Das Werk von Otto Kirchheimer und seine Gegenwartsbedeutung: Ein Gespräch zwischen Helmut König und Hubertus Buchstein (Teil I)

Seit 2014 arbeitet Hubertus Buchstein an einer Edition gesammelter Schriften Otto Kirchheimers. Mittlerweile sind vier Bände erschienen. Bis 2021 sollen noch zwei weitere folgen. Für theorieblog.de hat Helmut König Hubertus Buchstein über das Projekt sowie über Werk und Bedeutung Otto Kirchheimers für die Politische Theorie befragt. Wir veröffentlichen das Gespräch in zwei Teilen, unten der erste, der zweite findet sich hier.

 

 

I. Die Kirchheimer Edition

1. Der Stand der Dinge

Welche Bände sind bislang erschienen? Wie weit ist die Arbeit an den noch ausstehenden und angekündigten Bänden und wann werden sie erscheinen?

Die Arbeit an der Kirchheimer-Edition hat 2014 begonnen und wird seit 2015 von der DFG gefördert. Mittlerweile sind 4 Bände erschienen: 2017 konnte der erste Band mit Kirchheimers Arbeiten zu Recht und Politik in der der Weimarer Republik vorgelegt werden. Ein Jahr später erschien der zweite Band mit seinen wichtigsten Schriften aus der Zeit seines Pariser und New Yorker Exils zu den Themen Faschismus, Demokratie und Kapitalismus. 2019 schließlich kamen die Bände drei und vier mit den kriminologischen Arbeiten und Kirchheimers Schriften zur Politischen Justiz heraus. Mittlerweile ist auch der fünfte Band mit den Spätschriften zu den Wandlungen der politischen Systeme in Nachkriegseuropa soweit fertig gestellt, dass er im Frühjahr 2020 erscheinen kann. Lediglich Band sechs mit den Studien, die Kirchheimer zwischen 1944 und 1954 als Mitarbeiter des amerikanischen Office of Strategic Services (OSS) und State Department angefertigt hat, steht dann noch aus. Dieser Band wird  wohl erst Ende 2020 oder 2021 erscheinen.

 

Warum ‘Gesammelte Schriften’ und keine ‘Kritische Gesamtausgabe’? Warum keine hybride Edition, also ein Print-Ausgabe und Ergänzungen etc. in digitaler Form?

Bei allem Respekt gegenüber dem Werk von Otto Kirchheimer habe ich mich im Vorfeld der Editionsarbeit ganz bewusst dafür entschieden, diesbezüglich die Synagoge im Dorf zu lassen. Kirchheimer ist von seiner Bedeutung kein Hegel oder Kant und auch kein Max Weber oder Karl Marx; ich halte es auch für wenig wahrscheinlich, dass ihn zukünftige Rezipienten in den Rang der Liga dieser paradigmatischen Denker einreihen werden. Eher würde ich ihm eine ähnliche wirkungsgeschichtliche Bedeutung zumessen wie Hermann Heller oder Ernst Fraenkel.

Von daher hätte das Ansinnen einer ‘Kritischen Gesamtausgabe’ mit ihrer Vollständigkeitsanforderung und der Notwendigkeit, alle aufgefundenen Textvarianten aufzunehmen, einen dem Autor und den Lesern gegenüber unangemessenen Aufwand bedeutet. Hinzu kommt, dass die Überlieferungslage vieler Texte von Kirchheimer aufgrund seines von Flucht und Emigration geprägten Lebensweges außerordentlch schwierig ist und in vielen Fällen lediglich die gedruckten Fassungen vorliegen.

Allerdings haben wir uns im Team der Projektbeteiligten früh darauf verständigt, den in den Einzelbänden abgedruckten Beiträgen Kirchheimers eine längere Einleitung voranzustellen, die auch die Funktion von Editionsberichten und kritischen Kommentierungen der Einzelbeiträge übernimmt.

 

2. Die Herausgeber und die Bedingungen

Du bist der Gesamtherausgeber der Kirchheimer-Edition. Wer ist beteiligt? Wie ist die Finanzierung? Wie lang war der Vorlauf?

