Frauen* in der Politischen Theorie. Eine feministische Kritik am Zustand unserer Disziplin

Die Politische Theorie ist männlich und weiß. Für Frauen* und People of Colour ist es offensichtlich deutlich schwieriger, sich in der Politischen Theorie zu etablieren. In Sachen Diversität hinkt die Disziplin anderen Geistes- und Sozialwissenschaften hinterher. In einem Fach, dessen Gegenstand die Reflexion gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse ist, erscheint dieser Zustand besonders verwunderlich. Warum also ist das so und was können wir dagegen tun?

Ein politisches Anliegen mit theoretischer Dimension

Nur 28 Prozent der Theorie-Professuren im deutschsprachigen Raum sind derzeit von Frauen* besetzt (nämlich 30 von 107, siehe die Liste** der Professuren im Themenbereich Politische Theorie, Philosophie und Ideengeschichte auf diesem Blog; in den Geisteswissenschaften insgesamt lag der Anteil 2017 laut statistischem Bundesamt bei 38%, in den Sozialwissenschaften bei 42% und in der Politikwissenschaft bei 32%). Ein ähnliches Geschlechter-Verhältnis zeigt sich auch in den Programmen vergangener DVPW-Sektionstagungen, in denen der Anteil von weiblichen Sprecher*innen nur knapp über einem Viertel lag; im Durchschnitt der Tagungen in Hamburg 2019, Bremen 2019, Bonn 2018, Hannover 2018, Trier 2017, Darmstadt 2016, München 2016 ergab unsere Erhebung einen Anteil von 29 Prozent. Diskussionen im Nachgang an Theorie-Panels oder Vorträge sind meistens noch stärker von Männern dominiert. Männliche Redebeiträge nehmen im Vergleich zu denen von Frauen* mehr Zeit und Raum ein und nicht selten melden sich in freien Sprechsituationen ausschließlich Männer zu Wort. Dass weibliche und migrantische Stimmen deutlich seltener gehört und gelesen werden, bedeutet, dass wir im Feld der Politischen Theorie besonders weit vom Ziel der Gleichstellung entfernt sind. Dieser Zustand hat darüber hinaus vor dem Hintergrund der Subjektivität von Wissen auch weitreichende Auswirkungen auf die Inhalte, Formen und Ergebnisse der Wissensproduktion.

Die Situiertheit von Forscher*innen beeinflusst Theoriebildung, Forschungsgegenstände und -erkenntnisse grundsätzlich (Haraway 1996; Harding 1994). Welche Themen als interessant und innovativ oder überhaupt als akzeptabel gelten, wie Begriffe definiert und welche Instrumente der Forschung angewandt werden, hat auch mit den Subjekten der Wissensproduktion zu tun. Der kritische Blick der feministischen und postkolonialen Politikwissenschaft auf ihr eigenes Fach hat gezeigt, dass bestimmte Gegenstände, Perspektiven und Fragestellungen erst dann Eingang in den Diskurs finden, wenn Betroffene von Marginalisierung in den wissenschaftlichen Prozess eintreten und für ihre spezifischen Erfahrungen relevante Themen auf die Agenda setzen (Sauer, Kreisky 1995; Sauer 2001; Emejulu et al. 2018). Hieraus folgern wir nicht, dass nur aus einer Betroffenenperspektive „authentisches“ Sprechen, Wissensgenerierung und Theoriebildung möglich ist. Es heißt aber zu berücksichtigen, dass jedes Wissen stets in gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse eingebettet ist (Michel Foucault) und wir aus gesellschaftlich zugeschriebenen und historisch hervorgebrachten Positionen heraus denken und forschen.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist die männliche Dominanz in der Disziplin nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Gleichstellung zu kritisieren. Die Forderung nach Diversität auf Tagungen und in Publikationen ist auch angezeigt, weil sie epistemologisch von Bedeutung ist und zu einer Diversifizierung der methodologischen und inhaltlichen Erkenntnisse, und damit zu einer dynamischen und intersektionalen Öffnung politiktheoretischer Diskurse führt, die bestehende Ausblendungen, Verzerrungen und Ausschlüsse erst zu reflektieren vermag.

