Dialog zwischen einer Exilantin und einem Staatsbürger – Lesenotiz zu Judith Shklar über „Verpflichtung, Loyalität, Exil“

Die in Lettland geborene amerikanische Philosophin Judith Shklar bezeichnet ihre Auseinandersetzung mit politischer Verpflichtung und Loyalität als „Dialog zwischen einer Exilantin und einem Staatsbürger“. In der Kontrastierung der auch in der politischen Philosophie marginalisierten Perspektive der Exilierten zeigt sich erneut Shklars Gespür für die Spannungsfelder der politischen Philosophie. Im von Hannes Bajohr übersetzten und herausgegebenen Sammelband Verpflichtung, Loyalität, Exil (Mattes & Seitz Berlin, 2019) untersucht Shklar in zwei Essays ihres Spätwerks die unterschiedlichen Funktionslogiken der Begriffe „Loyalität“ und „Verpflichtung“. Wie der Herausgeber in der Vorbemerkung betont, ist die Frage nach politischer Loyalität und Verpflichtung sowohl in den USA als auch in der EU hochaktuell: Shklar zufolge werden in politischen Debatten um die Integration von Exilierten die systematischen Unterschiede zwischen Loyalität und Verpflichtung verwischt – und damit die Grenzen dessen, was der liberale Staat legitimerweise überhaupt von seinen Bürger*innen verlangen kann. Die Forderung nach einer – vorgeblich liberalen – „Leitkultur“ beispielsweise kann unter diesem Blickwinkel nur als kritikwürdig gelten. Die begriffliche Analyse bleibt damit nicht bloß eine philosophische Fingerübung, sondern wird direkt auf ihre politischen Implikationen hin untersucht – eine Rückbindung ganz im Sinne realistischer Ansätze der politischen Philosophie.

Verpflichtung, Loyalität, Exil

Verpflichtung und Loyalität werden einander als diametrale Gegensätze im Sinne von Verstand und Affekt gegenüber gestellt. Als klassischer Begriff der liberalen politischen Philosophie wird Verpflichtung, durchaus kantianisch, verstanden als das Resultat „unparteiischen und distanzierten“ Nachdenkens. Verpflichtung hat damit einen „rationalen“ und „regelbezogenen“ Charakter; Handeln aus Verpflichtung ist also „regelgeleitetes Handeln“ (S. 18). Politische Verpflichtungen werden im Rahmen der rule of law kodifiziert.

Dem gegenüber wird Loyalität definiert als „affektive“ und „emotionale“ Bindung an eine soziale Gruppe. Relevante soziale Gruppen sind nach Shklar beispielsweise “Rasse, Ethnie, Kaste und Klasse“. Die Gruppenmitgliedschaft wird dabei nicht selbst gewählt, bestimmt aber im kommunitaristischen Sinne maßgeblich die Identität der Person. Daher ist Loyalität nicht rational gerechtfertigt oder überhaupt rechtfertigbar, sondern „durch die ganze Identität des Handelnden motiviert“ (S. 20).

Der Wert der systematischen Unterscheidung von Verpflichtung und Loyalität zeigt sich besonders in der Frage nach der Möglichkeit von Mitgliedschaft. Shklars Begriff des „Exilanten“ (S. 30) reicht dabei von denjenigen, die ihr eigenes Land verlassen mussten und diesem nicht mehr verpflichtet sind, bis hin zu denjenigen, die im „inneren Exil“ (S. 36) inmitten eines ungerechten Regimes leben. Auf den Standpunkt des Exilanten bezogen wird deutlich, dass politische Verpflichtung einen inklusiven Charakter hat. Gerade weil es sich um ein unpersönliches Konzept handelt, das auf „distanzierter Berechnung“ beruht, ermöglicht politische Verpflichtung, dass aus Fremden mit einem „tief verwurzelten Sinn für Sicherheit“ Staatsbürger*innen werden (S. 70). Im Gegensatz dazu rekurriert Loyalität auf die je partikulare Gruppenzugehörigkeit, weshalb ihr die Tendenz zur Exklusion inhärent ist. Damit ist Loyalität für Exilierte ein zutiefst problematisches Konzept. Nicht nur ist unklar, ab wann die Loyalität zu dem verlassenen Staat endet. Weitaus problematischer ist, dass Exilierte innerhalb des loyalitätsbasierten Modells politischer Gemeinschaft nicht die Möglichkeit haben, den Status der Mitgliedschaft zu erreichen.