Die erste Idee zu dieser Edition entstand 2013 während meines Jahres am Berliner Wissenschaftskolleg. Mehrfach hatte ich hier mit anderen Fellows über Theorien des Verhältnisses von Politik und Recht in Deutschland diskutiert und in diesem Zusammenhang immer wieder auf Kirchheimer als Kontrapunkt zu Carl Schmitt, der den internationalen Fellows weitaus bekannter war, verwiesen. Aus den Nachfragen und dem Interesse an Kirchheimer schälte sich nach und nach die Idee heraus, dessen Gesamtwerk für Interessierte leichter zugänglich zu machen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, welche weiteren Funde ich bei den Recherchen noch machen würde.

Mit Nomos ließ sich dann schnell ein Verlag finden, der Interesse an einer solchen Ausgabe hatte. So entstand schließlich ein Antrag bei der DFG auf Förderung der Arbeiten an der Edition mit 1,5 Mitarbeiterstellen. Nach der Bewilligung konnten wir hier in Greifswald im Sommer 2015 mit den Arbeiten beginnen. Bezüglich der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Projekt hatte ich großes Glück – mit dabei sind (bzw. waren) Lisa Klingsporn, Henning Hochstein, Moritz Langfeldt und Merete Peetz; alle vier haben sich so intensiv und gut in die Edition eingearbeitet, dass sie zu Co-Herausgebern verschiedener Einzelbände wurden. Des Weiteren sind bei der Herausgabe von Band vier Christiane Wilke (Ottawa) und von Band sechs Frank Schale (Chemnitz) als externe Experten beteiligt.

 

Wie aufwendig ist die Arbeit an der Edition? Wie sind die Arbeits- und Editionsbedingungen?

Obwohl ich aufgrund meiner Mitarbeit bei der Ausgabe der Gesammelten Schriften von Ernst Fraenkel schon einige Erfahrung mit derartigen Editionsvorhaben hatte, habe ich den Arbeitsaufwand zu Beginn völlig unterschätzt. Denn uns fiel erst ganz allmählich auf, dass die bislang vorliegenden Kirchheimer-Bibliographien unvollständig waren. John H. Herz, Wolfgang Luthardt und Frank Schale hatten in der Vergangenheit diesbezüglich Tolles geleistet – allein, es gab noch Einiges zu entdecken. Zudem stieß ich im Nachlass von Kirchheimer, der im Archiv der State University of New York in Albany liegt, auf diverse kryptisch anmutende Manuskriptfragmente, die auf bislang nicht bekannte Arbeiten Kirchheimers hindeuteten.

Das erste Arbeitsjahr war also ganz wesentlich geprägt von Archivbesuchen in den USA (in Albany und New York) sowie an verschiedenen deutschen Standorten (u.a. in den Nachlässen von Theodor W. Adorno, Horst Ehmke, A.R.L. Gurland, Max Horkheimer, Friedrich Pollock, Carl Schmitt und Rudolf Smend). Parallel dazu haben wir diverse Zeitschriften nach bislang nicht bibliografisch erfassten Arbeiten Kirchheimers systematisch durchgesehen.

Erst danach konnten wir uns schrittweise an die Textauswahl, die Texterfassung sowie die Vorbereitungen für die Kommentierungen in den Einleitungen zu den Einzelbänden machen. Das Vorhaben bereitete also deutlich mehr Arbeit, als ich zuvor veranschlagt hatte – nachdem ich dann jedoch meine eigenen Arbeitsprioritäten entsprechend umsortiert hatte, machte die Editionsarbeit deutlich mehr Freude, als die meisten anderen Tätigkeiten, die zu meinem Beruf gehören.

 

Gab es Überraschungen und Entdeckungen bei der Arbeit an der Edition? Gab es auch richtige Neufunde bei Eurer Arbeit?

Ja, und zwar einige für mich ganz große Überraschungen, verteilt über alle Werkepochen von Kirchheimer. So war bislang – auch uns im Projekt – völlig unbekannt gewesen, dass Kirchheimer während der Weimarer Jahre für sozialistische Tageszeitungen journalistisch gearbeitet hatte. Einige seiner Artikel zeichnete er allerdings mit einem Pseudonym, um seine Anstellung im juristischen Referendariat in Erfurt und Berlin nicht zu gefährden. Nachdem wir in detektivischer Kleinarbeit sein Pseudomym herausgefunden hatten, verbrachte Henning Hochstein mehrere Wochen mit der händischen Durchsicht von mehreren in Frage kommenden Tageszeitungen aus dem Erfurter Raum. Der Aufwand lohnte, denn er fand tatsächlich mehrere Artikel aus den Jahren 1928 und 1929. Kirchheimer schlug darin einen scharfen justizkritischen Ton an und teilte auch bereits kräftig in Richtung seines Doktorvaters Carl Schmitt aus.

