Gemeinschaft und Gesellschaft. Das X. Internationale Tönnies-Symposium in Kiel

In der an beeindruckenden Persönlichkeiten nicht armen Gruppe der Gründer der Soziologie nimmt der 1855 auf Eiderstedt geborene Ferdinand Tönnies einen der vordersten Plätze ein. Dieser Monate nun endlich erscheint Gemeinschaft und Gesellschaft, sein wirkungsreichstes Früh- und zugleich Hauptwerk, in der (auf eine stattliche Anzahl von Bänden nebst unzähligen Begleitheften, Schriftenreihen und internationalen Handbüchern angewachsenen) Tönnies-Gesamtausgabe, herausgegeben von Dieter Haselbach und der im letzten Jahr verstorbenen Bettina Clausen. Anlass genug, um an Tönnies’ Kieler Wirkungsstätte ein divers gefördertes, letztlich enormes Symposium, mit einigen rasanten Vorträgen zu veranstalten – Familienmitgliederbesuch der Tönnies-Enkelgeneration und Oberbürgermeisterempfang fehlten auch nicht.

 

Ferdinand Tönnies

Tönnies ist ein Seismograph seiner Zeit. Im Haubarg geboren, mit Theodor Storm befreundet, philologisch promoviert und früh habilitiert, an der Berufung aber lange gehindert. Ein mit der Sozialdemokratie sympathisierender Republikaner, der in der historischen Hochzeit von Nationalismus, Kolonialismus und Imperialismus soziale Liberalisierung und beim Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1897 Sozialpartnerschaft prognostiziert. Die Revolution 1919 erlebt er in ihrem Zentrum – Kiel. Früh gilt er als ein Klassiker der politischen Soziologie, der dennoch in der bundesrepublikanischen Sozialwissenschaft von Dahrendorf über Habermas bis René König einflussreich gemieden wird und anders als sein enger Kollege Max Weber nur wenig auf die Fachsprache der neuen Politologie einwirkt. Im deutschsprachigen Raum kann Tönnies als erster großer Hobbes-Forscher gelten. Er selbst entdeckt in England noch unveröffentlichte Schriften; lange war Hobbes’ politisches Werk in Deutschland eher gerüchteweise bekannt, das änderte sich nun. Bücher über Marx folgen, über die öffentliche Meinung, Schriften zu Spinoza, viele Kritiken an Nietzsche und dessen machtphilosophischer Inkompetenz sowie immer wieder Arbeiten zum verfemten Hobbes, der nun als ein produktiver Denker der Neuzeit vorgestellt wird.

Seit ihrer Gründung 1909 bis zu ihrer Zerschlagung durch die Nazis ist Tönnies Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, seit 1929 Präsident der Internationale Hobbes-Gesellschaft. Schon in jungen Jahren entwirft er mit Gemeinschaft und Gesellschaft ein axiomatisches Selbstverständigungsbuch der aufkommenden Fachsoziologie als Einzeldisziplin. Es erscheint zunächst als eine Abhandlung des Communismus und Sozialismus als empirischer Culturformen und erst ab der zweiten Auflage unter dem im Rückblick vibrierenden Untertitel Grundbegriffe der reinen Soziologie. Das Buch erlebt immer neue Auflagen; seine vorwortpolitische Kommentierung durch Tönnies selbst zieht sich über beinahe fünfzig Jahre bis in die NS-Zeit hinein. Seine Anwerbung für ihre Sache misslingt den Nazis; schmählich werfen sie Tönnies wieder aus dem Berufsbeamtenstand. Das letzte Vorwort zu einer Neuausgabe von Gemeinschaft und Gesellschaft verfasst er ein Jahr vor seinem Tod, 1935, im bereits vierten politischen Regime, das der nun wieder verarmte Tönnies nach dänischem Herzogtum Schleswig, Kaiserreich und Weimarer Republik erlebt.

 

Gemeinschaft und Gesellschaft

Knapp nur zu Gemeinschaft und Gesellschaft selbst: Die keineswegs triviale Kernthese des Buchs, wonach Modernisierung durch eine allmähliche Ablösung von Gemeinschaft durch Gesellschaft erfolge, ist zwischenzeitlich sicher zu ermüdender Schlagworthaftigkeit erlahmt. Der vordergründig öde kulturkritische Anklang lässt sich durch eine kommunitaristische Reaktualisierung schnell relativieren, wie Walter Reese-Schäfer im Auftaktvortrag des Symposiums herausstellte. Schließlich sei es ja Tönnies‘  Sorge, wie man jene für das Gemeinwohl unerlässlichen Formen von Gemeinschaftlichkeit unter modernen Bedingungen gewährleisten könne, ohne neuartige Errungenschaften preiszugeben. Das Symposium schien sich sogar einig darin, Tönnies als einen Vordenker von Ordoliberalismus und Böckenförde-Theorem zu lesen: Denn eine „Kontraktgesellschaft“, die alle gemeinschaftlichen Formen (Verwandtschaft, Nachbarschaft, Freundschaft) abstreift, müsse Tönnies zufolge untergehen. Zur Abwehr genüge keine hegelianische Appelldialektik an die in der Opposition zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft vermittlungslos gefangenen Lebensformen.