Subtile Benachteiligungsstrukturen in männlich dominierten Kontexten

In Gesprächen mit Kolleginnen* haben wir uns in der Vergangenheit häufig über die Geschlechterdimension akademischer Situationen und Arbeitsweisen ausgetauscht. In einem Raum, in dem überwiegend Männer sprechen, fühlen sich Frauen* oft nicht zugehörig. Für Frauen* in der Politischen Theorie scheint die Selbstverständlichkeit ihrer akademischen Rolle weniger gegeben und bestimmte Formen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit lösen bei ihnen ein starkes Unbehagen aus. Zahlreiche Studien haben inzwischen gezeigt, wie dieses Gefühl durch die Unterrepräsentation von Frauen* und (meist subtile, manchmal offen) sexistische Strukturen verursacht und stetig reproduziert wird. Eine ausführliche Problematisierung sowie einen instruktiven Überblick von Studien zu Frauen* in der Wissenschaft hat kürzlich Troy Vettese zusammengestellt.

Zwei Mechanismen sind in dieser Produktion von Benachteiligung besonders wirkmächtig: der „Implicit Gender Bias“ und der „Stereotype Threat“. Implicit Biases oder Vorurteile beruhen auf unbewussten Sets an Annahmen und Vorstellungen über soziale Gruppen. In Bezug auf Gender führen implizite Vorurteile nachgewiesen dazu, dass gleichwertige Leistungen von Männern als hochwertiger eingeschätzt werden.  Beurteilungen der Qualität schriftlicher und gesprochener Beiträge, von Lebensläufen über Forschungsanträge zu Vorträgen, werden zum Nachteil von Frauen* beeinflusst (Moss-Racusin et al. 2012, Knobloch-Westerwick et al. 2013, LERU-Paper 2018). Immer noch haben Männer bei gleicher Qualifikation größere Chancen eine Stelle zu bekommen; zudem werden ihre Stellen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit verstetigt. Gleichzeitig sind Frauen* und andere benachteiligte soziale Gruppen vom sogenannten Stereotype Threat betroffen. Das Bewusstsein über die Vorurteile gegen die eigene soziale Gruppe und die ständige Sorge davor, diese zu bestätigen – etwa, dass Frauen* weniger eloquent, brillant, argumentationsscharf oder souverän seien – führt in eine Abwärtsspirale der Verunsicherung (Saul 2013; Kapitanoff, Pandey 2017). Darüber hinaus liegt die Vermutung nahe, dass infolge der impliziten Gender-Biases und einer ständigen Reproduktion von Geschlechterrollen und -verhältnissen, Frauen* in der Wissenschaft häufiger als ihre männlichen Kollegen Verwaltungsaufgaben und andere weniger prestigeträchtige Arbeiten übernehmen (müssen) und ihnen damit weniger Zeit bleibt, sich auf ihre wissenschaftliche Karriere zu konzentrieren (Briken et al. 2018).

Zusätzlich zu den mannigfaltigen benachteiligenden Strukturen im akademischen Bereich sind Frauen* „doppelt vergesellschaftet“ (Becker-Schmidt 2010), d.h. sie sind neben der Erwerbsarbeit noch immer in viel stärkerem Maße in die Care-Arbeit eingebunden. Sie treffen die prekären Arbeitsbedingungen in der durch Unsicherheiten, Befristungen und hohe zeitliche und örtliche Flexibilität gekennzeichneten akademischen Welt deshalb auch in besonderer Weise (Dahmen, Thaler 2017). Außerdem sind sie in- und außerhalb der Universität eher von sexueller Belästigung betroffen. Frauen* sind in der Tendenz also häufiger mit schwierigen Alltagsbedingungen konfrontiert. Diese äußerst vielfältigen Faktoren wirken ineinander und führen trotz ausgeglichener Studienanfänger*innenzahlen und Gleichstellungspolitiken zu drastisch absinkenden Frauenanteilen auf den jeweiligen Qualifizierungsebenen. Die Hochrisiko-Karriere Wissenschaft ist für Frauen* eine „leaky pipeline“. Auf der Ebene der Professuren bleiben nur wenige übrig. Die mehrdimensionale Unterrepräsentation von Frauen* erhält wiederum den männlichen Machtvorsprung darin, Form und Inhalt ihrer Disziplinen zu beeinflussen.

