theorieblog.de | Nur das Ganze ist das Wahre? Metaphysik als politisches Denken. Lesenotiz zu Armen Avanessians „Metaphysik zur Zeit“

26. Juli 2019, Buhr

Metaphysik ist, das gemahnte Kant, und vor ihm schon Thomas Hobbes, ein „Kampfplatz“. Für Kant ist Metaphysik ein Kampfplatz, weil es ihr um Dinge und Grundsätze geht, die jenseits der Erfahrung liegen (die Welt im Ganzen, Gott) und dadurch immer nur Gegenstand des argumentativen Widerstreits sein können (KdV, 1. Aufl., Vorrede). Für Hobbes eignet der Metaphysik eine brisante politische Wirksamkeit: Metaphysik stützt Herrschaft und Autorität. Metaphysischen Lehren und Programmen sei daher immer mit der Frage cui bono? zu begegnen (Leviathan XLVI–VII). Auch Armen Avanessian weist in seiner neuen Publikation „Metaphysik zur Zeit“ auf den politischen Charakter von Metaphysik hin: „Schlechte Metaphysik dient stets einer ebensolchen Politik“ (S. 48). Metaphysik steht traditionell für das Ziel, die Welt in ihrer Totalität erfassen und verstehen zu wollen. Wer sich dem hehren Denkformat der Metaphysik verschreibt, will also aufs Ganze gehen, die großen Kategorien bearbeiten, im Kampf um das Gute und Böse mitmischen – genau das macht Armen Avanessian, und nimmt einige Spannungen in seinem Unterfangen in Kauf. 

 

Das neue spekulative Denken

Vor der Lektüre von Avanessians „Metaphysik zur Zeit“ (2018) lohnt sich ein Blick in den Publikationskontext. Der Text ist die jüngste Erscheinung in der von Avanessian im Merve-Verlag herausgegebenen Reihe „SPEKULATIONEN“, die mit dem Sammelband „Realismus Jetzt. Spekulative Philosophie und Metaphysik für das 21. Jahrhundert“ 2013 startete und mit den Bänden zur Akzeleration (2013, 2014) breite Aufmerksamkeit erfuhr. Unter ‚spekulativem‘ Denken versteht Avanessian einen kontingenzaffinen und erprobenden Modus des Denkens, der bestrebt ist, „vorausschauend[]“ (Avanessian 2018, S. 126) von der Zukunft her Neues zu denken und Altes neu zu denken (vgl. Avanessian 2013, S. 6).

Mit dem neuesten Band markiert Avanessian, welches Format oder Modell er für geeignet hält, das Bemühen um ein spekulatives Denken umzusetzen: das klassische Denkformat der Metaphysik. Ihr Weg zum Ganzen führt über die Identifikation der grundlegenden Kategorien, Begriffe und ersten Prinzipien, die die Welt in Ordnung setzen. Mit seiner Theorieentscheidung für die großformatige Metaphysik folgt Avanessian einer vielschichtigen inter- und transdisziplinären Denkbewegung, die seit gut zehn Jahren unter den Titeln ‚Neuer Materialismus‘, ‚Neuer Realismus‘ oder ‚New Ontology‘ und ‚New Metaphysics‘ firmiert. Wenn nun Avanessian dezidiert Metaphysik betreiben will, stellen sich die Fragen: Wie geht er dabei vor und wie verhält sich seine Metaphysik zur Politik und zum Politischen?

Begriffe und Kategorien im ‚Zeitenwechsel‘

Die Einleitung dient als Einstimmung und Ankündigung. Gemäß der spekulativen Maxime Altes neu zu denken und ins Zeitgemäße zu transformieren, muss das bewährte Geländer des diskursiven Formats ‚Metaphysik‘ an unsere Zeit angepasst werden. Die Anpassung reagiert, so die Prämisse, auf einen akuten Problemdruck, der sich durch die Bedeutungsverschiebung einer Vielzahl von „metaphysisch oder naturwissenschaftlich verbürgten Begriffe[n] und Konzepte[n]“ (S. 27) stellt. Denn nicht nur die Dinge, die Phänomene, ändern sich, sondern auch die Zeit als solche, so Avanessians arbeitsleitende Hypothese. Qualitative Veränderung der Zeit als solche bedeutet: Sie verläuft nicht mehr linear aufbauend von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft, sondern die Zukunft fließt, auf der Basis der Sammlung und Auswertung riesiger Datenströme, determinierend in die Gegenwart. Google, Amazon und Facebook wussten schon vor uns, was wir gleich kaufen, lesen oder welche Krankheit wir erleiden werden (vgl. S. 70–79).

Avanessian nennt diese Veränderung im Wesen und in der Ausrichtung der Zeit „Zeitenwechsel“. Mit diesem Zeitenwechsel hätten die alten Grundbegriffe oder ihre bisherigen Konzeptionen ihre Erklärungs- und Ordnungskraft eingebüßt. Damit ist klar, worum es (s)einer „Metaphysik zur Zeit“ gehen muss: Begriffe schöpfen sowie traditionelle metaphysische Begriffe und Kategorien auf ihr Potenzial zur Welterklärung prüfen und Modifikationen an ihnen vornehmen (ebd.). Avanessian geht es dabei nicht nur um das Wahre des Ganzen, sondern auch um eine „Umstellung des politischen Denkens und Handelns“ (S. 67).

