reagieren, weil es mir nicht gut geht? “Reicht” es dann, wenn ich nur sage, dass es mir nicht gut ging? Muss ich rechtfertigen, wenn es mir nicht gut geht, weil ein Familienmitglied erkrankt ist oder seinen/ihren Job verliert? Oder ”zählt” nur eine eigene Corona-Erkrankung? Zugespitzt gefragt: Darf es mir schlecht gehen? Hier mache ich mir Sorgen. Vielleicht sind die Lehrenden sehr verständig und hilfsbereit und meine Sorgen letztendlich unbegründet. Ich weiß es aber nicht. Hier fehlt die soziale Beziehung spürbar.

A.M.: Das finde ich ungemein wichtig. Ich stehe derzeit regelmäßig vor den Fragen “Wie weit geht mein Verständnis? Wo schreite ich aber auch ein?” Gerade in Fällen, in denen ich die Studierenden eben nicht schon aus den Vorsemestern kenne, ist das nicht einfach. Im hektischen Alltag hält man sich dann schnell mal an die formalen Regeln – mit Folgen für die Studierenden, die, wenn Lehrende auf Fragen oder Vorschläge nicht eingehen, mit ihren Fragen oder ihrem Feedback “wie vor eine Wand laufen”, wie das eine meiner Studentinnen vor Kurzem ausdrückte.
Deine Anmerkungen erinnern daran, dass wir als Lehrende in der Lehr-/Lernbeziehung in der Machtposition sind. Das sollten wir nicht vergessen – auch wenn jede und jeder von uns, in ganz unterschiedlicher Weise eben auch durch die Pandemie betroffen ist. Zumal sich diese Situation für uns ja in unseren eigenen Beziehungen zu den Hochschulleitungen spiegelt, die einerseits kommunizieren, dass wir Verständnis haben und flexibel sein sollen, im gleichen Atemzug aber kontinuierlich darauf hinweisen: Die Lernziele müssen erreicht werden.

J.G.: Genau hier verläuft eine Spannungslinie. Auf der einen Seite sollen wir, eben um die Krise zu meistern, flexibel sein. Es wird von Uni-Seite betont, dass die Situation den Studierenden nicht zum Nachteil gereichen soll, dass eben Rücksicht genommen werden soll. Auf der anderen Seite schränken uns sowohl die gesellschaftliche Situation insgesamt als auch die geschilderten Konsequenzen der veränderten Lehrkonzeptionen ein. Dies läuft der ausgerufenen Flexibilität und Umsicht entgegen. Hier ist der gemeinsame Austausch für mich zentral. Ich habe das ehrliche Gefühl, dass sich viele der Beteiligten sehr um gute und zufriedenstellende Lösungen in diesem komplizierten Kontext bemühen. Das sollten wir anerkennen und unbedingt ausbauen.

A.M.: Gerade wenn wir miteinander darüber diskutieren, wie es im Wintersemester weiter geht, müssen wir also darauf achten, dass wir einerseits dieses Spannungsverhältnis zwischen Krisensituation und Leistungsanforderungen bewusst verhandeln und andererseits Wege finden, die sozialen Beziehungen innerhalb der Universität wiederzubeleben.

 

Jan Gawron studiert Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Frankfurt und der TU Darmstadt. Anna Meine ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Internationalen Vergleich und Politische Theorie der Universität Siegen. Beide waren zuvor an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und kennen sich aus der Lehre und aus dem Freiburger Seminar für Wissenschaftliche Politik.

5 Kommentare zu “Forum e-Semester (3): Ein Gespräch über Lernen und Lehren zwischen Krise und Leistung

  1. Als aktueller Freiburger Politikwissenschaftler habe ich das Gespräch der beiden ehemaligen Freiburger höchst interessiert gelesen, würde aber ganz gerne ein paar Punkte aufzeigen, die meines Erachtens zu kurz kamen:

    Zunächst veilleicht etwas provokativ: Unsere Welt wird immer mehr eine digitale. Wir sollten uns auch in den bisherigen Bastionen der handschriftlichen Zettelkästen und stundenlangen kritisch-normativen Seminardiskussionen langsam diesem Fakt stellen…

    …entsprechend würde ich hier ganz gerne auch mal explizit die positiven Seiten der Online-Lehre betonen wollen. Da Online-Lehre an dieser Stelle und auch sonst oft in der Debatte immer nur als im Bestenfall sub-optimaler Ersatz für die Präsenzlehre aufgefasst wird.

