Call for Blogposts: Solidarität!?

Im letzten Jahr ist unser erster Call for Blogposts zum Thema „Heimat“ auf so großes Interesse gestoßen, dass wir schließlich über mehrere Wochen hinweg eine vielfältige und angeregte Debatte veröffentlichen konnten. Von diesem Erfolg motiviert haben wir uns entschlossen, das Format fortzusetzen. Und auch diesmal haben wir uns ganz offenkundig wieder im oberen Regal der politischen (Grund-)Begriffe bedient – denn der Begriff, um den es in diesem Jahr gehen soll (und der hier auf dem Theorieblog in der Vergangenheit auch schon das ein oder andere Mal thematisiert wurde), ist: Solidarität.

Solidarität ist zweifellos ein allgegenwärtiger, gleichzeitig aber extrem vieldeutiger und umkämpfter Begriff. Solidaritätsaufrufe wie Solidaritätsbekundungen begegnen uns beinahe täglich – sei es auf Plakaten, Aufklebern oder in sozialen Netzwerken, sei es Solidarität mit Griechenland in der Eurokrise, Solidarität mit streikenden Kita-Erzieher*innen oder Solidarität mit Geflüchteten und/oder Seenotretter*innen. Wo nicht einfach zur Unterstützung, sondern zur Solidarität aufgerufen wird, scheint damit eine (moralische) Dringlichkeit angezeigt zu werden, der man sich kaum widersetzen kann: Immerhin geht es um den Kampf gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Unterdrückung, Ausbeutung oder die Verletzung von Menschenrechten.

Während Solidarität hier scheinbar eindeutig in einem linken, progressiven bzw. emanzipatorischen Licht erscheint, kann Solidarität als Kampfbegriff aber gleichzeitig offenbar auch mit anderen Anliegen verknüpft werden: Nicht zuletzt dort, wo mit Verweis auf (vorpolitische) Formen von Zugehörigkeit und Identität entsprechende Solidarverpflichtungen zum Schutz von Kultur, Gemeinschaft und Werten aufgerufen werden, scheint sich Solidarität schnell auch mit anderen politischen Grundhaltungen verbinden zu lassen.

Dabei drängt sich die Frage auf, inwiefern Solidarität zwar ein besonders wirkmächtiges Mittel politischer Rhetorik darstellt, letztlich aber eher Ideologie als substanzieller Begriff ist. In diese Richtung deutende Überlegungen sind etwa im Rahmen der Euro-Krise hinsichtlich der Solidaritätsrhetorik der EU gegenüber Griechenland angestellt worden – unter anderem von Jürgen Habermas, der 2018 in einer Dankesrede eine grundlegende Begriffsklärung vorgenommen und dabei ganz nebenbei Angela Merkel für ihre Verwendung des Ausdrucks „Solidarität“ kritisiert hat.

Lässt sich aber überhaupt eine ‚richtige‘ Verwendung von Solidarität bestimmen? Und ist Solidarität tatsächlich ein originär ‚linkes‘ Konzept? Und inwiefern existiert jenseits normativ aufgeladener Verwendungsweisen auch ein – möglicher primär aus der soziologischen Tradition gespeister – ‚neutral‘-deskriptiver Solidaritätsbegriff? Auch wenn Solidarität innerhalb der politischen Theorie sporadisch immer wieder einmal thematisiert worden ist, lassen sich hier nur eingeschränkt Ressourcen zur Beantwortung dieser Fragen finden. Vielmehr trifft auch heute größtenteils Herfried Münklers Diagnose von 2004 zu, dass Solidarität in der politischen Theorie gegenüber Konzepten wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit als „Stiefkind“ gelten kann. Angesichts dieses eher unbefriedigenden Stands der politiktheoretischen Reflexion über Solidarität bei der gleichzeitigen Virulenz des Begriffs in der sozialen und politischen Praxis scheint eine intensivierte Diskussion angezeigt.

Vor diesem Hintergrund möchten wir uns im Spätsommer bzw. Herbst aus politiktheoretischer Perspektive mit dem Begriff der Solidarität auseinandersetzen und laden deshalb dazu ein, Blogposts einzureichen, die das Thema bzw. die Idee pointiert aus unterschiedlichen ideengeschichtlichen, politiktheoretischen oder politikphilosophischen Perspektiven beleuchten und erkunden, wertschätzen und erhellen oder fundiert kritisieren:

  • Was bezeichnet oder bedeutet Solidarität?
  • Ist Solidarität vornehmlich ein Mittel politischer Rhetorik oder ein politiktheoretischer Grundbegriff?
  • Aus welchen politischen bzw. vorpolitischen Quellen speist sich Solidarität?
  • Welche Bedeutung kommt Solidarität im Kontext von Politik zu – sei es im Kontext von Demokratie, Rechtsstaat, (globaler) Gerechtigkeit oder politischen Projekten wie der EU?
  • In welchen Konstellationen können wir vermehrte Solidaritätsbekundungen bzw. Forderungen nach Solidarität beobachten? Ist Solidarität ein Krisenbegriff?
  • Lassen sich ‚neue‘ Formen von Solidarität (transnational, digital, etc.) beobachten, die möglicherweise auch neue theoretische Verortungen nötig werden lassen bzw. existierende Konzeptionen von Solidarität herausfordern?
  • Gibt es ‚schlechte‘ Formen von Solidarität (etwa im Kontext von Populismus, der Neuen Rechten u.ä.), und wie ist mit Ihnen umzugehen?

Wir freuen uns über Beiträge zu diesen und ähnlichen Fragen – aus ideengeschichtlichen, politisch-philosophischen oder politiktheoretischen Perspektiven – die die Facetten dieses theoretisch wie politisch umkämpften Begriffs sichtbar machen, beleuchten und pointiert zur Debatte stellen. In Erweiterung unserer etablierten Formate laden wir explizit auch zu kürzeren Beiträgen sowie zu Beiträgen jenseits der Textform ein: Essayistische Blogposts von 500 bis 1000 Wörtern sind genauso willkommen wie kurze Videos, Karikaturen oder Stellungnahmen in anderen Text- und Bildformen.

Bitte schickt Eure Vorschläge bis zum 15. September 2019 an team@theorieblog.de. Über eine Veröffentlichung entscheidet dann die Redaktion.

Wir hoffen auf facettenreiche Beiträge und eine lebhafte Diskussion.

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