Andere Neufunde betreffen die Jahre zwischen 1933 und 1937 im Pariser Exil und die Zeit am Institut der Sozialforschung von 1937 bis 1944. Aus seinen fast vier Jahren in Paris, die er zusammen mit Walter Benjamin und anderen Flüchtlingen nur mit Hilfe des Horkheimer-Instituts finanziell überstand, gibt es vermutlich noch weitere von ihm geschriebene kleinere Arbeiten über NS-Deutschland, die wir allerdings nicht auffinden konnten; diese Vermutung legen zumindest die Erinnerungen seines Freundes John H. Herz an diese Jahre nahe.

Diverse Neufunde gab es dann auch aus seiner Zeit beim OSS und State Department zwischen 1944 und 1955; hier erwies es sich als richtig, dass Lisa Klingsporn und Henning Hochstein mehrere Wochen in den Kellern des National Archives in Washington D.C. recherchierten. Und schließlich konnten wir auch eine Reihe bislang in der Sekundärliteratur nicht bekannter Texte Kirchheimers aus seinen Jahren an der New School for Social Research und an der Columbia University 1955-65 aufstöbern. Darunter befinden sich längere Texte zur Entwicklung der politischen Verhältnisse in Nachkriegseuropa und zur vergleichenden Parteienforschung sowie mehr als hundert Rezensionen, die er für die ‘Washington Post’ schrieb sowie verschiedene instruktive Memoranden und Stellungahmen zur Politik in der DDR für den amerikanischen Kongreß. Eine wahre Fundgrube waren überdies die Briefwechsel, die in seinem und in den Nachlässen von einigen seiner Briefpartner zu finden sind.

Diese Neufunde haben auch ein neues Bild von Kirchheimer entstehen lassen und nicht nur das bestehende um einige Facetten abgerundet.

 

3. Warum brauchen wir eine Kirchheimer-Edition?

Warum benötigen wir eine Kirchheimer-Edition? Prinzipiell kann man bei solchen Editionsvorhaben immer zwei Gründe aufführen: Zum einen die Bedeutung des Autors, zum zweiten, dass die Schriften nur sehr schwer zugänglich sind. Wie ist dies bei Kirchheimer? Worin liegt seine Bedeutung? Wie war es mit der Zugänglichkeit seiner Schriften vor dem Erscheinen der Edition? 

Kirchheimer ist eine paradigmatische Figur der deutschen politischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Er gehört zu einer Gruppe junger deutsch-jüdischer Juristen, die aufgrund ihrer politischen Erlebnisse während der Weimarer Republik in der Emigration zu Politikwissenschaftlern wurden und nach 1945 die amerikanische wie auch die westdeutsche Politikwissenschaft prägten. In seinem Werk spiegeln sich meines Erachtens in nahezu einzigartiger Weise die politischen und wissenschaftlichen Erfahrungen und Konflikte der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus, des französischen und amerikanischen Exils sowie der Gründungs- und Etablierungsphase der beiden nach 1945 neu entstehenden deutschen Teilstaaten wider.

Bis heute erweist sich das Werk von Kirchheimer als Bezugsrahmen und Anregung für vielfältige aktuelle Fragestellungen – besonders in Hinblick auf die Begründung und Ausgestaltung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Nicht wenige seiner Beiträge, wie die Beschreibung der sozialen Kompromissstruktur des nationalsozialistischen Regimes, die Untersuchungen zur Krise der Weimarer Republik, seine Analysen der Politischen Justiz, seine Mitarbeit bei den Nürnberger Prozessen oder seine Thesen zur Entwicklung des Parteiensystems in modernen westlichen Demokratien sind mittlerweile sogar selbst zu zeitgeschichtlichen Dokumenten geworden.