    Ich sehe in meiner Lehre eine ganze Reihe an wirklich positiven Aspekten durch die Online-Lehre:

    1) Sprechstunden – das klassische, starre Sprechstundenformat habe ich durch zeitlich komplett flexible Möglichkeiten via Video-Call ersetzt. So können Studierende kurzfristig (i.d.R. noch am selben Tag), wenn Sie gerade vor einem Problem stehen (z.B. bei BA-Arbeit) Feedback bekommen. Die technischen Optionen (screen-sharing usw) helfen dabei ungemein – z.b. wenn es darum geht Fehler in Statistik-Code gemeinsam zu finden.

    2) Diskussionen im Plenum, Kurzpräsentationen (im Übrigen, ist es in Zoom natürlich problemlos möglich, dass man während der eigenen Präsentation auch die Gesichter der Zuhörer*innen sieht – hier zeigt sich aber natürlich, dass die technischen Möglichkeiten bekannt sein müssen um sie dannauch gewinnbringend aktiv einzusetzen) und Gruppenarbeiten funktionieren in meinen Seminaren (ca. 15-20 Teilnehmende) bislang vollkommen problemlos. Dass es mal technisch hakt (Tonaussetzer o.ä.) kommt zwar vor, aber auch die Studierenden geben mir bislang das Feedback, dass dies kein wirklich großes Problem darstellen würde (evtl. gibt es da aber auch einen selection bias – d.h. diejenigen, bei denen es nicht gut funktioniert, die kriegt man als Lehrender gar nicht wirklich mit – einen wirklich qualitativen Unterschied zu Präsenzseminaren, in denen es auch immer wieder Studierende gibt, die faktisch „abtauchen“ und bei denen es für den Lehrenden im Seminar selbst schwierig ist den Lernerfolg des Studierenden zu beurteilen, sehe ich nicht).

    3) In Teilen – mir ist bewusst, das ist hier auf diesem Blog wahrscheinlich nicht die Mehrheitsmeinung – stellt ein Studium auch eine Ausbildung für spätere Tätigkeiten dar. Und gleich wie wir es drehen und wenden, die meisten unserer Studierenden werden in Zukunft Ihr Geld auch im digitalen Raum verdienen (müssen). Hierfür stellen Online-Seminare mit all den im Vergleich zu Standard-Präsenzseminaren dort anzuwendenen anders gelagerten Techniken, Methoden und Verfahren in meinen Augen eine sehr gute Übung dar. In dieser Hinsicht würde ich auch die starke Fokussierung auf das eigenständige Bearbeiten von Unterrichtsstoff in asynchronen Online-Seminaren als etwas Positives ansehen (wenn in meinem Statistik-Seminar, die Studierenden Assignments in R abzuliefern haben und sie dabei eigenständig die auftretenden Probleme lösen müssen, dann ist das exakt die Vorgehensweise, die im späteren Berufsleben gefragt sein wird). In dieser Hinsicht können Online-Seminare evtl. sogar die oftmals von Studierenden- wie Lehrendenseite beklagte „Konsumentenhaltung“ der Studierenden begrenzen. Natürlich kommt es auf die Ausgewogenheit an – ausschließlich asynchrone Kurse sind sicher nicht die Lösung…

    4) Die Möglichkeit unabhängig vom aktuellen Aufenthaltsort an Seminaren teilzunehmen schafft natürlich auch Freiheitsgrade für die Studierenden (und auch Lehrenden). Auch Online-Seminare im regulären Angebot zu haben könnte damit helfen Praktika und Auslandsaufenthalte besser in das Studium zu integrieren.

    Bei einem Punkt bin ich dann aber doch komplett bei Anna Meine und Jan Gawron: Die Online-Lehre fordert uns alle (Studierende wie Lehrende) aktuell deutlich mehr als es das klassische, eingespielte Präsenz-Format tun würde. Das sollten alle im Hinterkopf haben. Studierende, die auch erkennen müssen, wieviel Arbeit viele Lehrende in die Konzeption und Umsetzung von Online-Seminaren stecken. Aber natürlich auch Lehrende, die sich vielleicht zweimal Fragen sollten, ob die geforderten Leistungen machbar und auch den ECTS-Punkten angemessen sind.