Gemeinschaft und Gesellschaft organisiert den titelgebenden Kontrast über ein Bündel von Grundbegriffen, politischen Leitsemantiken und melancholischen Prinzipien, die von Weber und Werner Sombart bis Carl Schmitt und Helmut Schelsky allerlei ordnende und unordentliche Wirkungen entfalten sollten. Die historische Denkweise wird gegen eine rationalistische gestellt, Konvention mit Innovation kontrastiert, Natürlichkeit gegen Künstlichkeit, organisch-vitalistische Kommunität gegen technisch-mechanische Gesellschaftlichkeit, Sitte gegen Politik. Unter all dies werden diverse weitere Paarungen geordnet. Haus- und Naturalwirtschaft vs. Volks- und Geldwirtschaft, dörflich-kleinstädtische Kommunalität vs. Groß-, Haupt-, ja Weltstädtigkeit, Ackerbau und Handwerk vs. Handel, Industrie, Technologie; für Graecophile fehlt auch der Gegensatz von Kultur vs. Zivilisation nicht, von Athen gegen Rom. Warum das alles krypto-aristotelisch klingen muss, zeigt sich an der Stilisierung zweier weiterer Gegensätze: von Familie vs. Nation und von Volkstum (hier entsteht der nicht nur für die Tönnies-Rezeption folgenschwere Begriff der „Volksgemeinschaft“) vs. Staatstum.

All solche, von Adorno bis heute immer wieder als unterkomplex getadelte Binarität von genossenschaftlichen gegen individualistische Handlungsorientierungen allerdings findet ihre Grenze in jenem Bruch, der im später getilgten Originaluntertitel anklang. Tönnies vermutete in der Durchsetzung „gesellschaftlicher“ auf Kosten „gemeinschaftlicher“ Orientierungen zwar einen Siegeszug des Individualismus. Er interpretierte dies aber als ein Durchgangsstadium vom natürlichen „Communismus“ zum politischen Sozialismus, wobei für Tönnies – Marx war gerade erst in London verstorben – die Semantik der Kommune und Commune nicht die politische Bewegung, sondern die kleine Gemeinde assoziierte, das Kommunitäre also. Sozialismus hingegen sollte heißen, wie Dieter Haselbach in einem Plenarvortrag pointierte, dass kollektive Träger als „Subjekt des Eigentums“ auftreten. Wir würden das heute vielleicht öffentliche Güter nennen. Hier jedenfalls erweise sich Tönnies‘ Prognose als eine soziale und demokratische Transformationsvision: Der Staat beginne, alle „kapitalistischen Potenzen“ zu lenken und damit den Trend zur rein individualistischen Gesellschaftlichkeit aufzuheben. (Hinterrücks scheint ein gewisser Hegelianismus dann doch einzukehren, wenn auch nicht als Harmonie.)

Der Untergang ihrer Transformationsgesellschaft galt Tönnies und seinen Zeitgenossen als ausgemacht; die römische Geschichte diente als Schablone der Selbstdeutung, nur über die Folgen konnte man uneins sein. Der kritische Impuls des Ansatzes liegt darin, dass nicht Gemeinschaft über Gesellschaft erhoben, sondern befürchtet wird, dass sich die ressourcenblinden Verkehrsformen der künstlich geschaffenen Gesellschaft in ihrer hyperindividualistischen Übersteigerung, ja in ihrer totalen Raubbauneigung selbst überleben und damit einer Regression in atavistische Gemeinschaftsformen Vorschub leisten.