 

Gegen Walzers Kommunitarismus

Dementsprechend wird Michael Walzers kommunitaristische Theorie dafür kritisiert, die Unterscheidung zwischen Verpflichtung und Loyalität gerade nicht zu treffen. Stattdessen denkt er seine Theorie von politischer Loyalität her, indem er versucht, den Staat als Objekt derselben zu konzeptualisieren. Dies ist nach Shklar in zweifacher Hinsicht problematisch. Einerseits bleibt die Loyalität gegenüber nicht-staatlichen Gruppen innerhalb der kommunitaristischen Logik immer der Loyalität zum Staat vorgeordnet, weshalb der Staat sich der Loyalität seiner Bürger*innen grundsätzlich nicht sicher sein kann. Shklar bezweifelt, dass moderne Staaten überhaupt eine Gemeinschaft in Walzers Sinne sein können, da Migration die unterstellte kulturelle und ethnische Homogenität ohnehin lange aufgebrochen hat.

Andererseits überschreitet der Staat durch die Einforderung von Loyalität die Grenzen dessen, was er legitimerweise verlangen darf. Aus liberaler Sicht darf es nicht politisch ausschlaggebend sein, welcher sozialen Gruppe jemand angehört. Noch weniger darf der Staat aber auf individuelle Loyalitäten zugreifen, da diese dem Bereich des Privaten angehören. Dass dessen Schutz zentraler Bestandteil individueller Freiheit darstellt, betonte Shklar bereits im Essay über den Liberalismus der Furcht (1989, Mattes & Seitz 2013). Loyalität zum Staat ist damit potentiell repressiv nach innen und exkludierend nach außen. Als Exilantin, die vor den Nationalsozialisten fliehen musste, wirft sie Walzer, dem Staatsbürger, vor, der Geschichte der „Repräsentation als Identität“ (S. 74) nicht ins Auge sehen zu wollen.

Mit der diametralen Entgegensetzung der beiden Funktionslogiken überrascht die Feststellung nicht, dass nicht nur Konflikte zwischen verschiedenen Loyalitäten und Verpflichtungen, sondern insbesondere zwischen Loyalität und Verpflichtung möglich sind. Hier liegt wiederum die Stärke des unpersönlichen, rationalen Verpflichtungsmodells. Im Konfliktfall zwischen verschiedenen affektiv besetzen Loyalitäten zu entscheiden ist problematisch, da es hierfür keinen Maßstab geben kann. Zudem geht der Entzug der Loyalität oftmals mit dem Vorwurf des Verrats einher, der aufgrund der engen Verknüpfung von Gruppenloyalität und Identität besonders schmerzlich für die Person sein kann. Demgegenüber bietet das Verpflichtungsmodell einen unparteilichen Modus der Konfliktlösung: „Der moderne Staat, und das war von Beginn an das beste Argument für seine Existenz, steht nicht nur über den in Konflikt stehenden Gruppen, sondern hat die Aufgabe, die von rassischer, ethnischer und religiöser Solidarität hervorgebrachten mörderischen Neigungen durch legale Zwangsmittel im Zaum zu halten“ (S. 77).