    Letztlich bin ich aber überzeugt, dass wir aus dieser Corona-Zeit viele gute Anregungen für die Lehre in Post-Corona-Zeiten mitnehmen können, sofern wir uns nicht zu sehr darauf versteifen die Online-Lehre nur als (schlechten) Ersatz der klassischen Präsenzlehre zu begreifen.

  2. Der – hier nicht mitkopierte – Link unter A.M.:
    „In einem Seminarraum merke ich tatsächlich an der Grundstimmung, ob Inhalte verstanden werden, ich sehe an der Mimik oder Haltung, ob ein*e Student*in auf eine Aussage reagieren will …“ ff.
    liefert dafür ad hoc besehen eher gegenteilige Hinweise. Unter guten techn. Austattungen (mehrere Bildschirme, die auch von entspr. Grafikkartenaussstattung betrieben werden, gute Kameras bei den TN usw.) leidlicher Software (Rede-Liste, Bild-/Ton-Regie, …) ist genau das für Lehrende/Vortragende bis ca. 30 Leute gut machbar, – bei 300 im Hörsaal zweifle ich da auch bei der Präsenzlehre an der Relevanz von Mimik/Gestik der Hörer …, und sehe da eher den wärmenden Bias der Lehrenden gegü. Studierenden am Werk, die sich in Vortrag u. Disk. ganz natürlich Haltepunkte etc. in Form bekannter bis symphatischer „Gesichter“ suchen usw. Aber sogar das ließe sich Remote-Digital noch besser als in Präsenz erzielen, ebenso als Vortragende/r

    “ … durch Gestik, Mimik und Tonlage auch selbst klar machen, ob ich als Dozentin erkläre und richtigstelle oder als ‘normale’ Diskussionsteilnehmerin eine Position entwickle und vertrete.“
    Zur Optik:
    Wie im Hörsaal o. Seminarraum müsssen die TN mittels eig. Blickes, kaum durch Bildregie, selbst den Fokus auf das vorgelegte/projizierte Material bis zur guten Lesbarkeit richten können und dabei die Vortragenden nicht ganz aus dem Randvisus verlieren, und umgekehrt. Es gibt keine bezahlbare techn. Lösung, den schnellen Blickwechsel, manchmal mehrfach pro Sekunde INDIVIDUELL technisch zu ersetzen. Infolge etwas schlechterer Nah-/Fern-Akkomodation der Augen ggü. den 2-D-Flächen der Schirme empfiehlt sich als Standard eine Übersicht mit Lehrenden und akt. Projektionen, eine Leseansicht der Projektionen und ein Close-Up des/der Lehrenden als ständige, parallel sichtbare Wiedergabeperspektiven unterschiedlicher Fenstergrößen. Dazu evtl. Redelisten & schriftlich knappe Nachfragen, z. B. Stichwort u. Fragezeichen bzw. Äußerungen, weiteres Material, Panorama der Live-Close-Ups der TN mit Hebung während des Sprechens usw.

    Ein eigenes „Kapitel“ ist der Ton, – dazu und Weiterem später.

    „Emojis helfen nun mal weder bei der Lehre noch beim politischen Urteilen. Digital sind die Diskussionen lehrendenzentrierter, der Kommunikationsaufwand höher – und, ganz generell, der Erfolg schwieriger einzuschätzen.“

    “ … die sozialen Beziehungen innerhalb der Universität wiederzubeleben.“

  3. Ich freue mich über das Thema und die ehrlichen Worte und möchte auch gerne ein paar Erfahrungen teilen. Zum Hintergrund: Auch ich habe einige Seminare in der Politischen Theorie in Freiburg unterrichtet und lehre gerade an einem Gymnasium in der Mittel- und Oberstufe, wo die digitale Lehre zu einer ebenso bunt diskutierten Tatsache geworden ist.