Damit ist ein erheblicher Teil der Aktualität Tönnies’ schon erklärt. Sozialismus nach Tönnies jedenfalls sei die „politische Umgestaltung des Kapitalismus zur sozialen Demokratie“, so Haselbach treffend. Tönnies sei hier als ein Anwalt kommenden sozialstaatlichen Ausgleichs zu verstehen, womöglich auch sozialökologischer Sorgsamkeit. Oder wie Konrad Ott gegen viele Klischees und funktionalistisch kalte Theorieannahmen betonte: Tönnies‘ Gemeinschaftsformen seien komplexere Sozialgebilde als die Gesellschaft! Sicher wären Gemeinschaften mit bestimmten Regulierungsaufgaben überfordert (Recht, Welthandel, technologische Nachhaltigkeit beispielsweise). Doch man müsse die kompensatorische Kraft sehen, mit der es über die alltäglich kommunitäre Einübung „enkeltauglicher Praktiken“ immer wieder zu innovativen und stimulierenden Vermittlungen komme (energieautarke Dörfer, Lokalwährungen, genossenschaftliche Waldbewirtschaftung, Allmende-Wirtschaften, ökonomisch einträgliche Biosphärenreservate, lokale Produkte, urban gardening, Kleingärten, „Tafeln“ usw.), ohne welche die offizielle gesellschaftliche Produktivität unmöglich würde. Immer neue Generationen rücken durch die – jüngst „alltäglicher Kommunismus“ genannte – Pflege öffentlicher Güter notwendig unbewusst in ihnen vordergründig unvertraute Traditionen ein, in soziale Praktiken, die es gemäß ideologischen, statischen und ökonomischen Gesellschaftstheorien gar nicht geben dürfte und die vielleicht gerade deshalb notorisch ignoriert, ökonomisch verniedlicht oder politisch denunziert werden. So würde eine impulsiv widerständige Gemeinsinnpflege die Unzulänglichkeiten verfahrensgesteuerter, technischer Individualinteressenpolitik auffangen und produktiv vermittelnde, neue Formen des Gemeinwohls hervorbringen – so Peter-Ulrich Merz-Benz im Keynote-Vortrag. Offenbar ist aus Tönnies einige Zuversicht zu beziehen.

 

Der politische Tönnies

Nicht alle Beiträge des Symposiums gingen direkt auf Gemeinschaft und Gesellschaft ein; mehrere Panel thematisierten disziplingeschichtliche Aspekte, markierten Forschungsdesiderate und erprobten Klassikervergleiche (etwa mit Adam Smith, Ibn Khaldoun, Durkheim, Nietzsche, Walter Lippmann, Schmitt, Polanyi u.a.), stellten Rezeptionslinien vor (etwa die der politischen Linken oder der Ritter-Schule) oder zogen Gegenwartsvergleiche (etwa mit Andreas Reckwitz’ Gesellschaft der Singularitäten).

Über den politischen Tönnies ließ sich insbesondere von Alexander Wierzock, Dieter Haselbach, Carsten Schlüter-Knauer und Christopher Adair-Toteff viel erfahren. Bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges sei der noch im Vormärz akute Sozialtypus des „politischen Professors“ geradezu ausgestorben gewesen, die akademisch-professorale Oberschicht sei politisch neutralisiert und der sachloyalistisch-überparteilichen Beamtenlogik des Gehorsams unterworfen worden. In diesem Klima habe Tönnies die Strategie verfolgt, sich weder allzu sehr zu exponieren noch gemein zu machen. Tönnies’ „Projekt“ einer ja erst entstehenden, ungesicherten, um Reputation bemühten Soziologie habe den distanzierten Blick beworben, die Vorstellung, auf die Gesellschaft zu blicken wie ein Teleskop auf den Mond; neugierig, unvoreingenommen, un-utopisch. So empfahl sich Tönnies als „politikberatender Wissenschaftler“, dessen changierende Parteinahmen für je konkrete Anliegen durch eine mehr sozialreformerische statt ideologische Agenda motiviert waren. Das zeige sich insbesondere in Tönnies’ Agieren beim großen Hamburger Hafenarbeiterstreik: Seine Unterstützung der Streikenden und der Streikkasse habe den Ansatz einer im doppelten Sinne ‚bildungsmäßigen‘ „Erziehung der Arbeiterklasse“ verfolgt. Es sei Tönnies um politische Sozialisation gegangen, um die Befähigung Betroffener zur institutionellen Artikulation sozialpolitischer Klasseninteressen in der öffentlichen Meinung. Assoziationen zu Hilferdings These vom organisierten Kapitalismus liegen hier ebenso auf der Hand wie die Relativierung marxianischer Gesellschaftsdeutungen und Ausflüge zu den politischen Wurzeln der Habermasschen Theorie.