Vor dem Erscheinen unserer Edition mussten die meisten der zuvor bereits bekannten Schriften Kirchheimers entweder aus alten Zeitschriften herausgesucht werden oder sie fanden sich in vergriffenen Ausgaben und waren nur noch antiquarisch erhältlich. Nun rechtfertigt das allein meines Erachtens aber noch keine aufwendige Neuedition, denn es gibt neben dem gut funktionierenden Bibliothekswesen bekanntlich heute auch einen ebenso gut funktionierenden Online-Antiquariatshandel. Ausgelöst wurde das Editionsvorhaben erst durch die Feststellung von Frank Schale in seinem Buch über Kirchheimer, dass sich in einigen von dessen Beiträgen, welche posthum in die beiden 1967 und 1972 bei der edition suhrkamp aufgenommen Bände aufgenommen worden sind, gravierende Fehler finden. Erst einmal darauf aufmerksam geworden, fanden wir sinnentstellte Wiedergaben einzelner Sätze, einfache Übersetzungsirrtümer, falsche Namensschreibweisen, inkorrekte Quellenverweise sowie gar nicht vermerkte Weglassungen kleinerer Textpassagen. Auch in der seit 1965 mehrfach unverändert nachgedruckten Ausgabe seines berühmten Buches ‘Politische Justiz’ finden sich Fehler, die von Kirchheimer damals moniert, aber verlagsseitig nie korrigiert wurden. Hier soll unsere Ausgabe nun textsichere Abhilfe bieten.

 

4. Die Ambivalenzen von Gesamtausgaben

Gesamtausgaben ziehen immer auch den Verdacht auf sich, dass sie das Ende der Beschäftigung mit dem Autor bedeuten und nicht den Beginn oder die Weiterführung einer produktiven Aneignung und Auseinandersetzung darstellen. Wie ist das bislang bei der Kirchheimer-Edition? Wie ist die Reaktion und Rezeption? Ist da etwas Neues in Gang gekommen? Gibt es ein neues Interesse? Was waren Deine eigenen Erwartungen und Perspektiven?

An dem Verdacht ist etwas dran. Hinzu kommt als weiterer Faktor, der vermutlich die Lust zur produktiven Rezeption bei einigen Leserinnen und Lesern in Zaum halten wird, eine der ungeschriebenen Eigengesetzlichkeiten unseres heutigen Wissenschaftsystems: der institutionalisierte Drang zur Originalität. Allen Bänden der Kirchheimer-Edition sind lange, teilweise den Umfang von kleinen Büchern entsprechende, Einleitungen vorangestellt. Das mag auf den ersten Blick durchaus einschüchternd wirken und davon abschrecken, es mit eigenen Interpretationen und Weiterführungen wagen zu wollen. Dies ist zumindest die Erfahrung, die Alexander von Brünneck, Gerhard Göhler und ich seinerzeit mit der Fraenkel-Edition (1999-2009) machen konnten. Zu dieser Erfahrung gehört allerdings auch, dass nach einer gewissen Inkubationszeit die Zahl der originellen Rezeptionen des Werkes von Fraenkel wieder zunahm. Heute sind es vor allem Forscherinnen und Forscher aus den USA und asiatischen Ländern, die dabei ohne große Mühe auf unsere Edition zurückgreifen können. Editionsvorhaben sind also gewissermassen eine Art Flaschenpost für bekannte Gewässer.

Etwas ähnliches erhoffe ich mir auch von der Kirchheimer-Ausgabe. Die bisherigen Rezensionen fielen recht positiv aus (auch in der ehemaligen Hauszeitschrift der Schmittianer, Der Staat), und ich höre von verschiedenen jüngeren Kolleginnen und Kollegen, dass ihnen Kirchheimer erst durch diese Ausgabe zu einem Begriff wird. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass Kirchheimer aus den aktuellen Debatten nie wirklich verschwunden war – ich denke dabei etwa an die rechtstheoretischen Überlegungen von Daniel Loick und Sonja Buckel oder an neuere Forschungen zur Kriminologie oder zu den Veränderungen von Parteitypen. International ist das Interesse an Kirchheimer nach meinem Dafürhalten in letzter Zeit sogar wieder stark angestiegen – wir bekommen interessierte Anfragen aus den USA, Kanada, Australien und dem asiatischen Raum. Zudem entspinnt sich momentan ein neues Interesse an der ‘Politischen Justiz’ von Kirchheimer in Lateinamerika, was unschwer mit den aktuellen politischen Entwicklungen in Ländern wie Brasilien, Argentinien, Venezuela und Mexiko in Verbindung gebracht werden kann. Princeton University Press hat bereits auf dieses steigende Interesse reagiert und kürzlich eine Neuausgabe von ‘Political Justice’ auf den Weg gebracht.