    1. Vorzüge des Digitalen
    Sebastian Jäckle hat in diesem Punkt natürlich absolut recht: Die digitale Lehre macht uns (i.T. zeitlich, sicherlich aber räumlich) flexibler und ist absolut zeitgemäß. Breakoutsessions sind ein adäquater, teilweise sogar effizienterer Ersatz für konventionelle Gruppenarbeiten und vielleicht ist das Brainstorming sogar kognitiv aktivierender, wenn alle gemeinsam von ihrem PC aus auf ein Whiteboard kritzeln, als wenn eine klassische offene Frage zu Beginn gestellt wird. Es wäre schade diese neuen Fertigkeiten und Errungenschaften jetzt wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen, wenn die Universitäten wieder öffnen würden.

    2. Lernatmosphäre und Zwischenmenschliches
    Dennoch sind Arbeitsabläufe und Methoden natürlich nicht alles. Auch wenn es angestaubt oder konservativ wirkt: Lernen ist eben immer zu einem Großteil auch Beziehungsarbeit, abhängig von Stimmungen in einer Gruppe, von unterbewussten Zweifeln etc. Solcherlei Subtöne sind digital nur sehr schwer auszumachen und noch schwieriger positiv zu gestalten. Wohingegen ich in den letzten Woche mehrfach Zeuge wurde, wie schnell sich in der digitalen Lehre Resignation, Passivität und Verstimmungen zwischen Lehrpersonen und Studierendengruppen einstellen können.

    3. Privat und öffentlich
    Außerdem kann ich nicht umhin anzumerken, was von Seiten der Gender- und Diversity Studies bereits mehrfach gesagt wurde: In den Ohren junger Eltern, von Menschen, die in beengten Verhältnissen leben etc. klingt die vielgepriesene räumliche Flexibilität schlicht und ergreifend zynisch. Der gutverdienende Bildungsbürger mag in dem Arbeitszimmer seiner Altbauwohnung damit kokettieren die Bücher, die hinter ihm zu sehen sind, möglichst klug und effektvoll zu arrangieren und damit ‚zufällige‘ Selbstaussagen zu treffen. Ich persönlich finde es wenig reizvoll, mich privat exponieren zu müssen, meine Kinder abzuwimmeln, denen das Starren der Mutter in den Bildschirm zwangsläufig als Abweisung erscheinen muss. Auch die Schüler, die sich ihre Zimmer mit Geschwistern, teilweise sogar Großeltern teilen, wünschen sich die Möglichkeit Privates und Öffentliches auch räumlich voneinander trennen zu können und sollten einen Anspruch darauf haben.

    4. Eine ehrliche Frage zum Schluss
    Im Unterricht jeder Art geht es doch immer auch um Bildung und d.h. (ganz klassisch Kantisch) die Entwicklung des Menschen zum Menschen.
    Auf die Gefahr hin, dass es etwas idealistisch klingt: Gibt es Studierende, die in der digitalen Lehre während eurer Veranstaltungen ‚aufblühen‘? Ich selbst höre über Zoom, Adobe Connect, Teams und Co. viel „Achso“ und „Jetzt versteh ichs, danke“, aber als wirklich bereichernd, weiterbringend, vielleicht auch ‚nachdenklich machend‘ werden die Inhalte auf diesem Wege selten wahrgenommen. Am Ende von Kursen in der Präsenzlehre ist doch ersichtlich, welche Studierenden ‚etwas für sich mitnehmen konnten‘ außer ECTS-Punkten und etwas Faktenwissen. Ich frage mich, ob ein ‚sich Begeistern‘, ‚sich als Person angesprochen fühlen‘ auf diesem Weg eigentlich erreicht werden kann und würde diese Frage gerne mit euch teilen.