Bei alldem habe Tönnies zumal als junger Philologe vom Lande zwar zunächst den pädagogisch-paternalistischen, ja platonischen Gestus einer „Aristokratie des Geistes“ gepflegt. Der zeigte sich in der technokratischen Überzeugung, die Sozialdemokratie müsse von oben zur politischen Mündigkeit geführt werden. Die Ziele einer forcierten Parlamentarisierung und steigenden Demokratisierung seien dadurch aber nicht aus dem Blickfeld geraten. Denn nach dem demokratischen Erfolg schließlich sei Tönnies in seiner späten, der Weimarer Zeit folgerichtig sogar zu einem plebiszitär-radikaldemokratischen Politikverständnis fortgeschritten, wie seine Konflikte mit Hans Kelsen, Carl Schmitt und Gustav Radbruch zeigten. Insbesondere angesichts der öffentlichen Auseinandersetzung mit Schmitts politischem Entscheidungsbegriff und völkischem Antiparlamentarismus sei, so stellte Adair-Toteff heraus, jedweder Verdacht erledigt, Tönnies, sein Demokratieverständnis und sein später heillos vereinnahmter Volksgemeinschaftsbegriff könnten überhaupt autoritär verwendet werden. Der Staat, so Tönnies contra Schmitt, bestehe ja gerade als „Vielheit, nicht als Einheit“. Jeder politische Versuch, hier eine Einheit zu schmieden, sei gemeinschaftsabträglich, würde Tönnies im Einklang mit seiner damals nun schon vierzig Jahre alten Frühschrift Gemeinschaft und Gesellschaft konstatieren. Wenn Schmitt anderes insinuiere, argumentiert er im Modus liberaler Gesellschaftstheorie. Das ist – so lässt sich Tönnies hier überraschenderweise attestieren – bereits eine Beobachtung, die erst Leo Strauss Schmitt sehr erfolgreich vorwerfen wird.

 

Fazit

Neben der Verhandlung von Tönnies’ stark sozialer Gemeinwohl-, Nachhaltigkeits- und seiner Kommunitarismus- und Konflikttheorie bei gleichzeitiger Unsicherheit, ob eine fruchtbare Staats- oder wirkliche Machttheorie vorliegt, dominieren das Symposium zwei Eindrücke. Zum einen schien man sich seltsam einig, Tönnies einen schier katastrophalen Schreibstil vorwerfen zu müssen. Davon mag man sich selbst ein Bild machen. Es gab allemal umständlichere Zeitgenossen und es ließen sich, etwa vom langjährigen Präsidenten der Tönnies-Gesellschaft und Mitherausgeber der Tönnies-Gesamtausgabe Lars Clausen, auch ganz entgegengesetzte Einschätzungen finden. Beim Kieler Symposium aber wuchsen sich einige Nachweise und Klagen über Tönnies Unstil bisweilen zur Parodie aus. Mit Stilkritik ist freilich noch nicht die Relevanz erledigt. Diese Ansicht ist wichtig, weil fraglos nicht jedes Werk aus Tönnies’ Feder bleibenden Wert besitzt. Manches bietet heute doch eher zufälligen, subjektiven Anregungswert; gerade einige der publizistischen Texte dürfen sicher als zeitgenössisch gewöhnlich gelten und sind von geringer Wahrheitskraft. Neue Lesarten der Haupttexte und Vergleiche mit anderen Klassikern bieten sich darum umso mehr an.

Solche alternativen und aktualisierenden Interpretationen wären andererseits wichtig, weil sich – im Außenblick erstaunlich – viele Symposiumsteilnehmende einig waren, dass Tönnies unterforscht und hinsichtlich der möglichen Rezeptionsvielfalt interdisziplinär unterschätzt sei. Das zu glauben fällt nicht leicht angesichts der fortgeschrittenen Gesamtausgabe, einer Schriftenreihe, einer Tönnies-Zeitschrift, des derzeit digitalisierten Briefwechsels und international längst eingewöhnter Forschung. Klagen über den relativ hohen Altersschnitt der versammelten Tönnies-Forschenden – Codewort: „ein Urgestein der Tönnies-Forschung“ – sind schon verständlicher. Und befremden mag auch eine heimatkundliche Neigung, die manche Sicht auf Tönnies durch friesisches Lokalkolorit verengt. Sicher: Die akribische Editionsforschung gilt heute als keine allzu aussichtsreiche Karrierestrategie. Häufig beginnt sie erst, wenn überhaupt, mit akademischer Freiheit, ehrenamtlichem Feierabendvoluntarismus oder in ortsverbundenem Grundlagenforschungsambiente. Entsprechend stark ist die Neigung zur Rekonstruktion für sich. Dass das Spaß und Einsichten bringt, zeigen Symposien wie dieses. Jetzt muss die endlich vorliegende Gesamtausgabenfassung von Gemeinschaft und Gesellschaft verwendet werden.

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