 

 

II. Leben, Arbeit und Wissenschaft in der Emigration

1. Die lebensgeschichtliche Erfahrung der Emigration und des Exils bei Kirchheimer.

Die einzelnen Bände enthalten lange und sehr informative Einleitungen, in denen nicht nur die Texte von Kirchheimer jeweils kommentiert und erläutert werden, sondern auch viele Informationen zur Biografie enthalten sind. Du hast zu diesem Zweck auch mit den Nachkommen von Kirchheimer gesprochen. Wie prägend ist die Erfahrung der Emigration für das Werk und das Denken von Otto Kirchheimer? Welche Erinnerungen und welchen Blick haben die Kinder von Kirchheimer auf ihren Vater, das Leben in der Emigration, seine Arbeit, sein Werk?

Die Frage, wie ausführlich die Einleitungen zu den Bänden ausfallen sollen, haben wir im Projektteam zu Beginn der Arbeit länger diskutiert. Das Argument, das für die nun gewählte Form der längeren theoriebiographischen Einleitungen den Ausschlag gab, lautete: Ich gehöre zur letzten Generation derer, die noch mit Zeitzeugen über Otto Kirchheimer sprechen konnten. Dazu gehören Gespräche, die teilweise mehr als 35 Jahre zurückliegen, u.a. mit seinen Emigrationsgefährten Leo Löwenthal, John H. Herz, David Kettler, Adolph Lowe, Henry Ehrmann, Richard Löwenthal und Ossip K. Flechtheim und in späteren Jahren mit den mittlerweile verstorbenen Politikwissenschaftlern Kurt Sontheimer, Peter von Oertzen, Karl Dietrich Bracher oder Wilhelm Hennis. Die Informationen, die ich von ihnen erhalten hatte, boten wichtige Anhaltspunkte für die Suche nach weiteren Materialien von und über Kirchheimer.

Die in Deiner Frage hervorgehobene persönliche Dimension gehört ebenfalls zu den großen Überraschungen für mich bei dieser Edition. Ich wusste von Leo Löwenthal und John H. Herz, dass Kirchheimer in den USA eine Familie hatte, unter anderem eine 1930 in Berlin geborene Tochter und einen Sohn in zweiter Ehe, der nach dem Krieg in den USA geboren wurde, ich hatte dies bei der Vorbereitung der Ausgabe aber nicht wirklich auf dem Schirm. Versuchsweise habe ich in der Anfangsphase der Projektarbeit dann im Netz nach seinem Sohn gesucht und diverse in Frage kommende Personen angeschrieben – und tatsächlich, unter ihnen war der 1947 geborene Sohn Peter. Ich habe ihn stante pede in Brooklyn, wo er als Pflichverteidiger für sozial Schwache arbeitete, besucht und von unserem Editionsvorhaben berichtet. Zuerst schien er mir etwas misstrauisch zu reagieren, was sich aber bald legte. Von Peter habe ich dann irgendwann erfahren, dass seine noch in Deutschland geborene große Schwester Hanna in Arlington lebt. Auch sie habe ich alsbald besuchen können.

Die Begegnungen mit Peter Kirchheimer, Hanna Kirchheimer-Grossmann und ihrem Mann David Grossmann gehören für mich zu den berührendsten Momenten bei der Arbeit an der Edition. Die kleine Hanna wurde 1933 illegal von ihrer Mutter in der Zugtoilette aus Nazi-Deutschland heraus geschmuggelt und verbrachte als Flüchtlingskind unter zum Teil schwierigsten Bedingungen mehrere Jahre in Paris, der Schweiz, auf dem Lande in Frankreich, in Mexiko, in New York und in Washington. Die bei mir im Kopf entstandenen Bilder zu Hannas lebhaften Schilderungen über ihre Überfahrt in die USA, die sie als achtjähriges Kind aufgrund der Zeitumstände alleine machen musste, oder ihre Berichte aus ihrer Jugendzeit in der Exilantenkolonie in Mexiko zusammen mit Anna Seghers gehen mir seitdem nicht mehr aus dem Sinn. Ein Teil ihrer Biographie lässt sich in den Einleitungen zu den ersten beiden Bänden der Edition nachlesen.