Auch wenn diese Entwicklungen nicht gesondert für die Unterdisziplin Politische Theorie erfasst werden, ist es plausibel anzunehmen, dass ein Teil der genannten Faktoren hier besonders stark zum Tragen kommt. Aufgrund der inhaltlichen und habituellen Nähe zur Philosophie lassen sich einige Rückschlüsse aus den dort erhobenen Daten und Überlegungen ziehen. In der Philosophie sind nur 25 Prozent der Professor*innen weiblich, nirgends ist das Gender Citation Gap höher (siehe z.B. Healy 2015). Das hat auch damit zu tun, dass das Imaginär des genialen Philosophen implizit an männlichen Attributen und Verhaltensweisen orientiert ist. Hierbei kommt im Anschluss an „Genie-Kulturen“ der sogenannte Dweck-Effekt besonders zum Tragen (z.B. Murphy, Dweck 2009). Wenn angenommen wird, es gäbe ein angeborenes Talent für bestimmte Fähigkeiten, sind Frauen*, so kann Carol Dweck nachweisen, aufgrund ihrer Sozialisation eher dazu geneigt, sich die Qualifikation für solche „Begabungsfächer“, die typischerweise in Disziplinen wie Mathematik oder Philosophie verortet werden, abzusprechen. Nicht nur die Selbsteinschätzung führt dann zu Verunsicherung und Rückzug. Auch Gender Biases spielen bei diesem Effekt wieder eine wichtige Rolle, wie Studien für die Philosophie zeigen (Guthoff 2013; Leslie, Cimpian 2015): Wenn es um Fragen der Qualifikation geht und zugleich angenommen wird, nur angeborenes Talent führe zum Erfolg, werden Frauen* viel seltener wahrgenommen. Zugleich wird Frauen* ein bei Männern übliches, und damit allgemein in akademischen und insbesondere in philosophischen Kontexten präsentes, „starkes“ Auftreten, wie etwa hartes Diskutieren, negativ ausgelegt (siehe auch die Ausführungen im Interview mit Annerl et al. 2015).

Subtile Mechanismen, die Männer in der Rolle des politischen Theoretikers selbstverständlich erscheinen lassen und damit Frauen* diese Selbstverständlichkeit entziehen, sind oft auch bereits in der universitären Lehre angelegt. Eine Studie an der FU Berlin hat gezeigt, dass weibliche Teilnehmer*innen in Philosophie-Seminaren den Eindruck haben, dass ihre Wortbeiträge weniger Wertschätzung erfahren und eine bestimmte Weise des Profilierens im Vordergrund steht, in deren Folge dominante und viel redende, meist männliche Studierende von Dozierenden ermuntert statt gebändigt werden. Ohne dies kritisch zu kontextualisieren, werden in Seminaren und Vorlesungen in der Politischen Theorie zudem vor allem männliche (weiße, westliche) Autoren gelesen. In der Konsequenz finden sich die Erfahrungen von Frauen* und anderen benachteiligten Gruppen viel seltener in den Subjektpositionen der im Seminar behandelten Gesellschaftstheorien wieder. Feministische und postkoloniale Perspektiven bleiben ausgeblendet oder werden im besten Fall als „ad-ons“ ans Ende des Seminarplans gehängt. Das hat auch damit zu tun, dass politiktheoretische und philosophische Diskussionen in der Regel auf einem stark kanonisierten Wissen sogenannter Klassiker aufbauen. Auch deshalb ist es in der Politischen Theorie schwierig, dezidiert abseits dieses Kanons zu forschen oder dessen Grundannahmen zu dekonstruieren. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der feministischen Theorie, deren Analysen – z. B. dass der Idee des Gesellschaftsvertrags in den Klassikern der frühen Neuzeit ein Geschlechtervertrag zugrunde liegt (vgl. u.a. Pateman 1988) – bis heute nur zögerliche Beachtung finden.

Inklusivere Strukturen schaffen: Good Practice Vorschläge

Um unsere Disziplin zu öffnen, sind Bedingungen nötig, die weniger ausschließend wirken. Dafür braucht es grundlegende strukturelle Veränderungen. Im Wissenschaftssystem müssen endlich die Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnisse verändert sowie Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter vorangetrieben werden. Die Prekarisierung wissenschaftlicher Arbeitsverhältnisse muss mit Geschlechterungleichheit, genauso wie mit institutionellem Rassismus und sozialer Selektivität zusammengedacht werden (Laufenberg et al. 2018).