 

Shklars konfliktiver Liberalismus

Shklars Argumentation für politische Verpflichtung und gegen den loyalitätsbasierten Kommunitarismus ist aus liberaler Sicht stichhaltig. Doch greift sie auf Argumente zurück, die im liberalen Spektrum allgemein vertreten werden, wie auch Jan-Werner Müller herausstellt. Interessant ist jedoch nicht nur die argumentative Ebene, sondern ebenso die Frage nach Shklars spezifischer Herangehensweise, nämlich das Einnehmen einer konfliktiven sowie nicht-utopischen Perspektive. Obwohl Shklar en passant die Möglichkeit des Zusammenspiels von Verpflichtung und Loyalität konstatiert (so am Beispiel der Nationalloyalität), geht sie in der Analyse dieses Verhältnisses doch von der Unvermeidlichkeit des Konflikts beider Konzepte aus. Die prominente Rolle des Konflikts ist eines der Alleinstellungsmerkmale von Shklars Konzeption; in einem weiten Verständnis rückt sie damit in die Nähe des „konfliktiven“ Liberalismus Chantal Mouffes (Rzepka & Straßenberger 2014). Mit dem Fokus auf dem Konflikt bleibt sie zudem ihrer bereits im Liberalismus der Furcht und in Ordinary Vices (1984) etablierten Methodologie treu, sich nicht aus idealisierender, sondern nicht-utopischer Perspektive den Gegenständen der politischen Philosophie zu nähern. Dabei wird der Konflikt zwischen Verpflichtung und Loyalität zwar als unvermeidbar, aber nicht als unlösbar herausgearbeitet. Das liberale Primat politischer Verpflichtung ermöglicht die legitime Ausübung sowohl von Verpflichtung als auch Loyalität, verweist die Loyalität allerdings in den Geltungsbereich des Privaten. Das Einfordern von Loyalität im Politischen führte für Shklar die Stärke liberaler Systeme ad absurdum: Gerade Exilierte wissen um die Nichtexistenz der kommunitaristischen Homogenität, und „sie befinden sich genau deshalb in diesem Land, weil sie alldem Lebewohl sagen wollten“ (S. 77). Damit aktualisiert Shklar aus der Perspektive der Exilantin, wo der Liberalismus mit der Zurückweisung politischer Loyalität auf gegenwärtige politische Probleme eine Antwort bietet.

 

Katharina Kaufmann studierte Philosophie an der LMU München und International Relations an der University of Bath, UK. Sie promoviert an der Universität Bayreuth zum Thema „Injustice. A Critique of Liberalism“. Ab Januar 2020 wirkt sie als Gastwissenschaftlerin in Stanford.

Ein Kommentar zu “Dialog zwischen einer Exilantin und einem Staatsbürger – Lesenotiz zu Judith Shklar über „Verpflichtung, Loyalität, Exil“