Über Peter und Hanna konnte ich viel bislang ansonsten unbekanntes Material über die Biografie ihres Vaters erhalten. Sie konnten uns auch wertvolle Recherchehinweise für die Emigrationsjahre in Frankreich und zur Bespitzelung Kirchheimers durch das F.B.I. in den 1940er und 1950er Jahren geben. Im Gegenzug konnte ich Peter von einer ihn emotional tatsächlich bedrückenden Familienlegende erlösen: Er erinnerte sich ganz fest daran, dass er bei den Deutschland-Besuchen mit seinem Vater oft und gern als Kind auf dem Schoß von Carl Schmitt gesessen hatte, wie sympathisch ihm dieser ältere Herr gewesen war und vor allem wie eng und freundschaftlich sein Vater mit ihm verkehrt hatte. Er gestand mir irgendwann, dass er ein Gemälde, das der Sohn Schmitts für Otto Kirchheimer gemalt hatte, nach dessen Tod in die hinterste Ecke der Garage verbannt habe. Das fand ich nun allerdings merkwürdig – wusste ich doch, dass Schmitt keinen Sohn, sondern eine Tochter hatte. Ich konnte das Rätsel schließlich aufklären und Peter berichten, dass er in seinen Erinnerungen Carl Schmitt mit Carlo Schmid verwechselt hatte. Soviel zum Thema Zeitzeugen. Für Peter war diese Korrektur jedoch wichtig, denn er hat mir seitdem mehrfach berichtet, dass er sich nach all den Jahren, in denen er mehr über Schmitts Agieren im Dritten Reich wusste, von einer nachdrücklichen Irritation über das Verhalten seines Vaters befreit fühlte.

Aus den Gesprächen mit seinen Familienangehörigen – wie auch aus den brieflichen Dokumenten im Nachlaß – wird ersichtlich, wie sehr Otto Kirchheimer durch die Erfahrung von Flucht und Exil geprägt worden ist. Er hatte wohl schon als junger Mensch eine leichte Neigung zum Sarkasmus. Diese Neigung hat sich nach den schwierigen Jahren im Pariser Exil, den anfänglichen Komplikationen in New York, nach der von ihm vielfach kritisierten Politk der amerikanischen Regierung für Nachkriegsdeutschland sowie den jahrelangen Nachstellungen in der McCarthy-Ära weiter verstärkt und mit einer Skepsis verbunden, die ihn zuweilen in seinen Äußerungen zwischen ostentativ lakonischen Bemerkungen und purem Zynismus pendeln ließ.

Aus den geschilderten Familienkontakten ist über die vergangenen Jahre eine Art Familienfreundschaft auch mit deren Kindern und Kindeskindern von Otto Kirchheimer geworden. Einige der jüngeren Kirchheimers haben kürzlich die deutsche Staatsbürgerschaft als ihr Entrée für den Arbeitsmarkt in der EU angenommen. Das Werk ihres bekanntesten Familienmitglieds allerdings kennen sie immer noch nicht oder nur kaum. Und bis auf Hanna beschränkt sich der deutschsprachige Wortschatz von ihnen auf einige Wendungen aus dem Jiddischen. Das hatte im Übrigen auch gewisse Vorteile für die Editionsarbeit. Denn keiner aus der Familie wollte oder konnte sich in unser Vorhaben einmischen. Die gesamte Familie ist politisch sehr aktiv und sympathisiert mit dem linken Flügel der Demokraten in den USA. Hanna und Peter scheinen aber besonders von der späten Skepsis ihres Vaters geprägt zu sein, denn sie plädieren für einen Kandidaten aus der Mitte der Partei wie Joe Biden, weil sie weniger Zuversicht im Hinblick auf die Erfolgschancen linker Politik in den USA haben. Zuletzt haben meine Frau und ich im Sommer 2019 mit der mittlerweile 89jährigen Hanna einen Tag auf Rügen verbracht und über die Ostseeurlaube ihres Vaters in den 1920er Jahren gesprochen.

 

2. Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika

Warum blieb Kirchheimer in den USA? Der Gegenstand und das Material seiner Arbeiten liegen doch eigentlich in Europa (so in seiner Monografie über Politische Justiz, so bei den Arbeiten zum Wandel des Parteiensystems). Eine Reihe seiner Generations- und Schicksalsgenossen, Bekannten, Kollegen und Freunde kehrte nach 1945 nach Deutschland zurück (Adorno, Horkheimer, Fraenkel, Neumann plante die Rückkehr, bevor er 1954 durch einen Verkehrsunfall starb). Gab es Pläne für die Rückkehr bei Kirchheimer? Welche wissenschaftlichen Erfahrungen machte Kirchheimer in Amerika?