Metaphysik als Collage

Was nun folgt und den größten Teil der 135 Seiten des Buches füllt, lässt sich zusammenfassend vielleicht als eine Art serielle Collage beschreiben. Eine Collage aus eher deskriptiv ausgerichteten Theorie- und Thesenfragmenten, Begriffsschöpfungen und Neologismen aus Geistes-, Kultur- und Naturwissenschaften, lose zusammengeklebt auf dem Untergrund der Kategorienpaare „Substanz/Akzidenz“, „Form/Materie“, „Leben/Tod“ und unter den Registern „Wahrheit“, „Realität“, „Politik“. Ohne dass die Kriterien der Auswahl der Kategorien und Register selbst expliziert werden, dienen sie als Ordnungsachsen innerhalb der reichen Sammlung an post-poststrukturalistischen und dekonstruktiven Begriffsgebilden.

Avanessian durchstreift innerhalb der Kategorien und Register eine beträchtliche Vielzahl an Themenfeldern, die sich um die Topoi Natur, Erde, Technik/Technologie, Religion, Migration und Zeit clustern. Die Kurzausführungen auf der Ebene des Begriffs oszillieren dabei zwischen dem Begehren nach Analyse und Genealogie der Gegenwart und dem Begehren nach konzeptueller Poiesis (als Beispiele: „substantial accidents“, „Anastrophismus“, „BioHypermedia“, „Hyperzeitlichkeit“, „Chronogenese“, „Präemption“) und auf der Ebene der Metaphysik zwischen ‚deskriptiver‘ (beschreibender), ‚revisionärer‘ (hervorbringender, neu setzender) Metaphysik und einer Metaphysik, die man angesichts der Ausrichtung auf die Zeit als Zukunftsthematik ‚previsionäre‘ Metaphysik nennen könnte. Dabei ruft Avanessian viele seiner Zeitgenossen und von ihm z. T. selbst verlegten Autoren und Nachbarn im Denken auf (Ray Brassier, Luciana Parisi, Bruno Latour, Benjamin Bretton, Ed Finn), allen voran Quentin Meillassoux, und immer wieder auch Martin Heidegger.

Was Avanessian auf der Ebene des Begriffs präsentiert, ist weniger eine Systematik denn ein Angebot an Suchbegriffen zur Erfassung der techno-logischen und politischen Phänomene unserer Zeit. Wenn man wissenschaftliches und politisches Denken als Arbeit am Begriff versteht, dann leistet Avanessians Collage die dankbare Aufgabe einer explorativen Bestandsaufnahme an diskursüberschreitenden Begriffsschöpfungen. In der Form einer kollektivierenden Collage dringen die Begriffe allerdings auch selten in die Sphäre einer Argumentation vor.

Metaphysik und Politik

Die hoch komprimierte Darstellungsform erlaubt kaum mehr ein als einen kurzen Blick auf Thesen und Begriffe, und man fragt sich nach diesem Parforce-Ritt: Was eigentlich ist das theoretische Programm, welche normativen Positionen vertritt Avanessian? Was ist die Substanz seiner Anstrengungen über die kompakte Exposition von Theoriesprengseln und Begriffsbildungen hinaus? Das formale Anliegen ist klar: eine neue, experimentelle Form und Praxis des Denkens und der Diskurse (darin ähnlich: Latour, Haraway, Butler). Was aber die Begriffe betrifft, so entsteht der Eindruck, dass sie doch, am Ende, unter ihrem mitunter pompösen Gewand zugleich beschämt und verschmitzt auf die Substanz der ‚alten‘ metaphysischen und politischen Begriffe von ‚Idee‘, ‚Ideologie‘, ‚Dialektik‘, ‚Synthese‘ und ‚Solidarität‘ schielen. Ein Beispiel: Was anderes als ein dialektischer Umschlag ist der „mereologische[] Dominantenwechsel“ (Luciana Parisi), d. h. der Moment, in dem die Zunahme von Daten „zu einer Dominanz der Daten über ihre Programmierung“ (S. 83) führt?

Auf der Ebene der Metaphysik legt Avanessian im Grunde drei Ausführungen vor. Eine Stellungnahme zur Rolle und Stellung der Metaphysik zurzeit (s. Einleitung), hiernach ist die Metaphysik sowohl in ihrer „Sondierungskraft“ (S. 19) als auch in ihrem kategorialen und begrifflichen Angebot gefragt. Eine Metaphysik zur Zeit als eine Philosophie der Zeit. Und schließlich eine Metaphysik zu unserer Zeit, d. h. eine Denkanstrengung, die die Phänomene unserer Zeit auf den Begriff bringen und neue Subjekte zur Anerkennung verhelfen will: „Dataismus“ (Yural Harari) und (Post-) Anthropozän zum einen, Flüchtlinge als „das neue politische Subjekt des 21. Jahrhunderts“ (S. 106, Herv. i.O.) zum anderen.

In der Essenz und Aspiration ist „Metaphysik zur Zeit“ engagiertes politisches Denken. Bleibt mit Hobbes die Frage: cui bono? Hier zeichnet sich der Verdacht ab, dass sowohl das Format als auch der Gegenstand einer Metaphysik zu/r (unserer) Zeit mit dem politischen Anspruch einer Hinführung zu einer anderen Zukunft konfligiert. Stehen nicht am Ende, auf der Ebene der Episteme und der Macht, ein Denken, das in der Zeit aufs Ganze gehen will, und die Ideen eines weltweiten datenbasierten Neoliberalismus in einer unvermuteten Allianz? Um einer anderen Zukunft zu nützen, bedürfte es, vielleicht, doch eines unzeitgemäßen Ansatzes, der sämtliche Daten- und Zeitlogik in ihrer Genese und Teleologie hinterfragt.

 

Lorina Buhr ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universitätsmedizin Göttingen, wo sie sich u.a. mit den ethischen und politischen Implikationen von Big Data in der Medizin und Gesundheitsversorgung auseinandersetzt. Sie ist Mitherausgeberin des Tagungsbandes Staat, Internet und digitale Gouvernementalität.


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