  4. Alle Wissenschaft u. ä. – und nicht nur solche – stützte sich seit je auf den Austausch auch und gerade mit dem je Entferntesten in Raum u./o. Zeit. Stichwort „Aufschreibesysteme“ (F. A. Kittler), – auch und gerade ohne enge Beiordnung sozialer Garnituren zu den Inhalten, spezifischen Personalrepräsentanzen usw. Man sehe unter anderem dazu auf den Begriff der „Orientierung“, der wörtlich (Ver-)Ostung bedeutet und seit hellener Zeiten virulent ist. Vielmehr betten sich entfernte Inhalte in je andere sozial-historische Kontexte ein, die den Inhalten und ihrer Genese oft fremd waren/sind, – was aber oft sehr fruchtbar war und ist.
    Doch die derzeit allerorts vorgetragenen „Argumente“ gegen remotes Lehren u. Lernen de-ment-ieren dabei sogar diese aktuell noch anhängige, eigene Praxis bis zur De-Mens/Demenz:

    ALLES, was hier u. heute gegen das abstrakte und sozial ent- u. verfremdete Lernen/Lesen vorgebracht wurde, war seit je untrennbarer Teil der (m. o. w. systematischen) kognitiven (Neo-) Genese. Und so erweist sich die angebliche „Verteidigung“ der Präsenzlehre im Kern eben a) als m. o. w. nachvollziehbar-verständliche Offensive gegen diese althergebrachten Scheußlichkeiten und Belastungen jenes Generikums der Kognition(en), aber auch b) als Verschleierung des heute offenbar gewordenen Defizites, den von Kittler zugewiesenen/empfohlenen Platz der hochrangig Lehrenden im Haupt- bzw. Grafikspeicher der Studierenden-Computer eben NICHT eingenommen zu haben, und als Verdeckungsversuch der fast ubiquitären Absenz von Didaktik-Kenntnissen des Lehrpersonals, die in den Corona-Verhältnissen bloß aufbricht, sowie c) den wiss. Betrieb als Beziehungsgeflecht aus der mehr subkutanen bis okkulten Sphäre in den offenen, intentionalen Betriebsmodus der „persönlichen Beziehungen“ zu heben. Wobei offenbar die Frauen – jedenfalls in Relation zu ihrem sonstigen Erscheinen und ihren Rollen auf der wiss. Szene – darin mal eher weiter vorne zu marschieren scheinen. Was hier dem „Blick“ u. a. „direkten“, medial (scheinbar?) unvermittelten Interaktionen an Einsichtspotentialen und Wirkungen zugeschrieben wird, lässt den Atem stocken, weil es alle systematischen Empirien und Theorien zur Didaktik, – insbesondere, aber bei weitem nicht nur, der kritischer aufgestellten -, zur Lehrenden-Lernenden-Situation usw. der letzten 60 bis 70 Jahre proaktiv in den Orkus fegt, wo vorher lediglich nahezu 100%ige Ignoranz/Negligenz ggü. dieser Lehrenden-Aufgabe bzw. -Disziplin herrschte. Das Letztere betrifft dann auch wieder ganz hervorragend die Männer: Kaum Ahnung davon haben, aber den Mund voller Meinungen dazu.