Otto Kirchheimer war vom NS-Regime 1938 gegen seinen Willen die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden. Mehrere Jahre galt er als staatenlos, bis er 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Anders als viele andere Emigranten hat er nach 1949 keinen Antrag auf Wiedererlangung der deutschen Staatsangehörigkeit gestellt, da er die deutschen Behörden diesbezüglich in der Bringschuld sah. Die Adenauer-Regierung sah dies bekanntlich anders.

Doch der Grund, warum Kirchheimer in den Nachkriegsjahren (den wenigen) Offerten, an eine deutsche Universität zu wechseln nicht nachkam, war in erster Linie familiärer Natur. Er selbst liebäugelte sehr wohl mehrere Male mit dem Wechsel auf eine deutsche Professur, da ihm die Arbeit im State Department sauer geworden war. Doch seine (zweite) Frau Anne, die fast ihre gesamte Familie im Holocaust verloren hatte, wollte auf keinen Fall in das Land der Mörder zurückkehren und wollte auch nicht, dass der gemeinsame Sohn Peter als Deutscher aufwächst. Anders als seine erste Frau, Hilde Neumann, die nach der Befreiung vom Nationalsozialismus in die damalige Ostzone ging und dort zu Hilde Benjamins Stellvertreterin in der Staatsanwaltschaft der DDR aufstieg, kam für Kirchheimer der Wechsel nach Ostdeutschland zu keinem Zeitpunkt in Frage. Anfang der 1960er Jahre spielte er eine Zeitlang mit der Idee, ähnlich wie Carl J. Friedrich eine doppelte Professur – ein Semester USA, ein Semester Frankfurt am Main – anzunehmen. Gegen eine solche Pendelei sprachen dann aber schwerwiegende gesundheitliche Gründe. Und als Kirchheimer schließlich auf Drängen seiner deutschen Freunde Wilhelm Hennis und Horst Ehmke 1965 soweit war, eine Professur für Politikwissenschaft in Freiburg anzutreten, verhinderte sein früher Tod diesen beruflichen Neuanfang.

In den USA orientierte sich Kirchheimer ähnlich wie sein Freund Franz L. Neumann am dortigen Wissenschaftsystem und publizierte einen Großteil seiner Arbeiten in englischer Sprache. Auf diese Weise machte er sich in kurzer Zeit einen gewissen Namen in der amerikanischen Political Science und wurde sogar zu einem der Mitherausgeber der American Political Science Review ernannt. Institutionell blieb er ab 1955 zunächst der deuschsprachigen Enklave im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb an der New School for Social Reseach verhaftet. Erst mit seinem Wechsel 1961 an die prestigeträchtigere Columbia University fühlte er sich ganz dem amerikanischen Wissenschaftsestablishment zugehörig. Was er dort besonders schätzte, war das vergleichsweise geringe Lehrdeputat sowie die großzügigen Möglichkeiten, um für Forschungssemester beurlaubt zu werden (das macht ihn mir ausgesprochen sympathisch).

Für viele seiner amerikanischen Kolleginnen und Kollegen hegte Kirchheimer ein gewisses Maß an stiller Verachtung. Er hielt sie für fachlich zu spezialisiert und deswegen nicht umfassend genug gebildet und für langweilig. Dieses Überlegenheitsgefühl spielte er insbesondere dann gern aus, wenn er in einem Aufsatz Quellenmaterial aus vier oder fünf verschiedenen Sprachen rezipieren oder wenn er gegen neu aufkommende Theoriemoden wie die soziologische Rollentheorie oder den systemtheoretischen Funktionalismus sticheln konnte. Kirchheimer kam mit seiner Doppelexistenz offenbar gut zurecht: In den USA sah er sich als gebildeter und erfolgreicher Europäer, während er sich bei Vorträgen in Deutschland, Frankreich und Italien als amerkanischer Politikwissenschaftler vorstellen ließ.

 

[– Fortsetzung folgt]

 

Helmut König war Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der RWTH Aachen. Seit 2017 ist er emeritiert. Seine letzte  Monographie „Elemente des Antisemitismus. Kommentare und Interpretation zu einem Kapitel der ‚Dialektik der Aufklärung’ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno“ ist 2016 bei Weilerswist erschienen.

 

Hubertus Buchstein ist Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Greifswald und forscht neuerdings über Menschen, die zwischen 1961 und 1989 die DDR über die Ostsee verlassen wollten und dabei ihr Leben verloren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.