Neben veränderten Rahmenbedingungen braucht es eine inklusivere Atmosphäre, eine Atmosphäre also, in der sich möglichst jede*r wohl fühlt. Ein wichtiger Schritt wäre hier, Sensibilisierungsprozesse für alle Hochschulmitglieder strukturell zu implementieren. Gender- und Diversity-Trainings können dabei anleiten, die eigenen, meist unbewussten Vorurteile zu erkennen und das Bewusstsein für diversitätssensible Einstellungs- und Berufungsmodalitäten und weitere Gleichstellungsmaßnahmen zu schulen. Für die akademische Lehre und wissenschaftliche Konferenzen gibt es dazu bereits viele gute Vorschläge. Die deutsche Sektion der Society of Woman in Philosophy (Swip) hat einen hilfreichen Good Practice Guide herausgegeben. An vielen Universitäten gibt es auch konkrete Hilfestellungen, um die Lehre diversitätsbewusst und damit offener zu gestalten, zum Beispiel die Toolbox Gender und Diversity in der Lehre der FU Berlin oder der Werkzeugkasten Diversity in der Lehre an der Uni Freiburg.

Wir sollten es als Auftrag an uns Lehrende verstehen, die Inhalte, Atmosphäre und Gesprächskultur unserer Seminare entsprechend zu gestalten und nach den Wirkungsweisen unserer eigenen impliziten Vorurteile zu fragen. Es gilt, sich einerseits bewusst zu machen, dass nicht automatisch (nur) jene klug und gut sind, die im Seminar am dominantesten auftreten, sowie andererseits proaktiv zu überlegen, inwiefern Seminarformen und didaktische Methoden variiert und verändert werden können. Hierfür, aber auch auf Konferenzen, sind Moderationsstrategien ein erster und wichtiger Schritt. Nicht-moderierte Situationen laufen schneller Gefahr, implizite Vorurteile zu reproduzieren. Gegenderte Redner*innenlisten, Pausen, in denen sich potentielle Sprecher*innen sammeln können und das Unterbinden von Monologen sind wirksame Maßnahmen der Inklusion. Eine Reflexion über das Sprechverhalten und die Offenlegung der Moderationskriterien können dominante Redner*innen von vornherein einfangen. Außerdem sind Veranstaltungsorganisator*innen in der Verantwortung, Frauen* und ihre Expertise als Vorbilder und Gegenbeispiele sichtbar zu machen, um impliziten Vorurteilen und dem Stereotype Threat entgegenzuwirken. Initiativen wie 50 Prozent sind die Hälfte, Academia Net oder WomanAlsoKnowStuff weisen immer wieder darauf hin, wie die Überrepräsentation von männlichen Wissenschaftlern, etwa bei den weit verbreiteten sogenannten All-Male-Panels, Geschlechterungerechtigkeit reproduziert – bezeichnenderweise finden sich All-Male-Panels auf fast jeder Theorie-Konferenz.

Frauen* sind in unserer Disziplin auf vielfache Weise unterrepräsentiert. In unserem Beitrag haben wir nur einen kleinen Ausschnitt der mannigfaltigen Benachteiligungsformen behandelt. Neben der Benachteiligung durch Gender wirken im akademischen Raum zahlreiche weitere strukturelle Diskriminierungen und Ungleichheiten, u.a. entlang von race, sozialer Klasse, Behinderung oder sexueller Orientierung, insbesondere in deren Verschränkungen. In der Politischen Theorie benötigt es unbedingt eine aktivere Auseinandersetzung mit diesen exkludierenden Mechanismen im Sinne einer intersektionalen Gerechtigkeit. Wir brauchen einen kulturellen und institutionellen Wandel, der Vorurteile reflektiert und inklusivere Strukturen schafft. Eine transformative Politik und eine gelungene Politische Theorie fangen damit an, die eigenen Privilegien kritisch zu hinterfragen und die gemeinsamen Formen der Wissensbildung, Wissensvermittlung und Kommunikation zu reflektieren und für alle zu öffnen.

 

Hannah Riede promoviert an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Bereich der Politischen Theorie und beschäftigt sich vor dem Hintergrund feministischer und neuer Kritischer Theorie mit Diversity Politics. Sie ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Frauenrechtsorganisation AMICA e.V.

Laura Gorriahn ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Politik und Recht des Otto-Suhr-Instituts der FU Berlin und promoviert mit einer demokratietheoretischen Arbeit zu Aushandlungsprozessen um staatliche Exklusionspraktiken.

 

** Redaktionelle Anmerkung: Die von uns geführte Liste soll idealerweise alle ordinierten Kolleginnen und Kollegen im deutschsprachingen Raum aufführen, die kontinuierlich zum Themenspektrum unseres Blogs forschen und publizieren. Unsere Liste beansprucht dabei keine Objektivität, bildet aber sicher bestehende Strukturen und Tendenzen ab.

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