    Ich kann und will hier nicht JEDES Vorbringen gegen die remote Lehre/für die Präsenzlehre von vorneweg durchkauen. Wer meint, da etwas gefunden zu haben, das nicht seit je zum Prozess der wiss. Kognitionsgenese gehört, kein klassisches Sozialproblem darstellt, das alle Formen der Wissensaneignung betrifft usw., kann das gerne anbringen und ich werde mich dessen hier annehmen. Bis dahin will ich das Argument “ … meine Kinder abzuwimmeln, denen das Starren der Mutter in den Bildschirm zwangsläufig als Abweisung erscheinen muss“ entkräften:
    In der Tat scheint die per Computer/Bildschirm vermittelte Tätigkeit der Eltern/Bezugspersonen bei Kindern viel häufiger/stärker als „Abweisung“ anzukommen als ähnlich solitär gelagerte Tätigkeiten wie das konzentrierte Lesen oder Schreiben, Entwickeln usw. im häuslichen Feld oder gar das Arbeitstreffen mit anderen Personen zuhause. M. E. kann das vermutlich – Untersuchungen wären erforderlich – auf die deutlich schlechtere Nachvollziehbarkeit für Kinder zurückgeführt werden. Denn „Bücher“ sind den meisten Kindern z. B. durchaus bekannt, wenn man ihnen eben auch mal etwas vorliest, ein Bilderbuch (gemeinsam)
    betrachtet usw. Zwar stoßen sich Kinder durchaus auch an strikt durchgehaltener, solitär-schweigsamer Lektüre der Eltern, aber ein Rest von Vorstellbarkeit dessen, was da abläuft, dürfte ab etwa einem Alter von 1,5 bis 2 Jahren schon bestehen. Ähnlich mit dem Handschreiben: Einkaufszettel, Notizen an andere Fam.-Mitglieder etc. kriegen Kinder schon früh mit, inkl. einer abstrakten Ahnung möglicher Zweckeinbindung solchen Tuns, während das Tastaturklappern offenbar „gar nichts“ hervorbringt, das für Kinder die Ahnung einer Bedeutung enthalten kann. Selbst wenn nach geraumer Zeit ein Schriftstück aus dem Drucker erscheint, was ja immer seltener der Fall ist, hat das für Kinder kaum noch den Konnex zur Tätigkeit des Schreibens und trägt in aller Regel auch nichts Inhaltliches, das mit dem familiären Kontext m. o. w. unmittelbar wirklich konnotiert. Des weiteren sind Computer für Kinder oft eben Spielgeräte, und wenn Erwachsene daran werkeln, wirkt das schnell so, als würden die damit vielleicht spielen, was a) aber nicht zum sonstigen gestischen und mikrogestischen Habitus der Erw. dann passt, anders z. B. als beim Tennisspiel Erwachsener, wo Kinder halb zugucken und das Geschehen viel eindeutiger verfolgbar und habituell anders begleitet ist, und b) als Spiel sowieso eher mit dem Beteiligungsanspruch bis Vorrecht der Kinder verknüpft ist, deren „Arbeit“ ja das Spiel ist, an dem Erw. auch mal teilnehmen, vor allem aber auch eine Zeigeoperation ggü. Erw. darstellt, was sich hier scheinbar dann umkehrte und Kinder notwendig überfordert, bzw. was kaum Zeige-Richtungen an Kinder eh enthält.
    Daraus einen Baustein pro Präsenzlehre zu machen, ist dann aber hanebüchen.

  5. Dass die m.o.w. direkt-persönliche (auch: Mikro-) Interaktion den Lehrenden einen besseren Blick auf das Verstehen/Verständnis einer Gruppe oder von Einzelnen erlaubte, ist ein seit Langem gut widerlegtes Märchen, dass den i. a. R. „verzerrten“ (bias …, Anerkennungs- und Halt-Bedarfe …) sehr subjektiven Empfindungen im „Spiel“ der Beteiligten von Lehren & Lernen geschuldet ist, die aber meist fehl gehen, – wenn außer-seminare/externe Prüfungen u. ä. dazu die Maßstäbe liefern, an dem „Verständnis“ genessen werden kann. Das gehört zu den schmerzhaften Wahrheiten, die ich beim Wechsel auf die Lehr-Rolle selbst neu entdecken musste, wo mich doch schon als Schüler sowohl die damals aktuelle Lebenspraxis als auch der päd. Stoff (LK Pädagogik, Funk-Kolleg Erziehungswissenschaften, 3 Bände,heute inzw. 4, glaube ich) diese Erfahrungen und Dekonstruktionen 20 Jahre zuvor schon längst eines Besseren belehrt hatten. Zwar konnte wir in den Kursen (Netzwerktechniker & Informatiker) überdurchschnittlich zu den Parallel-Kursen abschließen, aber meine failure-rate, was die pers. Einschätzung der Chancen auf Prüfungserfolg bei Einzelnen hatte, war beträchtlich. Gut, kann man sagen, bist halt ein schlechter Lehrer, aber das stünde im Ggs. zu vielen anderen Anzeichen für das Gegenteil. Und in der Tat: Auch durch das gute interaktive Spiel konnte auch ich mir als Schüler so manche Anstrengung hins. Stoffbewältigung bis zur sicheren Reproduktion & Übertragung/Anwendung ersparen. Den Eindruck des Verstehens bei Lehrenden zu erwecken und entspr. Schriftnoten zu ergattern (30 bis 50% aller Fehler werden bei internen schriftl. Prüfungen ÜBERSEHEN!) war genauso gang und gäbe wie wegen Antipathie und Nähe zu sozialen Selektionskriterien dann ALLES angestrichen zu bekommen, was irgendwie greifbar war, – aber bei anderen Lernenden unbeanstandet durchging.

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