  1. Die Corona-Affäre hat etwa kathartisches, und erweckendes, wenn Sie einmal den Mut zur Frage aufbrächten – cui bono – wem sie tatsächlich nützt!
    Wie aber können sie, die Sprachfunktionäre die immer für mich zu sprechen sich anmassen, die Kommentatoren ihrer eigenen angemaßten Deutungshoheit, es wagen (how dare they), hochdotiert davon zu schwafeln, daß die Bürger-Innen im Wortsinne anbetrachts der willkürlich ausgeweiteten Ausgangssperren, auf die Empfehlungen der Privatmeinung selbsternannter ‚Experten’ von Lobbyisten-Instituten hin, ja nun die Gelegenheit zur Wiederentdeckung von beschaulicher Innerlichkeit einer aufgenötigten splendid isolation hätten. Ebenso gut könnten Sie wohlfeil darüber spekulieren, daß ein unschuldig internierter Mensch ja irgendwie innerlich doch frei bliebe; sieht der sich auch in ein kafkaskes Szenario geworfen, als Angeklagter mit und ohne Symptomen; als Schädiger stigmatisiert nachdem man ihn schädigte; schuldig gegenüber dem Ankläger, diesem die eigene Schuld zu beweisen. Die Corona-Affäre ist ein gottverwerworfenes Elitenprojekt – und die Schutzmaske wird uns zum Maulkorb.
    Ihr ignoranten Apolegeten illegitimer Machtstrukturen, Ihr Staatsphilosophaster an Diomerkeles Hofe, seid das was ihr durch die Jahrhunderte immer gewesen seid. Ein sophistisches Krämergeschlecht, für das bei Dante sogar ein eigener Höllenkreis ausersehen war. Kein Begriff davon, daß der Mensch ein unabdingbar soziales Wesen ist; daß ein Rückzug ins Private nur autonom in der Reflexion einer real authentischen mitmenschlichen Interaktion gegenüber gelingen kann. Merkeln Sie nicht, daß sich die Menschlichkeit gerade droht in den virtuellen Raum zu verflüchtigen? Wenn Corona zwar vielleicht keinen Sinn hat, aber Zwecke gibt es schon: nämlich eine Forcierung der digitalen Überwachungsstrukturen, eine Segregation der Generationen und Milieus, eine Horrifizierung von Identität und Herkunft, eine Abqualifikation unveräußerlicher Würde und Weisheit des Alters, zugunsten einer amorphen Welteinheitszivilisation, und Schaffung einer globalen Panikmasse als flexibel fluides Schmiermittel für die finanzkapitalistische Weltmaschinerie, usw. usw.
    Wie verändert das direkte soziale Umgangsverbot die Menschen, wie irreversibel wird das grundstürzende Mißtrauen und der Verdacht gegenüber unserem Nächsten sein, dem Banknachbar, dem Kollegen, dem Passanten, dem Gast, dem Kunden, Patienten, Klienten und potentiellen Delinquenten mit trockenem Husten. In welche weiteren Nutzen- und Schadenskategorien wird das allgemein Menschliche fragmentiert?
    „.. unser Dank gilt den Helden der pharmazeutischen Wissenschaft für ihre Bemühungen anläßlich der Corona-Pandemie ..“
    Während des Ersten Weltkriegs stellte Karl Kraus fest, daß die Verdienstorden stets an die Verdiener einer Krise gehen, nie an deren Opfer.
    Etwa ein Jahr vor der großen Spanischen Grippe im Jahr 1918 schreibt er in der „Fackel“:
    „Da nun die Hamletfrage nach Sein oder Nichtsein zur letzten Frage aller Staatsweisheit wurde, könnte man sich darein finden, daß der Übermut der Ämter und die Schmach, die Unwert schweigenden Verdienst erweist, zu jenen täglichen Erfahrungen zählen, aus denen vor dem Einschlafen die tröstliche Erkenntnis gewonnen wird: Krieg ist halt Krieg (gegen die Makro- oder Mikrobiologie). Was wollt ihr von der Menschennatur, die einmal Macht und Maschine geschmeckt hat, anderes erwarten und verlangen? Wenn Krieg Krieg ist, hilft einem Weisen, der noch von früher her zur Melancholie neigt, dennoch die bessere Einsicht, daß die armen Tyrannen, die gemäß dem unerforschlichen Ratschluß ihrer Gottähnlichkeit uns das bißchen Dasein, wenn nicht verkürzt, so doch versperrt haben, am Ende die letzten Sklaven ihrer eigenen Laune gewesen sein werden.
    Im Angesicht Sterbender wird eine Kreatur, die mit dem Lorgnon zuschaut, für Tapferkeit dekoriert; Finanzgauner deren Sprache kaum zur Verständigung über die notwendigen Berufspraktiken reicht, tragen ein Ehrenkleid; … Nun denke man sich diese Sorte eines nach unten ausstoßenden Menschentums mit erhöhter Machtbefugnis ausgestattet – sieht dann die Welt nicht plötzlich so aus, als ob die propagierte Notwendigkeit nur eine Verabredung wäre, um dessen tieferes Bedürfnis des Nächstenhasses endlich auf eine inappelable Art befriedigen zu können? Wird nicht Menschenwürde jenes rarste, sofort vom Staat beschlagnahmte Lebensmittel sein, dessen Mangel erst ein Durchhalten durch ein so verwandeltes Leben ermöglicht?“
    Wann, wenn nicht jetzt sprecht: „J’accuse“ – Ihr habt die Mikrophone und die Zeitungskolumnen, Ihr besitzt die Foren der Prominenz – oder aber schweigt!

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